Hader Interview

Was Gerhard Haderer über „Kunst“ denkt

Gerhard, wie würdest du „Kunst“ definieren?
Meine Definition von Kunst ist, dass man sich als kreativer Mensch – ob Literat, Musiker, Fotograf, Architekt, Maler etc. – mit seiner sozialen Umgebung auseinandersetzt und Stellung bezieht. Das macht zwar jeder Mensch – aber als KĂĽnstler bringt man diese Auseinandersetzung halt in eine spezielle Form…

… die dann oft so abstrakt wird, dass AuĂźenstehende oder Laien nur mehr schwer erkennen können, ob es nun „Kunst“ ist oder nicht.
Ich denke, jeder Künstler muss sich irgendwann die formale Frage stellen: Wie weit bin ich meinem Werk verpflichtet und wie weit dieser Auseinandersetzung? Da muss eine Entscheidung getroffen werden. Eins ist natürlich klar: Wenn man sein künstlerisches Werk mit einer gewissen Aussage, einem künstlerischen Statement verbindet, dann schreit es oft nach dem nächsten und nächsten Schritt – und viele gehen dann eben sehr extreme Schritte weiter. So gesehen ist es nur logisch, dass Kunstwerke manchmal immer abstrakter werden MÜSSEN.

Hat Kunst nicht auch etwas mit Können oder Ästhetik zu tun?
Meiner Meinung nach ĂĽberhaupt nicht. Ich stehe da eher auf Joseph Beuys Seite, der gesagt hat: Jeder Mensch ist ein KĂĽnstler und hat auch das Recht, zumindest 15 Minuten in seinem Leben als KĂĽnstler gefeiert zu werden.
Ich hab großen Respekt vor jedem Menschen, der sich künstlerisch äußert. Kleine Kinder, mit ihrem schonungslos ehrlichen und wahrhaftigen Ausdruck oder naive Künstler der dritten Welt stehen für mich auf der gleichen Ebene, wie irgendwelche Stars der Kunstszene. Auch wenn nicht jeder Mensch das Mal-Talent eines Toulouse Lautrec oder Gerhard Richter haben kann, ist doch jeder in sich genauso kraftvoll kreativ, und kann seine individuelle Form finden, künstlerisch zu kommunizieren. Wenn dann jemand z.B. auf die Idee kommt, irgendwohin einen Haufen Kohlen zu schütten, ist es auch okay. Ich hab das kürzlich in einer Galerie gesehen und war ziemlich bewegt…

Ein Kohlehaufen hat dich kĂĽnstlerisch beeindruckt?
Schon, es war ein sehr radikales Statement zu einem Thema und hat mich nachdenklich gemacht. Ich finde es allerdings schon wichtig, dass die anderen auch verstehen können, was der Künstler damit sagen will, denn Kunst soll ja eine Kommunikationsform sein. Aber wenn so ein Kunstwerk den Menschen einfährt und sie bewegt, dann ist das ein kommunikativer Akt und hat somit seine Berechtigung. Andy Warhol z.B. hat ja auch seine Alltagsikonen, wie Campbells-Dosen oder ein Foto von Marylin Monroe zur Kunst erhoben.

Aber ĂĽber den Wert von Kunst entscheidet doch letztendlich der Markt.
Ja genau, dieser sogenannte „internationale Kunstmarkt“, der entscheidet. In diesen Strukturen sind wir ja völlig denaturiert und versaut. In der westlichen Industriegesellschaft geht es vorwiegend um Marktdiktate und Spektakel – und darum, dass immer wieder noch was Neues kommt. Dass man „Neu“ oder „noch nie dagewesen“ heutzutage immer positiv besetzt, finde ich gar nicht richtig. Für mich ist die Qualität bestimmender Faktor für Kunst, egal ob alt oder neu. Daher bin ich als Künstler auch nie auf der Suche nach dem Spektakulären, sondern nach dem „Richtigen“, oder sagen wir nach dem „Wahrhaftigen“. Andere Künstler, wie etwa der Filmemacher Ulrich Seidl arbeiten ja genauso, die sind auch nur auf der Suche nach der Wahrheit.

Als Künstler ist man also ganz davon abhängig, ob einen der Kunstmarkt als „wertvoll“ definiert oder nicht?
Ja, das bist du! Oder du machst dich beizeiten unabhängig von diesem Markt…

Geht das?
Schon, in meinem Fall ist es gegangen. Da geht es um die Entscheidung, was einem wichtig ist. Wenn ein Galerist zu mir kommt und sagt, „Mach mir jetzt sofort 20 Bilder für eine Ausstellung, damit ich wieder einen Besuchermagneten habe!“,  dann sag ich einfach auf Wiedersehen. Ich lebe lieber kompromisslos und bescheidener. Ich muss ja nicht reich werden mit meiner Kunst, ich komme auch mit dem Gehalt eines mittleren Angestellten gut aus. Ich hab doch mein Paradies im Kopf. Und ich kann zeichnen, was ich will! Das ist mir am allerwichtigsten.