... lieber die Zunge abbeissen


von Dr. Klaus Heer

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Merkwuerdig: Da reden wir von morgens bis abends und umgeben uns andauernd mit Medien, die auf uns einreden - bis wir mit jemandem ins Bett steigen. Jetzt verstummen wir. Wir schnaufen und keuchen zwar, wenn's richtig aufregend wird, aber es gelingt uns nicht, aus unseren Toenen und Klaengen auch artikulierte Laute zu formen. Die menschengerechte Vertonung der Sexualitaet laeßt, 70 Jahre nach der Erfindung des Tonfilms, noch immer auf sich warten.

Das ist Geschmacksache, koennte man einwenden. Daß im Liebesnest gefluestert werde, sei nicht foerderlich fuer die Qualitaet der sexuellen Begegnung, im Gegenteil. Sagen vor allem Maenner. Sie empfinden Sexualitaet als etwas "Natuerliches" und letztlich "Treibhaftes" und möchten sie vor dem Zerreden schützen. "spontan" und "normal" müsse sie ablaufen, und sie duerfte nicht verkompliziert und verkopft werden. Wenn ihnen die Frau mitten im erotischen Tun ins Ohr bettelt: "Sag doch was!", fuehlen sie sich eher gedraengt, genoetigt beinah. Sie schaffen es fast nicht, sich vorzustellen, dass es für sein kein besonderes Vergnuegen sein koennte, wenn der Mann oben ultimativ verstopft ist und unten nach ein paar Sekunden auslaeuft.

Begegnung heißt Kommunikation
Seit wir von den Baeumen heruntergekommen sind, ist mit unserer menschlichen Sexualitaet einiges anders geworden. Es genuegt uns je laenger je weniger, daß Sexualitaet eine krude Schwellkoerper- und Schleimhaut-Verrichtung sein soll. Immer mehr Menschen moechten wirklich intim werden beim „Intimwerden". Oben ebenso wie unten. Sie wuerden sich gern ganz und intensiv begegnen, auch mit Herz und Seele. Sie draengen darauf, sich zu beruehren und zu begreifen. Stumm ist eine ganzheitliche Begegnung fast nicht moeglich.

Seit wir sprachbegabte Menschen sind, ist unsere Kommunikation zwar viel reicher und persoenlicher geworden, aber auch wesentlich stoerungsanfaelliger. Wir kommunizieren zweikanalig, naemlich mit unserer angestammten Zeichensprache und zusaetzlich mit der vergleichsweise jungen Wortsprache. Wir „reden" zwar mit Haenden und Fueßen, mit dem ganzen Koerper, auch mit Mimik und Tonfall. Doch unsere nichtsprachlichen Zeichen sind bedauerlicherweise ziemlich mißverstaendlich. Eine schlichte Umarmung zum Beispiel ist vieldeutig. Sie kann Besitzergreifen, Klammern, Wuergen oder Freiheitsberaubung bedeuten, aber genausogut auch Ausdruck von Geborgenheit, Trost, Sicherheit oder Liebe sein. Wenn eine Frau nackt zu ihrem Mann ins Bett schluepft, moechte sie vielleicht Waerme und Naehe geben und bekommen. Sie will Haut. Doch ihr Mann, nicht uebermaeßig verwoehnt mit nicht-textilen Hautkontakten, uebersetzt ihre Zeichensignale blitzschnell mit „Schleimhaut" und arbeitet ab sofort auf die beruechtigte Heuschreckennummer hin. Ohne den zweiten Kanal, die gesprochene Sprache, lassen sich derlei Unsicherheiten und Mißverstaendnissen kaum klaeren.

So kommt es, daß sich in vielen, wenn nicht in den meisten festen Beziehungen Sprachlosigkeit breitmacht. Sexualitaet ist kein Thema. Je mehr sich Stoerungen, Defizite und Angst stauen, umso geringer ist die Chance, die Kalamitaet auf den Tisch zu bringen. Erfahrungsgemaeß verfuegen nur die wenigsten Paare ueber elementare Faehigkeiten, mit ihrer Beziehungsunbill zurechtzukommen. Wenn einer der Partner (meist ist es bekanntlich die Frau) das Unbehagen formuliert, wird diese Klage augenblicklich als Anklage mißverstanden.

Mit Vorwuerfen sind fast alle Paare ueberfordert. Weil dies die durchgaengige Erfahrung ist, zieht man es vor, die wirklich heiklen Dinge unausgesprochen zu lassen und vor sich herzuschieben. Damit bleibt die Sexualitaet schief, verzwickt und kuemmerlich.

Die Scham vor dem Benennen
Und da ist außerdem die Scham. Hemmungen hemmen die Menschen, jene Woerter in den Mund zu nehmen, die noetig waeren, um sich zu zeigen. Die meisten abendlaendischen Haushalte kommen nach meiner Erfahrung gut ohne den Einsatz von sexuellen Woertern aus. Wenn's ausnahmsweise nicht anders geht, behilft man sich mit linkischen Harmlosigkeiten wie „zwischen den Beinen", „da unten", „zusammensein", „einander sehen" oder „es schoen haben miteinander". Auf der anderen Seite gibt es die primitive Pornosprache: „Votze", „ficken", „Titten". Ein brauchbares erotisches Vokabular fehlt indes vollstaendig. Wo um Himmels willen sind die sexuellen Woerter, die ebenso verstaendlich, selbstverstaendlich und liebenswuerdig klingen wie „Blume" oder „Hand"?

Der oesterreichische Sexualforscher Ernest Borneman war sicher der erfolgreichste sexuelle Wort-Schatzsucher im deutschen Sprachraum. Sein dick-wanstiger Fach-Diktionaer „Sex im Volksmund" (leider vergriffen) bietet eine Fuelle von buntscheckigen Vorschlaegen fuer ein kreatives sexuelles Vokabular.

Fuer „koitieren" fand er ueber 1500 Woerter. 850 fuer „Scheide" und 1100 fuer „Penis". Mit „Prostituierte" schlug er alle Rekorde: Er wurde ueber 2500 Mal fuendig. Demgegenueber nimmt sich unser alltaegliches Sprach-Repertoire im Sex-Bereich aeußerst duerftig aus. Wer kennt schon mehr als ein oder zwei handliche Synonyme fuer „Penis" zum Beispiel?

Unsere Muehsal mit den sexuellen Woertern haengt nicht nur damit zusammen, daß wir uns schaemen, „Schmutziges" in den Mund zu nehmen. Um sexuell zu reden, mueßten wir echt mehrsprachig sein. Je nach Situation und Gegenueber treten ganz unterschiedliche Begriffe fuer ein und dieselbe Bedeutung auf. Beispiel: Im Sprechzimmer des Herrn Doktor muß man „Mammae" verstehen, in den Akten eines Strafprozesses „sekundaere weibliche Geschlechtsorgane". Im Alltag ist von „Busen" die Rede; poetische Texte sprechen von „Liebesaepfeln" und „goldenen Bergen". Pornohefte machen „Protztitten", „Zitzen" und „Buchteln" daraus, waehrend es in der Gossensprache etwa „Quabbelpudding", „Speckbuckel" und „Nukkelpulle" heißt. Viele Leute sind mit diesen Uebersetzungsproblemen ueberfordert.

Die Loesung heißt Privatsprache
Jedes Paar kann fuer alle beim Sex mitwirkenden Koerperteile (also fuer Haende, Scheide, Bauchnabel, Hals, Penis, Klitoris, Nasenfluegel, Hoden, Fueße, Schamhaar usw.) eigene Woerter suchen, erfinden und anprobieren. Das hausgemachte Vokabular stimmt weitaus am besten, macht Spaß und ist intim. Dabei braucht es ueberhaupt nicht nur weichgespuelt und kuschelig zu sein. Vielleicht darf es da auch Bezeichnungen geben, mit denen man sich nicht ungestraft in der oeffentlichkeit zeigen duerfte. Intim ist doch das gemeinsame Fahnden nach Woertern, die innig und inbruenstig sind, luestern und anruechig, verzaubert und verhext.

Wenn wir sexuelle Woerter und Saetze ueber die Lippen bringen, zeigen wir uns wahrscheinlich nackter und ungeschuetzter, als wenn wir keine Kleider anhaben. Reden ueber Sexualitaet und beim Sex kann viel intimer sein als die Unverhuelltheit unserer Koerper.

Wer beim Sex zu reden beginnt, hat mehr Chancen, daß seine Wuensche in Erfuellung gehen. Auch die Wuensche, die er bisher unter sicherem Verschluß gehalten hat. Wenn wir intim werden mit jemandem, hoffen wir doch auf Intimitaet und ganzheitliche Naehe. Haut und Schleimhaeute beruehren und reiben sich aneinander. Wir sind erregt, berauscht sogar vielleicht. Aber unser Herz und unsere Seelen moechten auch mitreden! Sie moechten ueber ihre Lust reden, ueber Entzuecken, ueber ihre Liebesempfindungen.

Es ist wie im uebrigen Leben auch: Die intensivsten Erfahrungen sind nur JETZT moeglich. Im Glanz des Augenblicks ist die hoechste Lust verborgen. Wer auf dem Wellenkamm des gegenwaertigen Moments zu reiten versteht - zusammen mit seinem Gegenueber und im Aufwind der Erregung - ist gluecklich. Und wer dabei auch ueber die Sprache mit ihm verbunden bleibt, kann alles um sich herum vergessen.

PS: Wo immer Lust ist, ist auch Geheimnis. Was unausgesprochen, nicht oder noch nicht preisgegeben ist, sorgt fuer erotische Spannung, genauso wie das, was offengelegt ist. Dem Sex-Film, der alles zeigt und offenlegt, fehlt das Verborgene und Verschwiegene. Er ist oede. Ohne Verschweigen gibt es also keine lustvolle Sexualitaet. Wer aber nichts anderes kennt als das Verschweigen, eben weil er stumm ist, der weiß nichts von der glitzernden Energie, die in Fluß kommt, wenn man sich zeigt. Wirklich aufregend ist es, wenn zwei beides koennen: Reden und Schweigen. Wenn zwei die Sprache entdecken als Fluegel zum Fliegen, dann lieben sie auch das Schweigen als lebendige Stille.

Dr. Klaus Heer, geb. 1943 in Luzern als aeltestes von 12 Bauernkindern, Psychologiestudium, Ausbildung in Psychotherapie (Gestalt), Paar- und Familientherapie. Eigene Paartherapiepraxis in Bern; gleichzeitig laufende publizistische Taetigkeit, im schweizer Radio und in Printmedien. Er ist Vater von 2 Toechtern und investierte in den letzten 14 Jahren viel in ein real gelebtes Halbe-Halbe-Elternschaftsmodell. Autor des Buches „Ehe, Sex und Liebesmueh" (1995), arbeitet zur Zeit an seinem naechsten Buch zum Thema dieses Beitrags.