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Merkwuerdig: Da
reden wir von morgens bis abends und umgeben uns andauernd
mit Medien, die auf uns einreden - bis wir mit jemandem ins
Bett steigen. Jetzt verstummen wir. Wir schnaufen und
keuchen zwar, wenn's richtig aufregend wird, aber es gelingt
uns nicht, aus unseren Toenen und Klaengen auch artikulierte
Laute zu formen. Die menschengerechte Vertonung der
Sexualitaet laeßt, 70 Jahre nach der Erfindung des
Tonfilms, noch immer auf sich warten.
Das ist Geschmacksache, koennte man
einwenden. Daß im Liebesnest gefluestert werde, sei
nicht foerderlich fuer die Qualitaet der sexuellen
Begegnung, im Gegenteil. Sagen vor allem Maenner. Sie
empfinden Sexualitaet als etwas "Natuerliches" und letztlich
"Treibhaftes" und möchten sie vor dem Zerreden
schützen. "spontan" und "normal" müsse sie
ablaufen, und sie duerfte nicht verkompliziert und verkopft
werden. Wenn ihnen die Frau mitten im erotischen Tun ins Ohr
bettelt: "Sag doch was!", fuehlen sie sich eher gedraengt,
genoetigt beinah. Sie schaffen es fast nicht, sich
vorzustellen, dass es für sein kein besonderes
Vergnuegen sein koennte, wenn der Mann oben ultimativ
verstopft ist und unten nach ein paar Sekunden
auslaeuft.
Begegnung
heißt Kommunikation
Seit wir von den Baeumen
heruntergekommen sind, ist mit unserer menschlichen
Sexualitaet einiges anders geworden. Es genuegt uns je
laenger je weniger, daß Sexualitaet eine krude
Schwellkoerper- und Schleimhaut-Verrichtung sein soll. Immer
mehr Menschen moechten wirklich intim werden beim
Intimwerden". Oben ebenso wie unten. Sie wuerden sich
gern ganz und intensiv begegnen, auch mit Herz und Seele.
Sie draengen darauf, sich zu beruehren und zu begreifen.
Stumm ist eine ganzheitliche Begegnung fast nicht
moeglich.
Seit wir sprachbegabte Menschen sind,
ist unsere Kommunikation zwar viel reicher und persoenlicher
geworden, aber auch wesentlich stoerungsanfaelliger. Wir
kommunizieren zweikanalig, naemlich mit unserer angestammten
Zeichensprache und zusaetzlich mit der vergleichsweise
jungen Wortsprache. Wir reden" zwar mit Haenden und
Fueßen, mit dem ganzen Koerper, auch mit Mimik und
Tonfall. Doch unsere nichtsprachlichen Zeichen sind
bedauerlicherweise ziemlich mißverstaendlich. Eine
schlichte Umarmung zum Beispiel ist vieldeutig. Sie kann
Besitzergreifen, Klammern, Wuergen oder Freiheitsberaubung
bedeuten, aber genausogut auch Ausdruck von Geborgenheit,
Trost, Sicherheit oder Liebe sein. Wenn eine Frau nackt zu
ihrem Mann ins Bett schluepft, moechte sie vielleicht Waerme
und Naehe geben und bekommen. Sie will Haut. Doch ihr Mann,
nicht uebermaeßig verwoehnt mit nicht-textilen
Hautkontakten, uebersetzt ihre Zeichensignale blitzschnell
mit Schleimhaut" und arbeitet ab sofort auf die
beruechtigte Heuschreckennummer hin. Ohne den zweiten Kanal,
die gesprochene Sprache, lassen sich derlei Unsicherheiten
und Mißverstaendnissen kaum klaeren.
So kommt es, daß sich in vielen,
wenn nicht in den meisten festen Beziehungen Sprachlosigkeit
breitmacht. Sexualitaet ist kein Thema. Je mehr sich
Stoerungen, Defizite und Angst stauen, umso geringer ist die
Chance, die Kalamitaet auf den Tisch zu bringen.
Erfahrungsgemaeß verfuegen nur die wenigsten Paare
ueber elementare Faehigkeiten, mit ihrer Beziehungsunbill
zurechtzukommen. Wenn einer der Partner (meist ist es
bekanntlich die Frau) das Unbehagen formuliert, wird diese
Klage augenblicklich als Anklage
mißverstanden.
Mit Vorwuerfen sind fast alle Paare
ueberfordert. Weil dies die durchgaengige Erfahrung ist,
zieht man es vor, die wirklich heiklen Dinge unausgesprochen
zu lassen und vor sich herzuschieben. Damit bleibt die
Sexualitaet schief, verzwickt und kuemmerlich.
Die Scham vor dem
Benennen
Und da ist außerdem die
Scham. Hemmungen hemmen die Menschen, jene Woerter in den
Mund zu nehmen, die noetig waeren, um sich zu zeigen. Die
meisten abendlaendischen Haushalte kommen nach meiner
Erfahrung gut ohne den Einsatz von sexuellen Woertern aus.
Wenn's ausnahmsweise nicht anders geht, behilft man sich mit
linkischen Harmlosigkeiten wie zwischen den Beinen",
da unten", zusammensein", einander sehen"
oder es schoen haben miteinander". Auf der anderen
Seite gibt es die primitive Pornosprache: Votze",
ficken", Titten". Ein brauchbares erotisches
Vokabular fehlt indes vollstaendig. Wo um Himmels willen
sind die sexuellen Woerter, die ebenso verstaendlich,
selbstverstaendlich und liebenswuerdig klingen wie
Blume" oder Hand"?
Der oesterreichische Sexualforscher
Ernest Borneman war sicher der erfolgreichste sexuelle
Wort-Schatzsucher im deutschen Sprachraum. Sein
dick-wanstiger Fach-Diktionaer Sex im Volksmund"
(leider vergriffen) bietet eine Fuelle von buntscheckigen
Vorschlaegen fuer ein kreatives sexuelles
Vokabular.
Fuer koitieren" fand er ueber
1500 Woerter. 850 fuer Scheide" und 1100 fuer
Penis". Mit Prostituierte" schlug er alle
Rekorde: Er wurde ueber 2500 Mal fuendig. Demgegenueber
nimmt sich unser alltaegliches Sprach-Repertoire im
Sex-Bereich aeußerst duerftig aus. Wer kennt schon
mehr als ein oder zwei handliche Synonyme fuer Penis"
zum Beispiel?
Unsere Muehsal mit den sexuellen
Woertern haengt nicht nur damit zusammen, daß wir uns
schaemen, Schmutziges" in den Mund zu nehmen. Um
sexuell zu reden, mueßten wir echt mehrsprachig sein.
Je nach Situation und Gegenueber treten ganz
unterschiedliche Begriffe fuer ein und dieselbe Bedeutung
auf. Beispiel: Im Sprechzimmer des Herrn Doktor muß
man Mammae" verstehen, in den Akten eines
Strafprozesses sekundaere weibliche
Geschlechtsorgane". Im Alltag ist von Busen" die Rede;
poetische Texte sprechen von Liebesaepfeln" und
goldenen Bergen". Pornohefte machen
Protztitten", Zitzen" und Buchteln"
daraus, waehrend es in der Gossensprache etwa
Quabbelpudding", Speckbuckel" und
Nukkelpulle" heißt. Viele Leute sind mit diesen
Uebersetzungsproblemen ueberfordert.
Die Loesung
heißt Privatsprache
Jedes Paar kann fuer alle beim
Sex mitwirkenden Koerperteile (also fuer Haende, Scheide,
Bauchnabel, Hals, Penis, Klitoris, Nasenfluegel, Hoden,
Fueße, Schamhaar usw.) eigene Woerter suchen, erfinden
und anprobieren. Das hausgemachte Vokabular stimmt weitaus
am besten, macht Spaß und ist intim. Dabei braucht es
ueberhaupt nicht nur weichgespuelt und kuschelig zu sein.
Vielleicht darf es da auch Bezeichnungen geben, mit denen
man sich nicht ungestraft in der oeffentlichkeit zeigen
duerfte. Intim ist doch das gemeinsame Fahnden nach
Woertern, die innig und inbruenstig sind, luestern und
anruechig, verzaubert und verhext.
Wenn wir sexuelle Woerter und Saetze
ueber die Lippen bringen, zeigen wir uns wahrscheinlich
nackter und ungeschuetzter, als wenn wir keine Kleider
anhaben. Reden ueber Sexualitaet und beim Sex kann viel
intimer sein als die Unverhuelltheit unserer
Koerper.
Wer beim Sex zu reden beginnt, hat
mehr Chancen, daß seine Wuensche in Erfuellung gehen.
Auch die Wuensche, die er bisher unter sicherem
Verschluß gehalten hat. Wenn wir intim werden mit
jemandem, hoffen wir doch auf Intimitaet und ganzheitliche
Naehe. Haut und Schleimhaeute beruehren und reiben sich
aneinander. Wir sind erregt, berauscht sogar vielleicht.
Aber unser Herz und unsere Seelen moechten auch mitreden!
Sie moechten ueber ihre Lust reden, ueber Entzuecken, ueber
ihre Liebesempfindungen.
Es ist wie im uebrigen Leben auch: Die
intensivsten Erfahrungen sind nur JETZT moeglich. Im Glanz
des Augenblicks ist die hoechste Lust verborgen. Wer auf dem
Wellenkamm des gegenwaertigen Moments zu reiten versteht -
zusammen mit seinem Gegenueber und im Aufwind der Erregung -
ist gluecklich. Und wer dabei auch ueber die Sprache mit ihm
verbunden bleibt, kann alles um sich herum
vergessen.
PS:
Wo immer Lust ist, ist auch
Geheimnis. Was unausgesprochen, nicht oder noch nicht
preisgegeben ist, sorgt fuer erotische Spannung, genauso wie
das, was offengelegt ist. Dem Sex-Film, der alles zeigt und
offenlegt, fehlt das Verborgene und Verschwiegene. Er ist
oede. Ohne Verschweigen gibt es also keine lustvolle
Sexualitaet. Wer aber nichts anderes kennt als das
Verschweigen, eben weil er stumm ist, der weiß nichts
von der glitzernden Energie, die in Fluß kommt, wenn
man sich zeigt. Wirklich aufregend ist es, wenn zwei beides
koennen: Reden und Schweigen. Wenn zwei die Sprache
entdecken als Fluegel zum Fliegen, dann lieben sie auch das
Schweigen als lebendige Stille.
Dr. Klaus Heer, geb. 1943 in Luzern
als aeltestes von 12 Bauernkindern, Psychologiestudium,
Ausbildung in Psychotherapie (Gestalt), Paar- und
Familientherapie. Eigene Paartherapiepraxis in Bern;
gleichzeitig laufende publizistische Taetigkeit, im
schweizer Radio und in Printmedien. Er ist Vater von 2
Toechtern und investierte in den letzten 14 Jahren viel in
ein real gelebtes Halbe-Halbe-Elternschaftsmodell. Autor des
Buches Ehe, Sex und Liebesmueh" (1995), arbeitet zur
Zeit an seinem naechsten Buch zum Thema dieses Beitrags.
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