Mit WÖRTERN spielen
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von Claudia Traint
„Ich wollte schon immer mal ein Buch schreiben, aber leider bin ich nicht kreativ.” Diesen Satz höre ich häufig. Ab welchem Zeitpunkt gelte ich denn als kreativ? Erst dann, wenn für meinen Text eine gesellschaftlich hochstehende Auszeichnung heraus schaut, wenn ich einen Bestseller aus dem Ärmel schüttle, oder wenn ich mit einer Wortschöpfung jahrelang Tantiemen scheffle?
„Einspruch, Euer Ehren von Innerer Zensor. Zu hoher Anspruch!”
MUT ZUM SCHREIBEN Wir leben in einer Zeit des Fehler-Denkens. Alles, was nicht unseren Wünschen entspricht, steht stärker im Fokus, als das bereits Erreichte oder vorhandene Fähigkeiten. Und dann schätzen wir unsere Gedanken und Ideen auch noch zu gering oder nur für den Hausgebrauch passend ein. Nehmen wir das Singen als Beispiel. Fragen wir jemanden nach den persönlichen Singkünsten, dann bekommen wir häufig die Antwort: „Naja, ich singe nur unter der Dusche.” Dahinter steht die Geringschätzung der eigenen Fähigkeiten. FREEWRITING - ALLES ZULASSEN Setz dich an einen angenehmen, vielleicht auch ruhigen Schreibplatz. Das kann zu Hause im Bett sein, am Schreib- oder Esstisch, am Boden in tausend Kissen eingeflauscht oder an sonst einem angenehmen Platz. Es kann auch im Zug sein, im Flugzeug oder wo auch immer du ein gutes Gefühl dazu hast. Nimm drei A4-Blätter zur Hand, einen angenehmen Schreibstift oder eine Füllfeder, und schreib einfach drauf los. Schreibe alle Gedanken auf, die sich gerade in deinem Kopf abspielen. Deine Schreibhand bleibt immer in Bewegung. Und wenn dir nichts einfällt, dann schreib einfach „mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein...”, bis der nächste Schreibimpuls einströmt. Mit dieser einfachen Übung stellst du deinen Schreibfluss her und bringst geniale Gedanken, Ideen, Träume, Wünsche, Visionen oder einfach dein momentanes Innerstes hervor. DEN KOPF FREI SCHREIBEN Auch als Einschlafhilfe ist das Freewriting weitaus effizienter als Fernsehen. Wenn du abends schwer zur Ruhe kommst, weil der Kopf vollgestopft ist mit Sinnes-Eindrücken, unerledigten Dingen und sonstigen Alltagsthemen: Nach einem Freewriting lässt es sich herrlich schlafen. Und wer „vor dem Lernen das Hirn ausleeren” will - wie es die bekannte Autorin Vera Birkenbihl rät - der wird von der eigenen Konzentrations- und Lernfähigkeit nach dem Freewriting überrascht sein. DAS SCHÖNE AM SCHREIBEN ...ist, dass du es überall und völlig kostenfrei tun kannst. Ein herrliches Gefühl der inneren Freiheit. DAS GEHIRNGERECHTE TAGEBUCH Frühmorgens, gleich nach dem Aufstehen, wenn dein Gehirn in der Alpha-Phase strömt, ist der Zugang zum Unterbewusstsein noch frei und unverdorben von Wahrnehmungen und Eindrücken des Tages. Beim Schreiben finden Träume und Botschaften unseres Unterbewusstseins direkt ihren Weg aufs Papier. Julia Cameron, die Grande Dame des Creative Writings aus den USA, nennt diese Art zu schreiben „Morgenseiten”. Ich selbst habe über viele Monate hindurch Morgenseiten geschrieben und damit Schritt für Schritt begonnen, den Zugang zu meiner Inneren Weisheit frei zu schaufeln. Das morgendliche Schreiben ähnelt einer Meditation und ist für all jene, die nicht meditieren möchten oder können, eine hochinteressante Alternative. DIALOG SCHREIBEN Eine weitere geniale Schreib-Methode ist der Dialog: Nimm zwei verschiedenfarbige Schreibstifte - eine Farbe bist du, die andere Farbe gehört deinem Dialogpartner - und trete zB mit deiner inneren Kreativität schreibend in Kontakt. Befrage sie so, als wäre sie eine alte Bekannte, ein guter Freund oder einfach jemand, den du gerade erst kennen lernst. Beginne einfach dort zu schreiben, wo auch ein Dialog mit einer realen Person beginnen würde. Frage zuerst nach, ob deine „innere Kreativität” bereit ist zu diesem Dialog. Ein Nein kommt selten. Wenn es dennoch auftaucht, dann wähle ein anderes Gegenüber. SCHREIBRITUALE SCHAFFEN Wer gerne mehr schreiben möchte, sollte sich wohltuende Schreibrituale schaffen: LUSTVOLLE SPRACH-EXPERIMENTE Das Experimentieren ist überhaupt die förderlichste Grundhaltung, um lustvoller und kreativer zu leben. Aber gerade beim Schreiben fällt vielen von uns der experimentelle Zugang sehr schwer. Sind wir doch alle zu stark geprägt von unserer Schulzeit und vom ständigen Anspruch, gleich alles richtig und möglichst fehlerlos zu machen. Einfach drauf los zu schreiben - ganz ohne Rücksicht auf Fehler - wird für Menschen mit einer perfekten Rechtschreibung oft zur Qual oder schlichtweg unmöglich. Manche können sich auch regelrecht empören über die Schreibfehler in Zeitungen oder Büchern, werfen dann noch Rechtschreib- und Tippfehler in einen Topf und verurteilen die AutorInnen, als seien sie mangelnd intelligent. Der Textinhalt, ist er noch so wertvoll oder verwerflich, steht bei solchen Leuten nur selten im Zentrum der Diskussion. Infos: Claudia Traint Bücher zum Thema: Webtipps:
Einspruch stattgegeben. Und tatsächlich ist unser Anspruch an kreative Eigenleistungen zu hoch und zu weit gegriffen. Ist doch das Leben per se ein Kreativitätsprozess. Denn schon allein wie wir uns morgens kleiden - es hätte auch eine ganz andere Kombination von Kleidungsstücken und Farben werden können - ist bereits Kreativität.
Ob denn nun jemand schreiben würde, danach wird heute noch selten gefragt. Dabei beginnt sich unsere Gesellschaft gerade an diesem Punkt immer mehr in eine entspannte Richtung zu drehen. Wir „dürfen” über uns selbst hinaus wachsen und unsere Stimmen auch schriftlich stärker sichtbar machen. Früher sah man Schreiben als eine elitäre Tätigkeit oder als Sache des Talents an. Heute hat sich Schreiben als kreative Freizeitbeschäftigung gesellschaftlich einen neuen Rang erworben und steht beinah auf gleicher Ebene mit Singen, Tanzen oder Malen. Immer mehr Menschen wagen den Schritt und beginnen Kurzgeschichten oder Gedichte aufzuschreiben. Und tatsächlich braucht es Mut dazu und eine Portion Überwindung, eigene Texte sogar vor Publikum vorzulesen.
Auch beruflich wird immer mehr Schreibkompetenz gefordert. Im Informationszeitalter wird grundlegend mehr geschrieben, schon allein durch die Erfindung des Internet mit all seinen Möglichkeiten von Emails, Chats und Social Networks wie Facebook, Twitter und Xing. Wissen muss möglichst vielen Menschen zugänglich und nutzbar gemacht und daher mehr und mehr verschriftlicht werden. Durch die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft benötigen wir auch volkswirtschaftlich mehr kreative Lösungen und Kreativität für Dienstleistungen und Produkte. Daraus erhöht sich der Wert von Kreativität für uns alle.
Schreiben ist ein kostengünstiger und mobiler Kreativitäts-Motor. Sich hinsetzen und einfach drauf los schreiben, das ist der Trick. Sich auf den Schreibprozess einlassen und den Impulsen trauen, die aus einem selbst heraus kommen.
Lese während des Freewritings nicht zurück, achte weder auf Rechtschreibung noch auf Grammatik oder Interpunktion. Streich auch nichts durch, sondern lass die Sätze so stehen, wie sie aus dir heraussprudeln. Verwerfe weder Gedanken, noch formuliere die Sätze in Gedanken vor. Am besten schickst du auch gleich deine inneren KritikerInnen und ZensorInnen auf Urlaub. Die haben hier nämlich nichts verloren. Sie dürfen sich später, in der letzten Phase der Textüberarbeitung, wieder melden.
Wenn die drei Seiten voll geschrieben sind, ist die Übung gelungen. Es reichen auch zwei A4-Seiten, oder du stellst dir den Wecker auf 7 bis 10 Minuten ein. Wichtig ist nur, dass du die Übung zeitlich begrenzt, denn so dahin schreiben könntest du wahrscheinlich endlos lange.
Vorsicht bei belastenden Situationen. Wenn du beim Freewriting merkst, dass du dich regelrecht spiralförmig in ein Problem „hineinschreibst”, dann solltest du besser mit dem Schreiben aufhören und etwas anderes tun, zB hinaus in den Garten oder in die Natur gehen oder Sport betreiben. Wenn es dir jedoch gelingt, deine Sorgen und Nöte schreibend loszulassen und dem Papier zu übergeben, dann hast du dich wirklich frei geschrieben. In diesem Fall ist es auch ratsam, auf losen Blättern zu schreiben, damit du sie nach dem Schreibakt - für dich selbst spürbar erleichternd - wegwerfen kannst.
Und Freewriting ist wie das Einsingen in einer Chorprobe, es ist das Ma-Me-Mi-Mo-Mu des Schreibens und eignet sich zur täglichen Anwendung. Du wärmst dich auf, machst dich warm und deutest deinem Geist damit an, dass er ins Hier-und-Jetzt kommt und es jetzt ums „Eingemachte” geht: um den Kontakt zur deiner Intuition, zum höheren Selbst, zum Über-Ich. Denn dort sind alles Wissen und deine echten Werte und Wünsche abgespeichert. Nach diesem Aufwärmen kannst du spielend zum Schreiben von beruflichen Texten oder zB einer Seminararbeit übergehen.
Oder möchtest du lieber eine Kurzgeschichte schreiben? Wenn du nicht weißt, wie damit beginnen, schreib einfach in Form eines Freewritings all deine Gedanken zum Inhalt deiner Geschichte auf, und schon hast du deine Erstfassung, dein Rohmaterial, das du danach schrittweise überarbeiten kannst. Du strukturierst, schreibst Zwischentitel, formulierst präziser und bildhafter, achtest auf die Textlänge, überprüfst die Klangfarbe und schaust, ob dein Text flüssig und gut lesbar geworden ist.
In der Textproduktion gibt es einen hartnäckigen Irrglauben: Viele Menschen denken, Profis würden ihre Texte immer gleich druckfertig formulieren und schreiben. Frag doch mal einen Schriftsteller, wie er arbeitet. Wolf Haas hat in einem Interview erzählt, dass er ein paar Monate an seinem letzten Buch geschrieben hat. Ja super! Überarbeitet hat es allerdings ein paar Jahre lang. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Überarbeiten von Texten die Norm. Und das sollte uns frohen Mutes zu den Griffeln eilen lassen.
Eine Zeit lang habe ich sogar jeden Tag mit einer A4-Seite zum Thema „Dankbarkeit” begonnen. Ich habe täglich aufgeschrieben, wofür ich dankbar bin und worüber ich mich in meinem Leben freue. Die Auswirkungen sind sensationell. Das Bewusstsein verändert sich mit Leichtigkeit in die positive Richtung. Dorthin, wo alles vorhanden und gut ist. Und diese Sicht ist der Grundstein, um noch mehr eigene Wünsche umzusetzen. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Du kannst auch reale, lebende Personen fragen, wonach dir schon immer der Sinn gestanden hat. Oder zum Beispiel ein Idol aus deiner Jugendzeit. Es ist jedes Mal spannend, was dabei heraus kommt. Durch den Dialog erzeugst du einen Perspektivenwechsel. Du versetzt dich nicht nur in die andere Person. In diesem Moment bist du diese andere Person. Schreib nicht aus der Beobachtungs-Perspektive - das wäre dann eine dritte Stimme die in dieser Übung nicht gewollt ist.
Anwendungsmöglichkeiten für einen geschriebenen Dialog gibt es sehr viele. Unter anderem kann man sich damit hervorragend auf wichtige Gespräche, zB mit Vorgesetzten oder Partnern, vorbereiten. Oder du nimmst einfach einmal Kontakt auf zu deinen inneren Anteilen. Egal ob dein inneres Kind, Frau, Mann, KritikerIn, Schatten, SchreiberIn Kreativität... sie alle lassen sich je nach Situation zum Gespräch bitten und geben Aufschluss über unsere inneren Einstellungen und Glaubenssätze.
Von solchen Perfektionsansprüchen sollten wir uns endlich verabschieden und auch beim Schreiben toleranter, spontaner und damit auch kreativer werden. Du könntest zum Beispiel öfter beim WEGE-Mitmachmagazin „MenschenWEGE” mitschreiben, das fördert deine Lust am Schreiben! Oder du experimentierst mit der folgenden, lustvollen Schreibübung, die mein Mann kürzlich an einem Sonntagmorgen erfunden hat:
Schreib einen langen Satz oder mehrere kurze Sätze, die inhaltlich nicht zusammenhängend sein müssen, mit möglichst vielen „z”. Das Z kann am Wortanfang oder -ende stehen oder im Wortinneren (mezzo, hetzen oder Atze...). Der Inhalt muss nicht hochgeistig werden - er sollte eher hochprozentig wirken ;-) Wenn du mir dein Ergebnis schicken möchtest, dann stelle ich deinen Text auch gerne auf unsere neue Website.
Ich wünsche dir viel Schreiblust und Vergnügen beim Spiel mit den Wörtern!
1967 im Waldviertel geboren, hat viele Jahre in Wien gelebt, gearbeitet und Kommunikationswissenschaft studiert. Beim Schreiben ihrer Diplomarbeit machte sie Bekanntschaft mit einer Schreibblockade, die ihr den Weg in die Zukunft als Schreibtrainerin beschert hat. 2007 gründete sie die „Schreiblust-Akademie für innovativs Schreiben” in Wels/OÖ, wo sie heute arbeitet und lebt. Ihre Diplomarbeit ist längst abgeschlossen und in der Zwischenzeit als Sachbuch erschienen: Als Autorin des Buches „Im Wendekreis der Waage - Eine Abrechnung mit Schönheitsideal und Schlankheitsindustrie” wird Claudia Traint als Expertin für Essstörungen mit Übergewicht auch gerne zu Vorträgen und Interviews eingeladen.
Kontakt: claudia.traint@schreiblust.at
• Schreiben als Weg - Von der kreativen Kraft des Wortes
von Anna Platsch (Theseus Verlag 2010)
• Deutsch für junge Profis - Wie man gut und lebendig schreibt
von Wolf Schneider (Rowohlt, 2010)
• Von der Kunst des Schreibens
...und der spielerischen Freude, die Worte fließen zu lassen
von Julia Cameron (Droemer Knaur, 2003)
• Geniale Momente
Revolutionieren Sie Ihr Denken durch persönliche Aufzeichnungen
von Mark Levy (Midas Verlag, 2002)
• www.menschenschreibengeschichte.at
• www.schreiblust.at
• www.buecherpiraten.de (für Kids)