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Dass unser menschlicher Ursprung im
Wasser liegt - darauf gehen ohnehin viele andere
Beiträge in dieser WEGE ein. Evolutionsgeschichtlich
wie (Geburts-)physiologisch ist längst klar: Wir alle
kommen aus dem Wasser, bestehen größtenteils aus
Wasser (Neugeborene sogar zu mehr als vier Fünfteln)
undsoweiterundsofort.
Dass man sich auch in unserer westlich
zivilisierten" Welt wieder verstärkt auf die Idee
des Gebärens und Geborenwerdens im Wasser eingelassen
hat, ist vor allem ein Verdienst des französischen
Geburtshelfers Michel Odent. Inspiriert und beeindruckt von
den Ideen und Gedanken Frederick Leboyers stellte der Arzt
Anfang der 70er im Gebärraum seiner Klinik in
Pithiviers ein stinknormales aufblasbares Planschbecken auf
- vorerst nur, um den Frauen während der Wehen
Entspannung im warmen Wasser zu ermöglichen.
Und das Geburtshilfe-Team erlebte
seine Wunder mit dem Wasser: Wenn der Muttermund
ungefähr zur Hälfte eröffnet ist, werden
manche Frauen mit der Stärke ihrer Wehen nicht mehr
fertig und bitten um Medikamente. Das ist der Moment, um
Wasser zur Sprache zu bringen. Kaum fällt dieses Wort,
sind alle Medikamente vergessen - es wird nur noch gefragt,
wie lange es dauert, das Bad einlaufen zu lassen. Anfangs
benutzten wir ein Planschbecken, das später durch ein
tieferes Becken aus härterem Material ersetzt wurde.
Beide waren blau und rund und standen in einem kleinen,
anheimelnden Raum, auf dessen hellblaue Wände Delphine
gemalt waren - ein ruhiger Ort, an dem die werdende Mutter
sehen und hören konnte, wie das Wasser ins Becken
lief." Odent berichtet, dass manche Frauen allein durch das
Plätschern des einlaufenden Wassers plötzlich
starke Wehen bekamen und zu schreien begannen -
sie klammerten sich an den Rand des Beckens und das Baby
wurde auf dem Boden geboren, bevor das Bad fertig
war."
Geburten im und unter Wasser waren in
einigen Kulturen üblich - z. B. bei den Einwohnern von
Hawaii und Samoa, bei den Cumash-Indianern, bei
Indianerstämmen in Costa Rica oder bei den Maoris in
Neuseeland. Wasser (ob gehört, gesehen oder
gefühlt) galt und gilt in unseren Breitengraden aber
meistens als Entspannungshilfe während der Wehen. Wenn
ein Kind tatsächlich im Wasser geboren wird, dann weil
die Geburt eben durch diese Entspannung so rasch
voranschreitet, dass die Mutter den Weg aus dem Wasser nicht
mehr schafft. Auch Odent bemerkt in seinen Büchern,
dass ein Großteil der Frauen instinktiv kurz bevor das
Baby kommt aus dem Wasser steigt.
Instinkte versus
Ratio
Wo liegt der Schlüssel zu dieser
fast magischen Wirkung des Wassers auf unseren Körper?
Am Beispiel Geburt" lässt sich das sehr klar
darstellen - weil Geburt (wie z. B. auch Geschlechtsverkehr)
im Grunde ein rein instinktiver körperlicher Vorgang
ist. Michel Odent erklärt das so: Setzen wir
voraus, was manche intellektuelle Kreise noch immer zu
heftigem Widerspruch reizt: dass der Mensch Instinkte
besitzt. Das ist auch die wichtigste Lektion, die uns das
Schwimmverhalten von Babys lehrt. Es ist klar erwiesen, dass
sich Neugeborene unter Wasser fortbewegen können (weil
sie unter Wasser aufgrund eines angeborenen Reflexes ihre
Atemwege verschließen - Anm. d. Red.), diese
instinktive Fähigkeit aber im Alter von etwa vier
Monaten zu verlieren scheinen. Doch die primitiven
Gehirnstrukturen, die reflexhaftes Verhalten steuern, gehen
nicht verloren - sie werden lediglich durch die
lawinenartige Entwicklung unseres rationalen Gehirns, des
Neokortex, gehemmt, kontrolliert und kastriert". Das
Feuer der menschlichen Instinkte wird nicht gelöscht,
sondern glimmt unser Leben lang weiter.
Gebären ist ein instinktiver
Vorgang. Und was während der Wehen im Körper einer
Frau am aktivsten arbeitet, ist der primitive" Teil
unseres Gehirns, das Stammhirn, das auch alle Instinkte
steuert und Hormone wie z. B. Oxytozin, Endorphine und
Prolaktin produziert. Ohne diese Hormone kann keine Frau
(auch nicht irgend ein anderes weibliches Säugetier)
ein Baby zur Welt bringen. Die instinktive Natur des
Gebärens bedeutet also, dass der Neocortex (unser
intellektueller" Gehirnteil) seine Kontrolle lockern
und in den Hintergrund treten muss."
Und hier lässt sich nahtlos an
die Wassergeschichte anknüpfen: Hebammen haben
beobachtet, dass oft schon bei der geringsten Stimulation
des Neocortex Blockierungen und Schwierigkeiten bei der
Geburt auftreten. Sogar das Ansprechen der Gebärenden
(auch vom eigenen Partner), um sie zu beruhigen, zu
ermutigen oder ihr etwas zu erklären, stimulieren den
Neocortex. Ja bei manchen Frauen verzögert sich die
Geburt schon allein durch das Gefühl, intensiv
beobachtet zu werden oder durch zu helles Licht.
Einfühlsame Hebammen und Geburtsbegleiter reden also
nicht viel und halten sich so viel wie möglich im
Hintergrund. Wenn sie etwas mitzuteilen haben, benutzen sie
einfache Worte oder die Körpersprache.
Die Sprache des Wassers"
erreicht ausschließlich unser Stammhirn - mit der
Botschaft Loslassen, Fließen, Entspannen... ist
angesagt!" Eigentlich für jeden von uns spürbar.
Oder?
Äußere und innere
Veränderungen
Seit der Revolution der Idee der
Sanften Geburt, ausgelöst in den 68ern durch Leboyer
und Odent, ist langsam aber unaufhaltsam ein Stein ins
Rollen gekommen. Erst während der letzten zehn Jahre
hat diese Entwicklung auch die herkömmliche
Geburtshilfe erreicht und Veränderungen im Großen
- ich möchte nicht sagen bewirkt", eher
angerissen" (so weit sind wir leider auch noch
nicht!). Viele Geburtshelfer, Ärzte und Hebammen in
Krankenhäusern haben erkannt, dass sie in einem
Dienstleistungsunternehmen arbeiten und somit auch hier
der Kunde König" ist. Nackte, unfreundliche,
medizinisch-technisch wirkende Kreißsäle wurden
umgebaut in anheimelnde Gebärräume mit
Schlafzimmerambiente, Vorhänge aufgehängt,
Gebärhocker und Sitzbälle angeschafft,
Gebärwannen installiert
Bei näherem
Hinschauen bemerkt man aber, dass all diese
äußerlichen Veränderungen in vielen
Fällen nur einen Hintergrund haben - die Geburtenzahlen
(sprich die Einnahmen) in diesem Krankenhaus zu
erhöhen. An der inneren Haltung des Personals
ändert sich überhaupt nichts. Manchmal denke ich,
es wäre vielleicht besser, hier Kosten einzusparen und
diese lieber in die Weiterbildung des Personals zu
investieren - nicht in die medizinische, sondern in eine
menschliche", psychologische, in Selbsterfahrung
oder was auch immer jemand benötigt, um zu begreifen,
was Geburt tatsächlich ist: ein tiefes
körperliches, seelisches und spirituelles Ereignis
für alle Beteiligten, das dem/der BegleiterIn ein
Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Feingefühl
abverlangt.
Rühmliche
Ausnahmen
Einem der wenigen Ausnahmefälle
bin ich am Hebammenkongress im vergangenen März
begegnet: Primarius Albin Thöni leitet die
geburtshilfliche Abteilung des Krankenhauses Sterzing in
Südtirol. Gemeinsam mit seinen Hebammen erarbeitete er
1996 ein neues geburtshilfliches Konzept: Unsere
Vision ist eine mehr frauenorientierte, sanfte Geburtshilfe.
Wir bemühen uns, alles zu tun, um das Geburtserlebnis
für die gebärenden Frauen und deren Partner zu
vertiefen und insbesondere die innige
Mutter-Vater-Kind-Beziehung, also das Kennenlernen und
Vertrautwerden zwischen der soeben neu entstandenen oder
vergrößerten Familie zu
ermöglichen."
Natürlich wurden auch die
Kreißzimmer den neuen Anforderungen angepasst: Sofa,
Gebärhocker, ein großes Tuch mit Knoten
hängt von der Decke (viele Frauen haben während
der Wehen das Bedürfnis, sich an etwas zu hängen),
Kinderfotos und -zeichnungen an den Wänden, am Plafond
leuchten Dutzende kleine Lichtpunkte abwechselnd in
grün und blau (
das ist unser
Sternenhimmel!", schrieb mir Thöni in seinem Brief -
auch Geburtshelfer haben Gott sei Dank ein inneres Kind, und
die werdenden Eltern haben sicherlich auch Freude daran,
wenn ihr Baby unter'm Sternenhimmel" geboren wird) -
es braucht nicht immer riesigen finanziellen Aufwand, um
eine kühle Atmosphäre in eine warme, einladende zu
verwandeln.
Wasser-Geburten
Wichtigste Neuerung in Sterzing war
aber die große, runde Wanne, in der Anfang 1997 die
erste Wassergeburt stattfand. Mit der inneren
Veränderung und Neuausrichtung des Geburtshilfe-Teams
änderte sich schlagartig das Gebärverhalten der
Frauen: 566 Wassergeburten gab es während der letzten 3
1/2 Jahre. Heute werden in Sterzing 48% (also fast die
Hälfte) aller Babys im Wasser geboren! Ob das ein
Vorteil oder ein Nachteil ist, fragst du? Dazu ein paar
statistische Zahlen:
Bei Frauen, die ihr erstes Kind
gebären, hat sich die Geburtsdauer (im Vergleich zu
allen anderen Landgebärenden") um 85 Minuten
verkürzt.
Die Rate der Dammschnitte bei
den Wassergeburten liegt bei 0,88% (im Vergleich zu den
Landgeburten" mit 30%). 66% der Geburten im Wasser
verliefen auch ohne Riss am Damm (selbst bei
Erstgebärenden macht diese Rate 58% aus!). Der Rest der
Frauen erlitt kleine Einrisse, die im Gegensatz zum Schnitt
wesentlich besser, schneller und weniger schmerzhaft
verheilen.
Bei keiner der 566 Frauen
musste ein Schmerzmittel verabreicht werden - die
entspannende Wirkung des Wassers reichte
offensichtlich.
-
und auch kein
einziger Tropfen Wehenmittel wurde
vergossen
Alle 566 Wasserbabys waren
klinisch völlig unauffällig. Der Kinderarzt
bestätigte sogar, dass sie im allgemeinen Durchschnitt
bessere pH-Werte (Sauerstoffgehalt im Blut) aufwiesen - was
wahrscheinlich mit der kürzeren Geburtsdauer und der
verminderten Stressatmung der Mutter in der Wanne zu
erklären ist.
Thöni ist begeistert von diesen
Erfahrungen und reist seit geraumer Zeit durch den gesamten
deutsch-italienischen Sprachraum. In Vorträgen,
überall und irgendwo, auf ärzt-lichen Kongressen,
Tagungen und in Workshops erzählt er von seinen
Erfahrungen und präsentiert seine Statistiken. Und
zahlreiche Gynäkologen und Hebammen ließen sich
schon von seiner Begeisterung anstecken und
überzeugen.
Männlich oder
weiblich?
Im Verlauf des vergangenen
Jahrhunderts entwickelte sich die Geburtshilfe immer
stärker zu einer Männerdomäne. Das Thema
Geburt, ein natürlicher, instinktiver
Körper-Geist-Vorgang, wurde immer mehr kontrolliert und
überwacht, Überwachungsgeräte ersetzen
menschliches Einfühlunsvermögen und sind Ausdruck
einer großen Angst vor höheren
Lebensgesetzen". Mit dieser Kontrolle verloren viele Frauen
das Vertrauen in die Gebärfähigkeit ihres eigenen
Körpers - und die Zahl der Geburts-Komplikationen
steigt unaufhaltsam. In den USA wird bereits jedes 4. Baby
per Kaiserschnitt geboren, in Österreich lag die Rate
1997 bei 14% - die Tendenz vieler Frauen, sich gar nicht
mehr über eine normale Geburt drüberzutrauen
wächst kontinuierlich. Könnte das Wasser im
Kreißsaal die Antwort der Natur auf diese (meiner
Ansicht nach) Fehlentwicklung sein?
Geburt ist an sich ein urweibliches
Thema - es geht um weibliche" Qualitäten, wie
Intuition, Loslassen, Fließen. Deshalb ist es ja auch
seit Urzeiten und in allen Kulturen auf der ganzen Welt
immer schon üblich gewesen, dass gebärende Frauen
von Frauen begleitet werden. Hebamme ist wohl einer der
ältesten Berufe der Welt.
Unweigerlich drängt sich also die
Frage auf: Was veranlasst wohl einen MANN dazu, FRAUENarzt
zu werden? Ich finde, nur ein Gynäkologe, der darauf
spontan eine Antwort weiß, sollte überhaupt
berechtigt sein, diesen Job auszuüben. Albin
Thönis Antwort auf meine Frage war spontan: Ich
bin fasziniert von der weiblichen Urkraft und Intuition und
habe tiefe Achtung vor Frauen, die ein Kind gebären.
Davon kann ich als Mann ganz viel lernen..."
Sowohl Michel Odent, wie auch Albin
Thöni bin ich persönlich begegnet - beide sind
Männer, die sich ihrer eigenen weiblichen Anteile
bewusst sind und in Kontakt mit diesen handeln. Die
Auseinandersetzung mit dem Wasser führte sie in ihre
tiefsten, intuitiven Ebenen - und so kommt von beiden auch
die selbe Aussage: Meine Aufgabe als männlicher
Geburtshelfer ist es, mich bei einer Geburt so viel wie
möglich im Hintergrund zu halten, um die
weibliche" Atmosphäre des Loslassens nicht
unnötig zu beeinflussen
"
Was Wasser alles bewirken kann!
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