Kinder des Wassers

Im Wasser gebären und geboren werden


von Eva Schreuer

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Ein Trend unserer Zeit? Wohl kaum! Zahlreiche Studien und Berichte von Ethnologen und Archäologen bestätigen, dass Gebärende überall auf der Welt und zu allen Zeiten vom Wasser magisch angezogen wurden. Wasser galt immer als Inbegriff des Weiblichen, als Mutter aller Dinge, als Symbol für ewiges Leben und für Fruchtbarkeit… Der Buchstabe M (wie Mutter) und seine Umkehrung, das W (wie Wasser) z. B. sind beide von ägyptischen Bildsymbolen abgeleitet, die Wasser in Form von Wellen darstellen. Ist das der Schlüssel zum Verständnis, wie Wasser den Geburtsvorgang beeinflussen kann?

 

Dass unser menschlicher Ursprung im Wasser liegt - darauf gehen ohnehin viele andere Beiträge in dieser WEGE ein. Evolutionsgeschichtlich wie (Geburts-)physiologisch ist längst klar: Wir alle kommen aus dem Wasser, bestehen größtenteils aus Wasser (Neugeborene sogar zu mehr als vier Fünfteln) undsoweiterundsofort.

Dass man sich auch in unserer westlich „zivilisierten" Welt wieder verstärkt auf die Idee des Gebärens und Geborenwerdens im Wasser eingelassen hat, ist vor allem ein Verdienst des französischen Geburtshelfers Michel Odent. Inspiriert und beeindruckt von den Ideen und Gedanken Frederick Leboyers stellte der Arzt Anfang der 70er im Gebärraum seiner Klinik in Pithiviers ein stinknormales aufblasbares Planschbecken auf - vorerst nur, um den Frauen während der Wehen Entspannung im warmen Wasser zu ermöglichen.

Und das Geburtshilfe-Team erlebte seine Wunder mit dem Wasser: „ Wenn der Muttermund ungefähr zur Hälfte eröffnet ist, werden manche Frauen mit der Stärke ihrer Wehen nicht mehr fertig und bitten um Medikamente. Das ist der Moment, um Wasser zur Sprache zu bringen. Kaum fällt dieses Wort, sind alle Medikamente vergessen - es wird nur noch gefragt, wie lange es dauert, das Bad einlaufen zu lassen. Anfangs benutzten wir ein Planschbecken, das später durch ein tieferes Becken aus härterem Material ersetzt wurde. Beide waren blau und rund und standen in einem kleinen, anheimelnden Raum, auf dessen hellblaue Wände Delphine gemalt waren - ein ruhiger Ort, an dem die werdende Mutter sehen und hören konnte, wie das Wasser ins Becken lief." Odent berichtet, dass manche Frauen allein durch das Plätschern des einlaufenden Wassers plötzlich starke Wehen bekamen und zu schreien begannen - „… sie klammerten sich an den Rand des Beckens und das Baby wurde auf dem Boden geboren, bevor das Bad fertig war."

Geburten im und unter Wasser waren in einigen Kulturen üblich - z. B. bei den Einwohnern von Hawaii und Samoa, bei den Cumash-Indianern, bei Indianerstämmen in Costa Rica oder bei den Maoris in Neuseeland. Wasser (ob gehört, gesehen oder gefühlt) galt und gilt in unseren Breitengraden aber meistens als Entspannungshilfe während der Wehen. Wenn ein Kind tatsächlich im Wasser geboren wird, dann weil die Geburt eben durch diese Entspannung so rasch voranschreitet, dass die Mutter den Weg aus dem Wasser nicht mehr schafft. Auch Odent bemerkt in seinen Büchern, dass ein Großteil der Frauen instinktiv kurz bevor das Baby kommt aus dem Wasser steigt.

Instinkte versus Ratio

Wo liegt der Schlüssel zu dieser fast magischen Wirkung des Wassers auf unseren Körper? Am Beispiel „Geburt" lässt sich das sehr klar darstellen - weil Geburt (wie z. B. auch Geschlechtsverkehr) im Grunde ein rein instinktiver körperlicher Vorgang ist. Michel Odent erklärt das so: „Setzen wir voraus, was manche intellektuelle Kreise noch immer zu heftigem Widerspruch reizt: dass der Mensch Instinkte besitzt. Das ist auch die wichtigste Lektion, die uns das Schwimmverhalten von Babys lehrt. Es ist klar erwiesen, dass sich Neugeborene unter Wasser fortbewegen können (weil sie unter Wasser aufgrund eines angeborenen Reflexes ihre Atemwege verschließen - Anm. d. Red.), diese instinktive Fähigkeit aber im Alter von etwa vier Monaten zu verlieren scheinen. Doch die primitiven Gehirnstrukturen, die reflexhaftes Verhalten steuern, gehen nicht verloren - sie werden lediglich durch die lawinenartige Entwicklung unseres rationalen Gehirns, des Neokortex, gehemmt, kontrolliert und „kastriert". Das Feuer der menschlichen Instinkte wird nicht gelöscht, sondern glimmt unser Leben lang weiter.

Gebären ist ein instinktiver Vorgang. Und was während der Wehen im Körper einer Frau am aktivsten arbeitet, ist der „primitive" Teil unseres Gehirns, das Stammhirn, das auch alle Instinkte steuert und Hormone wie z. B. Oxytozin, Endorphine und Prolaktin produziert. Ohne diese Hormone kann keine Frau (auch nicht irgend ein anderes weibliches Säugetier) ein Baby zur Welt bringen. Die instinktive Natur des Gebärens bedeutet also, dass der Neocortex (unser „intellektueller" Gehirnteil) seine Kontrolle lockern und in den Hintergrund treten muss."

Und hier lässt sich nahtlos an die Wassergeschichte anknüpfen: Hebammen haben beobachtet, dass oft schon bei der geringsten Stimulation des Neocortex Blockierungen und Schwierigkeiten bei der Geburt auftreten. Sogar das Ansprechen der Gebärenden (auch vom eigenen Partner), um sie zu beruhigen, zu ermutigen oder ihr etwas zu erklären, stimulieren den Neocortex. Ja bei manchen Frauen verzögert sich die Geburt schon allein durch das Gefühl, intensiv beobachtet zu werden oder durch zu helles Licht. Einfühlsame Hebammen und Geburtsbegleiter reden also nicht viel und halten sich so viel wie möglich im Hintergrund. Wenn sie etwas mitzuteilen haben, benutzen sie einfache Worte oder die Körpersprache.

Die „Sprache des Wassers" erreicht ausschließlich unser Stammhirn - mit der Botschaft „Loslassen, Fließen, Entspannen... ist angesagt!" Eigentlich für jeden von uns spürbar. Oder?

Äußere und innere Veränderungen

Seit der Revolution der Idee der Sanften Geburt, ausgelöst in den 68ern durch Leboyer und Odent, ist langsam aber unaufhaltsam ein Stein ins Rollen gekommen. Erst während der letzten zehn Jahre hat diese Entwicklung auch die herkömmliche Geburtshilfe erreicht und Veränderungen im Großen - ich möchte nicht sagen „bewirkt", eher „angerissen" (so weit sind wir leider auch noch nicht!). Viele Geburtshelfer, Ärzte und Hebammen in Krankenhäusern haben erkannt, dass sie in einem Dienstleistungsunternehmen arbeiten und somit auch hier „der Kunde König" ist. Nackte, unfreundliche, medizinisch-technisch wirkende Kreißsäle wurden umgebaut in anheimelnde Gebärräume mit Schlafzimmerambiente, Vorhänge aufgehängt, Gebärhocker und Sitzbälle angeschafft, Gebärwannen installiert… Bei näherem Hinschauen bemerkt man aber, dass all diese äußerlichen Veränderungen in vielen Fällen nur einen Hintergrund haben - die Geburtenzahlen (sprich die Einnahmen) in diesem Krankenhaus zu erhöhen. An der inneren Haltung des Personals ändert sich überhaupt nichts. Manchmal denke ich, es wäre vielleicht besser, hier Kosten einzusparen und diese lieber in die Weiterbildung des Personals zu investieren - nicht in die medizinische, sondern in eine „menschliche", psychologische, in Selbsterfahrung… oder was auch immer jemand benötigt, um zu begreifen, was Geburt tatsächlich ist: ein tiefes körperliches, seelisches und spirituelles Ereignis für alle Beteiligten, das dem/der BegleiterIn ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Feingefühl abverlangt.

Rühmliche Ausnahmen

Einem der wenigen Ausnahmefälle bin ich am Hebammenkongress im vergangenen März begegnet: Primarius Albin Thöni leitet die geburtshilfliche Abteilung des Krankenhauses Sterzing in Südtirol. Gemeinsam mit seinen Hebammen erarbeitete er 1996 ein neues geburtshilfliches Konzept: „Unsere Vision ist eine mehr frauenorientierte, sanfte Geburtshilfe. Wir bemühen uns, alles zu tun, um das Geburtserlebnis für die gebärenden Frauen und deren Partner zu vertiefen und insbesondere die innige Mutter-Vater-Kind-Beziehung, also das Kennenlernen und Vertrautwerden zwischen der soeben neu entstandenen oder vergrößerten Familie zu ermöglichen."

Natürlich wurden auch die Kreißzimmer den neuen Anforderungen angepasst: Sofa, Gebärhocker, ein großes Tuch mit Knoten hängt von der Decke (viele Frauen haben während der Wehen das Bedürfnis, sich an etwas zu hängen), Kinderfotos und -zeichnungen an den Wänden, am Plafond leuchten Dutzende kleine Lichtpunkte abwechselnd in grün und blau („… das ist unser Sternenhimmel!", schrieb mir Thöni in seinem Brief - auch Geburtshelfer haben Gott sei Dank ein inneres Kind, und die werdenden Eltern haben sicherlich auch Freude daran, wenn ihr Baby „unter'm Sternenhimmel" geboren wird) - es braucht nicht immer riesigen finanziellen Aufwand, um eine kühle Atmosphäre in eine warme, einladende zu verwandeln.

Wasser-Geburten

Wichtigste Neuerung in Sterzing war aber die große, runde Wanne, in der Anfang 1997 die erste Wassergeburt stattfand. Mit der inneren Veränderung und Neuausrichtung des Geburtshilfe-Teams änderte sich schlagartig das Gebärverhalten der Frauen: 566 Wassergeburten gab es während der letzten 3 1/2 Jahre. Heute werden in Sterzing 48% (also fast die Hälfte) aller Babys im Wasser geboren! Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist, fragst du? Dazu ein paar statistische Zahlen:

• Bei Frauen, die ihr erstes Kind gebären, hat sich die Geburtsdauer (im Vergleich zu allen anderen „Landgebärenden") um 85 Minuten verkürzt.

• Die Rate der Dammschnitte bei den Wassergeburten liegt bei 0,88% (im Vergleich zu den „Landgeburten" mit 30%). 66% der Geburten im Wasser verliefen auch ohne Riss am Damm (selbst bei Erstgebärenden macht diese Rate 58% aus!). Der Rest der Frauen erlitt kleine Einrisse, die im Gegensatz zum Schnitt wesentlich besser, schneller und weniger schmerzhaft verheilen.

• Bei keiner der 566 Frauen musste ein Schmerzmittel verabreicht werden - die entspannende Wirkung des Wassers reichte offensichtlich.

- … und auch kein

einziger Tropfen Wehenmittel wurde vergossen…

• Alle 566 Wasserbabys waren klinisch völlig unauffällig. Der Kinderarzt bestätigte sogar, dass sie im allgemeinen Durchschnitt bessere pH-Werte (Sauerstoffgehalt im Blut) aufwiesen - was wahrscheinlich mit der kürzeren Geburtsdauer und der verminderten Stressatmung der Mutter in der Wanne zu erklären ist.

Thöni ist begeistert von diesen Erfahrungen und reist seit geraumer Zeit durch den gesamten deutsch-italienischen Sprachraum. In Vorträgen, überall und irgendwo, auf ärzt-lichen Kongressen, Tagungen und in Workshops erzählt er von seinen Erfahrungen und präsentiert seine Statistiken. Und zahlreiche Gynäkologen und Hebammen ließen sich schon von seiner Begeisterung anstecken und überzeugen.

Männlich oder weiblich?

Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich die Geburtshilfe immer stärker zu einer Männerdomäne. Das Thema Geburt, ein natürlicher, instinktiver Körper-Geist-Vorgang, wurde immer mehr kontrolliert und überwacht, Überwachungsgeräte ersetzen menschliches Einfühlunsvermögen und sind Ausdruck einer großen Angst vor „höheren Lebensgesetzen". Mit dieser Kontrolle verloren viele Frauen das Vertrauen in die Gebärfähigkeit ihres eigenen Körpers - und die Zahl der Geburts-Komplikationen steigt unaufhaltsam. In den USA wird bereits jedes 4. Baby per Kaiserschnitt geboren, in Österreich lag die Rate 1997 bei 14% - die Tendenz vieler Frauen, sich gar nicht mehr über eine normale Geburt drüberzutrauen wächst kontinuierlich. Könnte das Wasser im Kreißsaal die Antwort der Natur auf diese (meiner Ansicht nach) Fehlentwicklung sein?

Geburt ist an sich ein urweibliches Thema - es geht um „weibliche" Qualitäten, wie Intuition, Loslassen, Fließen. Deshalb ist es ja auch seit Urzeiten und in allen Kulturen auf der ganzen Welt immer schon üblich gewesen, dass gebärende Frauen von Frauen begleitet werden. Hebamme ist wohl einer der ältesten Berufe der Welt.

Unweigerlich drängt sich also die Frage auf: Was veranlasst wohl einen MANN dazu, FRAUENarzt zu werden? Ich finde, nur ein Gynäkologe, der darauf spontan eine Antwort weiß, sollte überhaupt berechtigt sein, diesen Job auszuüben. Albin Thönis Antwort auf meine Frage war spontan: „Ich bin fasziniert von der weiblichen Urkraft und Intuition und habe tiefe Achtung vor Frauen, die ein Kind gebären. Davon kann ich als Mann ganz viel lernen..."

Sowohl Michel Odent, wie auch Albin Thöni bin ich persönlich begegnet - beide sind Männer, die sich ihrer eigenen weiblichen Anteile bewusst sind und in Kontakt mit diesen handeln. Die Auseinandersetzung mit dem Wasser führte sie in ihre tiefsten, intuitiven Ebenen - und so kommt von beiden auch die selbe Aussage: „Meine Aufgabe als männlicher Geburtshelfer ist es, mich bei einer Geburt so viel wie möglich im Hintergrund zu halten, um die „weibliche" Atmosphäre des Loslassens nicht unnötig zu beeinflussen…"

Was Wasser alles bewirken kann!

Eva Schreuer,

Jg. 1960, hat selbst vier Kinder zu Hause geboren, arbeitete als Hebamme (2 Jahre im Krankenhaus, dann freipraktizierend) und als ausgebildete Geburtsvorbereiterin - bis sie sich vor 3 Jahren ganz und gar dem WEGE-Redaktionsjob widmete. Geburt ist aber nach wie vor eines ihrer Herzensthemen!

Kontakt zu Albin Thöni über die WEGE-Redaktion.