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Christian
Salvesen im Gespräch mit Willigis Jäger
Ihr Vortrag hatte den Titel „Das Leben endet nie“…
Wie ist das gemeint?
Es geht mir um ein neues Verständnis von Sterben, Tod und Weiterleben.
Ich möchte den Menschen helfen, die Angst vor dem Tod zu überwinden,
die uns nicht zuletzt durch die Religion vermittelt wurde. Es schließt
sich beim Sterben nicht ein Tor - es öffnet sich ein Tor. Wir verlieren
etwas, um etwas viel Größeres zu gewinnen. Ich glaube an
das Wort Jesu: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich
gehe, euch eine zu bereiten“. Wie diese Wohnung aussieht, kann
niemand voraussagen. Darum geht es immer um ein vertrauensvolles Loslassen.
Auf einer Zeitlinie
gedacht hat aber das Leben kosmisch und persönlich doch einen Anfang
und ein Ende?
Seit 3,8 Milliarden Jahren existiert Leben auf der Erde. Die Zahl der
biologischen Arten, die seither auf der Erde gelebt haben, dürfte
zwischen 100 Millionen und 750 Millionen liegen. Nur 2 bis 5 % davon
leben in unserer Zeit. (Quelle: Eine globale Bilanz des Lebens von M.
Gleich) Milliarden von Jahren gab es uns Menschen also nicht. Hat uns
jemand vermisst? Es wird unsere Spezies wieder nicht mehr geben. Wird
uns jemand vermissen?
Immer wieder stellt sich daher die Frage nach dem Sinn unseres Daseins.
Warum sind wir hier? Warum existieren wir überhaupt? Wohin gehen
wir? Sind wir wirklich das „ganz Besondere“ unter den Millionen
von Lebewesen? Was haben die anderen Wesen für eine Bedeutung?…
Wir wollen ewig leben. Was ist mit all den anderen Lebewesen?
Die herkömmlichen Deutungen für eine Auferstehung und für
ein „ewiges Leben“ sind für mich unbefriedigend. Dieses
Leben ist eine einmalige, unverwechselbare Note in der „Symphonie
Gott“. Ich bin da, um diese Symphonie Gott in dieser Struktur,
an diesem Platz, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick als diese Note
zum Klingen zu bringen. Darum bin ich Mensch geworden - und meine Aufgabe
ist es, ganz Mensch zu sein, Augenblick für Augenblick. Meister
Eckhart predigt daher: „Wenn ich nicht wäre, wäre Gott
nicht!“ Aus dieser „Symphonie Gott“ kann nichts herausfallen.
Die Note wird vergehen, aber die Musik, das Leben Gottes, das ich bin,
geht zeitlos weiter.
Als Pastorensohn
wurde ich in dem Glauben erzogen, nach dem Tod leben wir ähnlich
wie auf der Erde als Individuum weiter, zusammen mit unseren Lieben,
nur eben ewig, im „Himmel“. Was halten Sie von dieser Sichtweise?
Das sind eher kindliche Vorstellungen. Das religiöse Selbstverständnis
ist bei den meisten Menschen nicht mitgereift. Viele bleiben in ihren
kindlichen Bildern hängen und legen erst sehr spät diesen
Kinderglauben ab.
Auferstehung, Himmel, ewiges Leben… all das sind Bilder, die uns
vermitteln wollen, dass wir beim Sterben in eine neue Seinsweise eingehen
werden. Eigentlich ist das Wort „eingehen“ falsch, denn
wir sind immer dort. Wir sind nie außerhalb des göttlichen
Stromes. Wir sind göttliches Leben, das diese menschliche Erfahrung
macht. Wir sind göttliches Leben, das sich inkarniert hat, das
Mensch geworden ist. Dieses Leben wird weitergehen. Die Form bleibt
zurück. Rose Ausländer gab dieser Erfahrung in ihrem Gedicht
Ausdruck: „Vor seiner Geburt war Jesus auferstanden. Sterben gilt
nicht für Gott und seine Kinder. Wir Auferstandene vor unserer
Geburt.“

Was ist der Tod?
Hat er eine eigene Realität oder ist er eher wie der Schatten,
den das Licht erzeugt? Ist er die Leere und Weite des überpersönlichen
Bewusstseins, in das wir auch im Tiefschlaf versinken? Repräsentiert
er das nie Begreifbare und löst gerade die Unwissbarkeit die Angst
in uns aus?
Im Tod versinken wir nicht im Nichts. Wir öffnen uns für eine
zeitlose Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist rational nicht zu begreifen.
Jesus ist nicht leibhaftig vom Grab auferstanden. Er ließ seinen
Leib zurück, um in eine ganz neue Seinsweise einzugehen. Immer
wieder muss ich sagen: Wir sind immer in dieser „Seinsweise“.
Sie ist der Urgrund allen Seins und so auch unser Urgrund. „Himmel“
ist nicht ein Ort. Das Wort bezeichnet eine Ebene der Erfahrung, zu
der unser Ich keinen Zugang haben kann.
Beim Sterben geschieht eine „Ent-grenzung“. Was dann sein
wird, hat „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört“.
Ich sterbe mit einem ganz großen Vertrauen, in der Gewissheit,
dass mein Geborenwerden und Sterben einer Sinnhaftigkeit folgt, die
ich rational nicht begreifen kann.

Was sagen Sie
jenen Menschen, die aufgrund der unmittelbaren Konfrontation mit dem
bevorstehenden Tod (z.B. Krebskranke) große Angst haben?
Hab Mut und lass los. Es erwartet dich kein Richter. Viele Menschen
leiden an einer schlimmen Kindheitsverletzung. Ihnen wurde ständig
die Angst vor einem Gericht vor Augen geführt. Die Reinkarnationslehre
ist da nicht besser, sie fordert: „Nur wenn Du dich gut führst,
wirst du eine gute Wiedergeburt erhalten“. Doch das göttliche
Urprinzip ist kein Schulmeister. Religionen haben viele Menschen mit
einem moralisierenden Gott verletzt. Es wartet kein Richter, sondern
eine unendliche Liebe auf uns. Es ist eine Liebe, die unser menschliches
Ich und Du nicht mehr kennt.
Was wir Europäer seit einigen Jahrtausenden Gott nennen, ist ein
Prozess. ER/ES ist Kommen und Gehen, Geborenwerden und Sterben, das
sich jeden Augenblick neu vollzieht. Wir Menschen wollen festhalten.
Wir möchten in diesem ICH ewig weiterleben. Wir verhindern damit
das Größere, das uns erwartet. Der Tod des Ich ist die Voraussetzung
für die Erfahrung Gottes. „Wer sein Leben verliert, wird
es gewinnen“, und zwar in einer neuen, viel umfassenderen Seinsweise.
Sterben bedeutet Entgrenzung in die eigentliche Wirklichkeit.
Angst vor dem
Sterben können wir uns also sparen…?
Der Tod ist nach der Geburt das wichtigste Ereignis unseres Lebens.
Er ist die Vollendung unserer Geburt. Wenn wir sterben, ist es nicht
so, dass wir uns dem Tod fügen - sondern wir fügen uns ein
in den Fortgang des Lebens, das kein Verweilen kennt. Wir verlieren
nicht etwas im Sterben, wir gewinnen etwas: Wir gewinnen das ganze Universum
zurück, das hinter unserem Ich verborgen liegt. Wir gewinnen Gott
ganz zurück, unverstellt vom Ich. Und das alles ist auch jetzt
im Leben nicht getrennt von uns, einzig unser Ich erfährt sich
als getrennt davon.
Die Religionen lehren uns, dass das Eigentliche erst noch kommt, später,
im Himmel oder in einer besseren Wiedergeburt. Religionen leben von
diesen Hoffnungsbildern. Sie sind wichtig, weil der Mensch sonst der
Sinnlosigkeit anheim fällt. Sie sind zugleich aber auch das letzte
Bollwerk, hinter dem das Ich sich verschanzt, um seinen Fortbestand
zu retten. Wir werden als Menschen eines Tages unseren Tod feiern, wie
wir unsere Geburt feiern. Dann werden wir wie Rumi erkennen: „Bevor
es Garten, Weinstock oder Traube gab in dieser Welt, war unsere Seele
bereits trunken vom Wein der Unsterblichkeit.“ Wir kehren
heim in unseren Ursprung.
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