Über den TOD hinaus…


Todes ANGST?

 
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Pater Willigis Jäger ist einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer unserer Zeit. Als Benediktiner und Zen-Meister ist er sowohl von der christlichen Mystik als auch dem östlichen Zen inspiriert und geht zugleich weit über die traditionellen Vorstellungen der Religionen hinaus. Seine Vision einer integralen Spiritualität vereint den großen Erfahrungsschatz der östlichen und westlichen Weisheit und bezieht zugleich neueste Erkenntnisse der Wissenschaften mit ein.
Christian Salvesen interviewte ihn anlässlich der 2. Spirituellen Sommerakademie 2006 in Neuss/D zum Thema Tod. Willigis Jäger ermutigte dort die Teilnehmer, selbst zu erfahren, dass der Tod eine Illusion ist…

 Christian Salvesen im Gespräch mit Willigis Jäger


Ihr Vortrag hatte den Titel „Das Leben endet nie“… Wie ist das gemeint?

Es geht mir um ein neues Verständnis von Sterben, Tod und Weiterleben. Ich möchte den Menschen helfen, die Angst vor dem Tod zu überwinden, die uns nicht zuletzt durch die Religion vermittelt wurde. Es schließt sich beim Sterben nicht ein Tor - es öffnet sich ein Tor. Wir verlieren etwas, um etwas viel Größeres zu gewinnen. Ich glaube an das Wort Jesu: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe, euch eine zu bereiten“. Wie diese Wohnung aussieht, kann niemand voraussagen. Darum geht es immer um ein vertrauensvolles Loslassen.

Auf einer Zeitlinie gedacht hat aber das Leben kosmisch und persönlich doch einen Anfang und ein Ende?
Seit 3,8 Milliarden Jahren existiert Leben auf der Erde. Die Zahl der biologischen Arten, die seither auf der Erde gelebt haben, dürfte zwischen 100 Millionen und 750 Millionen liegen. Nur 2 bis 5 % davon leben in unserer Zeit. (Quelle: Eine globale Bilanz des Lebens von M. Gleich) Milliarden von Jahren gab es uns Menschen also nicht. Hat uns jemand vermisst? Es wird unsere Spezies wieder nicht mehr geben. Wird uns jemand vermissen?
Immer wieder stellt sich daher die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Warum sind wir hier? Warum existieren wir überhaupt? Wohin gehen wir? Sind wir wirklich das „ganz Besondere“ unter den Millionen von Lebewesen? Was haben die anderen Wesen für eine Bedeutung?… Wir wollen ewig leben. Was ist mit all den anderen Lebewesen?
Die herkömmlichen Deutungen für eine Auferstehung und für ein „ewiges Leben“ sind für mich unbefriedigend. Dieses Leben ist eine einmalige, unverwechselbare Note in der „Symphonie Gott“. Ich bin da, um diese Symphonie Gott in dieser Struktur, an diesem Platz, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick als diese Note zum Klingen zu bringen. Darum bin ich Mensch geworden - und meine Aufgabe ist es, ganz Mensch zu sein, Augenblick für Augenblick. Meister Eckhart predigt daher: „Wenn ich nicht wäre, wäre Gott nicht!“ Aus dieser „Symphonie Gott“ kann nichts herausfallen. Die Note wird vergehen, aber die Musik, das Leben Gottes, das ich bin, geht zeitlos weiter.

Als Pastorensohn wurde ich in dem Glauben erzogen, nach dem Tod leben wir ähnlich wie auf der Erde als Individuum weiter, zusammen mit unseren Lieben, nur eben ewig, im „Himmel“. Was halten Sie von dieser Sichtweise?
Das sind eher kindliche Vorstellungen. Das religiöse Selbstverständnis ist bei den meisten Menschen nicht mitgereift. Viele bleiben in ihren kindlichen Bildern hängen und legen erst sehr spät diesen Kinderglauben ab.
Auferstehung, Himmel, ewiges Leben… all das sind Bilder, die uns vermitteln wollen, dass wir beim Sterben in eine neue Seinsweise eingehen werden. Eigentlich ist das Wort „eingehen“ falsch, denn wir sind immer dort. Wir sind nie außerhalb des göttlichen Stromes. Wir sind göttliches Leben, das diese menschliche Erfahrung macht. Wir sind göttliches Leben, das sich inkarniert hat, das Mensch geworden ist. Dieses Leben wird weitergehen. Die Form bleibt zurück. Rose Ausländer gab dieser Erfahrung in ihrem Gedicht Ausdruck: „Vor seiner Geburt war Jesus auferstanden. Sterben gilt nicht für Gott und seine Kinder. Wir Auferstandene vor unserer Geburt.“

Was ist der Tod? Hat er eine eigene Realität oder ist er eher wie der Schatten, den das Licht erzeugt? Ist er die Leere und Weite des überpersönlichen Bewusstseins, in das wir auch im Tiefschlaf versinken? Repräsentiert er das nie Begreifbare und löst gerade die Unwissbarkeit die Angst in uns aus?
Im Tod versinken wir nicht im Nichts. Wir öffnen uns für eine zeitlose Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist rational nicht zu begreifen. Jesus ist nicht leibhaftig vom Grab auferstanden. Er ließ seinen Leib zurück, um in eine ganz neue Seinsweise einzugehen. Immer wieder muss ich sagen: Wir sind immer in dieser „Seinsweise“. Sie ist der Urgrund allen Seins und so auch unser Urgrund. „Himmel“ ist nicht ein Ort. Das Wort bezeichnet eine Ebene der Erfahrung, zu der unser Ich keinen Zugang haben kann.
Beim Sterben geschieht eine „Ent-grenzung“. Was dann sein wird, hat „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört“. Ich sterbe mit einem ganz großen Vertrauen, in der Gewissheit, dass mein Geborenwerden und Sterben einer Sinnhaftigkeit folgt, die ich rational nicht begreifen kann.

Was sagen Sie jenen Menschen, die aufgrund der unmittelbaren Konfrontation mit dem bevorstehenden Tod (z.B. Krebskranke) große Angst haben?
Hab Mut und lass los. Es erwartet dich kein Richter. Viele Menschen leiden an einer schlimmen Kindheitsverletzung. Ihnen wurde ständig die Angst vor einem Gericht vor Augen geführt. Die Reinkarnationslehre ist da nicht besser, sie fordert: „Nur wenn Du dich gut führst, wirst du eine gute Wiedergeburt erhalten“. Doch das göttliche Urprinzip ist kein Schulmeister. Religionen haben viele Menschen mit einem moralisierenden Gott verletzt. Es wartet kein Richter, sondern eine unendliche Liebe auf uns. Es ist eine Liebe, die unser menschliches Ich und Du nicht mehr kennt.
Was wir Europäer seit einigen Jahrtausenden Gott nennen, ist ein Prozess. ER/ES ist Kommen und Gehen, Geborenwerden und Sterben, das sich jeden Augenblick neu vollzieht. Wir Menschen wollen festhalten. Wir möchten in diesem ICH ewig weiterleben. Wir verhindern damit das Größere, das uns erwartet. Der Tod des Ich ist die Voraussetzung für die Erfahrung Gottes. „Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen“, und zwar in einer neuen, viel umfassenderen Seinsweise. Sterben bedeutet Entgrenzung in die eigentliche Wirklichkeit.

Angst vor dem Sterben können wir uns also sparen…?
Der Tod ist nach der Geburt das wichtigste Ereignis unseres Lebens. Er ist die Vollendung unserer Geburt. Wenn wir sterben, ist es nicht so, dass wir uns dem Tod fügen - sondern wir fügen uns ein in den Fortgang des Lebens, das kein Verweilen kennt. Wir verlieren nicht etwas im Sterben, wir gewinnen etwas: Wir gewinnen das ganze Universum zurück, das hinter unserem Ich verborgen liegt. Wir gewinnen Gott ganz zurück, unverstellt vom Ich. Und das alles ist auch jetzt im Leben nicht getrennt von uns, einzig unser Ich erfährt sich als getrennt davon.
Die Religionen lehren uns, dass das Eigentliche erst noch kommt, später, im Himmel oder in einer besseren Wiedergeburt. Religionen leben von diesen Hoffnungsbildern. Sie sind wichtig, weil der Mensch sonst der Sinnlosigkeit anheim fällt. Sie sind zugleich aber auch das letzte Bollwerk, hinter dem das Ich sich verschanzt, um seinen Fortbestand zu retten. Wir werden als Menschen eines Tages unseren Tod feiern, wie wir unsere Geburt feiern. Dann werden wir wie Rumi erkennen: „Bevor es Garten, Weinstock oder Traube gab in dieser Welt, war unsere Seele bereits trunken vom Wein der Unsterblichkeit.“ Wir kehren heim in unseren Ursprung.

 

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INFOS:

Willigis Jäger (s. Foto Artikel)
…ist Benediktiner, Priester und Zen-Meister, Begründer der Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK) und seit 2003 spiritueller Leiter des Benediktushofes bei Würzburg, einem Zentrum für spirituelle Wege. Er vertritt eine moderne und transkonfessionelle Spiritualität, die den spirituell Suchenden des 21. Jahrhunderts Antwort auf ihre drängenden Fragen gibt. Er führt Menschen in die Zenmeditation und in die christliche Kontemplation ein, hält weltweit Seminare und Vorträge und ist Autor mehrerer Bücher, unter anderen:

• Westöstliche Spiritualität - Visionen einer integralen Spiritualität (Theseus Verlag, erscheint im März 2007).
• Das Leben endet nie. (Theseus Verlag, 2005)

Kontakt:
www.willigis-jaeger.de


Christian Salvesen
Jg.1951, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist und Redakteur. Etliche Buchveröffentlichungen zu östlichen Weisheitslehren und Heiltraditionen, u.a.:

• ADVAITA - Vom Glück, mit sich und der Welt eins zu sein (O.W.Barth, 2006)

Kontakt:
christian.salvesen@t-online.de

(Das Interview erschien erstmals in VISIONEN 3/2006)