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Singen braucht keine
Technik, es ist ein Stück unserer biologischen Grundausstattung.
Wer diese Wahrheit ernst nimmt, muss nur mehr weglassen, womit er sich
selbst beim Singen im Weg steht und erfährt, dass er damit nicht
nur seine Klangfähigkeit, sondern ins-gesamt sein eigentliches
Wesen befreit.
Ich werde diesen Tag nie
vergessen, den Termin bei meinem letzten Lehrer Edvin Szamosi. Ich sang
ein Lied aus Schuberts Winterreise - und zum ersten Mal
passierte ES: Ich erlebte, einfach nur dazusitzen, nicht selbst zu singen,
sondern - ja - ES geschehen zu lassen und wirklich vollständig
beiseite zu treten - nur zu beobachten, was da aus mir entstand. ES
sang aus mir - so klangvoll, leicht und berührend, dass es mich
zutiefst erschütterte - erstens, weil es so schön war, zweitens,
weil das ICH sein sollte, meine Schönheit und Fähigkeit. Zugleich
aber - ICH tat ja nichts - regte sich Unbehagen: Ich hab Angst,
sagte ich zu Szamosi. Wenn das hier Singen ist, dann bin ich ja
überflüssig!
Er lächelte mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Freude, Wissen
und präziser List: Ja, wenn Sie sich mit dem identifizieren,
was Sie jetzt weggelassen haben, dann sind Sie wirklich überflüssig.
ES singt mich!
Wer eine solche Erfahrung machen durfte, zweifelt nicht mehr, weil er
es aus seinem eigenen unleugbaren Erleben weiß: Singen, als selbstverständlicher
Teil unserer Natur; das wir nicht mehr erlernen, sondern nur sein lassen
müssen, führt zu viel mehr als nur zu einer hervorragenden
Stimme. Es führt uns hinter all die Masken und Verkleidungen, die
wir fälschlich für uns selbst halten. Es führt uns hin
zum Erleben von etwas, das unvorstellbar größer und schöner
ist als diese Illusion - und das zugleich einen Haken hat: Zu diesem
Sein können wir nichts beitragen. Wir verdanken es nicht uns selbst,
folglich können wir uns damit auch nicht groß und wichtig
machen. Diese Natur-gemäße Größe hat also zugleich
den Preis der größten Demut: Vollständig, aber wach
beiseite zu treten, und dem Leben, dem SEIN, das dann durch uns wirkt,
seine Bahn zu lassen.
Jeder KANN singen!
Es handelt sich hier nicht um ein mystisch-undurchschaubares Geschehen.
Wenn wir den Menschen nicht bloß als biochemische Maschine, sondern
als Einheit von Körper, Seele und Geist verstehen, dann lässt
sich dieser Vorgang ganz plausibel erklären.
Die Grundthese lautet: Jeder (organisch gesunde) Mensch kann singen
- und zwar richtig. Und wir wissen das, weil wir es alle schon einmal
gekonnt haben: Jedes kleine Kind kann stundenlang schreien, ohne heiser
zu werden. Es kann mit unvergleichlichem Wohlklang lallen (mit einem
nachweislich unübertroffenen Reichtum an mitschwingenden Obertönen).
Und eine Kinderstimme klingt mühelos über weite Plätze
und durch riesige Hallen. Für diese unglaubliche Klangentfaltung
muss das Kind keinerlei Anstrengung aufwenden. Es ist einfach da, und
der Körper folgt dem seelischen Impuls, sich auszudrücken
ganz von selbst. Wir haben also ein eingebautes Wissen darüber,
was zu tun ist. Und dieses Wissen muss nicht zu Bewusstsein kommen,
um wirken zu können.
Ein guter Sänger sollte also nur tun, was er als Kind getan hat:
In diesem Augenblick aus einer von authentischen (also nicht von Pflichtgefühl
oder Müssen getragenen) Absicht heraus Musik machen wollen
und seinen Körper musizieren lassen.
Nicht tun, sondern lassen
Fast alle Gesangsschulen, die ich kenne, begegnen dieser Erkenntnis
auf die gleiche Weise: Sie versuchen, den wenigen guten Sängern
oder auch den Kindern Regeln abzuschauen, was denn der Körper beim
Singen bzw. Sprechen idealerweise tut. Was sie dabei zu
entdecken glauben, befehlen sie dann ihren Schülern: Stützen
Sie! (ein völlig abwegiger Begriff, der aus einer falschen
Übersetzung des italienischen appoggiare = anlehnen entstanden
ist) - Decken Sie! - Singen Sie in Gähnstellung!
(als ob Gähnen eine Stellung wäre
). Weitere verbreitete
Regeln sind z.B. Bauchatmung, In die Maske singen,
Atmen, wie wenn man an einer Rose riecht, Ein Gummiband
zwischen der Stirn und dem Kreuzbein spüren oder Singen
Sie mit der Vorstellung, Sie hätten ein rohes Ei im Mund.
Gemeinsam sind all diesen Vorschlägen zwei Absichten: Erstens soll
der Schüler das TUN, was im Körper beim naturgemäßen
Singen bzw. Sprechen GESCHIEHT. Das Wirkprinzip ist also Manipulation.
Zweitens liegt das Augenmerk auf dem KlangERGEBNIS (So und so
soll es klingen!), anstatt auf dem PROZESS, durch den es zustande
kommt - was übrigens auch heißt: Es ist egal, wie sich
der Sänger fühlt - Hauptsache, der Effekt wird erreicht.
In Sprech- und Stimmkursen (insbesondere für Manager) wird diese
Absicht meist auch klar ausgesprochen: Die Macht Ihrer Stimme,
Wie Sie durch den effektvollen Einsatz Ihrer Stimme in jeder Situation
überzeugend wirken, Mehr Durchsetzungskraft durch Stimmtechnik,
usw. Damit unterliegt jedoch das Stimmtraining im Allgemeinen und das
Singen im Speziellen der zentralen Neurose der westlichen Indus-triegesellschaft
und ihres Wirtschaftssystems: Im Blickfeld liegt nur der Output,
und damit der stimmt (welch grimmige Ironie
) werden
Mittel gesucht, um ihn zu produzieren.

Befreiung des Atems
Der hier beschriebene neue Weg zur Stimme wurde von dem
aus Ungarn stammenden und 1956 nach Wien emigrierten Kantor Lajos Szamosi
entwickelt (s. Kasten). Ausgangspunkt war dabei die überraschende,
ja schockierende Erkenntnis, dass es erstens ETWAS in uns gibt, das
weit besser singen kann als WIR, und dass diese Instanz zweitens unter
ganz bestimmten Umständen tätig wird - nämlich dann,
wenn etwas Anderes in uns aufgibt. Dieses letztere Etwas hat mit Technik,
Manipulation und Bemühen zu tun und immer auch damit, ein Bild
von uns selbst aufrechtzuerhalten, das der Wirklichkeit widerspricht.
Um zu verstehen, wie und warum die Befreiung des Singens zugleich ein
Weg zur Wahrheit - unserer persönlichen wie auch der tiefsten,
absoluten - ist, müssen wir etwas tiefer in die Physiologie des
Singens und die Natur des Atems eindringen: Physiologisch gesprochen
ist Singen nichts Anderes als Ausatmen, wobei der Atemstrom an sich
schließenden und dehnenden Stimmbändern vorbeizieht und diese
dadurch in Schwingung versetzt. Stimme ist also nichts anderes
als bewegte Luft. Unser Atem jedoch ist mehr als nur das Einziehen und
Ausblasen eines kleinen Volumens von Erdatmosphäre. Über den
lebenswichtigen Sauerstoff hinaus nehmen wir beim Atmen auch feinere
Energieformen zu uns, die je nach Sprache und Kultur Namen wie Prana,
Chi, Orgon oder der Odem Gottes bekommen haben. Der
Atem stellt die Verbindung zwischen der physischen und der da-hinter
stehenden geistigen Realität dar. Denn chemisch-physikalisch unterscheidet
sich der Körper eines lebenden von dem eines frisch verstorbenen
Menschen in keiner Weise. Nur hat der Atem des Letzteren aufgehört.
Entspanntes Zwerchfell
Der Vergleich zwischen lebendem und totem Körper treibt nur auf
die Spitze, was während unseres Erdendaseins in anderem Maßstab
gilt: Die Tiefe und Spontaneität des Atems - untrennbar verbunden
mit der Freiheit des Zwerch-fells - bestimmt das Maß unserer Lebendigkeit
und jenes Ausmaß, in dem sich unser Organismus selbst zu seinem
Optimum hin organisieren und auch heilen kann.
Das Zwerchfell ist auch der zentrale Steuermuskel für den Prozess
des Singens. Von den Stimmbändern abge-sehen ist das Zwerchfell
der einzige Muskel, der zum naturgemäßen Singen wirklich
aktiv sein muss. Wohl ist an diesem Prozess auch eine Vielzahl anderer
Muskeln beteiligt - diese arbeiten dabei aber nicht selbständig,
sondern als Teil eines Netzwerks, das reflektorisch vom Zwerchfell gesteuert
wird (das heißt, sie müssen gleichsam demütige Diener
des Zwerchfells sein und blitzschnell und äußerst präzise
auf dessen Impulse reagieren). Die Freiheit des Zwerchfells
ist sowohl beim kleinen Kind als auch beim wirklich freien Sänger
zu sehen bzw. zu hören: das Singen ist mühelos, kraftvoll
und flexibel.
Was uns hindert
Fast alle von uns haben sehr früh gelernt, dass wir so, wie wir
sind, nicht akzeptabel seien. Unsere Bedürfnisse waren nervig,
unsere Angst lächerlich, unsere Wut zog Strafe nach
sich, unsere Liebe stieß auf taube Herzen, unsere Freude war zu
laut, Erwartungen der Eltern (Selbstverständlichkeiten)
überforderten uns... Dazu kommen erschreckend oft Traumata wie
physische Gewalt oder sexueller Mißbrauch und - weniger dramatisch,
aber tief verletzend und extrem häufig - Demütigungen, die
direkt das Singen betreffen (Du kannst nicht singen! Du
hast keine Stimme! Halt lieber den Mund, du ruinierst den
ganzen Chor!, Nicht so laut! Immer muss man sich mit dir
schämen!).
Jede derartige Erfahrung geht mit Gefühlen einher, zu deren Verarbeitung
wir eine einfühlsame Umgebung bräuchten. Fehlt uns diese,
sorgt ein unbewusster Überlebensmechanismus dafür, dass wir
das Gefühl nicht mehr wahrnehmen müssen. Wir ziehen z.B. die
Schultern hoch, um unseren Kopf vor Schlägen zu schützen,
strecken den Brustkorb heraus, um unser Herz zu schützen, ziehen
den Bauch ein, um die Wut nicht zu fühlen und neigen das Becken
zurück, um Kraft und Lust zu verstecken, gehen auf Zehenspitzen,
um der Erde unser Gewicht nicht zuzumuten. Wir verschließen die
Kehle mit der Zunge, um unseren hilflosen Protest hinunterzuschlucken,
verkrampfen die Kiefermuskulatur, um trotz Überforderung nicht
zu weinen und weitermachen zu können (wir beißen die
Zähne zusammen)
Wir machen uns also zurecht, um für
andere, von deren Zustimmung wir uns abhängig fühlen, akzeptabel
zu sein.
Jede derartige (unphysiologische) Muskelverspannung nimmt dem Atem ein
Stück von seiner Intensität und bremst die Aktivität
des Zwerchfells. Zugleich geht uns immer auch ein Stück Lebensenergie
und Lebendigkeit des Körpers und des Singens verloren.

Sich frei singen
Frei zu singen hat also die selben Voraussetzungen, wie in Freiheit
Ich Selbst zu sein. Die Hemmschuhe, die wir unserem Singen
in den Weg legen, sind die selben, mit denen wir uns auch auf allen
anderen Gebieten daran hindern, unser wahres Wesen lebendig sein zu
lassen. Während die meisten Gesangsschulen der Gegenwart einem
solchermaßen gehemmten Menschen sagen, was er tun muss, um einen
brauchbaren Stimmklang zu erzielen, geht die Methode
Szamosi davon aus, dass dieses Tun immer wesentlich unvollkommener
ist als die Selbstorganisation des Körpers. Sie geht weiters von
der Erfahrung aus, dass das Körper-wissen, welches dazu fähig
ist, nie verloren gehen, sondern höchstens verschüttet werden
kann. Deswegen sagt sie Schülern nicht, was sie tun, sondern was
sie unterlassen sollen - um geschehen zu lassen, was dann von selbst
geschieht.
Bioenergetisch betrachtet, werden die Blockaden mit vielfältigen
Mitteln gelöst - mit der Vorgabe, den Atemstrom möglichst
frei zu lassen und durch Tongebung bzw. Artikulation möglichst
nicht zu unterbrechen. Gesangstechnisch gesprochen entsteht dadurch
ganz von selbst jenes cantare sul fiato (= auf der Luft singen), das
zwar schon immer das Ideal der Gesangslehrer war, aber von einem durch
bewussten Willen gesteuerten Atem kaum zu bewerkstelligen ist (daher
die oft gehörte Klage Es gibt heutzutage keine Stimmen mehr!).
Ich bin okay!
Dieser Gesang wird also dadurch erzielt, dass der Atem nicht kontrolliert,
sondern im Gegenteil aus der Kontrolle des Kopfes (besser:
mind) entlassen wird und zu sich selbst finden darf. Dadurch
nähern wir uns wieder Schritt für Schritt unserer Lebendigkeit
und Authentizität. Und häufig kommen auch früher unterdrückte
Emotionen hoch, (die versteckte Wahrheit), aber auch die Ekstase, lebendig
zu sein, die un-mittelbare, berührende Erfahrung von Okay-Sein
und der unglaublichen Schönheit, die wir einstmals in uns begraben
haben. Falsche, einengende Selbstbilder fallen auseinander wie verschlissene
Theaterkostüme. Zugleich werden wir aber bemerken, dass wir dann,
wenn wir die Leichtigkeit, Kraft und Schönheit des Gesangs zur
Selbsterhöhung missbrauchen und glauben wir hätten es
in der Tasche, auch schon herausgefallen sind.
In einem dieser Momente, nach einem Durchbruch, in dem ich dachte: Ah,
jetzt weiß ich, wie's geht!, unterbrach mich Edvin Szamosi
noch bevor ich einen Ton von mir geben konnte: Versuchen Sie nicht,
das jetzt zu wiederholen. Das können Sie nicht. Sie können
nur noch einmal die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es geschieht!
So führt dieser Weg, an dessen Ende ich noch lange nicht bin, zu
dem Paradox, dass wir uns gerade dort, wo wir ganz beiseite treten zugunsten
von etwas, das wir üblicherweise nicht als wir bezeichnen,
zugleich abschaffen und werden, was wir in Wirklichkeit sind:
Nichts und alles zugleich.
Zum Ausprobieren:
1. Sitze oder stehe entspannt,
mit frei tragender Wirbelsäule, und nimm ein paar tiefe Atemzüge.
Beobachte, wo die Energie des Atems in deinem Körper fließt
und wo nicht. Fühle insbesondere Zunge und Kiefermuskulatur.
2. Gehe im Ausatmen zu einem
Seufzen über das heißt, lass die Luft rasch und vollständig
ausströmen und dabei einen weichen Ton geschehen.
3. Singe nun ein paar Takte
eines be- liebigen Liedes oder Songs, wie du es üblicherweise tun
würdest, und beachte dabei die Unterschiede - vor allem im Strömen
des Atems. Er wird sich in aller Regel enger, kürzer und
ja, unfreier anfühlen.
4. Öffne nun den Mund,
so weit du kannst (aber locker!), strecke die Zunge so weit wie möglich
heraus (wie beim Onkel Doktor), und kontrolliere im Spiegel,
ob beide während des Folgenden auch wirklich in dieser Position
bleiben. Beobachte einige Atemzüge lang, wie die Luft nun ein-
und ausströmt, und gib ihr größtmögliche Freiheit.
5. Singe dein Lied nun nochmals,
mit weit geöffnetem Mund und weit heraushängender Zunge, und
möglichst ohne den Atemstrom zu bremsen (dass du in dieser Position
kaum ordentlich artikulieren kannst, soll dich nicht stören):
Alternativ kannst du den Mund auch während des Singens in rascher
Folge auf- und zumachen (Vorsicht auf die heraushängende Zunge!)
oder den Kiefer rasch nach links und rechts hin- und herbewegen.
6. Das Körpergefühl
wird nun sehr ungewohnt (vielleicht richtig lustig) sein, der Stimmklang
ebenso, aber die Atmung wird freier und die Tongebung müheloser
sein. Vielleicht stellt sich sogar ein inneres Gefühl von Freiheit,
Lebendigkeit und anarchischer Freude ein...

Dr.
Jaan Karl Klasmann
Jg. 1959, promovierter Jurist, 1986 begann seine Laufbahn als freier
Autor bei einer Vielzahl unterschiedlicher Fachmagazine. Bereits während
des Studiums klassische Gesangsausbildung. Wenig später wandte
er sich auch der Psychotherapie und spirituellen Wachstumswegen zu.
Seine wichtigsten Stimm-Lehrer: Charlotte Sentous, Hugh Beresford, Marie-Thérèse
Escribano und Edvin Szamosi. Spirituelle und therapeutische Impulse
aus Reichianischer Körperarbeit sowie von Gerd Ziegler und Burkhardt
Kiegeland, danach von der Karma Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus.
Er ist seit 1988 Schüler des Sufi-Meisters Pir Vilayat Inayat Khan.
Kontakt: voiceandwords@chello.at
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