SCHUL-PROBLEME?
Kinder, Schule, Eltern -
ein lebenswichtiges Dreieck


von Jesper Juul

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Hinter der wachsenden Anzahl der Kinder mit „Schulproblemen“ verbirgt sich eine wichtige Botschaft für die Erwachsenen: Die Schule ist ein wachsendes Problem für ihre Schüler. Deshalb brauchen unsere Kinder dringend Respekt und Rückenstärkung von Seiten der Eltern, Lehrer, Politiker und der ganzen Gesellschaft!

Kommunikationsprobleme
Soll die Schullaufbahn eines Kindes in sozialer wie in akademischer Hinsicht optimal gelingen, erfordert dies eine beständige und qualitätvolle Kommunikation zwischen Lehrern, Kindern und Eltern. Eine Kommunikation, die in ganz Europa nur allzu selten praktiziert wird. Dafür gibt es drei gute Gründe (und viele faule Ausreden): Erstens sind Lehrer nicht darin ausgebildet, fruchtbare Dialoge mit Kindern zu führen. Zweitens wissen sie nicht, wie man entsprechende Gespräche mit den Eltern führt, und zum Dritten ist die Schulkultur traditionell keine Kultur des Dialogs, sondern des Monologs und Gehorsams. Unsere Schulen gleichen nach wie vor den Fabriken aus der (ökonomischen) Blütezeit der Industrialisierung. Dabei gibt es natürlich strahlende Ausnahmen, doch sind diese dünn gesät. Positiv treten die nordeuropäischen Länder in Erscheinung, aber auch im Norden sehnen sich konservative Bildungspolitiker nach einer Zeit, in der die Angst der Kinder vor den Erwachsenen es der Schule ermöglichte, ein „management by fear“ zu praktizieren.

Fehler im System
Seit 15 Jahren befindet sich die Schule in der Defensive und hat nicht viel Anderes geliefert als einen endlosen Strom von Klagen über die aufmüpfigen Kinder unserer Tage, deren nachlässige Eltern es versäumt haben, ihnen beizeiten die Flötentöne - Gehorsam und Unterwerfung - beizubringen. Die Lehrerausbildung und die archaische Kultur der öffentlichen Schule befinden sich mit dem modernen Menschen nicht mehr in Einklang.
Ein elfjähriger Junge aus Berlin beispielsweise war auf der Schule so unglücklich, dass er dem Unterricht immer häufiger fernblieb und seine Eltern inständig anflehte, von der Schule abgehen zu dürfen. Die Eltern des Jungen baten dessen Lehrer um ein Treffen, um nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen und die Situation für alle zu verbessern. Doch ihr Vorschlag wurde brüsk zurückgewiesen. Der Junge, hieß es, könne in einem halben Jahr zu einem Psychologen kommen, außerdem führe man mit Problemkindern aus Prinzip keine persönlichen Gespräche!...
Wie kann eine Schule mit einer solchen Einstellung erwarten, von Schülern und Eltern respektiert zu werden? Wen kann es überraschen, wenn dieser Elfjährige vollkommen scheitert oder eines Tages mit einer geladenen Schusswaffe in der Schule aufkreuzt? Dieser Vorgang ist so entwürdigend, so unmenschlich und so primitiv, dass man sich darüber wundern muss, dass es noch keinen bundesweit organisierten Aufstand von Eltern gibt, die sich mit diesen Zuständen nicht länger abfinden wollen. Aber den gibt es nicht. Die Angst vor dem System und dem möglichen sozialen Fiasko der Kinder verleitet die meisten Eltern nicht nur dazu, den Status quo zu akzeptieren, sondern auch ihre Kinder im Stich zu lassen, wenn diese plötzlich „Schulprobleme“ bekommen.

Die Angst der Eltern
Ich räume gern ein, dass Eltern vor einer ungeheuer schwierigen Entscheidung stehen, die zum riskanten Drahtseilakt werden kann: Sollen wir uns mit dem System solidarisieren, was unsere Kinder sowie unsere Beziehung zu ihnen womöglich unerträglichen Belastungen aussetzt - oder sollen wir ihnen den Rücken stärken, obwohl wir befürchten müssen, damit ihre Zukunftsaussichten aufs Spiel zu setzen?
In Österreich und Deutschland stellt sich dieses Problem mit besonderer Schärfe, weil man noch immer daran festhält, die Kinder schon nach vier Grundschuljahren voneinander zu trennen. Über die zukünftigen Bildungschancen dieser Kinder entscheiden Menschen, die oftmals weder Zeit noch Interesse haben, sich der individuellen Persönlichkeit der 10-jährigen Schüler zu widmen. Doch diese Politik entbehrt jeder seriösen wissenschaftlichen Grundlage. Sie ist ein indirekter, doch krasser Bruch mit der UN-Kinderrechtskonvention und übt auf Eltern wie Kinder einen teils unmenschlichem Druck aus. So verwundert es nicht, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche von der Schule abwenden und damit ihren ursprünglichen Wissensdurst verleugnen.
Den Schwarzen Peter haben gegenwärtig die Eltern, die individuell entscheiden müssen, welche Prioritäten sie setzen. Nicht gerade eine beneidenswerte Position - und ich wundere mich täglich darüber, dass wir noch keinen kollektiven Aufschrei der Eltern erleben, die im eigenen Namen sowie im Namen ihrer Kinder eine Änderung der Gesetze verlangen.

Kindern den Rücken stärken
Viele Eltern stehen also vor der Wahl, sich entweder als verlängerter Arm des Staates zu betätigen oder den staatlichen Institutionen gegenüber zum Sprachrohr ihrer Kinder zu werden. Im Interesse aller Parteien hoffe ich, dass sich so viele Eltern wie möglich für Letzteres entscheiden. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass Kinder, denen dies zuteil wird, ein besseres Leben als Erwachsene führen, bessere Eltern werden und für die Gesellschaft von größerem Wert sind.
Politiker können derweil tun, was in ihrer Macht steht: zum einen die Lehrerausbildung dahingehend ändern, dass auch relevante und notwendige zwischenmenschliche Kompetenzen erworben werden, und zum anderen dafür sorgen, dass Lehrer an Schulen arbeiten können, die sich sowohl ihrer Angestellten als auch ihrer Schüler und deren Eltern wahrhaftig annehmen.
Eltern sollten sich klarmachen, dass Kinder, die offen von ihrem Unbehagen berichten, die die Schule schwänzen, aus dem System fallen oder mit Ach und Krach die Mindestanforderungen anfüllen, obwohl ihr Potenzial viel größer ist, extrem mutig sind. Die Propaganda und der Druck, den Politiker, Beamte, Lehrer und Eltern gleichermaßen ausüben, ist so enorm, dass ein junger Mensch, der gegen den Strom schwimmt, den allergrößten Respekt und die maximale Unterstützung durch seine Nächsten verdient. Eine Unterstützung, die sich nicht gegen Schule und Ausbildung richtet, sondern die persönlichen Überlegungen und Entscheidungen des Schülers respektiert.

Eltern und Lehrer im Dialog
Und noch einmal möchte ich unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Eltern ihren Kindern den Rücken stärken. Das heißt jedoch nicht, dass diese die Kanonen gewissermaßen in die entgegengesetzte Richtung drehen und die Lehrer unter Beschuss nehmen. Sie sind der falsche Adressat. Es sind die überkommene Schulkultur und ihre antiquierte politische Grundlage, der wir - was die Lehrer ausdrücklich mit einschließt - den Kampf ansagen müssen. Die Hoffnung der Eltern kann sich vielmehr auf die Tatsache stützen, dass es unter den Schullehrern so viele großartige und engagierte Persönlichkeiten gibt. Persönlichkeiten, mit denen der Dialog nicht schwerfällt, sofern man sich die Mühe macht, sie nicht zum Feind seiner Kinder zu erklären.
Als Eltern sollten Sie also daran denken:
• Viele Lehrer haben Angst vor den Eltern. Der umgekehrte Fall ist weitaus seltener.
• Lehrer wissen generell nur sehr wenig über Kinder (meist ausschließlich über Schüler) und demzufolge auch wenig über Ihr eigenes Kind.
• Lehrer sind nicht darin geschult, Konflikte zu lösen oder Menschen zu führen.
• Die Solidarität, die Sie Ihrem Kind im Kampf gegen seine Schule zukommen lassen, ist ein zweischneidiges Schwert, das die Situation der Kinder u.U. noch schwieriger macht.
• Weder die Schule noch ihre Lehrer sind darauf eingestellt, für das Wohlergehen Ihres Kindes Mitverantwortung zu übernehmen - zumindest nicht, bevor Sie als Eltern Kontakt zu ihnen aufgenommen haben, der ihnen Sicherheit gibt.
• So sehr die Lehrer selbst belehren, so sehr hassen sie es, belehrt zu werden.
• Behandeln Sie die Lehrer so, wie diese auch Ihre Kinder behandeln sollten.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, ob man Eltern solch eine große Verantwortung überhaupt aufbürden sollte. Die Antwort lautet: Nein, eigentlich nicht. Doch so, wie die Dinge liegen, kann man nur auf diese Weise die Kinder davor bewahren, sämtliche Verantwortung und Schuldgefühle allein zu tragen.

infos & literatur
Der Artikel enthält Auszüge aus Jesper Juuls neuestem Buch „Pubertät“ (s.u.).

Jesper Juul
geb. 1948 in Dänemark, ist einer der bedeutendsten und innovativsten Familientherapeuten Europas. In seiner über 30-jährigen Praxis mit Familien hat er viele Strömungen, Trends und gesellschaftliche Veränderungen miterlebt und sieht, welche Auswirkungen sie auf die Familien, Kinder und Jugendliche haben. 2004 gründete er das Unternehmen „familylab“, mit dem Bestreben, Eltern im Zusammenleben mit ihren Kindern zu ermutigen und zu inspirieren. Er ist gerade dabei, diese Organisation in vielen Ländern weltweit zu etablieren.

Jesper Juul im Internet:
www.jesperjuul.com
www.familylab.at
www.familylab.de

Bücher und DVDs:
Buch: Pubertät - Wenn Erziehen nicht mehr geht
  (Verlag Kösel, 2010)
DVD: Pubertät ist eine Tatsache, keine Krankheit
   Zehn Familien arbeiten mit Jesper Juul
   (Mathias Voelchert GmbH, 2009 - www.familylab.de)
DVD: Erziehen mit Herz und Hirn - Was Kinder und Eltern brauchen
   Jesper Juul und Gerald Hüther im Gespräch
  Beide DVDs erhältlich bei www.familylab.de