Unser verWEGEner Satirenschreiber:


Helmuth Santler
...1
 

Mammon der Schnöde

oder

Wir haben die Macht!

Der Wert, den wir einer Sache beimessen, drückt sich in unserer materialistischen Welt meist in Zahlen aus – in einem Geld-Wert. Ein vielsagender Begriff: Wie konnte aus einem Tauschmittel, einer praktischen Möglichkeit, differenzierten Handel zu treiben, etwas werden, das selbst einen Wert besitzt?
Wert hat seit jeher mehrere Bedeutungsebenen: Kaufpreis, Geltung, Ansehen, Wert- schätzung, Bedeutung. Den (ökonomischen) Wert einer Sache mit einer Geldsumme auszudrücken, ist also keine Erfindung der Neuzeit. Ein Problem wird ja auch nur dann daraus, wenn der Zeiger (die Geldsumme), statt treulich für einen Wert zu stehen, zum Wert selbst wird. Aus dem schnöden Mammon wird in diesem Moment Mammon der Schnöde – Erster seines Namens, Großmeister der Börsen, Beherrscher der Wall Street, Götze aller Finanzplätze.

Glaubet und vermehret mich!
Gottkönig Mammon ist so mächtig wie nie zuvor. In den Zeiten einfachen Geldver- leihens, mit Zins und Zinseszins, war die Geldreligion ein lokaler Kult – mit der Ein- führung der Umsatzsteuer wurde sie zur Staatsangelegenheit – und seit den globalen Geldflüssen absolut kein Regulativ mehr entgegensteht (seit rund 30 Jahren also) hat sich der eigentlich eher belanglose Spruch vom die Welt regierenden Geld zum Ersten Gebot der neuen Finanz-Kirche erhoben: Du sollst nur an EINEN Gott glauben!
Das ist viel einfacher, als weißbärtige Großväter oder gänzlich abstrakte Wesenheiten zu verehren. Denn Geld ist tatsächlich allgegenwärtig, es ist schöpferisch („Geld ist von fruchtbarer, erzeugender Natur. Geld kann Geld zeugen, und der Nachwuchs zeugt noch mehr.“ Benjamin Franklin) und allesbewegend („Money Makes the World Go Round“, Liza Minnelli). Täglich werden ihm Messen gelesen (die Börsennachrichten). Und wie es um den Glaubensindex bezüglich seiner diversen Konfessionen (sprich Währungen) bestellt ist, scheint mittlerweile nicht selten das einzige Gesprächsthema zu sein.
Auch wir, die Gläubigen, sind höchst aktiv: Wir opfern unsere Energie für Arbeit, die wir zu einem (großen) Teil nur machen, um seine Segnung zu erhalten, und beten mit jedem Einkauf zu ihm. Der Goldene Gott ist aber auch wirklich zeitgeistig-oberflächlich: Er behelligt uns nicht mit moralischen Belehrungen, verlangt nicht nach Selbsterkenntnis oder komplexer theologischer Auseinandersetzung. Sein einziger Imperativ lautet: Vermehre mich! „Wer das meiste Geld hat, wenn er stirbt, hat gewonnen.“ (Danny DeVito). Oder wie es der Rapper mit dem bezeichnenden Namen „50 Cent“ ausdrückte: „Get Rich or Die Tryin’!“

Das Monster zähmen
Der Wert von etwas wird wesentlich von dem mitbestimmt, was wir diesem Etwas an Wert beimessen. Demnach waren wir es, die dem Geld viel zu viel Bedeutung gegeben haben. Aber wir haben es auch in der Hand, hier weit stärker als bisher lenkend einzugreifen. Das Geldunwesen selbst ist erstmal unangreifbar – aber es liegt in unserer Macht, das Monster zu zähmen: Indem wir nach Möglichkeit nur Dinge erwerben und Taten unterstützen, die einer fairen, lebenswerten, ökologisch intakten Welt dienlich sind, und die wir auch tatsächlich (ver)brauchen.
Wer sich das Gejammer anhört, nach dem ein wirtschaftliches „Nullwachstum“ eine Katastrophe sei und ein Umsatzrückgang über zwei Prozent faktisch dem Untergang gleichkommt, müsste sich der unermesslichen Macht der KonsumentInnen doch bewusst werden. Wir kaufen täglich ein und stimmen damit täglich ab – und eine Stimmabgabe ist nichts anderes, als eine Beimessung von Wert, ob bei einer Wahl oder im Supermarkt. Im Fall von Einkäufen lässt sich die Beimessung nur wesentlich feiner dosieren – bis auf zwei Stellen hinter dem Komma genau.

Was wir uns wert sind
Es scheint indes, als wären wir (Österreicher im Besonderen) uns unseres eigenen Wertes – und der damit verbundenen Macht im Kollektiv, der mit Abstand größten existierenden Macht überhaupt – nicht annähernd wirklich bewusst............


... Du willst ALLES lesen?
Wir senden dir gerne ein Probeexemplar der aktuellen Ausgabe!



Helmuth Santler
Jg. 1964, ist Autor, Texter, Journalist und Übersetzer. Er mag phil. z.B. Strohbau, Katholikenenttarnung, Strömungen spüren, Grundsicherung, persönliche Freiheit. Ironie, Mauerfall, Berührungen... und natürlich Sprache, Wörter, Zeichen und Symbole.
Kontakt: www.textmaker.at