Unser verWEGEner Satirenschreiber:


Helmuth Santler
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Schatzi, wüst an Gamynde?

Kreatives Schreiben
Was bedeutet das Wort „widerspenstig“? Nach Meinung eines Zweitklassers an einem Wiener Gymnasium bedeutet es den Umstand, „dass immer wieder Gespenster kommen“. Ein gruseliges Szenario, gegen dessen Schrecken die Verwendung von fettiger „Gräme“ vermutlich nutzlos ist, aber wer weiß - vielleicht hilft ja eine Tasse „Gamynde“?
Alles echt und wirklich vorgekommen, ich schwör's - der sensationelle Gamynde z.B. in einem Deutschaufsatz, 1. Klasse HTL in Wien 14 (für alle Landbewohner, sprich Nicht-Wiener: der Hütteldorf=Rapid=Oheee-ohee-ohee-ohe-Bezirk). Ich hab's selbst nicht glauben können und dachte, der 15-Jährige wird sich wohl einen H.-C.-Artmann-würdigen Scherz erlaubt haben (Nota bene: Hinweis zur Aussprache im kanalisationstiefen I-reiß-da-de-Brust-auf-und-scheiß-da-ens-Heaz-Wienerisch für alle, die den Gamynde noch immer nicht identifiziert haben.) Aber nein: In dem Geschreibsel fanden sich 40 weitere, allesamt komplett unoriginelle Rechtschreibfehler in einer zum letzten Donaubad anregenden Einöde aus Langeweile, Idiotie und eines Reinraums würdiger säuberlicher Absenz jeglicher Kreativität.

High-Noon in Ottakring
Die vergleichsweise unspektakuläre „Gräme“, auch aus einem Deutschaufsatz (BRG), wollte sich eine 13-Jährige in Ottakring auftragen. Und noch eine Erklärung für alle Nicht-Wiener: Ottakring ist der Kleinjugoslawien-Bezirk. Kroatowiener gegen Wienoserben gegen Bosnakringer, alle gegen Kosovo-Ottalbaner. (Bei der samstagabendlichen Brautschau sollen sich Erstere einig sein, ansonsten herrscht Wildweststimmung - Nord- und Südstaatler, bigotte Pioniere, schießwütige Kuhjungen und goldberauschte Glücksritter; die Kosovo-Albaner dürfen als Rothäute herhalten.) Die Beherrscher des Brunnenmarkts auf der anderen Seite der Ottakringer Straße, mit wenigen Ausnahmen alteingesessene Türkowiener, finden sich in dieser Analogie als „England“ wieder, von dem sich die „Neue Welt“, die „Vereinigten Staaten Kleinjugoslawiens“,
zu emanzipieren sucht.
Es brodelt in Ottakring; die überalternde Urbevölkerung verbirgt sich, zieht sich in Nischen zurück oder wandert aus (einer ist Bürgermeister geworden, demografisch ist das aber nicht relevant). Die Eingeborenen spielen eine immer kleiner werdende Rolle. Dabei halten sie den Schlüssel zu Utopia in Händen: eine gemeinsame Sprache.

Jetzt im Ernst
Die Sprach- und Lesekenntnisse werden immer schlechter. Überall. Das ist eine ebenso traurige, wie unbestreitbare Tatsache. Die unweigerlich zur Ghettoisierung führt: Wer nicht liest, lernt die Muttersprache nur in der simplifizierten, verflachten, vulgarisierten und jargonisierten gesprochenen Form, die alles ist nur nicht korrekt (Korrektheit der Schriftsprache wird, ganz besonders im Deutschen, immer noch mit Intelligenz, Bildung und sonstigen Statussymbolen immaterieller Natur gleichgesetzt.)
Die weitestgehende Beherrschung der Muttersprache ist indes die Eintrittskarte für den leichteren und besseren Erwerb jeder weiteren, anderen Sprache. Sprache ist das Fundament jeglicher Verständigung; wer sich nur einer einzigen zu bedienen weiß, reduziert sein oder ihr Umfeld automatisch auf die dieses Idiom Sprechenden bzw. sogar noch weiter auf die auf demselben Sprachniveau Sprechenden. Das ist Ghettoisierung. Unvermeidliche Gruppen- und Grüppchenbildung....

 

Helmuth Santler
Jg. 1964, ist Autor, Texter, Journalist und Übersetzer. Er mag phil. z.B. Strohbau, Katholikenenttarnung, Strömungen spüren, Grundsicherung, persönliche Freiheit. Ironie, Mauerfall, Berührungen... und natürlich Sprache, Wörter, Zeichen und Symbole.
Kontakt: www.textmaker.at


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