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Was geht im Mann der
heutigen Zeit vor? Am meisten beschäftigt ihn, wie er seine Familie
erhalten und ernähren kann. Es gilt, die Partnerschaft harmonisch
zu gestalten, die Kinder bestmöglich zu erziehen und ihnen ein
guter, präsenter Vater zu sein, Freundschaften zu pflegen und zu
bewahren - und dann sollte Mann natürlich auch noch für sich
selber was Gutes tun
Das ganze Programm versucht der moderne Mann
bestmöglich zu erfüllen - spürt aber gleichzeitig ein
permanent schlechtes Gewissen, dass es zu wenig sein könnte, glaubt
alles im Alleingang bewältigen zu müssen und fühlt sich
innerlich allein gelassen und einsam.
Und dennoch - auf die häufig gestellte Frage
Wie geht's dir denn?", bekommt man vom Großteil der heutigen
Mannsbilder noch immer die übliche lapidare Antwort: Mir
geht's gut. Alles kein Problem!"
Wovor fürchten sie sich denn, die Männer? Warum trauen sie
sich nicht, sich wirklich zu zeigen und präsent zu sein - mit allem,
was sie als Mensch und Mann ausmacht? Spüren sie denn den Krieger
nicht mehr in sich? Wo ist ihr Mut? Muss Mann alles mit sich selbst
ausmachen - und nur ja nicht mit jemand anderem über seine tatsächlichen
Gefühle reden?
Diese Thematik beschäftigt mich schon seit langer Zeit. Und heute
noch frage ich mich öfter, warum das so ist. Wieso sich Männer
nicht viel mehr untereinander austauschen und sich Hilfe holen, warum
sie sich hinter Äußerlichkeiten verstecken, warum sie sich
über alles Mögliche identifizieren - Autos, Geld, Geilsein,
Besitztümer jeder Art, Arbeit, Sport, Medienkonsum, - anstatt sich
wirklich zu zeigen, so wie sie eben sind? Je genauer ich hinschaue,
desto mehr erschreckt es mich, wie sehr wir Männer die Verbindung
zu uns selbst, unseren Frauen und Kindern, zur Natur und zu unserem
Planeten verloren haben. Das Industrie- und das darauf folgende Informationszeitalter
haben uns völlig aus den natürlichen Zusammenhängen gerissen.
Wir haben den Fokus für das, was wirklich Leben" bedeutet,
verloren und sind in eine Art Oberflächlichkeit und Orientierungslosigkeit
zurückgefallen. Die zivilisierte Welt von heute schneidet uns von
unserer Lebendigkeit und Natürlichkeit ab, verhindert, dass wir
spüren, was seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden in uns angelegt
ist. In unseren Körpern tragen wir die alten männlichen Instinkte.
Ihnen können wir uns gar nicht entziehen, sie sind ein Teil von
uns.
Unser Schatten bindet uns an die Erde.
Unterstützung geben könnte uns der Beistand von Älteren,
die an uns weitergeben, was sie im Leben erfahren und gelernt haben.
Doch die älteren Männer unter uns, die den Krieg miterlebt
haben, sind zwar körperlich zurückgekehrt - geistig sind die
meisten aber noch immer (mit sich selbst) im Krieg und schaffen es nicht,
sich in ihrer Kraft zu zeigen. Die Söhne und Enkel folgen ihnen
nach, weil sie systemisch an deren Schicksal gebunden sind und können
daher meist auch nur äußere Werte weiter geben. Bezüglich
der inneren Werte bleiben sie aus Mangel an Vorbildern stumm, wie ihre
Väter und Großväter.

(M)Ein Männerleben
In meiner Kindheit war alles so schön
unkompliziert - spielen, lachen, meine Eltern lieben, mutig sein, träumen,
geliebt werden. Als kleiner Bub hatte ich nur einen speziellen Wunsch:
Ich wollte so sein und werden wie mein Papa, und dann - wenn ich groß
bin - eine Frau finden, heiraten, Kinder bekommen, arbeiten und viel
Geld verdienen, glücklich sein mit meiner Frau, bis dass der
In der Pubertät wurde dann alles anders. Die Eltern: ohne
Verständnis. Die Schule und ihre Obrigkeit: nicht zum Aushalten.
Mein Körper: mir völlig fremd. Die Frauen: schwer zu erreichen.
Ich: schüchtern. Alles, was ich spürte, was mich bewegte,
hab ich aus Unwissenheit, wie damit umzugehen wäre, einfach ignoriert.
Es war eine schwierige Zeit. In meinem Umfeld gab's kaum Verständnis
und schon gar keine erwachsenen Vorbilder oder unterstützende Gespräche.
Meine einzige Lebensperspektive war, Leistung zu erbringen, fleißig,
anständig und erfolgreich zu sein, sich der Masse anzupassen und
so zu tun, als sei alles kein Problem. Indianer weinen nicht!",
Sei doch stark - sei ein Mann!", usw. - tja, an all das hab ich
tatsächlich geglaubt. Und eigentlich sehnte ich mich nur danach,
dass mich meine Mutter loslässt und nach der männlichen Unterstützung
meines Vaters.
So zum Mann geworden lernte ich eine Frau kennen, hatte erste
sexuelle Kontakte mit ihr, war im siebenten Himmel - und sie bald schwanger.
Also musste eine große Wohnung her. Ich machte mich selbstständig,
arbeitete viel, die neuen notwendigen Anschaffungen für die zukünftige
Familie mussten ja erst mal verdient werden. Ich kaufte eine Wohnung,
die Einrichtung und ein Auto - meine Frau bekam das zweite Kind. Ich
arbeitete noch mehr und kaufte ein Haus und ein Zweitauto - meine Frau
bekam das dritte Kind. Es schien alles wie im Paradies, alles funktionierte
genau so, wie ich es mir als kleiner Bub erträumt hatte. Die Kinder
waren der Mittelpunkt unseres Lebens, alle rundum freuten sich mit uns,
im Freundes- und Bekanntenkreis waren wir beliebt und erfolgreich
Und dann merkten meine Frau und ich, dass wir uns eigentlich nicht wirklich
kennen, dass wir eigentlich gar nicht miteinander können und unser
Miteinander nur über die Kinder definieren. Was tun? Keiner half!
Wir beendeten unsere Beziehung, blieben aber gemeinsam sorgsame
und fürsorgliche Eltern. Das Leben ging voran. Arbeit, Arbeit,
ab und zu ein kleines Verhältnis, ansonsten konzentrierte sich
mein Lebensmittelpunkt auf die Arbeit und meine Kinder. Ich wurde immer
reicher, hatte äußerlich alles, was Mann sich so wünscht,
war gut versorgt - innerlich wurde ich immer einsamer, verlassener,
trauriger.
Die Sinnkrise überrollte mich unbarmherzig. Plötzlich
kam mir mein Leben wie ein einziger Irrtum vor. Ich zweifelte an Allem
und Jedem, wurde immer nachdenklicher und zog mich zurück. Extremsport,
Alkohol, viel Fernsehen. Alles, was bisher wichtig war, rückte
immer weiter in die Ferne. Und meine Gedanken kreisten unaufhörlich
um die vielen Erfahrungen und Ereignisse meines Lebens - so viel lag
bereits hinter mir, manche Träume und Wünsche hatten sich
erfüllt, aber Vieles ist ganz anders gekommen, als ich es mir vorgestellt
hatte. Mit der Zeit merkte ich, dass Einiges nicht mehr so einfach ging,
wie früher: die Anstrengungen, um ein Ziel zu erreichen, wurden
immer größer. Themen meines Alltags, wie Beziehung, Sexualität,
Vaterschaft, Krankheit, Tod uvm. beschäftigten mich immer mehr.
Ich verkaufte mein Geschäft, entdeckte die Natur wieder
und lernte viel über mich selbst und mein Mensch- und Mannsein.
Ich begann zu spüren, dass ich bislang hauptsächlich funktioniert"
hatte, dass ich wie getrieben durchs Leben hetzte
und erkannte
meine Selbstverantwortung für alles, was mir in meinem Leben begegnet.
Das Spüren und Fühlen wurde immer stärker - und ich begann,
Freundschaften mit Männern zu suchen und zu pflegen.

Der ehrliche Austausch
mit anderen Männern brachte mich zurück
in meine Kraft. Ihnen gegenüber konnte ich mich wieder so zeigen,
wie ich wirklich bin, mit all meinen Stärken, Schwächen und
Unsicherheiten. Ich sprach mit Männern darüber, wie unsicher
ich mich oft in Beziehungen fühlte, wie oft ich mich selbst und
meine innere Wahrheit verleugnete, um Frieden in der Partnerschaft zu
haben, wie oft ich mich aber auch mit Oberflächlichkeiten ablenkte
und damit zur Instabilität beitrug. Ich sprach darüber, wie
sehr ich den weiblichen Gegenpol brauche - und andererseits nicht wirklich
verstand und dadurch nur schwer Zugang bekam. Ich sprach über meine
Sexualität und die Schwierigkeiten, dabei die Energie zu halten
In den vielen offenen Gesprächen mit anderen Männern hörte
ich natürlich auch deren Nöte - und die unterschieden sich
nicht wesentlich von meinen. Mir wurde klar, dass ich mit meinen Schwierigkeiten
und Unsicherheiten nicht alleine war, und ich fand dadurch mehr Verständnis
für mich selber. Ich bekam wieder Kontakt zu mir selbst, meine
Eigenliebe wuchs und es gelang mir, diese Liebe wieder mit einer Partnerin
zu teilen. Durch das Zusammensein mit den Männern lernte ich, wie
viel Einfühlungsvermögen es braucht, um andere zu verstehen
und so zu akzeptieren wie sie sind. Mir wurde bewusst, wie verschieden
die Energien von Mann und Frau sind - und ich entdeckte auch meine eigene
weibliche Seite und fand dadurch einen neuen Zugang zu einer Beziehung
und zum liebevollen Zusammensein mit einer Frau.
Heute lebe ich wieder in einer Partnerschaft. Wir sprechen über
alles und verwenden viel Zeit dafür, uns mit unserer Beziehung
auseinanderzusetzen. Unser Miteinander ist nicht nett" und oberflächlich,
sondern ehrlich und offen. Und mir ist klar geworden, dass ich bisher
gar nicht realisiert hatte, dass Beziehung auch Arbeit bedeutet. Ich
lebte jahrelang mit dem Wissen, dass ein Auto jährlich zum Pickerl
muss - dass auch eine Beziehung immerwährende Betreuung und Pflege
benötigt, wurde mir erst jetzt klar. Hätte ich es früher
schon realisiert, würde meine erste Beziehung wahrscheinlich noch
bestehen, dann hätte ich nicht immer wieder von vorne anfangen
müssen. Stärkung für mein Leben und meine Beziehung hole
ich mir aus einer kontinuierlichen Männergruppe, die ich mit Freunden
vor zwei Jahren in meiner Heimatstadt gegründet habe.
Das ist meine Geschichte, ich bin heute 48
Jahre alt. Vielleicht kommt dir Einiges bekannt vor, oder du findest
dich in einigen Passagen sogar selber wieder.

Nur ein Mann kann einen
Mann verstehen!
sagte mal einer meiner Lehrer zu mir. In
den letzten Jahren machte ich die Erfahrung, dass dies voll und ganz
zutrifft. Denn - wer sonst könnte das männliche Überforderungsgefühl
beim Thema Beziehung, beim Vatersein, dem Verhältnis von Klarheit
und liebevoller Zuwendung wirklich mit-fühlen"? Wer sonst
sollte es nachvollziehen können, wie es ist, eine Erektion zu haben
- wer sonst kennt das Gefühl, sie nicht zu haben?
Ich habe auch gelernt, dass es ohne die Unterstützung älterer,
lebenserfahrener Männer nur schwer voran geht - und dass es in
Ordnung ist, mir solche Unterstützung zu holen. Dadurch wurde es
mir auch möglich, meine eigenen Erfahrungen an andere weiterzugeben
- als glücklicher Vater sogar in direkter Linie an meine Töchter.
Das ist der Kreislauf des Lebens, und ich bin ein glücklicher,
zufriedener Teil davon. Nur neben deinem Vater oder neben anderen Männern
kann dein Mannsein wirklich wachsen und sich weiter entwickeln. So war
es schon immer, seit vielen Generationen. Das ist eine Jahrhunderte
alte, menschliche, lebenserhaltende Grundstruktur, die in uns angelegt
ist und auch heute noch in vollem Umfang wirkt.
Wenn Männer bereit sind, sich einander offen und ehrlich zu begegnen,
dann kommen sie wieder in ihre männliche Klarheit, finden Zugang
zu ihren Stärken und Schwächen, Gefühlen und Verletzungen,
finden Verständnis für sich selbst und ihr Mannsein, für
ihren Lebensweg, den sie gegangen sind und der sie dort hingeführt
hat, wo sie heute stehen.
Mannsbilder, es ist
Zeit
dass wir uns wieder unserer Aufgaben und
Bestimmung bewusst werden! Die Welt braucht herzliche, stabile, verständnisvolle,
klare Männer in ihrer ureigenen Kraft. Männer, die sich der
besonderen Fähigkeiten und Begabungen des eigenen Geschlechts bewusst
sind. Auch die Frauen sehnen sich danach, einen bewussten, herzlichen,
kraftvollen, ehrlichen, berührbaren und treuen Mann an ihrer Seite
zu haben. Dann bleiben sie auch bei uns, dann bekommen wir wieder ihre
Achtung, nach der wir uns so sehr sehnen und die wir für unseren
Weg brauchen. Männer, die in ihrer männlichen Qualität
stabil sind, können auch die weiblichen Seiten des Lebens anerkennen,
würdigen und achten. Damit wird es möglich, die zwei unterschiedlichen
Energieformen männlich" und weiblich" praktisch und
energetisch zusammen zu führen.
Und was unsere Kinder brauchen, sind nicht Väter, die sich ausschließlich
wie Kumpel und Freunde benehmen - sie brauchen Väter, die ihnen
Halt geben, nach deren Vorbild sie ihr Leben ausrichten können.
Ich selbst habe als Junge am meisten meinen Vater vermisst - und teilweise
ist es noch heute so. Mein Vater war zwar körperlich anwesend,
energetisch empfinde ich mich aber bis heute als Teil einer vaterlosen
Gesellschaft". Hier eine Veränderung zu bewirken, sehe ich als
eine große Herausforderung in meinem Mann- und Vatersein.
Einzelkämpfer
sind passè!
Unsere traditionellen Familienformen und Geschlechterrollen
haben keine Gültigkeit mehr, sie haben sich im Laufe der Zeit gehörig
gewandelt. Aus dem heraus spüren heute schon viele Männer
die Notwendigkeit, ihr Einzelkämpfertum aufzugeben und sich nach
neuen Möglichkeiten umzusehen, wo sie männliche Solidarität
und freundschaftliche Unterstützung finden und sich mit den Wurzeln
ihrer Gefühle und ihrer schöpferischen männlichen Kraft
rückverbinden können.
Wir müssen unsere Handlungen wieder an der Wirklichkeit unserer
Bedürfnisse und Sehnsüchte orientieren, anstatt an einem unflexiblen
männlichen Verhaltenskodex festzuhalten. So finden wir wieder die
Ruhe, die Energie, das Glück und das Mannsein. All das ist in uns
seit Jahrhunderten angelegt, wir müssen es nur neu erwecken.
Sam Keen beschreibt in seinem Buch Feuer im Bauch" sehr treffend,
was ich als einen der Kernsätze des Mannseins spüre:
Zwei Fragen muss sich jeder Mann in
seinem Leben stellen:
1) Wohin gehe ich?
2) Wer geht mit mir?
Wenn ein Mann diese Reihenfolge durcheinander
bringt, kommt er in Teufels Küche!"
Über den Autor:
Christian Kirchmair
geb. 1956 in Wien, stolzer Vater von drei liebenswerten Töchtern,
20 Jahre selbstständiger Unternehmer, seit 1999 Neuausrichtung
durch mehrere ausgedehnte Reisen durch Indien und Nepal. Ausbildung
zum Visionssucheleiter an der School of Lost Borders/USA sowie Assistenzen
in USA und Europa, Mitbegründer der Visionssuche Plattform Earth
& Vision. Langjährige Erfahrungen bei Tantra-Seminaren. Ausbildung
zum Sterbe- und Trauerbegleiter und Selbsterfahrung in systemischer
Organisations- und Familienaufstellung nach Bert Hellinger. Naturliebhaber
und Menschenfreund. Leitung von tantrischen Jugendgruppen für das
Aruna Institut / BRD und von Visionssuchen für Jugendliche und
Erwachsene.
Kontakt zum Autor:
E-mail: christian-kirchmair@chello.at
Internet: www.earth-and-vision.net
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