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Jirina, lass mich ganz provokant
gleich mit der Tuer ins Haus fallen: Was ist
Liebe?
Ich weiss nicht, dass es bisher irgend
einem Philosophen auf der ganzen Welt gelungen ist, Liebe zu
definieren. Trotz aller Versuche, es zu tun.
Aber wir wissen, wie sie entsteht und wie sie wahrgenommen
wird. Liebe ist ein Ereignis, eine Wahrnehmung des Herzens.
Und ich weiss nur Eines: Wir fuehlen uns geliebt, wenn wir
vorbehaltlos im Herzen des Anderen angenommen sind. Ich
weiss mich geliebt, wenn mich jemand mag und annimmt, trotz
aller Vorbehalte, trotz meiner Schwaechen, Fehler,
Unzulaenglichkeiten - wenn seine Liebe und Zuneigung
groesser ist, als der Ekel oder der Widerstand oder was auch
immer, was ihn bei mir stoert.
Sollte ich nur unter bestimmten Vorbehalten geliebt werden -
z. B. wenn ich immer jung bin, oder immer ordentlich, oder
wenn ich immer puenktlich nach Hause komme, oder wenn ich
nie meinen aerger ausdruecke
- dann waere ich in
steter Unruhe, waere immer unsicher, ob mich dieser Mensch
auch wirklich liebt. Die Liebe muss sich naemlich in
schlechten Zeiten bewaehren. Erst dann, wenn etwas nicht in
Ordnung ist, wird die Liebe getestet auf ihre Vorbehalte.
Die Bedingungslosigkeit der Liebe ist fuer mich die
Garantie, dass die Liebe wahrgenommen wird.
Und diese Vorbehaltlosigkeit muss vor allem in der Familie
gelebt werden. Ein Kind sollte sich schon im Bauch der
Mutter angenommen und geliebt fuehlen, obwohl vielleicht
schwere Zeiten ausgebrochen sind, auch wenn die Mutter
vielleicht gar kein Kind wollte oder man sie verlassen hat,
usw. Ich glaube, dass ein Mensch sich schon vor seiner
Zeugung entscheidet, dass er genau zu dieser Mutter und
diesem Vater kommt. Und er moechte dann auch sicher landen,
moechte sicher wissen: Hier bin ich angenommen! Dann geht es
ihm sehr gut. Sicherlich gibt es auch Seelen, die schon hier
eine Pruefung auf sich nehmen - die sich schon in der
Schwangerschaft der Unsicherheit der Mutter Will ich
dich oder will ich dich nicht" aussetzen. Dann beginnt der
schwere Weg des Kindes schon im Bauch der Mutter.
Aber im guenstigen Fall hat das Kind dieses volle
Angenommensein schon von der Mutter mitbekommen und sollte
es auch im Lauf seiner Entwicklung immer wieder an sich
selbst spueren und auch in der Beziehung seiner Eltern
erleben. Wenn ein Kind weiSS, die Eltern nehmen sich
gegenseitig an, unter allen Bedingungen, sie gehen nicht
auseinander, nur weil der Papa zu spaet nach Hause kommt und
es Zoff gibt z. B. - dann fuehlt sich ein Kind sicher und
geborgen, es kann sich auf die bedingungslose Liebe der
Eltern verlassen.
Aber viele Muetter (oder Vaeter)
haben ja selbst diese vorbehaltlose Liebe nie erlebt.
Was sollen sie dann an ihre Kinder weitergeben? Kann man
Liebe lernen?
Eine schwierige Frage. Ich beobachte
auch, dass uns die Liebe immer mehr abhanden kommt. Weil -
um Vorbehaltlosigkeit wahrzunehmen, muss ich auch die
Vorbehalte wahrnehmen koennen. Ich muss wahrnehmen, was dir
an mir und was mir an dir stinkt (also z. B. es stinkt mir,
dass du staendig vor´m Fernseher sitzt, Mann
oder
dass du dauernd zu deinen Psycho-Seminaren faehrst,
Frau) - ich muss wissen, was dir wegen mir und mir wegen dir
weh tut - und wir muessen spueren, dass du mich und ich dich
trotzdem liebe. Und ich muss das auch ausdruecken
koennen!
Und wenn ich es ausdruecke, kommt aber noch etwas Wichtiges:
Erstens muss ich wissen, dass du nicht auf Durchzug
schaltest - sondern dich hineinfuehlst in mich, in meinen
Zorn, meine Vorbehalte, in mein Gefuehl. Und zweitens darf
ich beim Ausdruecken meiner Vorbehalte nicht hergehen und
mein Gegenueber einfach beschimpfen (Du bist der
Schuldige,
oder ein Trottel oder Hallodri
"),
sondern ich muss meine Gefuehle ausdruecken: Ich bin
verletzt, mir geht es nicht gut damit
" - und ich
vertraue, dass der Andere bereit ist, sich in mich
hineinzufuehlen, damit er spuert, dass ich ihn vorbehaltlos
liebe. Ohne dieses Einfuehlen geht es also ueberhaupt nicht.
Es geht um einen Dialog, einen Austausch der Herzen - der
Kopf ist zwar das Medium dafuer, aber mein Kopf und mein
Mund bemuehen sich nur, das auszudruecken, was ich in meinem
Herzen empfinde
Und diese Faehigkeit des Einfuehlens wird in unserer
technokratischen Welt immer schwaecher. Das laesst sich
schon sehr gut bei den jungen Muettern beobachten, die noch
Babys haben - die haben schon viel weniger Hineinfuehlen in
das Kind, als es frueher war. Zu diesem Hineinfuehlen
gehoert z. B. der sogenannte Baby-Talk - das Nachahmen der
Mutter, wie es dem Baby grade geht. Das faengt normalerweise
gleich nach der Geburt an, wenn das Kind z.B. an der
Brustwarze schmatzt, dass die Mutter dann mitschmatzt
Mhmm, schmeckt das gut
" oder die Laute des
Kindes nachahmt oder gurrt, wenn ihr Baby in ihrem Arm
gurrt. Es gibt sogar Untersuchungen, welche die Wichtigkeit
des Baby-Talks bestaetigen - wenn die Mutter mitschmatzt,
blickt das Baby seine Mutter an, es gibt innigen
Blickkontakt und das Kind fuehlt sich verstanden,
meine Mutter weiSS, was ich gerade fuehle!" Das
ist keine Verstandessache, das ist eine Sache des liebenden
Herzens: Du bist zu mir gekommen - ich fuehle mich in
dich hinein, fuehle, wie es dir gerade geht."
Und das geht immer mehr bergab. Immer mehr Muetter kommen zu
mir, weil sie stundenlang mit ihrem schreienden Baby durch
die Eigentumswohnung oder den Bungalow huepfen und rennen
oder es stundenlang an der Brustwarze saugen lassen bis
diese blutig ist, damit sich das Kind beruhigt. Keine macht
sich Gedanken, wie es dem Kind wirklich geht. Dabei will das
Kind einfach erfahren: Ich bin deine Mama, ich bin deine
beste Mama, ich setze mich jetzt mit dir hin, halte dich im
Arm und werde dich mich spueren lassen und dir
widerspiegeln, wie es dir geht mit Wouwouwou" und
mitweinen und jammern, bis es dir gut geht. Ich bin deine
Festung. Ich gebe dir meinen inneren Halt. Ich bin nicht
dauernd getrieben von Unsicherheiten und
was
soll ich jetzt tun?" Das Kind muss sich verlassen koennen
auf eine konstante, selbstsichere Mutter.
Aber was sollen die Muetter tun?
Es ist doch eine Gefuehlssache und keine Kopfsache, hast du
gesagt.
Doch, es ist nicht nur das Herz dabei,
es ist auch eine Kopfsache. Da geht´s um die Emotionale
Intelligenz, ueber die ja gerade ein Bestseller geschrieben
wurde. Schau, wenn ich mich z. B. jetzt mit dir ueber
Totgeburten unterhalte, und ich weiss, dass du ein Kind
verloren hast, dann fuehle ich mich vor und waehrend des
Gespraechs in dich hinein: Was wirst du fuehlen, wenn
ich das Thema anschneide?" Aber weil wir uns vorher darueber
unterhalten haben und ich weiss, dass du weisst, was ich
weiss (naemlich ueber den Sinn eines solchen Erlebnisses),
unterhalte ich mich wiederum ganz anders mit dir darueber.
(lacht) Pff, das ist eine komplizierte Sache mit dem
Hineinfuehlen, aber ich vertraue darauf, dass du und die
WEGE-LeserInnen verstehen, was ich meine: Was wirst du tun,
wenn ich es frage - aber weil du es weisst, was ich fuehle,
komme ich dir schon entgegen
- das ist sehr wohl
geistiges Kombinieren, das ist nicht mehr nur Herzenssache,
das macht auch der Kopf.
Glaubst du, dass das alle
Menschen koennen - dieses Hineinfuehlen und das geistige
Kombinieren zu verbinden?
Man soll das koennen. Wir muessen das
wieder lernen. Das gehoert zur Menschlichkeit.
Aber es geht uns immer mehr verloren durch die Trennung der
Muetter von den Kindern. Wie etwa in der Nachkriegszeit, wo
die Kinder in Krippen gesteckt wurden und dort verwelkten
(nachdenklich) verwelken, ein guter Begriff dafuer,
was mit dieser Generation passiert ist. Ja, es ist auch eine
Generationenfrage. Man hat z. B. Generationen lang so falsch
bestraft, dass ein Hineinfuehlen gar nicht moeglich war. Bei
einer Ohrfeige etwa dreht sich dein Kopf um 180 Grad - oder
dreh dich um und du bekommst Pruegel oder einen Klaps
auf den Hintern und dann ab ins Zimmer!" - verstehst du, da
sieht man sich nicht von Angesicht zu Angesicht. Diese
Konfrontation zwischen Kind und Erwachsenem, sich Feedback
zu geben So geht es mir damit, wenn du dich so oder so
verhaeltst", die war bei dieser Form der Bestrafung nie
moeglich. Wenn ich mich aber eindeutig, von Angesicht zu
Angesicht aeussere, mein Gefuehl, meinen Zorn, meine Wut,
meine Verletztheit usw. zeige, dann gebe ich dem Kind die
Chance, mich wahrzunehmen und sich in mich hineinzufuehlen.
Ich muss das Kind dabei nicht erschrecken, vielmehr
neugierig machen, wie es mir geht. Dann hat es die Chance,
mich zu verstehen und kann auch lernen, eventuell Ruecksicht
auf mich zu nehmen.
Das pflegen wir schon seit Generationen nicht mehr. Waehrend
der autoritaeren Welle hat man so bestraft, wie eben
beschrieben und ist dann gefluechtet. Und in der
antiautoritaeren Zeit durfte das Kind sich alleine aufregen,
wenn die Mutter bloed war, es konnte sagen Du bist so
bloed" oder Du Arschloch" - und dann ab ins eigene
Zimmer, Walkmankopfhoerer aufgesetzt oder Fernseher
eingeschaltet und Ablenken von der Mutter
Aber diese
Konfrontation der Gefuehle von beiden Seiten kam hier immer
zu kurz. Die brauchen wir aber, um die Liebe immer wieder zu
erneuern. Wir muessen unsere Vorbehalte aeussern lernen, nur
um die Liebe zu erneuern. Das haben wir ueber Generationen
nicht mehr gelernt, und das muessen und koennen wir aber
wieder lernen. Wir sollten es lernen! Ich selber setze alle
meine Kraefte dafuer ein, damit wir wieder lernen, unsere
Vorbehalte zu aeussern, um vorbehaltlos lieben zu koennen.
Das ist auch das Einzige, was ich mit meiner
Festhalte-Therapie erreichen will. Nichts Anderes. Das
Festhalten ist keine Strafe, kein Schmusen - es dient nur
dazu, dass die beiden (Kind - Mutter, Kind - Vater, Mann -
Frau
) sich gefuehlsmaessig konfrontieren, im nahen,
frontalen Kontakt, von Galle zu Galle, von Herz zu Herz, von
Angesicht zu Angesicht - um sich wieder lieben zu
koennen.
Das heisst also, der Ausdruck
von Wut und Aggression ist ein wichtiger Teil der
Liebe
?
Ja klar, aber nicht nur, um sich
abzureagieren. Auch, aber nicht nur. Ich mache das mit dem
Festhalten deshalb, weil es, wenn ich Wut auf meinen Partner
habe, nicht gut ist, im stillen Kaemmerchen Teller an die
Wand zu schmeissen. Wenn der Aerger, die Wut auf meinen
Ehemann, meine Mutter, auf mein Kind oder wen auch immer
kommt, sollte ich dies im Kontakt miteinander abladen. Aber
wir neigen dabei immer zur Flucht. Das ist ein wirklich
primitiver Instinkt, der uns mit allen Tieren und allen
Voelkern verbindet: Wenn´s schwierig wird, wenn das
Negative ueberwiegt, ergreifen wir alle die Flucht, laufen
weg. Beim Festhalten geht es nicht darum, diesen
Fluchtinstinkt zu verbieten, sondern im Namen der Liebe zu
konfrontieren, damit wir die Liebe erneuern.
Wenn ich also mit meinem Partner
Stunk habe, sollten wir so lange beieinander bleiben, bis
wir die Liebe wieder spueren!? Ganz schoen
schwierig!
Ja! Wir bleiben beisammen, bis
wir uns wieder verstehen.- Ich aeussere meine Gefuehle,
damit du mich verstehst." Und das ist oftmals nicht eine
Sache von intellektuellen Erklaerungen, sondern die Loesung
liegt in der Gefuehlswelt, im Herzen. Denn ein Mensch kann
sich nicht immer aendern. Zum Beispiel, wenn Frau veraergert
ist wegen seiner typisch maennlichen Eigenschaften (er MUSS
sein Auto, er MUSS sein Internet haben usw.) - und Mann
aergert sich ueber ihre typisch weiblichen Eigenarten (wie
sie so kaprizioes einkauft, oder wie sie beim Erzaehlen vom
Hundertsten ins Tausendste kommt, oder unklar bei der
Erziehung ist, usw.) - das kann Mann oder Frau nicht
aendern, das gehoert zu ihrer maennlich oder weiblich
spezifischen Eigenart. Das KANN ich nicht aendern - aber ich
kann hergehen und sagen: Das aergert mich schrecklich,
dass du so bist
aber ich liebe dich trotzdem. Ich
ertrage" dich, so wie du bist, weil ich dich liebe!"
(lacht) Man schaetzt den Opfergang", den der Andere
auch tut in der Beziehung. Verstehst du, so ist das mit der
Liebe.
Aber das kann man nicht
lernen!?
Ich glaube schon. Man MUSS es
lernen!
Den Fluchtreflex oder den Reflex zur aggressiven
Gegenabwehr, den muessen wir nicht lernen - der ist uns
angeboren. Der Moro-Reflex eines Neugeborenen zeigt diesen
angeborenen Flucht- oder Rueckzugsreflex - Haende
auseinander, Zurueckzucken, Fliehen
Aber lernen muss man, diesen Fluchtreflex zu ueberwinden,
und zwar vom Kopf her. Ich lasse dich nicht fluechten
und ich gehe selber auch nicht weg - ich halte dich so
lange, bleibe dir so lange nahe, bis wir das bereinigt
haben, bis wir diese Bindung erneuert haben." Das muss man
lernen.
Das, was aber dann uebrig
bleiben soll, das Lieben selbst, die Liebe an sich, darauf
haben wir eigentlich keinen Einfluss. Es gibt Situationen,
in denen ich mich auch mit einem Menschen konfrontiere -
aber was uebrig bleibt, ist nicht unbedingt Liebe, eher
Akzeptanz. Ist das Lieben nicht eher etwas, das uns von
Hoeherer Instanz gegeben wird?
Ja, dieses Beduerfnis nach der
vorbehaltlosen Liebe haben wir wirklich sozusagen vom Himmel
her. Wir werden ja auch von Gott vorbehaltlos geliebt. Es
ist nicht ein strafender Gott, sondern einer, der uns
annimmt, zu sich nimmt, der uns beherbergt in dieser Heimat,
so wie wir sind, mit allen unseren Fehlern, Schwaechen und
sogenannten Suenden".
Die Liebe kann naemlich wachsen, wenn ich mich so
vorbehaltlos angenommen fuehle. Schau, wenn ich zum Beispiel
einen Konflikt mit meiner Nachbarin habe, oder mit meiner
Schuelerin streite, weil sie geschummelt hat oder was auch
immer - wenn ich mit ihr mehrere Erfahrungen mache, dass sie
mich (trotzdem ich ausgeflippt bin) mag und annimmt so wie
ich bin, dann fange ich wohl irgendwann selber an, sie zu
lieben.
Es gibt auch viele Ehen, die nicht unbedingt aus Liebe
eingegangen wurden, in denen die Liebe so gewachsen ist -
aus dem Gefuehl Hier kann ich ohne Angst leben, mich
anvertrauen, kann mich verlassen, hier bin ich zu Hause,
hier werde ich trotz aller Vorbehalte angenommen, hier
fuehle ich mich geborgen
" Ich meine nicht ein
Aneinander-Angewoehnen, es ist ein Sich-kennen-Lernen, ein
Sich-ertragen-Lernen, und daraus kann Liebe
wachsen.
Eigentlich ist das ja der
tiefere Sinn des Heiratens. Sich ein Versprechen zu geben:
Wir bleiben zusammen, egal, was passiert, wir geben uns
diese Geborgenheit, diese
Sicherheit
nicht nur in guten, auch in
schlechten Zeiten. Ja genau. Es geht um ein Zuhause, in dem
ich geborgen bin und sein kann, so wie ich bin. In dem ich
mich geliebt fuehle
Aber zur Liebe gehoert auch, dass ich mich selbst liebe.
Liebe beinhaltet immer zweierlei - Liebe deinen
Naechsten wie dich selbst", heisst liebe dich selber
genauso, wie deinen Naechsten. Also ich muss mich auch
selbst vorbehaltlos lieben koennen, nicht nur den Anderen -
das muss sich die Waage halten.
Ist es nicht so, dass man
ueberhaupt zuerst lernen muss, sich selbst zu lieben, bevor
man andere wirklich vorbehaltlos lieben
kann?
Das ist ein Prozess des Lebens. Mal
ueberwiegt die eine, dann die andere Seite. Aber der Anfang
ist, dass das Kind sich selbst geliebt fuehlt, dann kann es
Liebe und auch die Selbstliebe im Verlauf seines Lebens
entwickeln.
Als kleines Kind kennen wir noch keine Selbstliebe, wir
leben in so einer Symbiose, in so engen Banden mit der Mama,
dass wir unser Selbst noch gar nicht bewusst wahrnehmen.
Wenn sich ein Kind ganz angenommen von seiner Mutter fuehlt,
kann es im zunehmenden Losloesungsprozess seine
Ich-Identitaet entwickeln, sich seiner selbst bewusst werden
und auch lernen, sich selbst zu lieben. Die Mutterliebe
ermoeglicht erst, uns spaeter selbst zu lieben.
Hauptaechlich von der Mutter, aber auch vom Vater muessen
wir Lieben lernen.
Und wenn man dies nicht von der
Mutter mitbekommen hat, muss man es spaeter selber
lernen
!?
Ja, aber das ist dann sehr schwer!
Wenn ich als Kind vordergruendig mitbekomme Das ist
schrecklich, wie du bist. So mag ich dich nicht", dann
empfinde ich mich im Grunde meines Herzens als nicht
liebens-wuerdig. Dann habe ich nicht das Recht, mich selbst
zu lieben wie ich bin - weil es ja allen in der Familie
ueberhaupt nicht gefaellt, wie ich bin. Ich muss mich als
Kind staendig selbst in den Anderen spiegeln - und was mir
gespiegelt wird, uebernehme ich in mein
Herz
Und weil uns das immer mehr
abhanden kommt, gibt es offensichtlich auch diesen
wachsenden Trend zu Selbsterfahrungsseminaren. Ich glaube,
dass viele Menschen die Liebesfaehigkeit in dieser Form
wieder zurueckholen muessen - weil sie in ihrer Kindheit ein
Manko haben.
Ja, auch so - weil Selbsterkenntnis
gehoert zu der Weisheit, und die kann man auch lernen. In
Selbsterfahrungs-Seminaren muessen wir etwas ueber den Kopf
lernen, was wir nicht so ganz ins Herz bekommen haben. Da
entwickeln wir schon unsere Weisheit, wenn wir anfangen zu
erkennen: Obwohl meine Mutter, mein Vater, meine Oma, meine
Freunde, mein Lehrer usw. dies und das bei mir nicht geliebt
haben, kann ich mich trotzdem selber lieben. Und - solange
ich abhaengig von denen bin, kann ich mich selbst nicht voll
und ganz lieben. Bei der Selbsterfahrung schaue ich in mir
nach, wie ich eigentlich bin, was ich denn fuer Schwaechen,
fuer Fehler aber auch Staerken habe und ob ich nicht trotz
aller Vorbehalte, die die Anderen gegen mich haben, etwas
Besseres draus machen kann.
Aber da bin ich schon ein erwachsener Mensch, der
unabhaengig von Urteilen in sich selbst gehen und die
Vorbehalte sich selbst gegenueber akzeptieren kann - und
entscheiden kann, sich trotz allem zu lieben. Denn jeder hat
Vorbehalte, jeder von uns hat Positives und Negatives in
sich
Glaubst du, dass die Menschen
vor 200 oder 300 Jahren liebesfaehiger waren, als
heute?
Das ist schwer zu sagen
Das
weiss ich wirklich nicht - aber jedenfalls konnten sie viel
weniger vor einem Konflikt fluechten. Niemand konnte sich in
sein eigenes Zimmer verziehen, weil es gab halt nur eine
geheizte Stube - oder nur ein Iglu oder ein Teepee in dem
man bleiben musste, auch wenn´s Probleme gab. Auch das
Gemeinschaftsbett, das es ja damals gab, ist so ein Bild
dafuer - da musste man sich ertragen,
obwohl du
stinkst oder obwohl du schnarchst" - und wenn du dich
umdrehst, muss ich mich auch umdrehen, sonst ist zu wenig
Platz fuer uns alle. Es war eine gegenseitige Anpassung an
Schwierigkeiten noetig. Und man konnte zwar schweigen, aber
man konnte es nicht lange aushalten - man musste also durch
den eingeschraenkten Lebensraum irgendwie lernen, sich zu
arrangieren, sich zu ertragen. Das selbe Phaenomen finden
wir heute auch bei Leuten, die auf der Flucht sind - in
Grosny, oder im Kosovo z. B. - die muessen sich ertragen und
zusammenhalten. Die kommen gemeinsam in Noete und muessen
zusammenhalten in der Not - und dann finden sie den
Freund in der Not"
Weil, richtige Freunde und
auch die Liebe findet man nur in schlechten Zeiten",
denn erst dann koennen wir die Liebe trotz aller Vorbehalte
ueben.
Zwangslaeufig also konnte man in frueheren Zeiten die Liebe
mehr ueben als heute. Schau, wenn ein Vater heute die
Computer-Maus mehr streichelt als seine eigene Frau,
staendig im Internet surft und dort mehr kommuniziert, als
mit seinen eigenen Kindern, dann kann die Liebe nicht
wachsen. Im Gegenteil, dann geht sie unter. Jeder geht seine
eigenen Wege, und wir rutschen immer mehr in die Anonymitaet
und in die Unverbindlichkeit. Ich kann heute dem
australischen Verhaltens-Psychologen im Fernsehen zuhoeren
und sagen Das stimmt nicht, was Sie sagen, ich schalte
aus." Oder jemandem schreiben: Das hat mich verletzt,
ich breche den Kontakt mit Ihnen ab!" Punkt.
Aber das ist nicht das Wesen der Liebe!
In der sogenannten Eso-Szene
gibt es viele Menschen, die Liebe fuer alles fordern. Wir
sollen unsere Mutter Erde genauso lieben, wie unseren
Nachbarn, unseren Partner, unsere Kinder oder die Kassierin
im Supermarkt
Manchmal denke ich, dass hier eine
absolute Selbstueberforderung passiert. Diese Leute erwarten
von sich selbst, alles und jeden lieben zu
muessen
Du meinst solche, die z. B. auch kein
Fleisch oder Fisch essen, weil sie die Tiere lieben oder das
Gemuese nur roh essen, weil sie es lieben, die ueber keine
Wiese gehen, wenn sie gemaeht ist und immer nur laecheln und
freundlich sind, weil sie alle lieben? Die sind irgendwie
sehr duenn" - ja, die sind irgendwie nicht
quicklebendig, sondern duenn. Weil sie leben nicht in der
Polaritaet. Sie unterdruecken Konflikte, und wenn es aber
mal richtig kracht, dann explodieren sie
Dieser hohe Anspruch an die
Liebe ist ja etwas, was durchaus auch die christlichen
Kirchen vermitteln.
Ja, aber oftmals rutschen wir dann in
eine Scheinheiligkeit. Denn das neue Testament verlangt ja
sogar unbedingt die Polaritaet, ein Entweder-Oder, entweder
warm oder kalt - aber ja nicht lau! Beides gehoert zur
Lebendigkeit, Liebe und Hass - aber die Liebe soll staerker
sein. Auch Jesus lebte uns das vor, er stellte sich dieser
Polaritaet, er kaempfte, er gab nicht immer gleich nach, er
verneigte sich nicht vor seinen Kritikern
aber er
stellte sich ihnen.
Jirina, was ist deine Vision
fuer eine menschlichere Zukunft?
Ich stelle mich in diesem Leben ganz
meinem inneren Auftrag: der Erneuerung der Liebesfaehigkeit
bei den Menschen. Und ich fange bei Familien an, denn dort
liegt die Wurzel - erst dann kann sich etwas in unseren
zwischenmenschlichen Beziehungen allgemein aendern - und
diese Veraenderung kann sich dann bis auf politische Ebenen,
zwischenstaatliche Kontakte usw. ausweiten.
Ganz herzlichen Dank fuer das
offene Gespraech.
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