Von Angesicht zu Angesicht

Wie die Liebe waechst


Ein WEGE-Exklusiv-Interview mit Dr. Jirina Prekop (Begruenderin der Festhalte-Therapie, Bestsellerautorin zahlreicher Buecher ueber das Leben mit Kindern)

von Eva Schreuer

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Es MUSS sein. Vor Abdruck dieses Gespraechs muss ich meine Dankbarkeit ausdruecken. Geht´s doch hier um eine Frau, die mich seit ich Mutter bin (und wahrscheinlich Tausende andere Eltern ebenso) begleitet, staerkt und mir immer wieder Mut gemacht hat. Ihre Buecher waren und sind nicht unumstritten - aber ich wage hier mal zu behaupten, dass diejenigen, die ihre Aussagen kritisieren, nicht mit dem Herzen lesen. Denn Jirina Prekop spricht und schreibt mit dem Herzen - hauptsaechlich ueber jenen Halt und jene Geborgenheit, die viele von uns in ihrer eigenen Kindheit missen mussten.

Mit bewundernswerter Ausdauer und Lebensfreude gondelt die heute 71-jaehrige (Kinder-)Psychologin durch alle deutschsprachigen Lande, um ihre Botschaft zu verkuenden: „Lasst uns einander festhalten, umarmen und so wieder lernen, was Liebe ist!" Im vergangenen Fruehling hielt sie in unserer Naehe - in einem Saal gesteckt voll mit fragenden Muettern und Vaetern - einen ihrer Vortraege zum Thema „Welchen Halt brauchen Kinder?". Und am naechsten Tag trafen wir uns zum Fruehstueck, das dann bis Mittag dauerte und nach dem ich ihr meinen Dank direkt ausdruecken konnte - mit einer Umarmung…

 

Jirina, lass mich ganz provokant gleich mit der Tuer ins Haus fallen: Was ist Liebe?

 

Ich weiss nicht, dass es bisher irgend einem Philosophen auf der ganzen Welt gelungen ist, Liebe zu definieren. Trotz aller Versuche, es zu tun.
Aber wir wissen, wie sie entsteht und wie sie wahrgenommen wird. Liebe ist ein Ereignis, eine Wahrnehmung des Herzens. Und ich weiss nur Eines: Wir fuehlen uns geliebt, wenn wir vorbehaltlos im Herzen des Anderen angenommen sind. Ich weiss mich geliebt, wenn mich jemand mag und annimmt, trotz aller Vorbehalte, trotz meiner Schwaechen, Fehler, Unzulaenglichkeiten - wenn seine Liebe und Zuneigung groesser ist, als der Ekel oder der Widerstand oder was auch immer, was ihn bei mir stoert.
Sollte ich nur unter bestimmten Vorbehalten geliebt werden - z. B. wenn ich immer jung bin, oder immer ordentlich, oder wenn ich immer puenktlich nach Hause komme, oder wenn ich nie meinen aerger ausdruecke… - dann waere ich in steter Unruhe, waere immer unsicher, ob mich dieser Mensch auch wirklich liebt. Die Liebe muss sich naemlich in schlechten Zeiten bewaehren. Erst dann, wenn etwas nicht in Ordnung ist, wird die Liebe getestet auf ihre Vorbehalte. Die Bedingungslosigkeit der Liebe ist fuer mich die Garantie, dass die Liebe wahrgenommen wird.
Und diese Vorbehaltlosigkeit muss vor allem in der Familie gelebt werden. Ein Kind sollte sich schon im Bauch der Mutter angenommen und geliebt fuehlen, obwohl vielleicht schwere Zeiten ausgebrochen sind, auch wenn die Mutter vielleicht gar kein Kind wollte oder man sie verlassen hat, usw. Ich glaube, dass ein Mensch sich schon vor seiner Zeugung entscheidet, dass er genau zu dieser Mutter und diesem Vater kommt. Und er moechte dann auch sicher landen, moechte sicher wissen: Hier bin ich angenommen! Dann geht es ihm sehr gut. Sicherlich gibt es auch Seelen, die schon hier eine Pruefung auf sich nehmen - die sich schon in der Schwangerschaft der Unsicherheit der Mutter „Will ich dich oder will ich dich nicht" aussetzen. Dann beginnt der schwere Weg des Kindes schon im Bauch der Mutter.
Aber im guenstigen Fall hat das Kind dieses volle Angenommensein schon von der Mutter mitbekommen und sollte es auch im Lauf seiner Entwicklung immer wieder an sich selbst spueren und auch in der Beziehung seiner Eltern erleben. Wenn ein Kind weiSS, die Eltern nehmen sich gegenseitig an, unter allen Bedingungen, sie gehen nicht auseinander, nur weil der Papa zu spaet nach Hause kommt und es Zoff gibt z. B. - dann fuehlt sich ein Kind sicher und geborgen, es kann sich auf die bedingungslose Liebe der Eltern verlassen.

 

Aber viele Muetter (oder Vaeter) haben ja selbst diese vorbehaltlose Liebe nie erlebt.
Was sollen sie dann an ihre Kinder weitergeben? Kann man Liebe lernen?

 

Eine schwierige Frage. Ich beobachte auch, dass uns die Liebe immer mehr abhanden kommt. Weil - um Vorbehaltlosigkeit wahrzunehmen, muss ich auch die Vorbehalte wahrnehmen koennen. Ich muss wahrnehmen, was dir an mir und was mir an dir stinkt (also z. B. es stinkt mir, dass du staendig vor´m Fernseher sitzt, Mann… oder …dass du dauernd zu deinen Psycho-Seminaren faehrst, Frau) - ich muss wissen, was dir wegen mir und mir wegen dir weh tut - und wir muessen spueren, dass du mich und ich dich trotzdem liebe. Und ich muss das auch ausdruecken koennen!
Und wenn ich es ausdruecke, kommt aber noch etwas Wichtiges: Erstens muss ich wissen, dass du nicht auf Durchzug schaltest - sondern dich hineinfuehlst in mich, in meinen Zorn, meine Vorbehalte, in mein Gefuehl. Und zweitens darf ich beim Ausdruecken meiner Vorbehalte nicht hergehen und mein Gegenueber einfach beschimpfen („Du bist der Schuldige,… oder ein Trottel oder Hallodri…"), sondern ich muss meine Gefuehle ausdruecken: „Ich bin verletzt, mir geht es nicht gut damit…" - und ich vertraue, dass der Andere bereit ist, sich in mich hineinzufuehlen, damit er spuert, dass ich ihn vorbehaltlos liebe. Ohne dieses Einfuehlen geht es also ueberhaupt nicht. Es geht um einen Dialog, einen Austausch der Herzen - der Kopf ist zwar das Medium dafuer, aber mein Kopf und mein Mund bemuehen sich nur, das auszudruecken, was ich in meinem Herzen empfinde…
Und diese Faehigkeit des Einfuehlens wird in unserer technokratischen Welt immer schwaecher. Das laesst sich schon sehr gut bei den jungen Muettern beobachten, die noch Babys haben - die haben schon viel weniger Hineinfuehlen in das Kind, als es frueher war. Zu diesem Hineinfuehlen gehoert z. B. der sogenannte Baby-Talk - das Nachahmen der Mutter, wie es dem Baby grade geht. Das faengt normalerweise gleich nach der Geburt an, wenn das Kind z.B. an der Brustwarze schmatzt, dass die Mutter dann mitschmatzt „Mhmm, schmeckt das gut…" oder die Laute des Kindes nachahmt oder gurrt, wenn ihr Baby in ihrem Arm gurrt. Es gibt sogar Untersuchungen, welche die Wichtigkeit des Baby-Talks bestaetigen - wenn die Mutter mitschmatzt, blickt das Baby seine Mutter an, es gibt innigen Blickkontakt und das Kind fuehlt sich verstanden, „…meine Mutter weiSS, was ich gerade fuehle!" Das ist keine Verstandessache, das ist eine Sache des liebenden Herzens: „Du bist zu mir gekommen - ich fuehle mich in dich hinein, fuehle, wie es dir gerade geht."
Und das geht immer mehr bergab. Immer mehr Muetter kommen zu mir, weil sie stundenlang mit ihrem schreienden Baby durch die Eigentumswohnung oder den Bungalow huepfen und rennen oder es stundenlang an der Brustwarze saugen lassen bis diese blutig ist, damit sich das Kind beruhigt. Keine macht sich Gedanken, wie es dem Kind wirklich geht. Dabei will das Kind einfach erfahren: Ich bin deine Mama, ich bin deine beste Mama, ich setze mich jetzt mit dir hin, halte dich im Arm und werde dich mich spueren lassen und dir widerspiegeln, wie es dir geht mit „Wouwouwou" und mitweinen und jammern, bis es dir gut geht. Ich bin deine Festung. Ich gebe dir meinen inneren Halt. Ich bin nicht dauernd getrieben von Unsicherheiten und „…was soll ich jetzt tun?" Das Kind muss sich verlassen koennen auf eine konstante, selbstsichere Mutter.

 

Aber was sollen die Muetter tun? Es ist doch eine Gefuehlssache und keine Kopfsache, hast du gesagt.

 

Doch, es ist nicht nur das Herz dabei, es ist auch eine Kopfsache. Da geht´s um die Emotionale Intelligenz, ueber die ja gerade ein Bestseller geschrieben wurde. Schau, wenn ich mich z. B. jetzt mit dir ueber Totgeburten unterhalte, und ich weiss, dass du ein Kind verloren hast, dann fuehle ich mich vor und waehrend des Gespraechs in dich hinein: „Was wirst du fuehlen, wenn ich das Thema anschneide?" Aber weil wir uns vorher darueber unterhalten haben und ich weiss, dass du weisst, was ich weiss (naemlich ueber den Sinn eines solchen Erlebnisses), unterhalte ich mich wiederum ganz anders mit dir darueber. (lacht) Pff, das ist eine komplizierte Sache mit dem Hineinfuehlen, aber ich vertraue darauf, dass du und die WEGE-LeserInnen verstehen, was ich meine: Was wirst du tun, wenn ich es frage - aber weil du es weisst, was ich fuehle, komme ich dir schon entgegen… - das ist sehr wohl geistiges Kombinieren, das ist nicht mehr nur Herzenssache, das macht auch der Kopf.

 

Glaubst du, dass das alle Menschen koennen - dieses Hineinfuehlen und das geistige Kombinieren zu verbinden?

 

Man soll das koennen. Wir muessen das wieder lernen. Das gehoert zur Menschlichkeit.
Aber es geht uns immer mehr verloren durch die Trennung der Muetter von den Kindern. Wie etwa in der Nachkriegszeit, wo die Kinder in Krippen gesteckt wurden und dort verwelkten … (nachdenklich) verwelken, ein guter Begriff dafuer, was mit dieser Generation passiert ist. Ja, es ist auch eine Generationenfrage. Man hat z. B. Generationen lang so falsch bestraft, dass ein Hineinfuehlen gar nicht moeglich war. Bei einer Ohrfeige etwa dreht sich dein Kopf um 180 Grad - oder „dreh dich um und du bekommst Pruegel oder einen Klaps auf den Hintern und dann ab ins Zimmer!" - verstehst du, da sieht man sich nicht von Angesicht zu Angesicht. Diese Konfrontation zwischen Kind und Erwachsenem, sich Feedback zu geben „So geht es mir damit, wenn du dich so oder so verhaeltst", die war bei dieser Form der Bestrafung nie moeglich. Wenn ich mich aber eindeutig, von Angesicht zu Angesicht aeussere, mein Gefuehl, meinen Zorn, meine Wut, meine Verletztheit usw. zeige, dann gebe ich dem Kind die Chance, mich wahrzunehmen und sich in mich hineinzufuehlen. Ich muss das Kind dabei nicht erschrecken, vielmehr neugierig machen, wie es mir geht. Dann hat es die Chance, mich zu verstehen und kann auch lernen, eventuell Ruecksicht auf mich zu nehmen.
Das pflegen wir schon seit Generationen nicht mehr. Waehrend der autoritaeren Welle hat man so bestraft, wie eben beschrieben und ist dann gefluechtet. Und in der antiautoritaeren Zeit durfte das Kind sich alleine aufregen, wenn die Mutter bloed war, es konnte sagen „Du bist so bloed" oder „Du Arschloch" - und dann ab ins eigene Zimmer, Walkmankopfhoerer aufgesetzt oder Fernseher eingeschaltet und Ablenken von der Mutter… Aber diese Konfrontation der Gefuehle von beiden Seiten kam hier immer zu kurz. Die brauchen wir aber, um die Liebe immer wieder zu erneuern. Wir muessen unsere Vorbehalte aeussern lernen, nur um die Liebe zu erneuern. Das haben wir ueber Generationen nicht mehr gelernt, und das muessen und koennen wir aber wieder lernen. Wir sollten es lernen! Ich selber setze alle meine Kraefte dafuer ein, damit wir wieder lernen, unsere Vorbehalte zu aeussern, um vorbehaltlos lieben zu koennen. Das ist auch das Einzige, was ich mit meiner Festhalte-Therapie erreichen will. Nichts Anderes. Das Festhalten ist keine Strafe, kein Schmusen - es dient nur dazu, dass die beiden (Kind - Mutter, Kind - Vater, Mann - Frau…) sich gefuehlsmaessig konfrontieren, im nahen, frontalen Kontakt, von Galle zu Galle, von Herz zu Herz, von Angesicht zu Angesicht - um sich wieder lieben zu koennen.

 

Das heisst also, der Ausdruck von Wut und Aggression ist ein wichtiger Teil der Liebe…?

 

Ja klar, aber nicht nur, um sich abzureagieren. Auch, aber nicht nur. Ich mache das mit dem Festhalten deshalb, weil es, wenn ich Wut auf meinen Partner habe, nicht gut ist, im stillen Kaemmerchen Teller an die Wand zu schmeissen. Wenn der Aerger, die Wut auf meinen Ehemann, meine Mutter, auf mein Kind oder wen auch immer kommt, sollte ich dies im Kontakt miteinander abladen. Aber wir neigen dabei immer zur Flucht. Das ist ein wirklich primitiver Instinkt, der uns mit allen Tieren und allen Voelkern verbindet: Wenn´s schwierig wird, wenn das Negative ueberwiegt, ergreifen wir alle die Flucht, laufen weg. Beim Festhalten geht es nicht darum, diesen Fluchtinstinkt zu verbieten, sondern im Namen der Liebe zu konfrontieren, damit wir die Liebe erneuern.

 

Wenn ich also mit meinem Partner Stunk habe, sollten wir so lange beieinander bleiben, bis wir die Liebe wieder spueren!? Ganz schoen schwierig!

 

Ja! „Wir bleiben beisammen, bis wir uns wieder verstehen.- Ich aeussere meine Gefuehle, damit du mich verstehst." Und das ist oftmals nicht eine Sache von intellektuellen Erklaerungen, sondern die Loesung liegt in der Gefuehlswelt, im Herzen. Denn ein Mensch kann sich nicht immer aendern. Zum Beispiel, wenn Frau veraergert ist wegen seiner typisch maennlichen Eigenschaften (er MUSS sein Auto, er MUSS sein Internet haben usw.) - und Mann aergert sich ueber ihre typisch weiblichen Eigenarten (wie sie so kaprizioes einkauft, oder wie sie beim Erzaehlen vom Hundertsten ins Tausendste kommt, oder unklar bei der Erziehung ist, usw.) - das kann Mann oder Frau nicht aendern, das gehoert zu ihrer maennlich oder weiblich spezifischen Eigenart. Das KANN ich nicht aendern - aber ich kann hergehen und sagen: „Das aergert mich schrecklich, dass du so bist… aber ich liebe dich trotzdem. Ich „ertrage" dich, so wie du bist, weil ich dich liebe!" (lacht) Man schaetzt den „Opfergang", den der Andere auch tut in der Beziehung. Verstehst du, so ist das mit der Liebe.

 

Aber das kann man nicht lernen!?

 

Ich glaube schon. Man MUSS es lernen!
Den Fluchtreflex oder den Reflex zur aggressiven Gegenabwehr, den muessen wir nicht lernen - der ist uns angeboren. Der Moro-Reflex eines Neugeborenen zeigt diesen angeborenen Flucht- oder Rueckzugsreflex - Haende auseinander, Zurueckzucken, Fliehen…
Aber lernen muss man, diesen Fluchtreflex zu ueberwinden, und zwar vom Kopf her. „Ich lasse dich nicht fluechten und ich gehe selber auch nicht weg - ich halte dich so lange, bleibe dir so lange nahe, bis wir das bereinigt haben, bis wir diese Bindung erneuert haben." Das muss man lernen.

 

Das, was aber dann uebrig bleiben soll, das Lieben selbst, die Liebe an sich, darauf haben wir eigentlich keinen Einfluss. Es gibt Situationen, in denen ich mich auch mit einem Menschen konfrontiere - aber was uebrig bleibt, ist nicht unbedingt Liebe, eher Akzeptanz. Ist das Lieben nicht eher etwas, das uns von Hoeherer Instanz gegeben wird?

 

Ja, dieses Beduerfnis nach der vorbehaltlosen Liebe haben wir wirklich sozusagen vom Himmel her. Wir werden ja auch von Gott vorbehaltlos geliebt. Es ist nicht ein strafender Gott, sondern einer, der uns annimmt, zu sich nimmt, der uns beherbergt in dieser Heimat, so wie wir sind, mit allen unseren Fehlern, Schwaechen und sogenannten „Suenden".
Die Liebe kann naemlich wachsen, wenn ich mich so vorbehaltlos angenommen fuehle. Schau, wenn ich zum Beispiel einen Konflikt mit meiner Nachbarin habe, oder mit meiner Schuelerin streite, weil sie geschummelt hat oder was auch immer - wenn ich mit ihr mehrere Erfahrungen mache, dass sie mich (trotzdem ich ausgeflippt bin) mag und annimmt so wie ich bin, dann fange ich wohl irgendwann selber an, sie zu lieben.
Es gibt auch viele Ehen, die nicht unbedingt aus Liebe eingegangen wurden, in denen die Liebe so gewachsen ist - aus dem Gefuehl „Hier kann ich ohne Angst leben, mich anvertrauen, kann mich verlassen, hier bin ich zu Hause, hier werde ich trotz aller Vorbehalte angenommen, hier fuehle ich mich geborgen…" Ich meine nicht ein Aneinander-Angewoehnen, es ist ein Sich-kennen-Lernen, ein Sich-ertragen-Lernen, und daraus kann Liebe wachsen.

 

Eigentlich ist das ja der tiefere Sinn des Heiratens. Sich ein Versprechen zu geben: Wir bleiben zusammen, egal, was passiert, wir geben uns diese Geborgenheit, diese Sicherheit…

 

… nicht nur in guten, auch in schlechten Zeiten. Ja genau. Es geht um ein Zuhause, in dem ich geborgen bin und sein kann, so wie ich bin. In dem ich mich geliebt fuehle…
Aber zur Liebe gehoert auch, dass ich mich selbst liebe. Liebe beinhaltet immer zweierlei - „Liebe deinen Naechsten wie dich selbst", heisst liebe dich selber genauso, wie deinen Naechsten. Also ich muss mich auch selbst vorbehaltlos lieben koennen, nicht nur den Anderen - das muss sich die Waage halten.

 

Ist es nicht so, dass man ueberhaupt zuerst lernen muss, sich selbst zu lieben, bevor man andere wirklich vorbehaltlos lieben kann?

 

Das ist ein Prozess des Lebens. Mal ueberwiegt die eine, dann die andere Seite. Aber der Anfang ist, dass das Kind sich selbst geliebt fuehlt, dann kann es Liebe und auch die Selbstliebe im Verlauf seines Lebens entwickeln.
Als kleines Kind kennen wir noch keine Selbstliebe, wir leben in so einer Symbiose, in so engen Banden mit der Mama, dass wir unser Selbst noch gar nicht bewusst wahrnehmen. Wenn sich ein Kind ganz angenommen von seiner Mutter fuehlt, kann es im zunehmenden Losloesungsprozess seine Ich-Identitaet entwickeln, sich seiner selbst bewusst werden und auch lernen, sich selbst zu lieben. Die Mutterliebe ermoeglicht erst, uns spaeter selbst zu lieben. Hauptaechlich von der Mutter, aber auch vom Vater muessen wir Lieben lernen.

 

Und wenn man dies nicht von der Mutter mitbekommen hat, muss man es spaeter selber lernen…!?

 

Ja, aber das ist dann sehr schwer! Wenn ich als Kind vordergruendig mitbekomme „Das ist schrecklich, wie du bist. So mag ich dich nicht", dann empfinde ich mich im Grunde meines Herzens als nicht liebens-wuerdig. Dann habe ich nicht das Recht, mich selbst zu lieben wie ich bin - weil es ja allen in der Familie ueberhaupt nicht gefaellt, wie ich bin. Ich muss mich als Kind staendig selbst in den Anderen spiegeln - und was mir gespiegelt wird, uebernehme ich in mein Herz…

 

Und weil uns das immer mehr abhanden kommt, gibt es offensichtlich auch diesen wachsenden Trend zu Selbsterfahrungsseminaren. Ich glaube, dass viele Menschen die Liebesfaehigkeit in dieser Form wieder zurueckholen muessen - weil sie in ihrer Kindheit ein Manko haben.

 

Ja, auch so - weil Selbsterkenntnis gehoert zu der Weisheit, und die kann man auch lernen. In Selbsterfahrungs-Seminaren muessen wir etwas ueber den Kopf lernen, was wir nicht so ganz ins Herz bekommen haben. Da entwickeln wir schon unsere Weisheit, wenn wir anfangen zu erkennen: Obwohl meine Mutter, mein Vater, meine Oma, meine Freunde, mein Lehrer usw. dies und das bei mir nicht geliebt haben, kann ich mich trotzdem selber lieben. Und - solange ich abhaengig von denen bin, kann ich mich selbst nicht voll und ganz lieben. Bei der Selbsterfahrung schaue ich in mir nach, wie ich eigentlich bin, was ich denn fuer Schwaechen, fuer Fehler aber auch Staerken habe und ob ich nicht trotz aller Vorbehalte, die die Anderen gegen mich haben, etwas Besseres draus machen kann.
Aber da bin ich schon ein erwachsener Mensch, der unabhaengig von Urteilen in sich selbst gehen und die Vorbehalte sich selbst gegenueber akzeptieren kann - und entscheiden kann, sich trotz allem zu lieben. Denn jeder hat Vorbehalte, jeder von uns hat Positives und Negatives in sich…

 

Glaubst du, dass die Menschen vor 200 oder 300 Jahren liebesfaehiger waren, als heute?

 

Das ist schwer zu sagen… Das weiss ich wirklich nicht - aber jedenfalls konnten sie viel weniger vor einem Konflikt fluechten. Niemand konnte sich in sein eigenes Zimmer verziehen, weil es gab halt nur eine geheizte Stube - oder nur ein Iglu oder ein Teepee in dem man bleiben musste, auch wenn´s Probleme gab. Auch das Gemeinschaftsbett, das es ja damals gab, ist so ein Bild dafuer - da musste man sich ertragen, „…obwohl du stinkst oder obwohl du schnarchst" - und wenn du dich umdrehst, muss ich mich auch umdrehen, sonst ist zu wenig Platz fuer uns alle. Es war eine gegenseitige Anpassung an Schwierigkeiten noetig. Und man konnte zwar schweigen, aber man konnte es nicht lange aushalten - man musste also durch den eingeschraenkten Lebensraum irgendwie lernen, sich zu arrangieren, sich zu ertragen. Das selbe Phaenomen finden wir heute auch bei Leuten, die auf der Flucht sind - in Grosny, oder im Kosovo z. B. - die muessen sich ertragen und zusammenhalten. Die kommen gemeinsam in Noete und muessen zusammenhalten in der Not - und dann finden sie den „Freund in der Not"… Weil, richtige Freunde und auch die Liebe findet man nur in „schlechten Zeiten", denn erst dann koennen wir die Liebe trotz aller Vorbehalte ueben.
Zwangslaeufig also konnte man in frueheren Zeiten die Liebe mehr ueben als heute. Schau, wenn ein Vater heute die Computer-Maus mehr streichelt als seine eigene Frau, staendig im Internet surft und dort mehr kommuniziert, als mit seinen eigenen Kindern, dann kann die Liebe nicht wachsen. Im Gegenteil, dann geht sie unter. Jeder geht seine eigenen Wege, und wir rutschen immer mehr in die Anonymitaet und in die Unverbindlichkeit. Ich kann heute dem australischen Verhaltens-Psychologen im Fernsehen zuhoeren und sagen „Das stimmt nicht, was Sie sagen, ich schalte aus." Oder jemandem schreiben: „Das hat mich verletzt, ich breche den Kontakt mit Ihnen ab!" Punkt.
Aber das ist nicht das Wesen der Liebe!

 

In der sogenannten Eso-Szene gibt es viele Menschen, die Liebe fuer alles fordern. Wir sollen unsere Mutter Erde genauso lieben, wie unseren Nachbarn, unseren Partner, unsere Kinder oder die Kassierin im Supermarkt… Manchmal denke ich, dass hier eine absolute Selbstueberforderung passiert. Diese Leute erwarten von sich selbst, alles und jeden lieben zu muessen…

 

Du meinst solche, die z. B. auch kein Fleisch oder Fisch essen, weil sie die Tiere lieben oder das Gemuese nur roh essen, weil sie es lieben, die ueber keine Wiese gehen, wenn sie gemaeht ist und immer nur laecheln und freundlich sind, weil sie alle lieben? Die sind irgendwie sehr „duenn" - ja, die sind irgendwie nicht quicklebendig, sondern duenn. Weil sie leben nicht in der Polaritaet. Sie unterdruecken Konflikte, und wenn es aber mal richtig kracht, dann explodieren sie…

 

Dieser hohe Anspruch an die Liebe ist ja etwas, was durchaus auch die christlichen Kirchen vermitteln.

 

Ja, aber oftmals rutschen wir dann in eine Scheinheiligkeit. Denn das neue Testament verlangt ja sogar unbedingt die Polaritaet, ein Entweder-Oder, entweder warm oder kalt - aber ja nicht lau! Beides gehoert zur Lebendigkeit, Liebe und Hass - aber die Liebe soll staerker sein. Auch Jesus lebte uns das vor, er stellte sich dieser Polaritaet, er kaempfte, er gab nicht immer gleich nach, er verneigte sich nicht vor seinen Kritikern… aber er stellte sich ihnen.

 

Jirina, was ist deine Vision fuer eine menschlichere Zukunft?

 

Ich stelle mich in diesem Leben ganz meinem inneren Auftrag: der Erneuerung der Liebesfaehigkeit bei den Menschen. Und ich fange bei Familien an, denn dort liegt die Wurzel - erst dann kann sich etwas in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen allgemein aendern - und diese Veraenderung kann sich dann bis auf politische Ebenen, zwischenstaatliche Kontakte usw. ausweiten.

 

Ganz herzlichen Dank fuer das offene Gespraech.