Die Kunst ein Paar zu bleiben


Von Doris Idning

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Nach durchschnittlich zehn Jahren werden fast die Hälfte aller in Österreich geschlossenen Ehen wieder geschieden (Statistik Austria 2008). Wahrscheinlich waren all diese Menschen an ihrem Hochzeitstag schwer verliebt, voller Euphorie und fest davon überzeugt, den Mann oder die Frau ihres Lebens gefunden zu haben. Warum und wodurch ist das anfängliche Feuer der Verliebtheit erloschen? Oder besser: Was braucht es, um die Liebe am Leben zu erhalten? Es braucht das Bewusstsein, dass jede Liebesbeziehung ganz natürliche Entwicklungsstufen durchläuft. Wenn wir diese Phasen kennen und ernst nehmen, dann genügen nur von Zeit zu Zeit kleine Kurskorrekturen, und wir können das Leben zu zweit genießen - auch ein Leben lang.

 

Jede Liebe ist einzigartig, so wie auch jeder Mensch etwas Besonderes ist. Bei aller Individualität ist jede Liebesbeziehung dennoch bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterworfen, welche die Psychologin und Familientherapeutin Dr. Katja Kaiser in ihrem Buch (s. Infos) anschaulich darstellt. Dabei beruft sie sich auf C.G. Jung, der erkannte, dass sich die meisten Beziehungen nach einem bestimmten Muster entwickeln, welches er in vier Phasen eingeteilt hat: Verliebtheit - Rücknahme der Projektionen - Nähe-Distanz-Regulierung und - Bedingungslose Liebe.
Erfahrungsgemäß laufen diese Stadien nicht chronologisch ab, sie können sich immer wieder abwechseln. Doch das Wissen darum kann eine ausgezeichnete Orientierungshilfe für jede Partnerschaft sein. Es führt im Verlauf der Beziehungsjahre immer wieder zu einer bewussten Auseinandersetzung mit uns selbst und unseren Wünschen, mit nicht haltbaren Illusionen und der manchmal auch ernüchternden Realität.

Partnerschaft ist etwas Lebendiges
Jede Partnerschaft ist voller Dynamik. Immerhin treffen sich hier zwei völlig unterschiedliche Menschen, jeder mit einer eigenen Biografie und Lerngeschichte, mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen, Erwartungen, Vorstellungen und Konzepten. So berauschend die erste Zeit einer Liebesbeziehung auch sein mag - irgendwann kommt die „Ernüchterung“. Irgendwann fällt jedem von uns die rosarote Brille von der Nase, und wir bemerken, dass hier zwei total unterschiedliche Lebens- und Gefühlswelten aufeinander prallen. Dann müssen wir feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, eine gemeinsame Welt zu gestalten, in der beide gleichermaßen zufrieden und glücklich sind. DAS nennt man „Beziehungs-Arbeit“ - und wer sich eine längerfristige Beziehung wünscht, sollte sich dessen bewusst sein, dass es diese „Arbeit“ braucht. So manche Scheidungspaare könnten wahrscheinlich noch immer ihre Beziehung genießen, wenn sie sich dieser Herausforderung bewusst gestellt hätten. Aber leider betrachten viele Frauen und Männer schon die ersten heftigen Auseinandersetzungen als scheinbar unüberbrückbare Hindernisse und werfen die Flinte viel zu früh ins Korn.
Wer also seine Liebesbeziehung immer wieder aufs Neue genießen möchte, sollte die verschiedenen Beziehungsphasen kennen und integrieren:

Phase 1: Sich verlieben
Ich bin Du - Du bist Ich
Das braucht wohl am wenigsten Erklärung. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, wenn jede Körperzelle trunken ist vor Liebe - wenn unsere Seele fliegt - wenn wir ganz und gar erfüllt sind von diesem satten Lebensgefühl…? Im Zustand der Verliebtheit geht es nicht nur um die Anziehung, die ein anderer Mensch auf uns ausübt - es geht noch viel tiefer: Die ersten Wogen des Verliebtseins berühren unsere existenzielle Sehnsucht nach Einheit - sie lassen uns jene vollkommene Liebe erahnen, die wir im tiefsten Innern sind… und manchmal dürfen wir diese Einheit sogar unmittelbar erfahren. Es ist also nicht nur der Mensch, der uns den Kopf verdreht hat, sondern viel mehr diese schlummernde Sehnsucht nach der Urerfahrung der Einheit, die uns in diesem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand berauscht. Plötzlich erleben wir das Leben derart intensiv, optimistisch und energiegeladen, dass alle Schwierigkeiten und Probleme wie weggeblasen scheinen. Verliebte sehen auch ihren Partner meist nicht so, wie er tatsächlich ist, sondern mit verklärtem Blick, mit „anderen Augen“… Die Liebe kann uns sogar so blind machen, dass wir in den Anderen alles hineininterpretieren, all unsere Träume, Wünsche und unerfüllten Erwartungen.
Doch irgendwann erreicht jede/r Verliebte den Punkt, an dem der Schleier von den Augen fällt: Es ist gar nicht so sehr der andere Mensch, der mich in diesen Siebten Himmel katapultiert hat, sondern meine eigenen Vorstellungen und Konzepte…
 
Phase 2: Projektionen zurücknehmen
Du bist anders - Ich bin anders
Oft ereilt sie uns schon in der ersten Beziehungs-Krise: Die schmerzliche Erkenntnis, dass der Partner ganz anders ist, als ich selbst. Er ist auch ganz anders, als ich mir vorgegaukelt habe - und schlimmstenfalls hat er mit meinen Erwartungen gar nichts zu tun. Wenn wir nach dieser ersten „Ausnüchterung“ mit dem Partner zusammenbleiben, können wir lernen, alle Projektionen Zug um Zug zurück zu nehmen. Jetzt beginnt die Übung:
Wir bauen uns unsere gemeinsame Welt auf, und erleben gleichzeitig, wie unsere beiden unterschiedlichen Welten aufeinander prallen. Wir richten uns ein gemeinsames Leben, eine gemeinsame Wohnung ein, planen gemeinsame Aktivitäten, den Alltag, das Familienleben… und müssen immer wieder enttäuscht feststellen, dass der Andere gar nicht so ist, wie ich dachte und ganz andere Wünsche, Gedanken und Vorstellungen hat als ich selbst. Diese Ent-Täuschung bedeutet aber nicht - wie viele befürchten - gleich das nahende Beziehungsende. Sie ist sogar ein sehr gutes und gesundes Anzeichen für eine lebendige Beziehung.
Zuerst muss ich mich aber bei der eigenen Nase nehmen: Denn nicht der Andere hat mich ent-täuscht - vielmehr sind es meine eigenen Vorstellungen, die ich in ihn oder sie hineingelegt habe, die ent-täuscht wurden. Natürlich hat der Partner meine Projektionen wochen- oder monatelang gewissermaßen gefüttert, indem er sich von seiner Schokoladenseite präsentiert und mir die Wünsche buchstäblich von den Augen abgelesen hat. Aber höchst wahrscheinlich habe ich mich in meiner Verliebtheit ähnlich verhalten, sodass auch er es ganz leicht hatte, alles Mögliche in mich hinein zu interpretieren. Vielleicht haben wir uns aber auch beide so gezeigt, wie wir eben sind und uns trotzdem gegenseitig mit Projektionen gefüllt, ohne es zu merken. Das ist im Zuge des Verliebtseins ganz natürlich.
Es sind ganz andere Projektionen, die ich nun zu mir zurück nehmen sollte: Zum Beispiel meine Wünsche, Glaubenssätze und Übertragungen (besonders von den Eltern) von einer scheinbar glücklichen Beziehung. Oder all meine eigenen Schattenseiten, die ich auf den Partner übertragen habe. Natürlich ist es schwierig, eine entlarvte Projektion zurück zu nehmen - ist es doch gerade die rosarote Brille, welche die Liebe für viele Menschen so liebenswert macht. Und natürlich ist es schmerzvoll, zu erkennen, dass der Andere doch nicht so tolerant, geradlinig, interessiert ist, wie ich anfangs dachte - gleichzeitig ist es aber auch heilsam, zu erkennen, dass er gar nicht so engstirnig, ängstlich, geizig oder egoistisch ist, wie ich ihn anfangs eingeschätzt habe. Über das Zurücknehmen der Projektionen erwachen wir selbst und unsere Beziehung im besten Sinne. Wir lösen uns dabei mehr und mehr von dem, was gar nicht real ist - denn Projektionen speisen sich letztlich aus Erfahrungen der Vergangenheit und aus Hoffnungen für die Zukunft.
In diesen Beziehungsphasen tauchen zwangsläufig Auseinandersetzungen, Streitereien und Krisen in der Partnerschaft auf - das sind keine „Kriege“, sondern jeweils sicht- und fühlbar gewordene Anzeichen dafür, dass wir unsere Projektionen noch nicht vollständig überwunden haben. Darum sollten wir Auseinandersetzungen nicht vermeiden oder verfluchen, sondern begrüßen. Sie fordern uns immer wieder heraus, alle Projektionen vollkommen loszulassen - damit ebnen sie uns den Weg für ein ehrliches und authentisches Miteinander und letztendlich für die bedingungslose Liebe. Das heißt nicht, dass es irgendwann keine Auseinandersetzungen mehr geben wird - aber sie bekommen eine ganz neue Qualität. Je authentischer wir werden, desto einfacher wird es, Beziehungskrisen zu meistern.

Phase 3: Nähe-Distanz regulieren
Ich bin Ich - Du bist Du
Zu Beginn der Beziehung möchten wir möglichst keine Minute ohne den Anderen verbringen. Früher oder später müssen wir das aber wieder ausbalancieren - denn Nähe und Distanz (und zwar gleichwertig) sind maßgebliche Bewegungen für die Lebendigkeit einer Partnerschaft. Wir müssen gemeinsam herausfinden, wieviel Nähe und Distanz jeder für sich selbst und für die Beziehung braucht. Das ist nicht gerade leicht, denn die Bedürfnisse können hier sehr unterschiedlich sein. So kann einer z. B. die Vorstellung haben, man sollte in der Partnerschaft alles miteinander machen - der Partner hingegen will öfter mal alleine für sich sein, um sich wohl zu fühlen
Beim Lösen dieser Aufgabe stoßen Paare oft mehr oder weniger heftig zusammen - und immer heißt es, erneut auszuhandeln und offen zu kommunizieren, bis beide zufrieden sind. Wir müssen ganz offen und ehrlich darüber reden, wie viel Zeit wir miteinander verbringen und wie wir sie gestalten wollen, wieviel Zeit ich für mich selbst brauche und was ich damit tun will. In diesem Prozess werden wir oft auch mit unseren tiefen Ängsten konfrontiert: Mit der Angst, mich selbst bei zu viel Nähe zu verlieren - oder mit der Angst, den Anderen zu verlieren, wenn ich ihm (oder mir selbst) zu viel Freiheit gewähre. Auch diese Ängste sollten besprochen werden!
Beim Balancieren von Nähe und Distanz taucht in der Regel auch die Frage auf, ob wir jeweils unseren eigenen Freundeskreis wirklich pflegen (was den Frauen meist besser gelingt als den Männern) - auch ob wir unseren eigenen Interessen noch ausreichend nachkommen, wie etwa Sport betreiben, Reisen oder ein Instrument spielen. Oft wird in dieser Phase auch deutlich, dass einer der Partner gar kein Hobby hat oder gar nicht weiß, was ihm Freude und Ausgleich verschafft. Vielleicht hat er/sie im bisherigen Leben einfach noch gar nicht erfahren, dass neben der Arbeit und der Beziehung auch etwas Anderes Platz haben darf.
Wer sich eine lebendige Beziehung wünscht, sollte also die althergebrachten Bilder loslassen können, dass Liebespaare immer zusammen sein und alles miteinander erleben müssen. Beide Partner müssen auch immer wieder etwas für sich alleine unternehmen, um sich als eigenständige Menschen wahrzunehmen. Erfahrungsgemäß  bekommt die Beziehung dann viel mehr Leichtigkeit, und wir fühlen uns zum Anderen wieder viel mehr hingezogen.

Phase 4: Bedingungslose Liebe
Ich bin Liebe - Du bist Liebe
„Liebe“ wird in unserer Gesellschaft sehr stark über die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse definiert. Viele Menschen sagen „Ich liebe dich!“, wenn sie spüren, dass sie durch den Anderen etwas bekommen - etwa emotionale oder/und materielle Sicherheit, Zärtlichkeit, sexuelle Befriedigung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Energie, Zufriedenheit oder Einheitsgefühle. Wenn der Partner das, was wir erwarten (also meine Bedingungen) nicht mehr erfüllt, dann haben wir leicht das Gefühl, ihn nicht mehr zu lieben - oder nicht mehr geliebt zu werden. Statt „Ich liebe dich!“ müssten wir also richtigerweise sagen „Ich benutze dich!“. Dieser Zusammenhang ist uns oft nicht bewusst, weil wir so damit beschäftigt sind, nach äußerer Bestätigung zu jagen.
„Bedingungs-lose Liebe“ hingegen bedeutet, den Anderen einfach so zu respektieren und zu lieben, wie er/sie ist!… Sind wir Menschen dazu überhaupt in der Lage? Bei den eigenen Kindern fällt das vielleicht noch leichter. Aber in einer Partnerschaft können wir uns an die bedingungslose Liebe meist nur annähern und sie daher nur momentweise erfahren. Wir können uns noch so sehr bemühen, die verschiedenen Stufen einer Beziehung wirklich bewusst zu durchleben - wir werden immer wieder zwischen den Zuständen „Haben“ und „Sein“ hin- und herpendeln - einfach weil wir Menschen sind. Wir werden der bedingungslosen Liebe einmal weniger nah, einmal näher, manchmal ganz nah sein - und wenn wir offen, ehrlich und klar mit uns und mit dem Anderen sind, dürfen wir sie in manchen Momenten ganz tief erleben.

Der Weg zur Liebe
… führt über das Einlassen aufeinander - und über das Erkennen, dass jede Partnerschaft durch die erwähnten vier Phasen reift und wächst. Dann erlebe ich irgendwann dieses erfüllende Gefühl, dass ich mich nicht mehr ganz so schnell vom Partner in einen Streit verwickeln lasse, weil ich die Projektions-Dynamik dahinter erkenne. Oder dass ich nicht mehr ganz so viel vom Partner fordere und ihn mehr sein lassen kann. Dann werden auch unsere Beziehungs-Krisen nicht mehr ganz so lange dauern - und ich werde merken, dass nicht nur wir als Paar daran wachsen, sondern auch ich selbst.
Wenn es mir also gelingt, die Partnerschaft nicht mehr als Instrument zu benutzen, um meine Bedürftigkeit zu befriedigen und meinen Mangel auszufüllen, dann rückt die bedingungslose Liebe immer näher. Dann kann ich meine/n PartnerIn so annehmen, wie er/sie ist, ohne ständig verurteilen oder verändern zu wollen. Wenn es im Miteinander kein Opfer und keinen Täter mehr gibt, auch keinen Ankläger und keinen Angeklagten, keinen Abhängigen und keinen Co-Abhängigen - dann erleben wir bedingungslose Liebe.
Bedingungslose Liebe ist im Sein zu Hause - ja sie ist sogar das Sein selbst. Daher können wir sie nie verlieren, und sie wird uns auch nie verlassen. Sie ist immer da. Und in der Liebe zum Anderen spüren wir das Feuer dieser allgegenwärtigen Liebe. In ihr liegen Leichtigkeit und Freiheit - für uns selbst und für unser Miteinander.

 

 

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Doris Iding

Jg 1962, ist Ethnologin, mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernden Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin, sowie als Dozentin bei Yogalehrerausbildungen zum Thema Yogaphilosophie. Ihr besonderes Interesse liegt an der Vermittlung eines neuen Bewusstseins. Ihre Bücher wurden  in 10 Sprachen übersetzt.
Kontakt: www.doris-iding.de

 

Zum Weiterlesen:
• Die Liebe ist das Allerwichtigste
Die Kunst ein Paar zu sein und zu bleiben

von Katja Kaiser (Theseus, 2009)