Wider die
kinderfeindliche
Gesellschaft
von Günther
Nenning
...
für
eine hellere, freundlichere, seltsamere Welt

Das Kind als
Fessel ...und schuf keinen Mann und
kein Weib, sondern einen Single." - Gott ist selber ein
Single, nicht verheiratet und allein lebend in seinem Loft.
Und hat doch viele Kinder, unzaehlbar viele. Und sie sind
ihm nicht im Wege, sondern im Gegenteil, siehe seinen Sohn
Jesus, der die Kindlein zu sich kommen laeßt. In
Sachen Kinderfreundlichkeit ist Jesus also ganz unmodern. Da
ist Buddha viel naeher dran am Puls der Zeit. Ihm sind
Kinder eher laestig. Buddha zitierend schrieb Nietzsche den
perfekten Wahlspruch des modernen Singles: Jeder
Philosoph wuerde sprechen wie einst Buddha sprach, als ihm
die Geburt eines Sohnes gemeldet wurde: Rahula ist mir
geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet (Rahula bedeutet
kleiner Daemon")... eng bedraengt, dachte er bei sich,
ist das Leben im Hause... Freiheit ist das Verlassen des
Hauses: dieweil er also dachte, verließ er das
Haus." Kinder-Industrie Von der oekonomie ist nichts zu
erhoffen, in absehbarer Zeit. Daß die Kinderproduktion
wieder steigt, weil Kinder gebraucht werden als
Arbeitskraefte - je mehr Kinder, desto mehr Arbeitskraefte,
desto florierender der baeuerliche Betrieb - das ist ein
Traum, und kein gar so schoener. Kinder als Arbeitskraefte, schon im
Kindesalter oder dann als Erwachsene - davon kann nicht mehr
die Rede sein. Kinder als Konsumenten - direkt oder ueber
die Eltern und sonstige Einkaeufer - davon schon eher. Den
Kinder-Markt fuer Spielzeug, Bekleidung, Freizeit usw.
blablabla - den gibt es. Das ist gut. Ist das gut? Ideale
Hoffnung zu setzen, ist illusionaer. Die Kinder-Industrie
dient, mindest so sehr wie dem seelischen und geistigen
Aufbluehen der Kinder, ihrer erbarmungslosen Verbloedung und
Verrohung. Hund und
Katz Der Hund hat immer noch gewisse
Funktionen als Waechter und Schuetzer, aber verglichen mit
seiner einstigen Unentbehrlichkeit fuer eine oekonomie der
Jaeger, Hirten, Ackerbauern ist´s nur noch der Schatten
seiner einstigen Bedeutung. Schlimmer noch ging´s der
Katze. Ihre Funktion als Maeusefresserin ist dahin, als
Schuetzerin unserer Vorraete ist sie eine Bilderbuchfigur.
In der Tiefkuehl-Epoche ist die Katz fuer die
Katz. Und doch. Hund und Katz vollbrachten
bravouroes ihren uebergang von der Entbehrlichkeit in der
oekonomie zur Unentbehrlichkeit im Gefuehls- und
Gemuetshaushalt. Als Therapeuten der modernen Menschenseele
sind Hund und Katz hochangesehen und heißgeliebt. Sie
leben in westlichem Wohlstand, ja Luxus, ueppiger als viele
westliche Menschen. Die Kinder aber kamen unter die Raeder
des oekonomischen Wandels. Ihre positive Funktion in der
Agrarwirtschaft ist dahin, in der Industriegesellschaft
ueberwiegt ihre negative Funktion als Hindernisse fuer
Aufstieg, Leistung, Freizeit, Vergnuegen. Auch Hund und Katz
beduerfen der Pflege und einer gewissen emotionalen
Betreuung - aber sie sind doch billig und bequem, verglichen
mit der Last des Kindes.´Hund und Katz sind des Kindes
hoechst erfolgreiche, leistungsstarke Konkurrenten.
Fuer moderne Menschen sind Kinder
kostspielig, unbequem, aergerlich. Die Globalisierung
der Kinderfeindlichkeit Historisch und
oekonomisch ist der Sachverhalt
glasklar: Mit garkeinen
Kindern gibt´s auch gar keine Erhaltung des
Lebens. Fette Kinder
verhungern Wie sag ich´s im
Emanzipations-Esperanto? Wir haben (so was gehoert
eigentlich gesungen, nicht gesagt) ein hohohohes Maß
an sexueller Freizuegigkeit - ein tititiefes Verstaendnis
fuer sexuelle Devianz fast aller Art - ein breibreibreites
Engagement fuer Frauen sowieso, aber auch fuer Schwule,
Lesben, Bi-, Tri- und Transsexuelle. Aber das versteht sich
alles laengst von selbst. Nur: wo bleibt die Zaertlichkeit
fuer die Kinder? Gelangen wir zu dieser, ist unser
betraechtlicher Vorrat an Fortschrittlichkeit aufgebraucht;
nix bleibt uns mehr uebrig als der Purzelbaum aus dem
Fortschritt in die Pruederie. Aller Fortschritt braucht sein
Gegenteil. Es gibt schließlich bestimmte Grenzen. An
der Grenze steht eine nagelneue Tafel: Hier endet die
Sexualitaet, hier beginnt das Kind - Grenzuebertritte
beduerfen der Anzeige bei Polizei, Saatsanwalt und Medien.
Sigmund Freud befindet sich schon im Himmel oder doch noch
im Fegefeuer. Er nimmt seine Brille ab, putzt sie
umstaendlich und betrachtet uns - erst ernst, dann
belustigt. Geheimnisvolle
Bremsen Wir brauchen echte
Kinder Halb verbloedet
sind wir schon. Ohne Kinder verbloeden wir
gaenzlich. Ja, so wird das wahrscheinlich sein.
In meiner Not gehe ich daheim an meine Zettelkaesten: K wie
Kind - Und da ist schon ein wunderbarer Zettel. Novalis,
Heinrich von Ofterdingen, II. Teil: Es geht darum, eine stille
Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen unbegreiflichen und
hoeheren Erscheinungen zu haben, und daher das Aufbluehen
eines Kindes mit demuetiger Selbstverleugnung zu betrachten.
Ein Geist ist hier geschaeftig, der frisch aus der
unendlichen Quelle kommt. Und dieses Gefuehl der
ueberlegenheit eines Kindes in den allerhoechsten Dingen,
der unwiderstehliche Gedanke einer naeheren Fuehrung dieses
unschuldigen Wesens, das jetzt im Begriff steht, eine so
bedenkliche Laufbahn zu betreten ..." Und endlich - die
Sympathie der Selbst-Erinnerung jener fabelhaften Zeiten, wo
die Welt uns heller, freundlicher und seltsamer duenkte
...
Der Single ist die verbesserte
Schoepfungsgeschichte. Und Gott schuf den Menschen ihm
zum Bilde, und schuf einen Mann und ein Weib", uebersetzt
Luther (Gen. 1,31).
Das Kind ist der kleine Daemon, dem sich der nervoese Single
entzieht. Der/die/das Single ist eine Buddha-Karikatur. Er
will seine Ruhe vor Kindern, damit er rastlos unter
Erwachsenen sein kann.
Wir schenkten dem Kind
Gold, Weihrauch fein, das Kind soll unser Koenig sein" -
heißt´s in einem alten Lied von den Drei
Koenigen. Das Christkind als Inbegriff des Kindes ist
Mittelpunkt der Verehrung und Liebe. Wie koennen wir das
Kind wieder auf seinen angestammten Thron setzen?
Hund und Katz haben es besser
geschafft als die Kinder.
Das Jahr des Kindes
1998" ist ein Heucheljahr. Nein, es ist gut gemeint. Ja,
gutgemeint ist das Gegenteil von gut. Wir leben in einer
kinderfeindlichen Gesellschaft. Es lebe der Fortschritt! Er
besteht diesfalls darin, daß unsere Zeit und unsere
Welt mit jedem Jahr des Kindes" nur noch
kinderfeindlicher, nur noch heuchlerischer wird. Kinder
haengen wie Bleigewichte an den Gliedern der
Leistungswilligen, Aufstiegssuechtigen, Wohlstandswuetigen.
Ohne Kinder, oder mit moeglichst wenigen, geht alles besser.
Kinder schaden. So ist das in der westlichen Industrie-,
Konsum- und Wohlstandsgesellschaft. Das ist aber nicht der
juengste Stand. Im Jahr des Kindes gilt, und trotz Jahr des
Kindes wird weiterhin gelten: die Globalisierung der
unsittlichen Lebensweise des Westens heißt auch
Globalisierung der Kinderfeindlichkeit. ueberall auf der
Welt werden Kinder zu einem Hindernis des Aufstiegs und des
Wohlstands. Widerspruch willkommen. Gern haette ich Unrecht.
Auch muß man sich natuerlich gegen Kinderfeindlichkeit
wehren mit Zaehnen und Klauen, zaeh und mit allen erlaubten
Mitteln. Resignation gilt nicht. Widerstand ist die Parole.
Der Anfang und die Basis allen Widerstands ist: keine
Illusion; aussprechen, was ist.
Naturwuechsig kinderfreundlich
sind solche Gesellschaften, in denen die Kinder von
wirtschaftlichem Nutzen sind, unentbehrlich fuer die
oekonomie, d.h. fuer die Erhaltung des Lebens. Unter diesem
Gesichtspunkt sind freilich Kinder immer
unentbehrlich.
Aber es geht um den kleinen
großen Unterschied: In der jahrtausendalten
baeuerlichen Wirtschaft sind viele Kinder nuetzlich, je mehr
desto besser. Das ist bei mir haengengeblieben von einer
großen baeuerlichen Hochzeit im Innviertel, als ich
Kind war und in den Ferien bei Tante und Onkel. Das
wird eine sehr gute Partie", sagte die Tante, ER
bringt fuenf Kinder in die Ehe, und SIE sieben." Macht ein
Dutzend sehr erwuenschte Arbeitskraefte mehr auf dem Hof,
teils schon im zarten Alter, teils dann als Erwachsene. Die
agrarische Wirtschaft braucht Arbeitskraefte noch und noch -
die baeuerliche oekonomie ist eine im Prinzip
kinderfreundliche Gesellschaft. Auch in der industriellen
Wirtschaft waren Kinder zunaechst nuetzlich: sie wuchsen
heran zur industriellen Reservearmee", der von Marx
denunzierten Voraussetzung billiger Loehne und
kapitalistischer Bluete. Proletarier" heißt
Die an Nachkommenschaft Zahlreichen". Jetzt ist alles
anders. Die glorreiche neue Technologie schuf die
menschenleere oekonomie. Je weniger Kinder, desto besser.
Kindermachen heißt Arbeitslosemachen.
Unsere Kinder werden immer
fetter. Amerika marschiert an der Spitze der
Gespensterparade des Fortschritts. Etwa 40% der US-Kinder
sind uebergewichtig, wahre Fleisch- und Fettkolosse. Wir
ueberfuettern unsere Kinder - zugleich lassen wir sie
emotional verhungern. Was ein Kind braucht, ist dreierlei:
Liebe, Liebe und Liebe. Was wir ihm bieten, ist dreierlei:
zu wenig Zeit, zu wenig wirkliches Interesse, zu wenig
Zaertlichkeit. Dies vor allem. Das Kind ist ein
unersaettliches Schmusewesen. Und da ist es arm dran mit
uns.
Demnaechst, etwa um 2025, wird
es neun Milliarden Menschen geben - eine gegenueber
frueheren Wahnsinnszahlen ohnehin herabgeschraubte
Prophezeiung. Aus dem Grunde der ueberbevoelkerung findet
Geheimnisvolles statt: Wie nach Unterbevoelkerung ( durch
Seuchen, Kriege...) besonders sexualisierte Zeiten
hereinbrechen (zum Wettmachen der Menschenver- luste), so
brechen nach ueberbevoelkerung besonders entsexualisierte
Zeiten an. In solche kommen wir jetzt. Alle neueren
Statistiken - oder besser Prophezeiungen aus dem Kaffeesatz
der Weltgeschichte - deuten an: die Menschheit, auch ihr
kinderfreundlicher Teil, kriegt weniger Kinder, will weniger
Kinder. Wovon dann die emotionale Kehrseite ist: Kinder
werden unbeliebt, ungeliebt; kinderfeindliche Zeiten kommen.
Zum Abbremsen der Weltbevoelkerung ist Kinderfeindlichkeit
nur eine von mehreren raetselhaften Methoden.Eine andere,
umfassendere ist die Herabstufung der Heterosexualitaet
insgesamt, also eine Aufwertung der Homo- sexualitaet
insgesamt. Wir treten in eine Bluetezeit der Schwulen,
Lesben, Transsexuellen. Soweit Heterosexualitaet fortbesteht
(also doch recht weit), wird sie reduziert von Realsex (der
doch immer irgendwie Kindersegen impliziert) auf Virtualsex.
Video- und TV-Sex statt Realkoitus. Welch umfassendes
Maßnahmenpaket zwecks Reduktion der Weltbevoelkerung!
Der gaengigen Maßnahmen, wie Geburtenverhuetung,
Familienplanung oder auch sexualfeindlichen Seuchen (Aids)
habe ich gar nicht erst Erwaehnung getan. Innerhalb des
hiermit grob skizzierten Maßnahmenpaketes scheint mir
die Virtualisierung besonders auffaellig. Verschiebung aus
dem Sein in den Schein - wie sie im Bereich der Sexualitaet
allgemein stattfindet, so auch auf dem heiklen Sondergebiet
aller Beziehungen ( der erlaubten, verbotenen, normalen,
perversen...) bis zum Kind. Die Skala ist reich an
uebergaengen: Vom echten Kind zum Ersatzkind Hund und Katz.
Die sind immerhin noch lebendig und emotional erfuellend.
Vom lebendigen Kind zum Teddybaeren und sonstigem
Kuschelgetier: Aber auch da gibt´s noch Emotion,
Teilbefriedigung der Sinne. Ich schlafe gern mit meinem
Baeren Rasputin. Am untersten Ende der Skala steht dann
Kinderporno im (H)internet. Wir gleiten, wir rutschen ins
Nichts. Wie kommen wir wieder hinauf? Wir Sisyphusse, den
Stein waelzend, der aus Liebe und Niedertracht so vermischt
zusammengesetzt ist.
Es ist doch ganz einfach.
Fragen wir primitiv: Wer ist der Groeßte im
Himmelreich?" (Ich schrieb dies auf Reisen, in einem guten
Hotel. In einem guten Hotel ist im Nachtkastel die Bibel,
welche die braven Gideons dort hineinlegen.) Jesus
rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie. Und
sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr
umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins
Himmelreich kommen" (Matthaeus 18, 1 ff.). In die weltliche
Paedagogik herunteruebersetzt heißt das: Die Kinder
sind unser großes Vorbild. Wir muessen von den Kindern
lernen. Um von den Kindern zu lernen, muessen wir welche
haben. Echte Kinder aus Menschenfleisch und Menschenblut.
Nichts gegen Hunde, Katzen, Teddybaeren und Dinosaurier,
nein, ueberhaupt nicht. Aber ein paar echte Kinder brauchen
wir halt auch. Nicht garsoviele, und es muessen ja auch
nicht eigene Kinder sein. Alle Kinder der Welt sind unsere
eigenen Kinder.
Wir haben keine Alternative.
Entweder wir kehren um und wenden uns den Kindern zu - oder
unsere Kinder werden uns hassen, soweit sie´s nicht
schon tun. Die Kinder werden sich empoeren wider ihre
Eltern und ihnen zum Tode helfen."