Wider die kinderfeindliche Gesellschaft


für eine hellere, freundlichere, seltsamere Welt

von Günther Nenning

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Das Kind als Fessel
Der Single ist die verbesserte Schoepfungsgeschichte. „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, und schuf einen Mann und ein Weib", uebersetzt Luther (Gen. 1,31).

„...und schuf keinen Mann und kein Weib, sondern einen Single." - Gott ist selber ein Single, nicht verheiratet und allein lebend in seinem Loft. Und hat doch viele Kinder, unzaehlbar viele. Und sie sind ihm nicht im Wege, sondern im Gegenteil, siehe seinen Sohn Jesus, der die Kindlein zu sich kommen laeßt. In Sachen Kinderfreundlichkeit ist Jesus also ganz unmodern. Da ist Buddha viel naeher dran am Puls der Zeit. Ihm sind Kinder eher laestig. Buddha zitierend schrieb Nietzsche den perfekten Wahlspruch des modernen Singles: „Jeder Philosoph wuerde sprechen wie einst Buddha sprach, als ihm die Geburt eines Sohnes gemeldet wurde: Rahula ist mir geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet (Rahula bedeutet „kleiner Daemon")... eng bedraengt, dachte er bei sich, ist das Leben im Hause... Freiheit ist das Verlassen des Hauses: dieweil er also dachte, verließ er das Haus."
Das Kind ist der kleine Daemon, dem sich der nervoese Single entzieht. Der/die/das Single ist eine Buddha-Karikatur. Er will seine Ruhe vor Kindern, damit er rastlos unter Erwachsenen sein kann.

Kinder-Industrie
„Wir schenkten dem Kind Gold, Weihrauch fein, das Kind soll unser Koenig sein" - heißt´s in einem alten Lied von den Drei Koenigen. Das Christkind als Inbegriff des Kindes ist Mittelpunkt der Verehrung und Liebe. Wie koennen wir das Kind wieder auf seinen angestammten Thron setzen?

Von der oekonomie ist nichts zu erhoffen, in absehbarer Zeit. Daß die Kinderproduktion wieder steigt, weil Kinder gebraucht werden als Arbeitskraefte - je mehr Kinder, desto mehr Arbeitskraefte, desto florierender der baeuerliche Betrieb - das ist ein Traum, und kein gar so schoener.

Kinder als Arbeitskraefte, schon im Kindesalter oder dann als Erwachsene - davon kann nicht mehr die Rede sein. Kinder als Konsumenten - direkt oder ueber die Eltern und sonstige Einkaeufer - davon schon eher. Den Kinder-Markt fuer Spielzeug, Bekleidung, Freizeit usw. blablabla - den gibt es.

Das ist gut. Ist das gut? Ideale Hoffnung zu setzen, ist illusionaer. Die Kinder-Industrie dient, mindest so sehr wie dem seelischen und geistigen Aufbluehen der Kinder, ihrer erbarmungslosen Verbloedung und Verrohung.

Hund und Katz
Hund und Katz haben es besser geschafft als die Kinder.

Der Hund hat immer noch gewisse Funktionen als Waechter und Schuetzer, aber verglichen mit seiner einstigen Unentbehrlichkeit fuer eine oekonomie der Jaeger, Hirten, Ackerbauern ist´s nur noch der Schatten seiner einstigen Bedeutung. Schlimmer noch ging´s der Katze. Ihre Funktion als Maeusefresserin ist dahin, als Schuetzerin unserer Vorraete ist sie eine Bilderbuchfigur. In der Tiefkuehl-Epoche ist die Katz fuer die Katz.

Und doch. Hund und Katz vollbrachten bravouroes ihren uebergang von der Entbehrlichkeit in der oekonomie zur Unentbehrlichkeit im Gefuehls- und Gemuetshaushalt. Als Therapeuten der modernen Menschenseele sind Hund und Katz hochangesehen und heißgeliebt. Sie leben in westlichem Wohlstand, ja Luxus, ueppiger als viele westliche Menschen. Die Kinder aber kamen unter die Raeder des oekonomischen Wandels.

Ihre positive Funktion in der Agrarwirtschaft ist dahin, in der Industriegesellschaft ueberwiegt ihre negative Funktion als Hindernisse fuer Aufstieg, Leistung, Freizeit, Vergnuegen. Auch Hund und Katz beduerfen der Pflege und einer gewissen emotionalen Betreuung - aber sie sind doch billig und bequem, verglichen mit der Last des Kindes.´Hund und Katz sind des Kindes hoechst erfolgreiche, leistungsstarke Konkurrenten.

Fuer moderne Menschen sind Kinder kostspielig, unbequem, aergerlich.

Die Globalisierung der Kinderfeindlichkeit
Das „Jahr des Kindes 1998" ist ein Heucheljahr. Nein, es ist gut gemeint. Ja, gutgemeint ist das Gegenteil von gut. Wir leben in einer kinderfeindlichen Gesellschaft. Es lebe der Fortschritt! Er besteht diesfalls darin, daß unsere Zeit und unsere Welt mit jedem „Jahr des Kindes" nur noch kinderfeindlicher, nur noch heuchlerischer wird. Kinder haengen wie Bleigewichte an den Gliedern der Leistungswilligen, Aufstiegssuechtigen, Wohlstandswuetigen. Ohne Kinder, oder mit moeglichst wenigen, geht alles besser. Kinder schaden. So ist das in der westlichen Industrie-, Konsum- und Wohlstandsgesellschaft. Das ist aber nicht der juengste Stand. Im Jahr des Kindes gilt, und trotz Jahr des Kindes wird weiterhin gelten: die Globalisierung der unsittlichen Lebensweise des Westens heißt auch Globalisierung der Kinderfeindlichkeit. ueberall auf der Welt werden Kinder zu einem Hindernis des Aufstiegs und des Wohlstands. Widerspruch willkommen. Gern haette ich Unrecht. Auch muß man sich natuerlich gegen Kinderfeindlichkeit wehren mit Zaehnen und Klauen, zaeh und mit allen erlaubten Mitteln. Resignation gilt nicht. Widerstand ist die Parole. Der Anfang und die Basis allen Widerstands ist: keine Illusion; aussprechen, was ist.

Historisch und oekonomisch ist der Sachverhalt glasklar:
Naturwuechsig kinderfreundlich sind solche Gesellschaften, in denen die Kinder von wirtschaftlichem Nutzen sind, unentbehrlich fuer die oekonomie, d.h. fuer die Erhaltung des Lebens. Unter diesem Gesichtspunkt sind freilich Kinder immer unentbehrlich.

Mit garkeinen Kindern gibt´s auch gar keine Erhaltung des Lebens.
Aber es geht um den kleinen großen Unterschied: In der jahrtausendalten baeuerlichen Wirtschaft sind viele Kinder nuetzlich, je mehr desto besser. Das ist bei mir haengengeblieben von einer großen baeuerlichen Hochzeit im Innviertel, als ich Kind war und in den Ferien bei Tante und Onkel. „Das wird eine sehr gute Partie", sagte die Tante, „ER bringt fuenf Kinder in die Ehe, und SIE sieben." Macht ein Dutzend sehr erwuenschte Arbeitskraefte mehr auf dem Hof, teils schon im zarten Alter, teils dann als Erwachsene. Die agrarische Wirtschaft braucht Arbeitskraefte noch und noch - die baeuerliche oekonomie ist eine im Prinzip kinderfreundliche Gesellschaft. Auch in der industriellen Wirtschaft waren Kinder zunaechst nuetzlich: sie wuchsen heran zur „industriellen Reservearmee", der von Marx denunzierten Voraussetzung billiger Loehne und kapitalistischer Bluete. „Proletarier" heißt „Die an Nachkommenschaft Zahlreichen". Jetzt ist alles anders. Die glorreiche neue Technologie schuf die menschenleere oekonomie. Je weniger Kinder, desto besser. Kindermachen heißt Arbeitslosemachen.

Fette Kinder verhungern
Unsere Kinder werden immer fetter. Amerika marschiert an der Spitze der Gespensterparade des Fortschritts. Etwa 40% der US-Kinder sind uebergewichtig, wahre Fleisch- und Fettkolosse. Wir ueberfuettern unsere Kinder - zugleich lassen wir sie emotional verhungern. Was ein Kind braucht, ist dreierlei: Liebe, Liebe und Liebe. Was wir ihm bieten, ist dreierlei: zu wenig Zeit, zu wenig wirkliches Interesse, zu wenig Zaertlichkeit. Dies vor allem. Das Kind ist ein unersaettliches Schmusewesen. Und da ist es arm dran mit uns.

Wie sag ich´s im Emanzipations-Esperanto? Wir haben (so was gehoert eigentlich gesungen, nicht gesagt) ein hohohohes Maß an sexueller Freizuegigkeit - ein tititiefes Verstaendnis fuer sexuelle Devianz fast aller Art - ein breibreibreites Engagement fuer Frauen sowieso, aber auch fuer Schwule, Lesben, Bi-, Tri- und Transsexuelle. Aber das versteht sich alles laengst von selbst. Nur: wo bleibt die Zaertlichkeit fuer die Kinder? Gelangen wir zu dieser, ist unser betraechtlicher Vorrat an Fortschrittlichkeit aufgebraucht; nix bleibt uns mehr uebrig als der Purzelbaum aus dem Fortschritt in die Pruederie. Aller Fortschritt braucht sein Gegenteil. Es gibt schließlich bestimmte Grenzen. An der Grenze steht eine nagelneue Tafel: Hier endet die Sexualitaet, hier beginnt das Kind - Grenzuebertritte beduerfen der Anzeige bei Polizei, Saatsanwalt und Medien. Sigmund Freud befindet sich schon im Himmel oder doch noch im Fegefeuer. Er nimmt seine Brille ab, putzt sie umstaendlich und betrachtet uns - erst ernst, dann belustigt.

Geheimnisvolle Bremsen
Demnaechst, etwa um 2025, wird es neun Milliarden Menschen geben - eine gegenueber frueheren Wahnsinnszahlen ohnehin herabgeschraubte Prophezeiung. Aus dem Grunde der ueberbevoelkerung findet Geheimnisvolles statt: Wie nach Unterbevoelkerung ( durch Seuchen, Kriege...) besonders sexualisierte Zeiten hereinbrechen (zum Wettmachen der Menschenver- luste), so brechen nach ueberbevoelkerung besonders entsexualisierte Zeiten an. In solche kommen wir jetzt. Alle neueren Statistiken - oder besser Prophezeiungen aus dem Kaffeesatz der Weltgeschichte - deuten an: die Menschheit, auch ihr kinderfreundlicher Teil, kriegt weniger Kinder, will weniger Kinder. Wovon dann die emotionale Kehrseite ist: Kinder werden unbeliebt, ungeliebt; kinderfeindliche Zeiten kommen. Zum Abbremsen der Weltbevoelkerung ist Kinderfeindlichkeit nur eine von mehreren raetselhaften Methoden.Eine andere, umfassendere ist die Herabstufung der Heterosexualitaet insgesamt, also eine Aufwertung der Homo- sexualitaet insgesamt. Wir treten in eine Bluetezeit der Schwulen, Lesben, Transsexuellen. Soweit Heterosexualitaet fortbesteht (also doch recht weit), wird sie reduziert von Realsex (der doch immer irgendwie Kindersegen impliziert) auf Virtualsex. Video- und TV-Sex statt Realkoitus. Welch umfassendes Maßnahmenpaket zwecks Reduktion der Weltbevoelkerung! Der gaengigen Maßnahmen, wie Geburtenverhuetung, Familienplanung oder auch sexualfeindlichen Seuchen (Aids) habe ich gar nicht erst Erwaehnung getan. Innerhalb des hiermit grob skizzierten Maßnahmenpaketes scheint mir die Virtualisierung besonders auffaellig. Verschiebung aus dem Sein in den Schein - wie sie im Bereich der Sexualitaet allgemein stattfindet, so auch auf dem heiklen Sondergebiet aller Beziehungen ( der erlaubten, verbotenen, normalen, perversen...) bis zum Kind. Die Skala ist reich an uebergaengen: Vom echten Kind zum Ersatzkind Hund und Katz. Die sind immerhin noch lebendig und emotional erfuellend. Vom lebendigen Kind zum Teddybaeren und sonstigem Kuschelgetier: Aber auch da gibt´s noch Emotion, Teilbefriedigung der Sinne. Ich schlafe gern mit meinem Baeren Rasputin. Am untersten Ende der Skala steht dann Kinderporno im (H)internet. Wir gleiten, wir rutschen ins Nichts. Wie kommen wir wieder hinauf? Wir Sisyphusse, den Stein waelzend, der aus Liebe und Niedertracht so vermischt zusammengesetzt ist.

Wir brauchen echte Kinder
Es ist doch ganz einfach. Fragen wir primitiv: „Wer ist der Groeßte im Himmelreich?" (Ich schrieb dies auf Reisen, in einem guten Hotel. In einem guten Hotel ist im Nachtkastel die Bibel, welche die braven Gideons dort hineinlegen.) „Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie. Und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen" (Matthaeus 18, 1 ff.). In die weltliche Paedagogik herunteruebersetzt heißt das: Die Kinder sind unser großes Vorbild. Wir muessen von den Kindern lernen. Um von den Kindern zu lernen, muessen wir welche haben. Echte Kinder aus Menschenfleisch und Menschenblut. Nichts gegen Hunde, Katzen, Teddybaeren und Dinosaurier, nein, ueberhaupt nicht. Aber ein paar echte Kinder brauchen wir halt auch. Nicht garsoviele, und es muessen ja auch nicht eigene Kinder sein. Alle Kinder der Welt sind unsere eigenen Kinder.

Halb verbloedet sind wir schon. Ohne Kinder verbloeden wir gaenzlich.
Wir haben keine Alternative. Entweder wir kehren um und wenden uns den Kindern zu - oder unsere Kinder werden uns hassen, soweit sie´s nicht schon tun. „Die Kinder werden sich empoeren wider ihre Eltern und ihnen zum Tode helfen."

Ja, so wird das wahrscheinlich sein. In meiner Not gehe ich daheim an meine Zettelkaesten: K wie Kind - Und da ist schon ein wunderbarer Zettel. Novalis, Heinrich von Ofterdingen, II. Teil:

Es geht darum, „eine stille Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen unbegreiflichen und hoeheren Erscheinungen zu haben, und daher das Aufbluehen eines Kindes mit demuetiger Selbstverleugnung zu betrachten. Ein Geist ist hier geschaeftig, der frisch aus der unendlichen Quelle kommt. Und dieses Gefuehl der ueberlegenheit eines Kindes in den allerhoechsten Dingen, der unwiderstehliche Gedanke einer naeheren Fuehrung dieses unschuldigen Wesens, das jetzt im Begriff steht, eine so bedenkliche Laufbahn zu betreten ..."

Und endlich - die Sympathie der Selbst-Erinnerung jener fabelhaften Zeiten, wo die Welt uns heller, freundlicher und seltsamer duenkte ...