Mein Beitrag
zur Rehabilitierung einer viel geschmähten Religion von
Roland Rottenfußer Mir
san mir Vorurteile Gut
oder böse Ethisch Gemeinsamkeiten Unterschiede Die
Frauen Freiheit
des Geistes Roland
Rottenfußer Buchempfehlungen
zum Thema: •
SUFISMUS - Das mystische Herz des Islams

…die sich Gott hingeben!
Ein Zeichen
Über meiner Wohnzimmertür hängt eine wunderschöne
Kalligrafie in arabischer Schrift, reich verzierte goldene Buchstaben
auf schwarzem Grund. Es ist eine Art islamischer Haussegen, der die
Größe Allahs preist. Mein türkischer Vermieter hatte
mir den Haussegen überlassen, nachdem meine Freundin und ich bei
der Unterzeichung des Mietvertrags und einer Tasse türkischen Kaffees
die Schönheit der Schrifttafel gelobt hatten. Einzige Bedingung:
Sie müsste in Ehren gehalten werden, dürfte nie unterhalb
der Höhe des menschlichen Kopfes aufgehängt werden, da dies
der Respekt vor Allah gebiete.
Die Kalligrafie hängt seither unverrückbar an ihrem Platz
über der Tür - und es scheint, als habe sie die Kraft, weitere
islamische Einflüsse in mein Leben zu ziehen und eine Brücke
zwischen meinem christlichen, teilweise auch sehr weltlichen Geist und
dem meines islamischen Vormieters zu schlagen. Leider sind seither auch
witzelnde Bemerkungen meiner Freunde, ob ich meine Wohnung denn nun
zur islamistischen Terrorzelle umfunktionieren wolle, eher die Regel
als die Ausnahme. Nicht ernst, nicht böse gemeint, gewiss…
Aber doch ein Symptom für die Atmosphäre des Misstrauens gegenüber
dem Islam, in die wir uns von interessierten Politikern und Journalisten
haben einlullen lassen. Es ist der unausgesprochene und oft uneingestandene
Generalverdacht in unseren Köpfen, dass hinter Kopftüchern,
schwarzen Schnurrbärten und dunklen „stechenden Blicken“
Unheil lauern könnte, Mordlust, Fanatismus und der gefährlichste
Angriff auf unsere „freie“ Zivilisation seit den Hunnenstürmen.
Offenbar haben sich breite Teile der Öffentlichkeit in eine „Kulturkampf“-Stimmung
hineintreiben lassen, die man 62 Jahre nach dem Untergang des Dritten
Reichs nicht mehr für möglich gehalten hätte. Wir leben
heute in einer Art „Kaltem Krieg“ mit dem Islam, und die
geistige Gegenwehr einer angeblich aufgeklärten Gesellschaft gegen
die Suggestionen der Kriegstreiber fällt beschämend halbherzig
aus. Mit einer Schwemme von Erfahrungsberichten nach dem Strickmuster
„Verschleiert, missbraucht und in den Harem entführt“
sollen Linke, Alternative und Frauen gegen den Islam eingenommen werden,
während konservative Bürger mit „Mir-san-mir- und Daham-statt-Islam“-Mentalität
schon immer vor einer „Überflutung“ durch das Fremde
gewarnt hatten.
Dabei geht es gar nicht darum, die „dunklen Seiten“ des
Islam, etwa die Unterdrückung der Frau in islamistisch geprägten
Ländern zu beschönigen. Es käme jedoch darauf an, dass
wir uns eine gewisse geistige Freiheit bewahren und die von manchen
Kreisen verbreiteten Halb- und Viertelwahrheiten über den Islam
ergänzen zu einem vollständigeren Bild, das auch die Schönheit
und Würde dieser Religion zur Kenntnis nimmt.
Wer sich umfassender über den Islam informiert, vorzugsweise auch
aus Quellen, die von Muslimen selbst stammen, immunisiert sich gegen
einen Hass, der sich durch Provokation und Gegenprovokation tatsächlich
zu einem neuen Kulturkampf aufschaukeln könnte. Mit unkalkulierbaren
Gefahren für beide „Lager“. Schon heute müssen
Träger langer schwarzer Bärte und arabisch klingender Namen
in der schönen neuen Post-9/11-Welt um ihre körperliche Unversehrtheit
fürchten. Wie der Deutschtürke Murak Kurnaz - weil er zur
falschen Zeit am falschen Ort war, wurde er kurzerhand nach Guantanamo
verschleppt, in das schlimmste Foltergefängnis des freien, christlichen
Abendlandes. Die Bemühungen der deutschen Behörden, Kurnaz
frei zu bekommen, hielten sich in Grenzen - etwa weil es sich „nur“
um einen Muslim handelte?
Nicht viel anders ging es einem gewissen Yusuf Islam, dem im September
2004 die Einreise in die USA wegen Sicherheitsbedenken verweigert wurde.
Er stand auf einer Liste von Terrorverdächtigen… Yusuf Islam
ist aber alles andere als ein gefährlicher Terrorist. Es ist der
Sänger und Weltstar Cat Stevens, der 1978 zum Islam übergetreten
ist. In einem STERN-Interview erklärte er, dass ihm der Islam mehr
als andere Religionen einen direkten Zugang zu Gott (ohne Vermittlung
durch Priester oder einen „Sohn Gottes“ usw.) ermögliche.
Außerdem sei der Prophet Mohammed in den ersten 13 Jahren seiner
Mission Pazifist gewesen und habe sich später lediglich gegen die
Angriffe Mekkanischer Feinde verteidigen müssen. Das für mich
schönste Lied auf seiner neuen CD - „The Beloved“ -
ist Mohammed gewidmet: „Er öffnete die Türen der
Liebe für jedes Herz, das ausgedörrt ist von Durst und brachte
den Welten Gnade.“ Wir müssen diese schwärmerische
Einschätzung der historischen Person Mohammeds nicht teilen - das
Beispiel zeigt nur, dass man alles aus verschiedenen Perspektiven betrachten
kann.
Mir fiel bei meinen Studien des Islam und islamischer Künstler
auf, welche Liebe diese Menschen für den Propheten und für
Gott hegen. In den westlichen Medien wird es oft so dargestellt, als
ob Muslime sich nur notgedrungen unter der Knute eines rigiden Regimes
beugen. Von Liebe und Begeisterung erfährt man wenig, geschweige
denn von Hingabe an Gott (wie die Definition des Wortes „Islam“
lautet).
Wie kommt es zu solch unterschiedlichen Auffassungen des Islam, dass
man aus ihm ebenso den Aufruf zur Intoleranz herauslesen kann wie den
Aufruf zu Toleranz? Stehen im Koran etwas nicht Sätze wie diese:
„Tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet, greift
sie, umzingelt sie und lauert ihnen auf“ (Sure 9,5)? Es gibt
sie. In einem beiderseits vergifteten Klima tun wir allerdings gut daran,
uns bewusst über die guten Seiten einer oft denunzierten Religion
zu informieren. Hetze und einseitige, teilweise schikanöse Koran-Interpretationen
sind kein neues Phänomen. Schon Martin Luther schrieb im 16. Jahrhundert:
„Viele Theologen zwacken zu viel hitzig und heftig allein das
allerschändlichste und ungeheuerste aus dem Koran heraus. Was gut
darin ist, das verschweigen sie.“
Was gut ist im Koran sind zum Beispiel die vielen explizit toleranten
Stellen, vor allen gegenüber Christen und Juden: „…Seien
es Gläubige, Juden, Christen oder Sabäer - wenn sie nur an
Gott glauben, an den Jüngsten Tag und das Rechte tun, wird einst
Lohn von ihrem Herrn, und weder Furcht noch Traurigkeit über sie
kommen.“ (Sure 2, 63) Interessant ist auch die folgende Stelle,
in der sich der Prophet gegen leeren Formalismus wendet und auf die
wahren Werte hinweist: „Die Gerechtigkeit besteht nicht darin,
dass ihr das Antlitz (beim Gebet) nach Ost oder West richtet, sondern
jener ist gerecht, der an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag
und an die Engel und an die Schrift und die Propheten; der voll Liebe
von seinem Vermögen gibt: den Verwandten, Waisen und Armen und
den Pilgern, überhaupt jedem, der darum bittet; der Gefangene erlöst,
das Gebet verrichtet, Almosen spendet; der an geschlossenen Verträgen
festhält; der geduldig Not und Unglück und standhaft die Schrecken
des Krieges erträgt. Dieser ist gerecht.“ (Sure 2, 178)

Die Almosensteuer (zakât) ist eine der fünf Säulen des
Islam - im Vergleich zu anderen Religionen hat sie eine außerordentlich
große Bedeutung und half über Jahrhunderte, die nackte Existenz
und die Würde der Armen zu sichern. Es ist die religiöse Pflicht
der Muslime, ihren irdischen Besitz mit weniger begüterten Glaubensbrüdern
zu teilen. Das hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass der neoliberale
Ökonomismus (mit seiner nackten Gier, immer größere
Vermögen zusammen zu raffen) in der islamischen Welt nie in dem
Maß Fuß fassen konnte, wie im „christlichen Abendland.“
Der Koran verbietet den Zins - als Reaktion auf die an moderne Zeiten
erinnernde vorislamische Gewohnheit, geschuldete Geldsummen zu verdoppeln
(!), wenn bei Fälligkeit die Zahlung ausblieb. „O Gläubige,
greift nicht so gierig nach dem Wucher mit allen seinen Verdopplungen.“
Kein Wunder, dass der global operierende Raubtierkapitalismus sich gerade
den Islam zum Erzfeind erkoren hat und keine Gelegenheit auslässt,
ihn als mittelalterlich und intolerant zu brandmarken.
Versucht man den Koran vorurteilsfrei einzuschätzen, so offenbart
sich ein deutliches Übergewicht von Werten wie Liebe, Gnade und
Barmherzigkeit gegenüber den negativen Emotionen. Ausdrücklich
- und damit den Evangelien im Christentum ähnlich - predigt die
heilige Schrift der Muslime auch die Vergebung: „Denn Allah
liebt die guten Menschen. Aber auch die, welche, nachdem sie Böses
getan und sich versündigt haben, Allahs eingedenk sind und um Vergebung
ihrer Sünden bitten (…) werden Gnade von ihrem Herrn erhalten.“
Gewiss gehören auch drastische Schilderungen von Höllenqualen
zum Repertoire des Korans, die uns Außenstehenden oft abstoßend,
zumindest aber widersprüchlich erscheinen. Solche „Widersprüche“
gibt es aber auch in den heiligen Büchern anderer Religionen, wie
im Alten Testament, im Neuen Testament und in der Bhagavad Gita. Es
ist anzunehmen, dass jede Religion der Erde das gesamte Spektrum an
Geisteshaltungen hervorgebracht hat: von Engherzigkeit, Hass und Diskriminierung
Andersgläubiger bis hin zu äußerster Großzügigkeit,
gedanklicher Weite und allumfassender Vergebung. Muslimische Gelehrte
und Mystiker wie Ibn Arabi haben die Drohung der Höllenstrafe relativiert
und sie als vorübergehendes, mehr mental bedingtes Leiden im Angesicht
der Gottesferne gedeutet.
Manche Westler geben auch an, dass sie den Islam, vor allem den Sufismus
zwar respektieren, mit seinem Propheten aber nichts anfangen können.
Mohammed repräsentiert für seine Anhänger aber nicht
viel Anderes, als Jesus für die meisten Christen: den in jeder
Hinsicht vollendeten Menschen, der seine Lebensaufgabe in staunenswerter
Weise erfüllt hat. Dies schließt neben seinem spirituellen
Werk auch Glück in der Liebe und die Rolle als guter Familienvater
mit ein - ebenso Erfolg und Durchsetzungskraft auch in den äußeren
Angelegenheiten, wenn notwendig auch im Krieg. Allerdings forderte der
Prophet nie, den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten, lediglich „gesunde
Selbstbehauptung“ legte er seinen Gläubigen nahe: „Ein
Muslim soll alles nur in seiner Macht stehende tun, um einen Krieg zu
vermeiden. Wenn es aber zu einem Krieg kommt, so soll er alles in seiner
Macht stehende tun, um diesen Krieg zu gewinnen.“ Das arabische
Wort „Dschihad“ - im Kalten Krieg gegen den Islam besonders
gern herangezogen, um den gewalttätigen Charakter dieser Religion
zu beweisen - bedeutet nichts anderes als „Streben“. Gemeint
ist das Bemühen des Gläubigen, in jeder Lebenslage nach Gott
zu streben, oft auch der „fortwährende Kampf gegen die niederen
Anteile der Seele“.
Zur Figur von Jesus verhält sich der Islam außergewöhnlich
respektvoll, ja liebevoll. Muslime kommen aber ohne die Vergöttlichung
ihres Propheten, ohne Erbsünde, im Übrigen auch ohne einen
„muslimischen Papst“ aus. Mohammed lebte ein sehr „menschliches,
normales“ Leben, die Vorstellung von einem „Opfertod“
oder die Angst, „dem Bösen nicht widerstehen zu können“
waren ihm offenbar fremd. Der Islam lehnt auch einen strengen Asketismus
und das Mönchsleben (zumindest als dauerhafte Einrichtung) ab.
Als ein Gefährte des Propheten diesen bat, sich endgültig
aus der Welt zurückziehen und als Asket leben zu dürfen, soll
Mohammed geantwortet haben: „Deine Augen haben ihre Rechte,
der Körper hat seine Rechte und deine Familie hat ihre Rechte.
Also bete und schlafe, faste und breche dein Fasten.“ Ebenfalls
bekannt ist das Prophetenwort: „Mir wurde die Liebe zum Parfum
und zu den Frauen gegeben, und die Erfrischung meiner Augen liegt im
Gebet.“
Die Folge von Mohammeds ausgiebig praktizierter „Liebe zu den
Frauen“ war natürlich auch, dass sich im Islam niemals eine
sexfeindliche bzw. leibfeindliche Komponente etablieren konnte. Der
Islam besitzt unter den westlichen Religionen vielleicht die größte
Körperintelligenz. Nicht umsonst wird der tägliche, körperlich
anspruchsvolle und abwechslungsreiche Gebetsritus mit seinen Niederwerfungen
auch „Yoga der Muslime“ genannt.
Der Status der Frau wurde zu Mohammeds Zeiten zweifellos aufgewertet,
wenn auch von völliger Gleichberechtigung nicht die Rede sein konnte.
Der Islam-Experte Walter M. Weiss schreibt dazu: „Mohammed
war es, der anstelle der bis dahin meist unverbindlichen Verhältnisse
zwischen den Geschlechtern die polygame Ehe und die Möglichkeit
der Scheidung im Gesetz festschrieb und dessen Bruch hart bestrafen
ließ. Auch gestand er der Frau einen Anspruch auf Erbschaft und
Besitz zu. Dank der neuen Normen wurde sie vom völlig schutzlosen
Objekt zum Individuum mit eigener Rechtspersönlichkeit.“
Weiss betont auch, dass die Verbannung der Frau aus dem öffentlichen
Leben wie auch der Schleierzwang erst nach dem Jahr 750 in einigen Regionen
üblich wurde. Der Koran enthält an keiner Stelle das Gebot,
dass Frauen einen Gesichtsschleier tragen müssten. Ein solcher
war zu Zeiten des Propheten kaum in Gebrauch. Außerdem hatte eine
Kopfbedeckung auch eine nicht zu unterschätzende praktische Bedeutung
- nämlich als Schutz vor Sand, Wind und Sonne (und ist deshalb
auch bei arabischen Männern bis heute Usus).
Die heutigen krassen Formen der Unterdrückung von Frauen durch
selbsternannte Tugendwächter (etwa in Afghanistan oder im Iran)
sind wohl eher der menschlichen (speziell: männlichen) Natur zuzuschreiben,
als den Gestzen des Islam. Manche Unsitten oder historisch verbriefte
Grausamkeiten sind im selben Maße „muslimisch“, wie
Hexenverbrennung und Kreuzzüge „christlich“ sind.
Wir sollten und dürfen eine Religion niemals an deren engherzigsten,
psychisch labilsten Anhängern (wie Fundamentalisten, Sektierer
etc) messen. Die Art, wie jemand seinen Glauben umsetzt, sagt doch immer
mehr über diesen Menschen selbst aus, als über seine Religion.
Der moderne Sufi-Meister André Ahmed al Habib schreibt: „’Dunkle’
Charaktere lesen im Koran eine Aufforderung zu Engstirnigkeit und Fanatismus,
wohingegen ’helle’ Charaktere im Koran eine Aufforderung
zu Toleranz, zu aktiver Gottes- und Nächstenliebe sowie zur unmittelbaren
Erkenntnis der Schöpfung und des höchsten Seins erkennen.
(…) Jeder finde im Koran genau das, was er zu finden bestrebt
sei.“
Jedes Mal, wenn brave Bürger eine Überfremdung und Überflutung
mit islamischer Kultur befürchten, möchte ich gern erwidern:
Ein spirituell ausgehöhlter, wirtschaftshöriger, in seinem
Anspruch auf ethische Vorbildhaftigkeit immer weniger glaubwürdiger
Westen täte gut daran, sich ein wenig von islamischem Gedankengut
„überfluten“ zu lassen. Dann sollte es aber bitte eine
Religion der Liebe und der Hingabe sein, wie sie der Dichter Rumi oder
der Sufi-Meister André Ahmed al Habib vertreten. Den islamischen
Haussegen über meiner Tür jedenfalls werde ich in Ehren halten.
Versprochen!
Infos & literatur
ist 1963 in München geboren. Nach seinem Germanistikstudium
arbeitete er als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage,
von 2001 bis 2005 als Redakteur beim spirituellen Magazin „connection“.
Momentan ist er für mehrere große Buchverlage und u.a. für
Konstantin Weckers Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“
tätig.
von André Ahmed Al Habib (Verlag Hans-Jürgen Maurer)
• DER ISLAM - Geschichte, Gegenwart, Zukunft
von Hans Küng (Verlag Piper, 2004)