Lust als Pflichtfach
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Sigrid Neudecker über neue Zwänge in der Sexualität
Es tun, weil es angesagt ist Kürzlich erzählte der amerikanische Sexualtherapeut und Eheberater Dr. Marty Klein in seinem höchst informativen und amüsanten Weblog namens Sexual Intelligence von den Vorträgen über „Safer Sex“, die er alljährlich an amerikanischen Colleges hält. Wie jedes Mal habe es „enormes Interesse“ an dem Thema Analverkehr gegeben. Vor allem daran, was man tun könne, damit er weniger schmerzhaft sei, und wie man jemanden dazu überreden könne. „Aber, wenn es so weh tut“, fragt sich Marty, „wieso machen es dann so viele junge Leute?"… Vor allem in den USA würden viele Mädchen Analverkehr als Ersatz für den Geschlechtsverkehr praktizieren, um - rein technisch gesehen - noch als Jungfrauen durchgehen zu können. Doch einige würden es auch machen, weil es in den Pornos mittlerweile als Standardstellung vorkommt. „Manche Studenten wollen es tun, weil sie glauben, dass sie das sollten“, schreibt Marty Klein. „Und manche willigen ein, weil sie glauben, dass sie das sollten.“ Was er seinen Zuhörern bei Gesprächen über Analsex immer sage, sei, dass sie währenddessen miteinander sprechen sollten. Worauf viele sich vor Scham und Ekel winden würden. Analverkehr, obwohl er weh tut? Ja klar, ist doch normal. Miteinander reden? Iiih, wer macht denn so was?!
Abschied von der Intimsphäre Nicht, dass „wir Erwachsenen“ so viel weiter wären. Auch wir machen alles nach, was wir sehen, meistens ohne zu viel darüber nachzudenken. Es gehört heutzutage ja auch schon beinahe zum Standardprogramm, von sich selbst Privatpornos zu drehen. Doch wenn man sich auch nur ein paar der Videos zu Gemüte führt, die bei youporn oder porntube landen, kann man den Amateur-Darstellern nur wünschen, dass sie nicht oft vor der Kamera schnackseln. Man sieht die gleichen Stellungen im haargenau gleichen Ablauf (Blasen - Vögeln - Analverkehr) und hört sogar das gleiche gekünstelte Gestöhne wie in den „echten“ Videoproduktionen. Aber einen großen Unterschied gibt es dann doch bei den Heimpornos: Mindestens einer der Akteure ist immer mit einem Auge bei der Kamera, um den Bildausschnitt zu kontrollieren. Hin und wieder wird mittendrin unterbrochen, weil die entscheidenden Körperteile nicht mehr im Bild sind. Wenn das geiler Sex sein soll, heiße ich Kubrick. Vier Gründe gegen Pornofilme Dabei ist es, mit Verlaub gesagt, schwachsinnig, sich von einem Pornofilm für das eigene Sexleben inspirieren zu lassen. Cory Silverberg, der für die Webseite about.com ein Blog schreibt, hat sich die Arbeit angetan, die Gründe aufzulisten, die gegen Pornos als Vorbild sprechen: Der ganz normale Alltags-Porno Und doch diffundieren immer öfter Porno-Versatzstücke in unseren Normalo-Alltag. Man müsste sich selbst nur einmal beim Sex beobachten, dann würde man sicher einiges bemerken. Sie stöhnen, wenn Ihnen Ihr Mann an den Busen greift? Weil's geil ist - oder weil das in exakt jedem Hollywoodfilm genauso gemacht wird? Sie geben Ihrer Frau beim Vögeln gern einen Klaps auf den Po? Haben Sie sich schon einmal gefragt, woher Sie das haben und wieso Sie das überhaupt tun? Es ist erschreckend, wenn einem solche Verhaltensweisen bewusst werden. Wenn’s anfängt, weh zu tun Vor allem Frauen reagieren auf diesen Perfektionsdruck zunehmend mit echten körperlichen Beschwerden. Die Sexualberatungsstellen berichten von immer mehr Patientinnen, die wegen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr zu ihnen kommen. Ich kann mich noch genau an den Gesichtsausdruck der Expertin Ulrike Brandenburg erinnern, als sie mir davon erzählte. Sie war eindringlich und ehrlich besorgt - als ob sie sagen wollte: „Da kommt noch was auf uns zu...“ Ich mag nicht gibt’s nicht Bei Vaginismus verkrampft sich die Scheidenmuskulatur so stark, dass der Geschlechtsverkehr sehr schmerzhaft oder gar unmöglich wird. „Bei den Patientinnen handelt es sich zunehmend um junge, sehr leistungsorientierte Frauen, die in festen heterosexuellen Partnerschaften leben und die - oft nach einer Phase, in der Koitus problemlos möglich war - anfangen, die Einführung des Penis als schmerzhaft zu erleben“, analysierte Hauch in einem Vortrag. „Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein eigentlich interpersoneller Konflikt des Paares (…) von den jungen vaginistischen Frauen als innerer Konflikt inszeniert wird. Sie stehen unter dem normativen Druck, sexuell interessiert, erlebnisfähig und potent zu sein. (…) Sie können weder vor sich selbst noch gegenüber dem Partner für ihre Grenzen einstehen und überlassen die Grenzsetzung der Symptombildung.“ Infos: Sigrid Neudecker Der Text ist ein Auszug aus dem Buch:
Etwas Ähnliches erzählte mir Dr. Stephanie Sanders, eine Psychologin, die seit fast 30 Jahren am Kinsey Institut im amerikanischen Bloomington tätig ist, immerhin einem der berühmtesten Sexualforschungsinstitute der Welt. Stephanie hat schon so ziemlich alles gesehen. Sie sagte, dass bestimmte Gruppen von heranwachsenden Mädchen heute zwar Geschlechtsverkehr hätten, aber niemals einen Penis anfassen würden. „Die sagen: ‚Oh, das würde ich nie tun! Das ist ja ekelhaft!“, erzählt Sanders. „Aber sie lassen ihn sich in die Vagina stecken?!"
Irgendwas ist da auf der Strecke geblieben. Als hätten die Mädels gleich mit Differenzialgleichungen begonnen, ohne vorher die Grundrechnungsarten zu lernen. Die Amis haben, zugegeben, ein spezielles, extrem gespaltenes Verhältnis zu Sex. Aber es geht ja bei der hiesigen Jugend, wenn man manchen Berichten und Experten glaubt, nicht unbedingt anders zu. Als im vergangenen Jahr im STERN ein Artikel über Kinder erschien, die zu Hause mit ihren Eltern Pornos schauten und in der Schule dann Vergewaltigungsszenen nachstellten, war der Aufruhr groß.
Und dies sind nicht die einzigen Unterschiede zwischen „sich selber beim Sex filmen“ und „einen Porno drehen“. Doch ist das all den Hobby-Sexfilmemachern bewusst? Oder interessieren sie sich überhaupt dafür? Es wird einfach stumpf nachgestellt, was man aus Pornos kennt, weil: Wenn's andere auch tun, muss es ja Spaß machen! Wir hinterfragen einfach viel zu selten, was wir tun, weil uns alles so vorkommt, als gäbe es kein „Nachspiel“. Vielleicht sollte man/frau sich dazwischen mal fragen: „Steh ich eigentlich überhaupt drauf, mich selbst beim Sex zu filmen? Und will ich mir das dann nur allein mit meiner Süßen ansehen - oder bin ich exhibitionistisch genug veranlagt, dass ich mich (uns) auch anderen zeigen will? Und will das meine Süße auch?“ Solche wichtigen Fragen fallen dem Hip-sein-Wollen und dem Rausch des Überangebots aber gern zum Opfer. Damit man sie vernünftig beantworten kann, bräuchte man nämlich Ruhe, um in sich selbst hineinhören zu können. Aber warum kostbare Zeit verschwenden, wenn man etwas jetzt machen und sich seinen Kick sofort holen kann? Warum warten? Und vor allem worauf? Im Zeitalter der Ad-hoc-Lustbefriedigung wird nix mehr überdacht.
Porno ist also alltagstauglich geworden. Wogegen man sich früher nach Kräften abgegrenzt hat, praktiziert man heute selbst. In jeder besseren Kleinstadt wird schon ein Strip-Aerobic-Kurs angeboten, der „den Extra-Kick für das Selbstbewusstsein“ verspricht. Pole-Dancing-Stangen - also jene Dinger, an denen sich bislang nur professionelle Stripperinnen blaue Flecken holten - kann man nun auch bei Neckermann bestellen. „Inklusive Bauanleitung, ‚How to dance’ (dt. und engl.), DVD mit Aufbau und Präsentation (engl.), Strumpfband und 100 Dance-Dollarscheinen.“ Damit Mutti mal für richtig Stimmung vor der Schrankwand sorgen kann. Und am Wochenende geht Mutti mit Vati auf eine Sexmesse. Das sind diese Wanderveranstaltungen mit der erotischen Ausstrahlung einer Lagerhalle. Ein Nachmittag zwischen all den Wühltischen, Scherzartikeln und Billig-Dessous - und die Stripstange ist das Einzige, was zu Hause noch steht. Wer hätte gedacht, dass Spießertum und Rotlichtmilieu einander jemals so nahe kommen würden!
Das Problem daran ist die zunehmende Orientierungslosigkeit. Unsere Gesellschaft scheint immer weniger in der Lage zu sein, intime Fragen in Ruhe und mit gesundem Menschenverstand zu erörtern. Stattdessen haben wir panische Angst davor, als spießig zu gelten, und dadurch entsteht auch ein ungeheurer Perfektionsdruck. Von wegen selbstbestimmte, „freie“ Sexualität, die uns alles ein bisschen lockerer sehen lässt!
Die Psychologin Margret Hauch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wertete die Gründe aus, welche Patienten in den vergangenen Jahrzehnten in ihre Sexualberatungsstelle geführt hatten. Und tatsächlich kann man die häufigsten Beschwerden relativ gut auf die jeweils vorherrschende gesellschaftliche Stimmung zurückführen: In den 70er-Jahren kamen die meisten Frauen wegen „Orgasmusstörungen“. Damals setzte sich ja gerade die Erkenntnis durch, dass auch Frauen Höhepunkte haben können. Und wer keinen hatte, fühlte sich krank. In den 90ern kam ein Großteil der Patientinnen wegen „allgemeiner Lustlosigkeit“ zur Beratung. Damals definierten sich Frauen erstmals offen als sexuelle Wesen, die im Bett ebenso auf ihre Kosten kommen wollten wie die Männer. Und mit Beginn des 21. Jahrhunderts musste Margret Hauch einen sprunghaften Anstieg der „Vaginismus“-Fälle feststellen.
Das heißt jetzt nicht, dass diese Frauen ihre Beschwerden vortäuschen! Sie leiden tatsächlich darunter - physisch wie psychisch. Die meisten würden vermutlich aus vollster Überzeugung sagen, dass sie mit ihrem Partner schlafen wollen - doch ihr Körper ist anderer Meinung. „Jüngere Frauen kommen in einen kompletten Selbstbildkonflikt“, ergänzt die Berliner Sexualtherapeutin Berit Brockhausen. „Vor allem jene, die von sich das Bild haben: Ich bin unverklemmt, ich bin erotisch aufgeschlossen, ich bin lustvoll und leidenschaftlich, ich habe Sex an ungewöhnlichen Orten gehabt. Wenn die dann in einer längeren Beziehung merken, dass die Lust weg geht, haben sie zuerst ein Problem mit sich selbst, weil ihr Selbstbild nicht mehr stimmt.“
Frauen wagen also nicht mehr zu sagen, dass sie keine Lust haben, weil das in ihr Bild einer modernen Frau einfach nicht passt. So wie Männer immer können müssen, müssen Frauen jetzt immer wollen. „Wenn in den 80er Jahren eine Frau keine Lust hatte, dann hatte sie eben keine Lust“, sagt Brockhausen. „Aber das möchte ich sehen, dass heute eine sagt: Ich habe keine Lust“!
Jg. 1966, ist Wienerin und lebt als freie Journalistin zwischen Hamburg, Wien und Paris. Ihr Interesse für Sex wurde vermutlich geweckt, als sie das erste Mal bei einer Kussszene im Fernsehen aus dem Zimmer geschickt wurde. Seither war und ist es ihr Anliegen und Herausforderung, das Thema von falscher Schamhaftigkeit zu befreien. Sie war bis 2008 Redaktionsmitglied von „ZEIT Wissen“, und schrieb u.a. für den „Falter“, „Die ZEIT“ und die „Frankfurter Rundschau“. Bis Juni 2010 betreute sie auch das Sexblog auf www.zeit.de.
• Wie war ich? Der Mythos vom perfekten Sex
von Sigrid Neudecker (Fischer Taschenbuch, 2009)