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Nichts ist uns so zuwider wie Gewalt und
Krieg, und trotzdem (oder gerade deswegen) beherrschen beide unsere
Nachrichten und damit auch unseren Alltag und unsere Gedanken. Offensichtlich
bekommen wir immer gerade das serviert, was wir am wenigsten wollen.
Dabei sind wir selbst doch so gute, anständige und friedliebende
Menschen! Und die Diskrepanz reicht noch weiter: Sind es doch gerade
die Friedenspolitiker, die durch Gewalt umkommen - von Mahatma Gandhi
über Dag Hammersköld, John F. Kennedy und sein Bruder Robert,
Martin Luther King, Olof Palme, Anwar el Sadat bis zu Itzhak Rabin.
Auch John Lennon halfen seine Appelle All You need is love" und
Give peace a chance" gar nichts - schon der erste Schuss war für
ihn tödlich. Steckt dahinter etwa mehr als dummer Zufall?
In all diesen Phänomenen könnte sich der treueste, aber äußerst
unliebsame Begleiter der Menschheit manifestiert haben: der Schatten!
Nach Beispielen für die Wirkungsweise des Schattens
brauchen wir heutzutage nicht lange zu suchen. Zu frisch sind noch die
Erinnerungen an den 11. September und seine Folgen. Diese Attentate
brachten die Welt (also uns Menschen) in eine besonders brenzlige Lage:
Ein einzelner Politiker eines einzelnen Landes wollte daraufhin unbedingt
einen Krieg und arbeitete konsequent darauf hin. Rundum standen Milliarden
Menschen und eine überwältigende Mehrheit von Ländern,
die diesen Krieg gar nicht wollten - aber der Zündler schien die
Oberhand zu behalten. Seine Gründe waren dabei selten einfach zu
durchschauen. Zum Ersten folgte er einer Familientradition und wollte
seinen Vater rächen, der den Oberschurken seinerzeit nicht wirklich
bezwungen hatte. Sicherlich hatte auch die Ölindustrie, die seinen
ersten Wahlkampf vor allem finanzierte, ein paar Interessen im Kriegsgebiet.
Und schließlich war es wohl auch kein großer Nachteil für
die weltgrößte und effektivste Waffenindustrie, bei dieser
Gelegenheit zu beweisen, was sie kann und zweitens loszuwerden, was
anschließend so zwingend und gerne und kostenintensiv ersetzt
werden muss.
Angesichts der aktuellen Kriegs-Szenarien erinnert man sich fast sich
wehmütig an die Zeiten des Kalten Krieges, wo ein Gleichgewicht
des Schreckens einen (wenn auch eiskalten) Frieden so gerade eben am
Leben erhielt. Immerhin war es noch ein Gleichgewicht
Der dunkle Bruder des Lichts
Seit den Twin-Tower-Attentaten ist eine erhebliche
Polarisierung der Menschen in den meisten Industrienationen zu beobachten.
Eine große Mehrheit - mit fast der ganzen US-Nation an der Spitze
- sieht sich aus heiterem Himmel getroffen. Sie können sich nicht
vorstellen, dass sie selbst diese Katastrophe mit heraufbeschworen haben
könnten. Sie suchen ihr Heil in der Projektion, identifizieren
die Achse des Bösen" als Schuldige in weiter Ferne und hoffen,
mit der Eliminierung der Terroristen die Bedrohung aus der Welt zu schaffen.
Auf der anderen Seiten gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die
im Schrecken des 11. September und in seinen kriegerischen Folgen ein
Stück Schattenmanifestation sehen und erkennen, dass wir selbst
doch viel mehr mit diesen Katastrophen zu tun haben, als uns lieb ist.
Sie schauen nach dem eigenen Schatten und suchen die Verantwortung auch
bei sich. Sie gehen davon aus, dass ein Problem immer mindestens zwei
Seiten hat und dass zu jedem Streit und Krieg immer wenigstens zwei
Beteiligte gehören. Diese Gruppe hat es in Zeiten der Bedrohung
besonders schwer, da in solchen Situationen die Verlockung, sein Heil
in einfachen Antworten und Lösungen zu suchen, noch größer
ist. Und nichts ist leichter, als die Schuldigen irgendwo da draußen
zu positionieren und deren Hinrichtung zu fordern.
Der Versuch, das Problematische, das Böse" aus der Welt zu
schaffen, ist sicher so alt wie die Menschheit. Wirklich zum Ziel hat
das nie geführt und kann es auch gar nicht - aber es beruhigt jene
naiven Gemüter, die nichts mehr fürchten als den eigenen Schatten.
Was der Schatten" eigentlich ist? Nach C.G. Jung ist es jener
Teil von uns, mit dem wir uns nicht identifizieren, den wir ins finsterste,
dunkelste Eck unseres Bewusstseins verdrängt haben. Gemeinsam mit
dem Ich", mit dem wir uns identifizieren, bildet er unser Selbst.
Insofern ist Selbst-Verwirklichung" im Sinne der Jung'schen Individuation
immer mit Schatten-Integration verbunden. Das ist ein anstrengender,
aber auch lohnender Weg, denn er allein führt zur Befreiung aus
den Fesseln des Ich. Insofern ist jedes Erreichen der Einheit, wie immer
es in den verschiedenen Traditionen genannt wird, mit Schattenarbeit
verbunden. Jeder ernsthaft Suchende kennt das. Die Mehrheit der Menschen
aber will von ihrem Schatten nichts wissen, und die Geschichte ist voll
von Beispielen für heilige" (Projektions-)Kriege.
Die Logik der Gewalt
Die Hexenverbrennungen des Mittelalters waren eine
besonders grauenhafte Projektionsorgie. Die Zahlen der Ermordeten schwanken
von Hundertausenden bis zu einigen Millionen. Die Ausgangslage war einfach:
Die Menschen waren arm, ihr Leben schwer, es sei denn man hatte das
Privileg, ein weltlicher oder kirchlicher Fürst zu sein. Letztere
hatten als Wermutstropfen allerdings das Zölibat am Hals, das ihnen
sexuelle Genüsse offiziell untersagte. Die Mehrheit der Kirchenmänner
ging den einfachen Weg und ignorierte das Verbot, ohne allerdings den
Mut zu haben, sich offen dazu zu bekennen.
Die Logik der Inquisition war die Logik der Projektion.
Wenn ein Priester, der sein Leben Gott geweiht hatte, sich zu einer
Frau hingezogen fühlte, konnte das gar nicht mit rechten Dingen
zugehen. Da musste der Teufel im Spiel bzw. im Bunde mit der Frau sein.
Andernfalls wäre die Frau außerstande gewesen, den heiligen
Mann" vom rechten Weg abzubringen
Und schon lag das Problem nicht
mehr beim Kleriker, sondern bei der Frau und beim Teufel. Da Letzterer
aber schwer zu belangen war, löste" man es lieber am Weib,
indem man es anklagte.
Schon die Untersuchungen, die sogenannten hochnotpeinlichen Befragungen"
ließen der Frau gar keine Chance. Wenn sie nicht gestand, mit
Satan im Bunde zu sein, wurde sie z.B. nackt einige Zentimeter über
dem Boden an einen Pfahl gehängt und so lange gequält, bis
sie gestand oder bestimmte Zeichen" sie überführten.
Solche Überführungen verliefen etwa nach folgendem Muster:
einer der kirchlichen Schergen stach ihr mit einem spitzen Gegenstand
in die Leberflecken und Muttermale, bevorzugt in der Nähe der Scham
und der Brüste. Wenn sie dabei blutete, galt das als normal",
wenn aber nicht, war das bereits ein Zeichen ihres Bundes mit dem Teufel.
Man(n) stach also so lange, bis sie aus den zugefügten Wunden verblutete
oder bis es irgendwann nicht blutete. Dann war sie überführt
und konnte nach kirchlichem Recht verbrannt werden. Die Vorstellung
war, dass die Seele im Feuer gereinigt und Satan so ausgetrieben werden
könne.
Gemäß der perversen Logik der Projizierer waren solche und
ähnliche Gottesurteile durchaus erfolgreich. Das Problem der eigenen
Geilheit war nun zu einem Problem der Frauen geworden, die Kirchenmänner
waren völlig entlastet und konnten sich als arme Opfer des Satans
sogar noch etwas darauf einbilden, dass der Teufel es gerade auf sie
abgesehen hatte. Der eigene Schatten, die verdrängte Lust, ja sogar
sadomasochistische Tendenzen mussten so nicht als eigenes Problem erkannt
werden, sondern konnten auf andere verschoben werden.

Die kollektiven Schattenträger
Der Antisemitismus der Nazizeit folgte der selben
Logik. Die Nazis und ihre Anhänger projizierten skrupellos und
vernunftwidrig alle ihre Probleme (und die Deutschlands) auf die Juden.
Diese wurden zu Sündenböcken oder Schattenrepräsentanten
gemacht. Alles, was ein guter Deutscher" bei sich nicht leiden
konnte, wurde pauschal den Juden" in die Schuhe geschoben. Natürlich
fühlten sich primitive Deutsche dadurch entlastet, denn nun waren
ja andere an allem Schuld. Und tatsächlich gelang es den Nazis,
diese unmenschlichsten Taten der Geschichte ihren eigenen Anhängern
mittels Projektion schmackhaft zu machen und sie mit Rationalisierungen
auch im damals geltenden Recht abzusichern. Wenn so etwas im 20. Jahrhundert
noch möglich war, spricht einiges dafür, dass wir seit der
Inquisition wenig gelernt haben. Andernfalls dürften Fremdenfeindlichkeit
und Antisemitismus heute gar kein Thema mehr sein. Aber schon wieder
prügeln in Deutschland Halbstarke auf Sündenböcke ein
und bringen sie in einigen Fällen sogar um. Schon wieder brennen
die Häuser von Angehörigen von Minderheiten, und altbekannte
gestrige Grußformeln tauchen auch wieder auf. Politiker mahnen
und warten ab, demonstrieren Besorgtheit und sehen zu. Einige erklären
die Opfer bereits wieder zu Schuldigen, nach dem Motto: Kämen
die Fremden nicht in so großer Zahl zu uns, bekämen sie auch
keine Probleme". So stellt sich heute brennender denn je die Frage:
Wollen wir den Umgang mit dem Schatten überhaupt lernen? Und wenn
ja: Wann wollen wir damit beginnen?
Solange der Mechanismus der Projektion nicht von der Mehrheit der Menschen
durchschaut wird, laufen wir Gefahr, ständig von solch perversen
Schlussfolgerungen eingeholt zu werden. Hier hilft nur rechtzeitiges
Durchschauen des eigenen Schattens und entsprechende Aufklärung
über diesen gefährlichsten aller psychologischen Mechanismen.
Die Projizierenden fühlen sich dabei schon deshalb völlig
schuldlos, weil der Schatten per definitionem unbewusst ist. Es bedarf
intensiver Arbeit an der eigenen Seele und oft der Psychotherapie, um
ihn zu durchlichten. Erst wenn das Licht der Bewusstheit in die eigenen
dunklen Seelenbereiche einzieht, gibt es ein Entkommen aus der Falle.
Zurück in die Küche!
Aus Sicht der spirituellen Philosophie wird sich
alles so lange wiederholen, bis es gelernt ist. Man braucht kein Pädagoge
zu sein, um zu begreifen, dass man so lange Analphabet bleibt, bis man
lesen kann und so lange Nichtschwimmer ist, bis man schwimmen gelernt
hat. Nur in anspruchsvolleren Bereichen menschlicher Lebensführung
hoffen wir, erwachsen zu werden oder die Vergangenheit bewältigen
zu können, ohne uns damit zu beschäftigen. Die Erfahrung lehrt
natürlich, dass das nicht möglich ist. Allein das Vergehen
von Zeit macht uns keineswegs schon erwachsen - es gibt unzählige
ältere Menschen, welche die Pubertät noch vor sich haben.
Zu allererst wäre es angebracht, die eigenen Projektionsmechanismen
zu erkennen und anzunehmen. Diesbezüglich scheinen wir aber auch
noch nicht gelernt zu haben. Solange noch immer viele Deutsche davon
ausgehen, dass ein wahnsinniger Österreicher das deutsche Volk
verführt habe und sich die Österreicher leidtun, weil sie
sich als erste vom deutschen Faschismus überfallene Nation sehen,
stehen die Weichen auf Nachsitzen". Bei allem Respekt vor dem
Charme der österreichischen Vergangenheitsbewältigung, die
kurzerhand Hitler ausbürgert und im Gegenzug Beethoven der Wiener
Klassik zuschlägt - die Wiederholungsgefahr ist in Deutschland
und Österreich gleichermaßen hoch. Im einen Fall wagt sich
heute schon wieder rechter Mob mordend auf die Straße - im anderen
wurden Politiker regierungsfähig, deren faschistoides Vokabular
mehr als nur ein ästhetisches Problem darstellt.
Neben seinen kollektiven Seiten hat der Schatten natürlich auch
eine ganz individuelle, die in jedes Leben hineinreicht. Diesen zu durchlichten,
wäre Aufgabe einer Psychotherapie, die zwar nicht bequem ist, aber
andererseits auch lohnender als alles Andere. Nach wie vor gilt in diesem
Zusammenhang der Satz des Gestalttherapeuten Ervin Polster: Psychotherapie
ist viel zu schade, um Kranken vorbehalten zu bleiben."´
Spirituelle Schattenleugnung
In der spirituellen und der alternativen Gesundheitsszene,
der sich ja viele von uns zurechnen, hat der Umgang mit dem Schatten
noch eine andere, ganz spezielle Blüte" hervorgebracht. Egal
ob Umweltschutzbewegungen oder spirituellen Meditationsgruppen, bei
all diesen verschiedenen Gruppierungen des Neuen Denkens" finden
wir schnell eine Gemeinsamkeit zum alten Denken: Häufig wird nämlich
unter Umdenken Positives Denken" verstanden. Die Idee dahinter
ist sehr einfach und auf den ersten Blick auch überzeugend: Allem
Unangenehmen, Bösen und Negativen in der Umwelt und in einem selbst
begegnet man mit positiven Gedanken. Geht es einem schlecht, schwört
man sich etwa ein auf den schon klassischen Satz: Mir geht es
von Tag zu Tag immer besser und besser." Affirmationen werden solche
positiven Merksätze genannt, und sie werden wie Meditationsmantren
benutzt. Durch ständige Wiederholung in Tiefenentspannung oder
beim Spazierengehen, von der Meditationskassette oder auswendig gelernt,
sollen sie bis ins Unbewusste vordringen und dort ihre wohltuende Wirkung
entfalten.
Eines sollte einem allerdings schon durch kritisches Nachdenken klar
werden: Positives Denken" funktioniert zwar in beschränktem
Rahmen - aber es funktioniert genau wie die Schulmedizin und alle anderen
unterdrückenden Maßnahmen. Es wendet sich GEGEN all das Unglück,
das Böse, Lästige, also den Schatten. Insofern müssen
wir feststellen: Diese Art Neuen Denkens" ist alles andere als
neu - es ist genau das Denken der etablierten Medizin und Wissenschaft,
der Politik und der Medien. Nur das Mäntelchen ist neu und strahlend.

Hasset Eure Feinde!?
In der Medizinersprache ausgedrückt, handelt
es sich hier eindeutig um Allopathie. Der Feind wird bekämpft -
im Falle von Bakterien mit Antibiotika (griech. anti bios = gegen das
Leben), im Falle von unangenehmen seelischen Eigenschaften mit Affirmationen,
im Fall von Terroristen mit militärischer Gewalt. Leider funktioniert
dieses Prinzip trotz eindrucksvoller Anfangserfolge auf die Dauer nicht.
Schlimmer noch: im Schutz solcher Abwehrmaßnahmen wächst
im Schatten auch der jeweilige Gegner unbemerkt mit.
Das gegenteilige Prinzip ist in der Medizin als Homöopathie bekannt.
Diese geht nach dem Grundsatz vor Ähnliches möge Ähnliches
heilen". Diesem Prinzip folgend werden erfrorene Füße nicht
heiß gebadet, sondern mit Schnee eingerieben, eine Depression
wird nicht mit lichten Affirmationen, sondern eher durch eine Auseinandersetzung
mit dem Tod angegangen. Das homöopathische Prinzip führt uns
zur spirituellen Philosophie und ihrem grundsätzlich anderen Denken.
Hier geht es nicht darum, gegen alle möglichen Feinde zu Felde
zu ziehen, sondern im Gegenteil darum, die eigenen Feinde kennen- und
akzeptieren zu lernen. Der christliche Auftrag Liebet eure Feinde!"
formuliert das homöopathische Prinzip unübertroffen und meint
offenbar, dass wir uns unseren Feinden öffnen sollen, sie annehmen
und lieb gewinnen.

Die Einheit der Gegensätze
Die spirituellen Lehren werden hier noch ausführlicher.
Ihr grundlegendes Thema ist das Polaritätsgesetz, das besagt, dass
alles in dieser Welt seine zwei Seiten hat. So wie zum Ausatmen untrennbar
das Einatmen gehört, bedarf der Herzschlag der beiden Pole Zusammenziehung
und Ausdehnung. Ohne den positiven Pol gäbe es auch keinen negativen
und damit keine Elektrizität, der Nordpol des Magneten erfordert
den Südpol, der Mann die Frau, das Licht den Schatten. Alles in
unserer Welt hat seinen Gegenpol. Und die beiden Pole gehören nach
spiritueller Auffassung zusammen und lassen sich nicht wirklich trennen.
Es ist lediglich möglich, einen der Pole zu verdrängen - wodurch
er eben zum Schatten wird. Gerade das aber tun die Menschen seit altersher:
Sie lieben das Licht und wollen von ihren Schattenseiten nichts wissen.
Da beide aber untrennbar sind, muss sich der Schatten im Unbewussten
ausleben, was er auch reichlich tut. So sind Krankheitssymptome nichts
Anderes als die in den Körper gesunkenen Schattenanteile. Sie symbolisieren
die Feinde", also jene Anteile, die wir gänzlich nach draußen
gedrängt haben.
Hier liegt auch der Schlüssel dafür, warum allen Religionen
das Heilen von Krankheit ebenso wichtig ist, wie das Annehmen der Feinde.
Symptome und Feinde sind überaus bedeutsam für uns; sie können
uns heil machen. Indem wir nämlich unsere eigenen inneren und äußeren
Feinde und Fehler erkennen, werden wir wieder vollständig und heil.
An dieser Stelle mag deutlich werden, dass Religion - und auch Spiritualität
- in ihrem ursprünglichen Sinn gerade das Gegenteil zum Positiven
Denken" repräsentiert. Positives Denken versucht die selbe breite
und einfache Straße zu befahren, auf der sich auch die Schulmedizin
bewegt: Symptome werden bis auf den Tod bekämpft. Nun haben sich
Schulmedizin und Verhaltenstherapie nicht ohne Grund im Gesundheitssystem
am besten durchgesetzt. Auf ähnliche Weise wird sich auch das Positive
Denken" in immer neuen Gewändern - wie etwa gerade im Wunschdenken
des kosmischen Bestellservices" - weiter verbreiten. Einem Menschen
auf dem spirituellen Weg muss jedoch früher oder später klar
werden, dass die Schöpfung kein Serviceunternehmen für seine
Bedürfnisse, sondern eine Schule für die Seele ist.
Heilende Katastrophen
Positive Denker" müssen sich (nach zugegebenermaßen
eindrucksvollen Anfangserfolgen) bald eingestehen, dass sie immer neue
Affirmationen gegen immer neue Symptome brauchen. Bestenfalls sind sie
zum Schluss so gut", dass sich alles Schlechte nur noch in Form
äußerer Feinde manifestiert. Das Unangenehmste ist dabei,
dass der Druck mit der Zeit steigt. Immer mehr Löcher zum Unbewussten
müssen immer schneller (mit neuen Affirmationen) zugestopft werden,
und schließlich treibt das Ganze auf eine Kesselexplosion zu,
die leider gar nicht so selten die Züge des Paranoiden annimmt.
Aus spiritueller Sicht ist dies hart, aber letztlich in Ordnung. Denn
wenn sich das Verdrängte, Dunkle mit einer Explosion Luft verschafft,
kommt es wenigstens wieder ans Tageslicht und wird so bewusst. Was von
den Betroffenen als Katastrophe erlebt wird, ist in Wirklichkeit ein
Selbstheilungsversuch der Seele. Das Wort Katastrophe" heißt
im Griechischen auch Umkehr", und genau darum geht es. Die dunklen
Seiten machen sich bemerkbar, weil sie Aufmerksamkeit und Zuwendung
brauchen.
Was in der Medizin zumindest Homöopathen klar ist, scheint in der
Politik gänzlich unklar. Dort herrscht praktisch nur der allopathische
Pol, die Gegenmeinung wird lediglich von wenigen Idealisten und sogenannten
Träumern außerhalb der Parlamente vertreten. Aber es gibt
Hoffnung, denn auch die Homöopathen der Medizin kommen fast immer
aus der allopathischen Gegenrichtung, auf die das Medizinstudium ausnahmslos
jeden Medizinstudenten trimmt. So kennen sie wenigstens beide Seiten
der Medaille.
Homöopathische Politik
Der Vorteil des Sehens auf beiden Augen ist physiologisch
ziemlich klar: Die Sicht wird dadurch räumlich, sodass man auch
die Tiefe der Welt wahrnehmen kann. Wie gut wäre es, in Zeiten
wie dieser einen Politiker von Einfluss zu haben, der es wagen würde,
den Schatten der eigenen einseitigen Politik zu erkennen und anzusprechen,
der sich trauen würde, die alten zeitlosen Regeln der Religionen
zu vertreten - zum Beispiel dass wir unsere Feinde lieben sollen und
dass die Rache eine Angelegenheit des Herrn und also gar nicht unser
Thema ist.
Weder kann in der Medizin die schulmedizinische Schlacht gegen die Feinde"
in Gestalt von Viren, Bakterien und Pilzen zu wirklicher Gesundheit
und Vitalität führen, noch positives Denken mittels einseitig
lichter Affirmationen zu glücklichen oder gar verwirklichten Menschen,
noch wird weitere Aufrüstung, Abschottung und Bekämpfung der
Gegner aus der armen dritten Welt zu wirklichem Frieden führen.
Mit allopathischen Methoden kann man immer nur zeitweilige Symptomfreiheit,
Waffenstillstände, kalte Kriege oder temporäre Stillhalteabkommen
erreichen. Prickelnde ansteckende Gesundheit und wirklicher fruchtbarer
Frieden sind aber etwas ganz Anderes - nur leider nicht so einfach zu
erreichen. Statt den eigenen Schatten zu verdrängen, müssten
wir uns ihm positiv widmen und erkennen, dass er die eigene dunkle Seite
spiegelt. Nur wer mit dieser bewusst eins wird, kann wirklich seelisch
wachsen und gesunden, inneren Frieden finden und auch ausstrahlen.
Dr.
Ruediger Dahlke
geb. 1951, studierte Medizin und bildete sich weiter zum
Arzt für Naturheilweisen und zum Psychotherapeuten, er schrieb
mehrere Bücher, u.a. gemeinsam mit Thorwald Detlefsen den Bestseller
Krankheit als Weg". Heute leitet er gemeinsam mit seiner Frau
Margit das Heil-Kunde-Zentrum Johanniskirchen" und hält laufend
Vorträge, Seminare und Ausbildungen.
Bücher des Autors:
Aggression als Chance (Verlag Bertelsmann)
Lebenskrisen als Entwicklungschance (Bertelsmann)
Woran krankt die Welt? - Moderne Mythen gefährden unsere
Zukunft (Verlag Riemann)
Seminar-Infos bei:
Heil-Kunde-Institut Graz
A-8151 Hitzendorf
Tel: 0316 - 71 98 88-0 Fax: -6
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