KÖRPERLUST und KINDERKRAM


und die Geschichte mit der Sexualerziehung
von Eva Schreuer

SEXUAL
erziehung
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Hurra! Meine Kinder werden erwachsen. Seit siebzehn Jahren stelle ich mir vor, wie das wohl sein wird, wenn unsere zwei Mädels und drei Buben zu Frauen und Männern heranreifen. Jetzt hab ich's life! Äußerst spannend! Körperhaare, Busen, Rundungen, Muskeln, Pickel sprießen. Täglich muss ich um einen Platz im Bad (speziell vor dem Spiegel) ringen. Körperkult ist angesagt, Haare färben, Gesichtswässerchen und Cremes testen, die erste Nassrasur, Schminktipps aus diversen Magazinen ausprobieren... Schon wieder ist das teure Duschgel, das ich mir erst vor zwei Wochen geleistet habe leer! … und wo ist bitteschön mein Lidschatten geblieben…!? Der innerfamiliäre Tampon- und Binden-Verbrauch hat sich abrupt verdreifacht. Auf unserer Wäscheleine hängen keine Kinderunterhosen mehr - Tangas, poppige Boxershorts und BHs in allen Größen und Farben flattern im Wind. Und der Abfalleimer im Bad entsorgt nicht mehr tonnenweise Windeln, sondern kiloweise Kosmetikpads, Binden, Slipeinlagen, Rasierklingen und leere Rubbel-Tatoo-Folien.

 


Das erste Mal

Am allerspannendsten ist allerdings, dass die zwei Großen (Mädchen 17, und Junge 16) jetzt auch ihre ersten Erfahrungen mit Sexualität machen - und das mit einer Leichtigkeit und Offenheit, die ich mir selbst damals mit 17 erträumt hätte.

Wer von uns kann tatsächlich sagen, dass die Erinnerung an das „erste Mal„ mit ausschließlich angenehmen, freudigen, schönen Gefühlen verbunden ist? Und dennoch wünschen wir dies unseren Kindern. Von Herzen wünschen wir ihnen, dass ihre ersten sexuellen Erfahrungen geprägt sind von Sicherheit, Zärtlichkeit und Achtsamkeit. Aber was können wir Eltern dazu beitragen? Noch dazu in so einer „schwierigen" Lebensphase wie in der Pubertät, wo die Sprösslinge für elterliche Ratschläge meist nur den Stinkefinger parat haben? Rückblickend auf die Entwicklung unserer eigenen Kinder wird mir klar, dass die Vorbereitung auf ein befrie-digendes Sexualleben wohl bestenfalls die ganze Kindheit mit einschließt. So viele Aspekte fallen mir da ein, so viele Bereiche, in denen schon die Grundsteine für ein „gesundes" Körperempfinden gelegt werden können.

Tatsache ist jedenfalls: Bei unseren Großen liegt das „erste Mal", die erste sexuelle Erfahrung mit einem Partner in unmittelbarer Reichweite. Meine Vision dazu ist, dass eines Nachts unser Handy läutet: „Mama, Papa, es ist passiert! Und es war total super!… nur… der Gummi ist geplatzt - was soll'n wir denn jetzt tun?" … So oder ganz anders wird es wohl sein. Dann ist alles in Butter!

Vertrauensbeweise

… solcher Art erlebten wir im bisherigen Zusammenleben mit unseren Fünf nicht nur einmal. Zum Beispiel an dem Tag, als unsere 12-jährige Tochter am gemeinsamen Abendtisch vor versammelter Familie stolz ihr T-Shirt lüpfte: „Schaut mal, ich krieg schon einen Busen!" Oder als ihre Schwester zur Tür hereinstürzte und Eltern, Brüdern und Schwester strahlend verkündete: „Hey, es ist endlich soweit: Ich hab die Regel!" Oder als der Jüngste erzählte, wie sehr es ihn verunsichert, dass die Mitschüler am Klo immer so blöde Penisgrößen- Vergleiche und -Sprüche ablassen - worauf ihm seine großen Brüder Tipps und Ratschläge aus eigener Erfahrung mit auf den Weg gaben. Oder als mir mein Mädel (nach der Lektüre der BRAVO-Leserbriefe) in der Küche die vertrauliche Frage stellte: „Mama, wie machst denn du mit der Zunge beim Küssen?"

Liegt es daran, dass gerade unsere Fünf von Natur aus mit „intimen Themen" besonders locker umgehen? Angesichts der extrem unterschiedlichen Persönlichkeiten unserer Kids drängt sich mir eher der Verdacht auf, dass es wohl doch auch an unserem Ansatz von Erziehung zur Körperlichkeit im Allgemeinen liegt. Die Auseinandersetzung damit begann halt schon vor siebzehn Jahren…

Mit der Geburt

…meiner ersten Tochter. Ich wollte alles richtig machen… und war doch selber erst am Lernen. Als Erstgeborene war und ist sie bis heute mein „Versuchskind" - mit dem Ersten erlebt man einfach alles zum ersten Mal. Marie wurde in der halbwegs intimen Atmosphäre eines Geburtshauses geboren, mehr oder weniger sanft, aber immerhin von ihren Eltern und der Hebamme zärtlich empfangen. Alle meine späteren Kinder kamen zu Hause zur Welt, wurden nach der Geburt gehalten, gestreichelt, gestillt und schliefen ihren nachgeburtlichen Erholungsschlaf (nach einem ausgiebigen, warmen Kräuterbad gemeinsam mit Mama in der großen Badewanne) im elterlichen Bett.

Die eigene Geburt an sich ist wohl einer der prägendsten, erotischsten, archaischsten, ekstatischsten, lustvollsten Momente im Leben eines Menschen (Ekstase und Lust haben ja nicht nur mit „angenehmen" Empfindungen zu tun, Schmerz, Angst, Druck, Intensität und Hingabe können äußerst ekstatisch sein!). Dass hier schon ein Samen für späteres Lustempfinden und für einen natürlichen Umgang mit dem eigenen Körper gelegt werden kann, ist für mich eine Tatsache. Das Geburts-Thema ist meiner Meinung nach ein Politikum, das weltweit noch immer viel zu wenig Beachtung erfährt. Wenn die allererste Erdenerfahrung bei allen Menschen geprägt wäre von zärtlichen, empfangenden Händen, Hautkontakt, Wärme, von Streicheln, Gehaltenwerden und sanften Stimmen und Tönen - dann hätten die Sexual- und Psychotherapeuten, die Kriegsstrategen und Feldherren auf der Welt wohl wenig bis gar nichts zu tun.

Soweit - ich kann's nicht lassen - mein persönliches Plädoyer als ganzheitlich denkende Hebamme (die ich im Herzen immer sein werde!).

Berührungen

Damals, als frischgebackene Mutter, las ich von einer umfangreichen Studie an mehreren hundert Müttern und ihrem Verhalten bei der Baby-Pflege. Dabei hat mich ein Ergebnis besonders beschäftigt: Das instinktive „Turteln" und Sprechen der Frauen beim Baden und Eincremen ihrer Kinder verstummte bei einem sehr hohen Prozentsatz (ich glaube, es waren an die 90%) schlagartig, wenn die Geschlechtsteile des Säuglings berührt wurden. Im Unterbewusstsein dieser Babys wurde also schon sehr früh verankert: „Darüber spricht man nicht!" Aus dieser Erfahrung heraus begann ich, die Genitalien meiner Tochter beim Wickeln, Baden, bei unseren zärtlichen Schmusespielchen bewusst mit einzubeziehen und auch zu benennen…

Dass die ersten drei Babyjahre die prägendsten in der menschlichen Entwicklung sind, ist ja allgemein bekannt. Umso logischer ist wohl, dass auch hier schon die Wurzeln einer bewussten Körperlichkeit und Sexualität liegen. Jedes Baby ist ein lustvolles, ja lustbetontes Wesen mit einem völlig natürlichen und wertefreien Körperempfinden. Erst die Erwachsenen machen aus dieser Körper-Lust etwas Schmutziges, „Unantastbares".

Auch durch ihre (fehlende) Sprache…

Spatzi, Pimperl & Co

Womit wir schon beim nächsten, gar nicht so einfachen Thema gelandet wären. Roman und ich haben uns damals in vielen, vielen Gesprächen den Kopf zerbrochen, welche Wörter denn für die Geschlechtsteile unserer Kinder angemessen wären. Klar, beim Säugling ist es egal, ob ich nun Penis, Schwanzi, Pimperl, Muschi, Vagina oder Scheide sage. Aber spätestens wenn der/die Kleine zu sprechen beginnt, sollte „das da unten" einen gebührenden Namen haben. Und mit brauchbaren und wohlklingenden Wörtern, die eine acht- und sinnvolle Bezeichnung für unsere Geschlechtsteile darstellen, ist unsere deutsche Sprache ja nicht gerade gesegnet. Penis war mir zu lateinisch wissenschaftlich… Glieder gibt es mehr wie eins am Körper… Schwanz? … na ja, den haben die Kühe, Katzen und Hunde ja auch… Spatzerl, Pimperl & Zipfel waren mir zu verniedlichend und kindisch … und der Kuckuck, wie ihn meinen Eltern nannten, kam schon überhaupt nicht in Frage - der gehört in den Wald. Noch schwieriger wird's bei den Mädchen: Vagina oder Scheide bezeichnet ja eigentlich nur den Eingang nach innen… die Bezeichnung Scham, (meine Hebammenlehrbücher waren voll davon) finde ich beleidigend - wofür bitte sollten wir Frauen uns schämen?… Vulva? Naja, auch nicht das Wahre… Wir landeten letztendlich im Indischen. Die tantrischen Namen Lingam und Yoni wurden in unseren Fa-miliensprachschatz integriert. Allein als Worte drücken sie für uns am besten jene Achtsamkeit und Zärtlichkeit aus, die unseren äußeren Geschlechtsteilen gebührt.

Worte für unsere Sexualität zu finden - daran kommen wir als Eltern nicht vorbei. Worte, die uns leicht und spontan über die Lippen gehen. Egal, welche - für jede(n) von uns ist sicherlich was Anderes stimmiger. Aber wenn unsere Kinder zu uns kommen und fragen „Was hast du da?" oder „Was tust du da?" - spätestens dann sollten wir nicht lange überlegen müssen. Die Erfahrung (von wahrscheinlich vielen unter uns), dass die Eltern dann beginnen herumzustottern und bei der krampfhaften Suche nach passenden Worten rote Ohren kriegen, könnten wir unseren eigenen Kindern wirklich ersparen…!

Erwischt!?

Da fällt mir jene Nacht ein, in der wir selbst zum ersten Mal in der typisch „verfänglichen" Situation waren: Es war drei Uhr nachts, wir hatten genussvollen Sex im Wohnzimmer… und gerade im ekstatischsten Moment stand plötzlich das vierjährige Töchterchen neben uns. „Ich kann nicht schlafen!" Ups! Was tun? Wie reagieren? Kurze Ratlosigkeit… Scham… und dann ein ehrliches Hinspüren und Erkennen: Die Kleine ist keineswegs verunsichert oder verängstigt - sie kann schlicht und einfach nicht einschlafen und braucht ein paar Streichel-einheiten von ihren Eltern. Punkt.

Auch die Jahre später gab es immer wieder mal solche Momente - und wir lernten, immer sicherer zu reagieren: Okay, unser Kind braucht jetzt unsere Aufmerksamkeit. Komm her. Was ist los? Aha, ein fürchterlicher Albtraum! Aha, dieses oder jenes Wehwehchen! Wir sind für dich da. Wir halten dich und helfen dir, dass du wieder in Ruhe weiterschlafen kannst. Ganz einfach!

Sich zu schämen hat in solchen Situationen ja gar keinen Sinn - sind es doch die eigenen Eltern, die beim Liebes(!)-Akt „ertappt" werden. In jener innigen Umarmung, aus der männlein oder fräulein immerhin entstanden ist... Und die „Wahrung der Intimsphäre"? Solange die Kinder so klein waren, dass sie des Öfteren auch nachts Hilfe brauchten, haben wir den Türschlüssel eben nicht umgedreht. Heute tun wir das - selbstverständlich und mit ruhigem Gewissen und mit der (auch ausgesprochenen) Botschaft: Wir wollen jetzt für uns sein und bitteschön nicht gestört werden!

Aufklärung?

Natürlich gab es dann auch die Herausforderung, Fragen zu beantworten: „Was tut ihr da?" oder „Papa, warum hast du die Mama heute Nacht so gekitzelt?" (Die Frühstücksfrage unseres Jüngsten, als er eines Nachts von meinen Lustlauten aufgeweckt wurde)

Kürzlich las ich von einer aktuellen Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung. Mehr als 1000 Jugendliche zwischen 12 und 26 Jahren wurden befragt, was ihre wichtigsten Informationsquellen für die Aufklärung seien. Zitat: „Die heutigen Jugendlichen werden mit der Darstellung von Sexualität in den Medien geradezu überflutet. Dies führt sogar so weit, dass 41 Prozent der befragten Burschen Pornos als geeignete Informationsquelle für ihre Aufklärung halten. Dadurch entsteht eine völlig verzerrte Vorstellung von Sex - denn die vermittelten stereotypen Handlungsabläufe (z.B. Pizzabote trifft auf unbefriedigte Hausfrau) sind nur schwer mit der Realität in Einklang zu bringen… Sie bilden aber dennoch die Grundlage für den Erfahrungsschatz, der innerhalb des Freundeskreises präsentiert wird, um einen besseren Eindruck zu hinterlassen. Dadurch entsteht aber wiederum ein enorm hoher Leistungsdruck innerhalb der Gruppe." (Kurier, 21.6.02)

Was können wir unseren Kindern Besseres mitgeben, als die Sicherheit jener Erfahrung: Meine Eltern lieben sich und manchmal streiten sie auch. Meine Eltern finden sich auch gegenseitig sexuell anziehend und begehrenswert, sie küssen und streicheln sich - auch wenn ich dabei bin. Die vielzitierte „sexuelle Medienüberflutung" (der unsere Kindergeneration tagtäglich und wie keine andere vorher ausgesetzt ist) verliert dann völlig an Bedeutung und an Schärfe. Die nackten Frauen auf den Magazinen und im Internet, die Porno-Heftln am Kiosk (und mit Gleichgesinnten kichernd am Schulklo bestaunt) werden für Heranwachsende immer interessant sein - aber sie verlieren dann ihre Wichtigkeit als hauptsächliche „Aufklärungs-Quelle".

„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass meine Eltern sich auch sexuell begehrten, und schon gar nicht, dass sie jemals Lust miteinander hatten." Ein Satz, den ich schon von so vielen Erwachsenen gehört habe. Ein Satz, der unseren Kindern hoffentlich, wahrscheinlich niemals über die Lippen kommen wird.

Nackte Körper, nackte Haut

Nochmal ein kurzer Rückblick in die Babyzeit. Denn Eines war mir seit Beginn meines Mutterseins ein Rätsel - wofür man sich eine Babybadewanne anschaffen sollte!? Von Geburt an gingen unsere Kinder ausschließlich mit Mama oder Papa in die große Wanne. Tränen und Geschrei gab's dabei nie - es waren genussvolle Rituale, in denen sich die Kleinen sichtlich pudelwohl fühlten, das weite, warme Wasser und unsere Haut spürten, manchmal eng an Mama oder Papa geschmiegt, manchmal auf unseren Knien oder in unseren Armen liegend sich im nassen Element räkelnd… Lustvoller Hautkontakt! Genauso sehe ich die Sache mit dem Bett. Wir selbst haben fünffach (und 'zigfach bei anderen Eltern) erlebt, wie einfach und problemlos das Zusammenleben mit einem Baby sein kann, wenn man die ersten Monate das Bett mit ihm teilt. Abgesehen von wesentlich ruhigeren, entspannteren Nächten bekommt das Kind ja auch hier den Körper- und Hautkontakt, den es in dieser Zeit so dringend benötigt. Auch das ist Teil einer gesunden Sexualentwicklung!

Und die Sache mit dem Nacktsein? Die ganze Sache mit der „Aufklärung", die „ernsthaften Gespräche" über Geschlechtsteile und -merkmale, über Körperfunktionen, Veränderungen in der Pubertät, der ganze „Blümchen-und-Bienchen-Scheiß" - all das erübrigt sich in einem familiären Klima, in dem sich keiner seines nackten Körpers schämen muss. Diesbezüglich habe ich es immer als großen Vorteil betrachtet, dass wir ein großes gemeinsames Badezimmer mit integriertem Klo haben. Für die Mädels ist es einfach gar keine Frage, wie ein männlicher Körper und Penis aussieht, wie er sich während der Pubertät verändert, wie Mann pinkelt oder sich rasiert… Und unsere Jungs sind mit unzähligen Erfahrungen aufgewachsen, wie ein weiblicher Körper in den verschiedensten Entwicklungsstufen (auch im schwangeren Zustand) aussieht, wie ein Busen wächst, wie Frau pinkelt, wie und wo ein Tampon benutzt wird… Dass Mamas Yoni monatlich blutet, wurde zu einer vertrauten Selbstverständlichkeit, die später nur mehr durch „präzisere Funktionserklärungen" ergänzt wurde - immerhin ist es für die Großen auch schon ein interessanter Aspekt, fruchtbare und unfruchtbare Tage erkennen zu können.

Schamgefühle

Und wo bleibt das „natürliche Schamgefühl"? Interessanterweise ist das bei all unseren Kindern ab einem gewissen Alter wie von selbst und sehr natürlich aufgetaucht. Und interessanterweise bezog und bezieht es sich hauptsächlich auf die „Außenwelt". Die ersten Kontakte mit Gleichaltrigen in Kindergarten und Schule brachten auch die ersten Fragen nach Hause: „Mama, warum tun die alle so zickig, wenn sie sich zum Turnen umziehen?" Plötzlich wollte das kleine Fräulein nicht mehr pudelnackert im Garten spielen - „…da sind ja die Nachbarn da" - und der kleine Mann zog sich nicht mehr selbstverständlich nackt aus, wenn ihn der Arzt untersuchen wollte. Zuhause und im Kreis der Familie äußerte sich dieses Schamgefühl jedoch immer nur kurzfristig - und es wurde und wird immer akzeptiert und respektiert. Denn natürlich ist dieses Schamgefühl sehr wichtig - zum Schutz der eigenen Intimität und Verletzlichkeit.

„Hast du denn gar keine Angst um deine Kinder? Bei all den Horrormeldungen über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen in den Medien?", fragte mich kürzlich eine gute Freundin, die seit Jahren von Albträumen geplagt wird, ihre Tochter könnte einer derartigen Situation ausgeliefert sein. „Nein, überhaupt nicht!" war meine ehrliche und spontane Antwort. Alles durchbesprochen. Alles benannt und erklärt. Alle Eventualitäten durch-gespielt.

Bei uns selbst…

Schon mehrere Male wurde ich von LehrerInnen unserer Kids in den Biologieunterricht eingeladen, um als Hebamme über Sexualität und Geburt zu erzählen. Jedes Mal begegnete ich wachen Augen, hunderten (größtenteils unausgesprochenen) Fragen und verunsicherten Gesichtern von Kindern und Jugendlichen… darf man denn über solche Dinge ganz unverblümt reden? Kann ich fragen, was ich wirklich wissen will? Ohne blöd zu kichern oder verschämtes Däumchendrehen unterm Tisch…? Jedes Mal gab es nach dem Pausenläuten eine Traube von Kids rund um mich - und es war intensiv spürbar, wie wenig Rückhalt und Offenheit diese jungen Menschen von ihren Eltern erfahren, wenn's um das Thema Sexualität geht. Jedes Mal die schmerzliche Erkenntnis: kein Lehrer, kein Außenstehender kann auffüllen, was hier von den Eltern an Information, Einfühlungsvermögen, an Mut zur Auseinandersetzung verabsäumt wurde.

Da höre ich schon den altbekannten, entrüsteten Aufschrei mancher Mütter und Väter: „Ja, aber wie kann ich denn anders? Bei meinen Eltern war dieses Thema absolut tabu. Geschweige denn, dass ich sie jemals nackt zu Gesicht bekommen habe… Und als ich die Regel bekam habe ich mich tagelang eingesperrt, weil ich mich so sehr schämte und solche Angst hatte...!" Wie soll sich an der „kranken" Sexualmoral unserer Gesellschaft irgendwas ändern, wenn die meisten Eltern noch immer an solchen „Standardentschuldigungen" klammern. Wo bleibt die Bereitschaft, wirkliche Veränderungen zu bewirken?

Wenn wir unseren Kindern eine neue, freie, offene und sichere Einstellung zur Sexualität und Körperlichkeit mitgeben möchten, müssen wir natürlicherweise bei uns selbst beginnen. Bei unseren eigenen Prägungen. Bei unseren eigenen Ängsten. Bei unserer eigenen Sexualität. Bei unserer eigenen Liebes- und Beziehungsfähigkeit. So sehr es vielleicht auch schmerzt, so unangenehm und schwierig uns diese Hürden auch erscheinen mögen - die innere Auseinandersetzung lohnt sich. Ein natürliches und unverkrampftes Erleben unserer eigenen Sexualität ist die Belohnung. Unsere Kinder sind dann nur mehr die Nutznießer dieser Entwicklung.

Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, ich stehe, was Sexualerziehung (oder etwa gar Sexualität im Allgemeinen) betrifft über den Dingen? Überhaupt nicht! Als Frau und Mutter hänge ich mittendrin - bin manchmal absolut ratlos. Auch heute noch gibt es viele, viele Momente der Unsicherheit, der Zweifel und der Fragen. Zum Beispiel, als sich unser Jüngster letzthin Nacktfotos aus dem Internet runtergeladen hatte. Oder als erstmals die Frage meiner Tochter auftauchte. „Darf ich heut bei meinem Freund schlafen?"…

Dass es gar nicht möglich, aber auch nicht erstrebenswert ist, immer alles „richtig" zu machen - diese Erkenntnis war wohl die wichtigste der letzten siebzehn Jahre. Für alle Lernherausforderungen, die mir meine Kinder gestellt haben und hoffentlich noch stellen werden, bin ich ihnen zutiefst dankbar.


Eva Schreuer

Jg 1960, ist leibliche Mutter von 2 Töchtern (14 & 17) und 1 Sohn (10), und außerdem seit zwölf Jahren „Zweitmutter" der Söhne ihres Mannes (14 & 16). Nach ihrer Hebammenausbildung arbeitete sie zuerst als Krankenhaus- und dann als freipraktizierende Hebamme - was für sie rückblickend eine Herausforderung war, sich u.a. intensiv mit (ihrer eigenen) Sexualität auseinanderzusetzen. Seit sechs Jahren ist sie ausschließlich „die WEGE-Redaktion".

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