Mal ganz provokant: Brauchen wir Menschen den Rausch?
Wir brauchen also Substanz bezogene Rituale, um lockerer
miteinander zu kommunizieren? Wirklich…? Und da gibt es keine Alternativen? Wie kann man in Schulen mit dem leidigen Thema „Rauchen
erlaubt oder nicht“ umgehen? Das mit den Verboten ist aber so eine Sache... Legal oder Illegal sagt ja keineswegs etwas über
die Schädlichkeit einer Droge aus. Erst kürzlich hab ich wieder gelesen,
dass die legale Droge Alkohol dem Körper wesentlich mehr zusetzt, als
das illegale Marihuana… Ich frag mich, wie unsere „neue“ Regierung mit dem
Drogen-Thema umgehen wird... Aber gesetzt den Fall, du wärst einer der
Hauptverantwortlichen für die österreichische Drogenpolitik - was würdest
du ändern, und wie würdest du den rechtlichen Umgang damit gestalten?
Wie wird eine derartige Anzeige konkret exekutiert?
Gibt es denn in diesem Bereich keine rechtlichen
Regelungen? Und die Medien spielen ja auch eine wesentliche Rolle
bei dem ganzen Drogen-Theater… Aber ist es nicht so, dass ohnehin jene Kids am meisten
suchtgefährdet sind, die auf seelischer Ebene Probleme haben? Welche Kriterien bestimmen denn, wann ein Konsumverhalten
zur Sucht wird? Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie beispielsweise
draufkommen, dass ihr Sohn/ihre Tochter mal einen Joint geraucht hat?
Mir fällt auf, dass wir immer nur von Jugendlichen
reden - sind die denn tatsächlich am meisten suchtgefährdet? INFOS: Siegfried Unger Infoseiten im Internet: www.praevention.at
.

Eva Schreuer im WEGE-Interview
mit Siegfried Unger von der o.ö. Suchtprävention
Süchte gibt’s viele - das wissen wir ja alle. Aber
wonach „süchtet“ denn uns Österreicher am allermeisten?
Das kann sich wohl jeder denken - am weitesten verbreitet sind bei uns
jene Suchtmittel, die jeder kaufen kann: Alkohol und Nikotin. Bevor
ich hierher kam, hab ich noch einen Kollegen gefragt, ob er dazu irgendwelche
konkreten, aktuellen Zahlen weiß. „Vergiss es!“, hat er gemeint, „Die
Rate liegt hier ohnehin bei 100%!“... Das ist zwar leicht übertrieben,
aber die Realität bei diversen Umfragen, geht schon in diese Richtung.
Wenn die Menschen gefragt werden, was sie schon zumindest einmal im
Leben konsumiert haben, landet etwa Haschisch bei ca. 30%, Nikotin wird
von ca. 70% mit ja beantwortet, und beim Alkohol gibt’s schon fast niemanden
mehr, der noch nie...
Ich kenne keine Kultur, die gar keine Rauschmittel benutzt. Eigentlich
geht es ja nur um den bewussten Umgang damit, um eine gewisse Reflexionsbereitschaft.
Bleiben wir z.B. beim Alkohol - der hat durchaus auch seine positiven
Auswirkungen, man wird lockerer im Gespräch, direkter im Umgang mit
anderen, gefühlsbetonter… er kann wirklich ein Gleitmittel zur Kommunikationsförderung
sein. Auch das Zigarettenrauchen hat ja einen sehr kommunikativen Aspekt.
Das fällt mir immer wieder bei den diversen Seminaren auf: Während der
Rauchpausen wird am meisten erzählt, diskutiert, besprochen... da lernt
man die Leute erst wirklich kennen, obwohl man die meiste Zeit des Tages
gemeinsam im Seminarraum verbringt.
Das ist eine Frage der Gesellschaftsform. Wenn wir im Busch leben würden,
würden wir vielleicht sagen „Komm, lass uns miteinander auf diesen Baum
kraxeln und reden...“ oder „…lass uns ein Wildschwein jagen gehen“ oder
so. Und bei uns heißt es halt „Komm, gehn wir miteinander eine rauchen“
oder „… auf ein Bierchen“ - das sind unsere Formen, um gemeinsam Auszeit
zu praktizieren.
Sicherlich. Die Firma Swarovski in Tirol etwa überlegt gerade ernsthaft,
den MitarbeiterInnen die Rauchpausen von der bezahlten Arbeitszeit abzuziehen
- über die Sinnhaftigkeit solcher Interventionen könnte man natürlich
streiten, ich bin gespannt, was dabei herauskommt... Aber bei Seminaren
mit Jugendlichen merke ich immer wieder: wenn in den Pausen genügend
Alternativen zur Verfügung stehen (Obst, Kuchen, Tee, etc.), oder wenn
sie da z.B. auch Musik machen können - dann wird wesentlich weniger
geraucht. Und man kann Regeln ausmachen, wie z.B. Geraucht wird nur
in der großen Vormittagspause… Das Finden und Weitergeben von solchen
Alternativen ist eine unserer Aufgaben in der Präventionsarbeit. Vorbeugen
heißt für uns aber auch, sachlich zu informieren, Ursachen aufzuspüren
und neue Lösungswege zu finden. Das fängt schon beim Kindergarten an
- in unserem Team gibt es eine spezialisierte Kollegin, die sich nur
mit dieser Altersgruppe auseinandersetzt. 60% unserer Arbeit konzentrieren
sich aber auf den Schulbereich - also auf die Arbeit mit Schülern und
Lehrern und Eltern.
Im Großen und Ganzen sollte es darum gehen, den
Einstieg zu verzögern - wenn einer mit 19 Jahren noch nie geraucht hat,
ist es schon sehr unwahrscheinlich, dass er später zum Sucht-Raucher
wird. Es GIBT Schulen, die hier schon sehr gute Möglichkeiten gefunden
haben, die ihre Schüler fragen, was sie denn in den Pausen gerne tun
würden und ihnen Alternativen anbieten, etwa Gesunde Jause, Tischtennistische,
Lese- oder Computerräume… Manche Schulen lösen das Problem auch so,
dass sie den Kids ab einem gewissen Alter das Rauchen zwar erlauben,
aber die Umstände erschweren (etwa mit der Regel: Rauchen nur im Raucherhof
- und der ist extrem ungemütlich).
Klar, Information und Reflexion sind immer sinnvoller,
als ein Verbot. Denn jeder von uns weiß aus eigener Erfahrung: ein Verbot
ist für einen Jugendlichen so etwas, wie eine versteckte Aufforderung,
fast schon ein Befehl. Was strikt verboten wird, ist besonders interessant.
Jetzt erst recht! Ich meine aber, dass man hier auch das Alter berücksichtigen
muss. Ein 11- oder 13-Jähriger braucht Verbote, auch als Grenzen, an
denen er sich festhalten und orientieren kann. Dazu fällt mir eine Situation
mit meinem eigenen Sohn ein, als er sich mit 14 Jahren unbedingt ein
Video anschauen wollte. Ich kannte den Film und fand ihn ziemlich brutal
- also ein klares NEIN von meiner Seite. Dass er sich den Film später
heimlich bei einem Freund angeschaut hat, ist verständlich und auch
zweitrangig - aber ich als Vater habe klar Position bezogen, ein Signal
gesetzt, das ist das Wesentliche. Genauso verhält es sich mit dem Rauchen:
Auch wenn ich nicht verhindern kann, dass ein 14-Jähriger heimlich mit
seinen Schulfreunden raucht, kann ich es ihm verbieten, es zu Hause
zu tun. Zu jedem Verbot gehört aber immer die sachliche Information
- sowohl über die negativen als auch über die positiven Aspekte einer
Substanz - jede(r) Jugendliche sollte zumindest wissen, was er tut,
was er zu sich nimmt und in welchem Setting. Das neue Jugendschutzgesetz
geht schon recht gut in diese Richtung - nicht mehr nur zu verbieten,
sondern auch zu informieren. Da gibt es z.B. jene Empfehlung des Gesundheitsministeriums,
die erst kürzlich veröffentlicht wurde und jedem erwachsenen Bürger
rät, wöchentlich zwei alkoholfreie Tage einzulegen. Denn erstens kann
sich dabei die Leber immer wieder erholen, und zweitens ist dies ein
guter Gradmesser, um zu erkennen, wie abhängig man oder frau von einer
bestimmten Droge ist, wie leicht es einem fällt, einfach zwei Tage darauf
zu verzichten. Es geht einfach um ein Bewusstmachen gewisser Verhaltensmuster,
und um Selbstreflektion - wenn man das kann, ist unkontrolliertes Sucht-Verhalten
gar kein Thema mehr.
Das stimmt, das hat die Forschung eindeutig belegt. Bei den gesetzlichen
Verboten geht es aber immer auch um kulturelle Gepflogenheiten - und
der Alkohol hat bei uns einfach - sagen wir mal - „gewonnen“. Dass es
bei uns sogar bis 1924 drei Zigarettenmarken gegeben hat, die Marihuana-Anteile
enthielten, ist mehr oder weniger in Vergessenheit geraten... Haschisch
wird bei uns noch immer als Einstiegsdroge Nummer Eins abgestempelt.
Gerade im letzten Wahlkampf haben wir dieses Argument immer wieder zu
hören bekommen. Aber da stimmt etwas in der Formulierung nicht - und
die Medien servieren uns solche Fakten immer so, dass viele Menschen
einen völlig falschen Schluss daraus ziehen. Es stimmt zwar, dass 95%
der Heroinsüchtigen mit Kiffen angefangen haben - daraus lässt sich
aber nicht schließen, dass alle Haschischraucher zwangsläufig heroinsüchtig
werden. Das wäre genauso, als würde man hergehen und die Behauptung
aufstellen: Alle Raucherinnen sind Huren - weil Tatsache ist, dass 100%
aller Prostituierten Zigaretten rauchen...! (lacht)
Zu allererst wünsche ich mir eine Normalisierung im Gespräch, in der
Öffentlichkeit, in den Medien. Das ganze Drogen-Thema wird derart zum
Mythos erhoben, ist so mit Ideologien behaftet - dadurch wird’s ja erst
recht spannend! Und rechtlich würde ich beim logischen nächsten Schritt
beginnen: Den Umgang mit den legalen Drogen etwas verschärfen, also
z.B. beim neuen Jugendschutzgesetz ansetzen und auch den Erwachsenen
noch eindringlicher begreifbar machen, warum es tatsächlich sehr schädlich
für einen Achtjährigen ist, Bier oder gar Schnaps zu trinken… oder für
einen Jugendlichen das Zigarettenrauchen, usw. - und bei diesbezüglichen
Vergehen durchaus auch öfter eingreifen. Auf der anderen Seite würde
ich den Bereich der illegalen Drogen etwas lockern und entkriminalisieren,
d.h. nicht mehr den Konsumenten mit Anzeigen und Drohungen bombardieren,
sondern sich vor allem auf die Dealer und Verteiler konzentrieren. Das
wiederum bedingt eine verstärkte Schulung und Aufklärung der Exekutiv-
beamten. Im letzten Jahr gab es 25.000 Anzeigen wegen Verdacht auf Drogen-Konsum,
80% davon bezogen sich auf den Besitz von Marihuana - stell dir mal
vor, was uns das kostet, wenn die Polizei in allen diesen Fällen ernsthafte
und genaue Recherchen betreibt...!
Ich kenne zwar nur die oberösterreichischen Verhältnisse - aber hier
ist es so, dass der Umgang mit dem Drogen-Thema von Bezirk zu Bezirk
sehr unterschiedlich ist. Es gibt Bezirke, in denen wird ein Drogenring
ausgehoben, und dahinter stehen 15 Anzeigen - und in anderen Gegenden
wird auch eine Dealer-Gruppe aufgedeckt, aber mit 300 Anzeigen im Hintergrund.
Verstehst du, was ich meine? Bei den 300 Anzeigen sind sicherlich nicht
mehr Dealer dabei, wie bei den anderen - das lässt darauf schließen,
dass die Beamten meist großen Druck auf die Jugendlichen und die Bevölkerung
insgesamt ausüben… Und besonders fängt der Kas zum Stinken an, wenn
in einer ländlichen Ortschaft zwei, drei Kids etwa beim Kiffen er-wischt
wurden - da weiß dann bald der ganze Ort: „Das sind die Giftler!“ Dazu
kommt oft noch das Pech, dass sie aus der Schule geschmissen werden,
oder gar die Lehrstelle verlieren - wobei die Betriebe hier meiner Erfahrung
nach mehr zu ihren Jugendlichen stehen, als manche Schulen...
Das neue Suchtmittelgesetz zeigt im §13 einen ganz klaren Weg auf, wie
eine Schule mit einem derartigen Fall umzugehen hat - nämlich sich bewusst
mit diesem Thema auseinanderzusetzen, auch gemeinsam mit dem Schularzt,
mit den Schülern und Eltern… und es gibt auch schon Schulen, die das
vorbildlich umsetzen. Aber leider gibt es auch solche Schul-Direktoren,
die bei „begründetem Verdacht“ (d.h. es ist ihm irgend ein Drogengeschichtchen
von mehreren Seiten zu Ohren gekommen) gleich zum Telefon greifen und
die Polizei anrufen. Gottseidank gibt’s aber auch hier wieder jene Bezirkskommandanten,
die einen Lehrer sofort auf diesen §13 hinweisen und sagen: „Damit sind
Sie bei uns an der falschen Stelle, Sie müssen in diesem Fall anders
vorgehen!“ Wenn aber eine Schulleitung diese gesetzlich empfohlenen
Richtlinien ignoriert und den Betroffenen einfach aus der Schule schmeißt,
dann gibt es keinerlei Konsequenzen. Klar bringen Drogengerüchte jeden
Schuldirektor in eine schwierige Lage - aber genau da setzen wir ja
verstärkt an. Wir haben heuer eine Menge Termine mit SchulleiterInnen
und Schulärzten, wo wir besonders über diesen §13 reden und aufklären.
Und die Erfahrung zeigt, dass derartige Vorfälle sehr gut völlig schulintern
gelöst werden können.
Autsch, da triffst du bei mir einen wunden Punkt. Auf die Medien bin
ich gar nicht gut zu sprechen. Die sind auf Schlagzeilen aus, schreiben
oft nur total einseitig über irgendwelche Substanzen oder diverse Drogen-Fälle…
Aber das Schlimmste ist: Alles, was in der Zeitung steht, wirkt auf
die Jugendlichen wie eine Werbung. Durch Zeitungsberichte kommen viele
erst überhaupt auf die Idee, dass dieses zu kosten oder jenes zu schnüffeln
vielleicht interessant sein könnte… solche (meist falschen) Zeitungsberichte
tragen wesentlich zur Förderung des Probier-Konsums bei! Denn überleg
mal, was sind denn die äußeren Auslöser, etwas überhaupt einmal auszuprobieren?
Man hat davon gehört, in der Zeitung gelesen, in der Clique wird darüber
gesprochen und gequatscht... und je öfter das Thema zur Sprache kommt,
desto stärker reift der Entschluss: „So, jetzt will ich das endlich
auch mal ausprobieren!“ Und erst nach dem ersten oder mehrmaligen
Konsum wird dann entschieden: „Das nehm ich weiterhin!“ oder
„Das ist nix für mich.“
Das will ich jetzt nicht verallgemeinern - aber zum Großteil hast du
damit schon Recht. Fast alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die
zu viel von einer Substanz zu sich nehmen oder Suchtverhalten entwickeln,
haben Probleme in der Sozialisation, in der Familie oder andere seelische
Schwierigkeiten. Zum Anderen kann man hier auch eine Altersgrenze ziehen:
Im Alter von so ungefähr 13 bis 17 Jahren ist das Ausprobieren (sei
es nun Rauchen, Alkohol trinken, etc.) völlig normal - und bei den meisten
bleibt’s dann auch beim Probieren. Wenn aber ein Achtjähriger beginnt,
am Glimmstengel oder an der Schnapsflasche zu nuckeln, dann ist das
absolut unnatürlich. Dann kann man davon ausgehen, dass der mit ziemlicher
Sicherheit Probleme hat, ob nun zu Hause, mit seinen Freunden oder in
der Schule. Vor einigen Jahren gab es eine Studie vom Anton-Proksch-Institut,
die das Einstiegsmotiv mit der Einnahme von „weichen“ (Haschisch…) und
„harten“ (Opiate, wie Kokain, Heroin etc.) Drogen in Beziehung setzte.
Das Ergebnis war eindeutig: jene, die aus einem Problem heraus probiert
haben, griffen viel häufiger gleich zu harten Drogen - die einfach Neugierigen
bevorzugten mehr die weichen Substanzen. Der Begriff weiche und harte
Drogen ist aber schon überholt, wir sprechen heute nur mehr von „weichen
oder harten Gebrauchsmustern“. Denn, mit Haschisch kann sich zwar noch
immer keiner umbringen - aber trotzdem kann ein täglicher Kiffer echte
Schwierigkeiten mit seiner Alltagsbewältigung kriegen.
Zuerst ist es schon einmal ein gehöriger Unterschied, ob jemand einen
Joint am Montagmorgen oder am Samstagabend raucht - verstehst du, was
ich meine? Oder beim Alkohol: Trinke ich mein Bier schon am Vormittag
mit den Arbeitskollegen, oder am Wochenende beim Stammtisch. Aber natürlich
gibt es auch klare, objektive Richtlinien, welche Muster als Sucht-Verhalten
gelten: Das ist z.B. der Kontrollverlust (Ich kann nicht mehr frei entscheiden,
ob ich die Substanz zu mir nehme oder nicht) und eine Dosissteigerung
während der letzten Monate, und auch wenn die Substanz oder das Verhalten
(bei Essstörungen z.B.) zum Lebensmittelpunkt wird, also den ganzen
Tagesablauf bestimmt. Aber super, dass du dieses Thema angesprochen
hast, denn dazu hab ich noch was Wichtiges zu sagen: Viele Österreicher
meinen, wenn jemand einmal z.B. Marihuana geraucht hat, ist er schon
süchtig! Illegale Drogen beinhalten automatisch den Sucht-Charakter.
Das ist absoluter Blödsinn! Keine einzige Substanz zwingt sozusagen
den Körper bei einmaligem Konsum gleich in ein Suchtverhalten. An solch
verzerrten Sichtweisen sind auch die Medien Schuld, die verunsichern
viele Leute und geben ein falsches Bild weiter. Denn - seien wir doch
mal ehrlich - ich trau mich das ja fast gar nicht hier öffentlich auszusprechen,
aber es weiß sowieso jeder halbwegs intelligente, denkende Mensch: In
unserem Land gibt es Tausende Menschen, die auch illegale Substanzen
sehr wohl kontrolliert konsumieren können! Die ein soziales Netz haben
und so weit zur Selbstreflexion fähig sind, dass sie bewusst entscheiden,
in welchem Setting und mit welchen Leuten sie dies oder jenes zu sich
nehmen. Die sind sicherlich alle miteinander keine „Süchtigen“. Der
entscheidende Faktor ist immer nur der Umgang mit der Substanz, nicht
der Konsum an sich.
Wenn mich Eltern in einer derartigen Situation um Rat fragen, antworte
ich einfach mit einer Gegenfrage: „Wie würden Sie reagieren, wenn es
Alkohol gewesen wäre?“ Egal ob es nun Haschisch oder Tequila oder Ecstasy
oder was auch immer war, der richtige Umgang ist immer der gleiche:
Darüber reden, informieren, reflektieren, ehrlich sein (auch mit meinen
eigenen Erfahrungen und Ängsten). Wenn es gelingt, im Gespräch zu bleiben
- ohne den moralischen Zeigefinger hervorzukehren, zu verteufeln, zu
schimpfen - dann wird Bewusstsein geschaffen, und Wissen, und Erkenntnis
- was ist gut für mich, was schadet mir, wovon sollte ich lieber die
Finger lassen… Natürlich ist das auch eine Frage der Gesprächskultur
in einer Familie. Wieviel Zeit wird gemeinsam verbracht, wie werden
Konflikte ausgetragen, wie werden Unterhaltungen geführt? Mit „Jetzt
rück schon raus damit - sonst knallt’s!“, wird man bei Pubertierenden
sicherlich nicht ankommen. Was ich auch wirklich schlimm finde, sind
Eltern, die ihren Kindern nachspionieren, etwa in Schubladen herumstöbern
oder heimlich Tagebücher lesen, um nicht die Kontrolle über ihr Kind
zu verlieren. Auch wenn sich Jugendliche zu manchen Zeiten absolut verschlossen
und stur verhalten (jeder, der Kinder hat, kennt das), gibt es immer
Wege zur Kontaktaufnahme. Wenn mein Sohn mal wieder so eine Phase hat,
dann schaue ich, dass wir einfach gemeinsam etwas unternehmen, z.B.
das Fahrrad reparieren oder so - was glaubst du, wie dem dann plötzlich
das Mundwerk geht! (grinst)
Gute Frage. Realität ist nämlich, dass bei uns in Österreich die Frauen
über 40 am meisten suchtgefährdet sind. Warum? Die Kinder sind aus dem
Haus, der Wechsel beginnt… - es stellt sich plötzlich die Frage „Wer
bin ich überhaupt?“, „Welchen Sinn hat mein Leben…?“, und speziell Frauen
greifen dann zu Tabletten und/oder Alkohol. Bei den Männern steigt die
Suchtgefahr rasant an, wenn sie über 60 sind - klar, da ist es das Aussteigen
aus dem Arbeitsprozess, das die Sinnkrise ins Rollen bringt. C.G. Jung
sagte, spätestens mit 40 sollte man beginnen, sich mit dem Sinn des
Lebens und vor allem mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen.
Wenn man dazu zu feig ist, kann man vielleicht auch mit 50 damit beginnen
- mit 60 allerdings ist’s wirklich schon ein bissl spät…! „Sucht“ kommt
von „Suche“ - der spirituelle Aspekt ist hier für mich ein ganz wesentlicher.
(grinst) Und das war jetzt ein super Schlusswort!






Jg. 59, Vater eines Sohnes (17), Erzieher, NLP-Master, arbeitet seit
20 Jahren in der Jugend- u. Erwachsenenbildung, seit 1997 in der Prävention/O.Ö.
- alles über Vorbeugug
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