KEIN HEIM FÜR PLASTIK
 Wie man (fast) ohne Plastik
 ganz gut überleben kann.

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„Infos & Facts zu Plastik“


Na, heute schon einkaufen gewesen? Und, wie viel Plastik war diesmal dabei?… Den eigenen Kunststoff-Verbrauch zu hinterfragen, lohnt sich. Nicht nur wegen des Müllproblems – die Inhaltsstoffe im Plastik schaden auch unserem Körper. Eine Familie in der Steiermark hat sich auf den Versuch eingelassen, und lebt seit 2 Jahren möglichst Plastik-frei. Ihr Experiment zeigt, dass es geht – wenn man will...

von Andrea Semper


Plastic Planet
Lange hatte ich mich davor gedrückt, den Doku-Film „Plastic Planet“ anzusehen. In Sachen Plastik hielt ich mich für einigermaßen informiert. Immerhin hatte ich zwölf Berufsjahre – jung, engagiert und voller Grün-Idealismus – in einem Unternehmen gearbeitet, das österreichweit die Sammlung und Sortierung von Plastik- und Metall-Verpackungsmüll organisiert. Seit meinem Ausstieg aus der Firma waren allerdings schon einige Jahre vergangen, als ich letzten Winter die Ankündigung zu einem Plastic Planet-Filmabend in unserer Gegend las. Auch der Regisseur Werner Boote würde persönlich dabei sein. Das versprach interessant zu werden. Doch etwas in mir sträubte sich… War es mein Unterbewusstsein, das genau wusste, dass ich mit meinem gewohnt bequemen Konsumverhalten nach dem Film nicht mehr so weiter machen konnte, wie bisher?…
Der Filmabend mit dem Regisseur Werner Boote war mein Einstieg in die „wahre Plastik-Welt“, der längst fällige Blick hinter die Kulissen. Trotz der Menge an technischen Details und Infos über die Inhaltsstoffe von Plastik wirkte der Film wie ein spannender Krimi, und der Regisseur schaffte es, die Zuseher persönlich und emotional einzubinden. Chemische Stoffe mit unaussprechlichen Namen bekamen plötzlich ein Gesicht – und ich das Gefühl, dass ich über Plastik bisher so gut wie gar nichts wusste. Ich fühlte mich zunehmend unbehaglich. Wollte ich diese „Chemiekeulen“ meinem Körper wirklich noch länger zumuten?!…

Na dann - Mahlzeit!
Zum Beispiel das „Bisphenol-A“ (BPA), eine Industriechemikalie, die in so gut wie jedem Kunststoff enthalten ist. BPA löst sich durch Hitze, Säure, Abrieb oder Schweiß aus dem Material – etwa wenn wir ein Babyfläschchen wärmen, aus Plastikflaschen trinken, Gemüse auf einem Plastikbrett schneiden oder uns Creme aus der Plastiktube auf die Haut schmieren – und gelangt so in unseren Körper. Mit zu viel BPA im Blut bleibt dem Körper gar nichts anderes übrig, als krank zu werden. Weil diese Substanz in ihrer Zusammensetzung dem weiblichen Hormon Östrogen ähnelt, bringt sie unser körpereigenes Hormonsystem durcheinander – was bis zu Unfruchtbarkeit, Fettleibigkeit, Brust- und Prostatakrebs sowie Missbildungen der männlichen Genitalien führen kann.
BPA muss als Inhaltsstoff nicht deklariert werden. Es kommt also immer „under cover“ in unser Leben, am häufigsten durch plastikverpackte Lebensmittel. Werner Boote berichtete auch von einem eigenen Bluttest, um herauszufinden, wie viel BPA in seinem Blut enthalten war. Das Ergebnis erschütterte ihn. Der Biologe, der ihn untersucht hatte, drückte die Bedeutung seiner BPA-Belastung so aus: „Sie sind nicht unfruchtbar. Sie sind leider gerade noch fruchtbar genug, um ein potenziell abnormales Baby zu zeugen.“ In den eineinhalb Jahren, die seither vergangen waren, hat Boote kein einziges Mal aus einer Plastikflasche getrunken – bei einem neuerlichen Test war sein BPA-Wert signifikant gesunken.
Angesichts der Fakten über die weltweite Plastiklawine, unter der nicht nur unser Körper, sondern die ganze Erde und Natur leidet, fuhr ich an diesem Abend hochmotiviert nach Hause – und verbannte als erstes meinen Wasserkocher in den Keller. Am nächsten Tag folgten ihm einige weitere, leicht entbehrliche Plastik-Utensilien. Dann griff ich zum Telefon, um jene steirische Familie zu kontaktieren, von der Boote am Ende des Filmabends erzählt hatte:

Das Experiment
Die Physiotherapeutin Sandra Krautwaschl lebt mit ihrer Familie in einem Dorf nahe Graz. Im Herbst 2009 hatte sie den Film „Plastic Planet“ gesehen und spontan beschlossen, mal einen Monat lang plastikfrei einzukaufen. Aus dem eher kurzfristig geplanten Experiment ist mittlerweile ein neuer Lebensstil geworden.
Im April 2011 besuchte ich die Familie, um mir selber ein Bild vom plastiklosen Leben zu machen. Sandra, ihr Mann Peter Rabensteiner und ihre drei Kinder Leo (9), Marlene (12) und Samuel (14) beeindruckten mich mit ihrer fröhlichen Offenheit und der Selbstverständlichkeit, wie sie ihr (fast) plastikfreies Leben organisieren und umsetzen. Und das geplante Interview dauerte letztendlich – wegen „Beweisführung praktischer Alltagstauglichkeit“ – einen ganzen Tag. Sandra nahm mich mit zum Einkaufen, ich durfte beim Kochen zusehen und wurde zu einem herrlichen, plastikfreien Mittagessen eingeladen. Auch der anschließende Kaffee hatte nie eine Plastikverpackung gesehen.

Beim Kaffeetrinken erzählte Sandra, dass ihr der Müllwahnsinn schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Der Film gab ihr dann den letzten Anstoß, konkretere Schritte zu unternehmen. Ihr Vorschlag zu dem „Ohne-Plastik-Experiment“ wurde von Peter und den Kindern begeistert aufgenommen. Sofort wurde ein Umsetzungsplan erstellt, an dessen Beginn die Räumung des Hauses von Plastik stand. Die Menge an Plastik-Zeugs, die dabei zutage kam, lässt Sandra heute noch den Kopf schütteln. „Früher gehörte ich zu den Schnäppchenkäuferinnen. Da waren Steckregale aus Plastik oder Aufbewahrungsboxen schnell gekauft. Völlig verzichtbar! Und diese Unsitte mit den Klosteinen – ich weiß nicht, warum man das tut…!“ Auch aus den Kinderzimmern wanderte eine Menge Plastikspielzeug, das niemand mehr verwendete, hinaus in den Garten, wo das Ergebnis der Plastikräumung erst einmal fotografiert wurde.

GANZ ohne Plastik?
Bei der Hausräumaktion wurde einiges weggeschmissen, manches weiter gegeben und das meiste in der großen Scheune zwischengelagert. Den Krautwaschl-Rabensteiners geht es nicht darum, sofort alles wegzuwerfen. Gleich zu Beginn des Experiments Massen an Plastikmüll zu produzieren, hätte ja den Sinn der Sache ad absurdum geführt. Langlebige Dinge werden verwendet, bis sie kaputt sind und erst dann durch eine plastikfreie Variante ersetzt.

Eine besonders intensive „Übungszone“ ist natürlich die Küche. Statt Tupperware werden nun Schraubgläser verwendet – Kochlöffel und Schneidbretter gibt‘s aus Holz und für die Schule Jausenboxen aus Alu oder Edelstahl – Gefriergut kommt in Papiersäcke oder ebenfalls in Schraubgläser. Auch das Einkaufsverhalten hat sich verändert: „Wurst und Käse lasse ich mir gleich in mitgebrachte Behälter schneiden. Wasch- und Geschirrspülmittel kaufen wir offen und lassen es in Glasflaschen abfüllen. Putzmittel habe ich total reduziert – früher hatte ich unzählige Putzmittel in Plastikflaschen, heute verwende ich nur mehr Essig und Zitronensäure. Das ist extrem billig und zugleich umweltschonend. Statt Shampoo und Duschgel verwenden wir Wascherde und natürliche Seifen, zum Zähneputzen Zahnbürsten aus Holz.“


Kein Zwang
Manches, gesteht Sandra, sei anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig gewesen. Aber bis heute gilt: „Wenn jemand von uns fünf ein Veto einlegt, wird das auf jeden Fall akzeptiert. Die Bedingungen für das Experiment waren von Anfang an, dass es Spaß macht und dass es praktikabel ist. Auto, PC und Handy haben wir weiterhin. Wir wollten ja nicht in die Steinzeit zurückkehren!“
Die Kinder jedenfalls sind begeistert bei der Sache. Sie wurden von den Eltern auch nie dazu gezwungen, Dinge wegzugeben, die sie noch haben wollten. Der kleine Leo etwa durfte natürlich selbst entscheiden, ob überhaupt und wann er sich von seiner heiß geliebten Plastik-Ritterburg trennen will. Konflikte gab es deshalb nie. Die Kinder wurden von Beginn an dazu angeregt, selbst zu überlegen und zu entscheiden, wie wichtig ihnen etwas ist. Mittlerweile sind sie allerdings sogar die strengeren Überwacher des Experiments: „Wenn die Kids alleine einkaufen gehen und etwas von der Einkaufsliste nicht ohne Plastik bekommen, kaufen sie es überhaupt nicht.“

Positive Nebeneffekte
Oft wird Sandra auch gefragt, ob sich eine junge Familie wie ihre so ein Experiment überhaupt leisten kann. „Dabei ist unser Leben gar nicht teurer geworden – im Gegenteil, in Summe ersparen wir uns sogar Geld! Wir sind wählerischer geworden, schauen mehr auf Qualität und kaufen nicht mehr so unkritisch alles Mögliche zusammen. Das hat großes Einsparungspotenzial, und es bleibt uns auch mehr Geld für z.B. teurere Bio-Lebensmittel.“ Außerdem haben sich sowohl Plastik- als auch Restmüll drastisch reduziert. „Wir brauchen pro Jahr nur mehr einen halben Gelben Sack, und die Restmülltonne muss nur mehr alle vier Monate entleert werden.“ Auch jene Zweifler, die anfangs prophezeiten, dass das durch den Plastikverzicht eingesparte Erdöl durch die längeren Einkaufswege beim Auspuff rausgeblasen wird, konnten mittlerweile eines besseren belehrt werden. Tatsache ist, dass die Familie im letzten Jahr nur halb so viele Kilometer mit dem Auto gefahren ist, als die Jahre zuvor. Die Milch wird zu Fuß vom Bauern geholt, alltägliche Kleineinkäufe mit dem Fahrrad erledigt und längere Strecken mit dem Zug zurückgelegt.
„Auch beim Gewand bin ich mittlerweile heikel geworden.“, erzählt Sandra. „Ich schau genau, wo die Baumwolle herkommt. Wenn ich Lust auf etwas Neues habe, nähe ich mir aus zwei alten T-Shirts ein neues – das schaut lässig aus. Und vieles kaufen wir in Second Hand-Läden.“ Ausborgen, Tauschen, Weitergeben sind weitere Möglichkeiten, um Dinge nicht selbst kaufen zu müssen, die man nur selten braucht. So hat der Verzicht auf Plastik auch alle anderen Lebensbereiche beeinflusst.

Hürden und Zweifel
Allerdings, betont Sandra, hat sie nie das Gefühl, auf etwas zu verzichten. „Meine Beruhigung ist, dass ich mir ja alles kaufen kann, wenn ich will. Aber es ist mir kein Bedürfnis.“ So trinkt sie weniger Kaffee, weil es selten offenen Biokaffee gibt. Das Chipsessen hat sie sich auch abgewöhnt, weil es die nur in Plastiksackerln gibt. Wenn sie allerdings der totale Heißhunger auf Chips überfällt (was in den letzten zwei Jahren vier-, fünfmal vorgekommen ist), dann werden trotzdem welche gekauft, und zwar ohne schlechtes Gewissen.
Die wirklichen Hürden liegen nicht so sehr im Verzicht, sondern eher in der praktischen Umsetzung: „Leider sind so gut wie alle Bioprodukte auch in Plastik verpackt. Und bis heute haben wir keine Gläser mit Metallschraubverschlüssen ohne die üblichen Kunststoffbeschichtungen gefunden. Außerdem gibt es viel zu wenig Geschäfte, in denen man Produkte offen kaufen kann oder wo man Getränke, Essig, Öl etc. noch in Glas-Pfandflaschen bekommt. Und wenn man den Anspruch hat, dass etwas wasserdicht sein muss, dann gibt es bisher keine Alternative zu Plastik.“ Neben diesen kleinen Alltagshürden kennt Sandra aber auch eine größere: „…zu sehen, dass man primär trotzdem nur das eigene Leben beeinflussen kann. Im letzten Urlaub hab ich wieder die Unmengen an Müll gesehen, die vom Meer angeschwemmt werden. Da beginnt man schon am Sinn des Ganzen zu zweifeln. Aber es geht darum, den Anspruch zu überwinden, die ganze Welt retten zu wollen. Das gelingt mir mittlerweile gut. Und es ist mir wichtig auch zu sagen, was nicht geht. Manche Dinge aus Plastik sind einfach unumgänglich. Die verwenden wir sparsam.“

Das Experiment schlägt Wellen
Der Filmregisseur Werner Boote erzählt heute bei jedem Live-Auftritt von der steirischen Familie, wodurch die öffentliche Aufmerksamkeit immer mehr wird. Die Pressemeldungen füllen mittlerweile einen großen Karton, und sogar das deutsche Fernsehen war schon da. Für ein Buch über das Experiment gibt es auch schon einen Auftrag von einem großen Verlag. Sandra schreibt im Moment ganz eifrig daran. „Ich wollte eh schon immer ein Buch schreiben!“
Auf der eigens für das Experiment eingerichteten Website hat sie seitenweise Erfahrungsberichte und plastikfreie Einkaufstipps veröffentlicht. Es ist eine persönliche Befriedigung für die quirlige Physiotherapeutin, mit ihren Ideen andere Menschen zu erreichen und einen Schneeballeffekt auszulösen – experimentelle Nachahmer gibt es schon einige. Eine Datenbank für Alternativ-Produkte ist ebenfalls Teil der Website. In diese kann jeder Einträge vornehmen, der plastikfreie Produkte kennt. Und damit nicht genug, hat Sandra, die seit kurzem auch im Gemeinderat tätig ist, noch ein regionales Projekt mit dem Namen „Change Bag – Vom Kunststoff zum Echtstoff“ gestartet. Dabei sollen die Bevölkerung, Gewerbetreibende, Schulen, usw. dazu motiviert werden, auf freiwilliger Basis die Verwendung von Plastiksackerln und „Wegwerfplastik“ zu reduzieren bzw. zu vermeiden. Bis zur Auftaktveranstaltung Mitte November will sie über 4.300 gebrauchte Stofftaschen sammeln und so den bestehenden Weltrekord brechen. Die Stofftaschen sollen dann von den Betrieben anstelle von Plastiksackerln verwendet werden. Zeitgleich finden Ideenbewerbe zum Thema Müllreduktion statt. Für dieses Projekt Förderungen und Sponsorengelder aufzutreiben, bedeutet für Sandra zwar auch einigen Zeit- und Energieaufwand, doch sie sieht das gelassen: „Ich mache, was ich machen kann. Es muss ja kein Riesending werden – es geht einfach darum, etwas in der Region in Bewegung zu bringen.“ Mit ihrer natürlichen, entspannten Art wird sie auch mit diesem Projekt die Menschen erreichen und hoffentlich noch viel bewegen.


infos & literatur

Andrea Semper
Jg. 1965, war schon als Kind eine strenge Wächterin über die familiäre Mülltrennung und arbeitete später 12 Jahre lang in der Abfallwirtschaft. Danach Umstieg in die Alternativ- und Sozialpädagogik, daneben ist sie jetzt auch als freie Journalistin tätig.
Kontakt: andrea.semper@gmx.at

Infos zum Projekt
… der Familie Krautwaschl und zur Alternativ-Datenbank
unter www.keinheimfuerplastik.at


Bücher & Filme zum Thema
• Plastic Planet. Die dunkle Seite der Kunststoffe.
   Buch von Gerhard Pretting & Werner Boote (Orange Press, 2010)
• DVD „Plastic Planet“ von Werner Boote
• DVD „Hauptsache haltbar“ von Inge Altmeier & Reinhard Hornung
• DVD „Unser täglich Gift“ von Marie Monique Robin