MIAU - Therapie mit Katzen


von Christine Groß

...

Komm,

schoene Katze,

auf mein liebend Herze

und halte noch zurück

der Pfote Krallen;

Laß tauchend mich

in deine Augen fallen,

worin sich mischen der Achat und Erze.

Wenn meine Finger streicheln

ohne Hasten

dein Haupt und den

geschmeidigsten der Ruecken,

die Haende trunken

werden von Entzuecken,

den Leib, der Stroeme ausschickt,

abzutasten...

(Charles Baudelaire)

..

 

Moeglicherweise gehoere ich auch schon zu jenen seltsamen Mitmenschen, die in diesen Tieren irgendeinen Ersatz finden und vor lauter „Liebe" nicht mehr objektiv wahrnehmen koennen. Aber: warum um Himmels willen denn auch nicht? Wenn`s hilft?

Sie heißen Morli (14), Apollo (7) und Siau Hoa (8). Urspruenglich hatte ich in meiner Psychotherapeutischen Praxis nie vor, methodisch mit ihnen zu arbeiten. Ich wollte meinen geliebten Tieren nicht auch noch den Streß und die Probleme anderer Leute antun. Eher dachte ich, sie haetten genug damit zu tun, mir selbst immer wieder mal das Leben zu retten oder mir aus einer Patsche zu helfen - und das tun sie perfekt. Alle drei, jede(r) auf seine Art. Aber davon ein bißchen spaeter.

Derzeit jedenfalls kratzt es regelmaessig draußen an der dick gepolsterten Tuer meines Therapieraumes. Und trotz Schallschutztueren schaffen es meine Katzen-Co-Therapeuten immer irgendwie, sich deutlich bemerkbar zu machen. Und dann... Die Geschichten (Namen der Patienten sind geaendert) erzaehlen eigentlich alles - viel Theorie ist da nicht mehr noetig. Fuer Interessierte gibt es sie an anderer Stelle.

Erika

Erika - sie wirkt nicht wie 17, sondern eher wie eine 12-Jaehrige - wird direkt aus der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses zu mir geschickt. Diagnose: akute jugendliche Schizophrenie. Die Aerzte wissen nicht recht, was sie tun sollen. Ihre Eltern bringen sie in die Therapie. Erika ist abgetaucht in eine eigene innere Welt, die fuer uns unverstaendlich ist. Sie redet ununterbrochen vor sich hin, spricht teilweise nur mehr englisch, fuehlt sich verfolgt von Stimmen, die „schlimme Sachen" zu ihr sagen, laeuft immer wieder davon und ist nicht faehig, irgendeinen Kontakt mit uns aufzunehmen. Sie wirkt gehetzt und voller Angst, ist aber nicht erreichbar. Ihr war es nicht mehr moeglich gewesen, dem Leistungsdruck, dem sie in Schule und Elternhaus ausgesetzt war, auf eine andere Weise zu begegnen als durch Ausklinken aus der Realitaet. Als sie zu mir kommt, steht sie unter starker Medikation, zeigt schwer zwanghaftes Verhalten, und ich bin nicht sicher, ob ich etwas fuer sie tun kann.

In einer Therapiestunde hole ich instinktiv und ehrlich gesagt, weil mir nichts anderes einfaellt, Morli, meinen alten Tierheimkater, setze mich zu Erika auf den Boden und beginne, ihn zu streicheln und mit ihm zu sprechen. Nach kurzer Zeit nimmt sie ihn wahr und greift tolpatschig nach ihm, laechelt (seit langem das erste Mal) und streichelt ihn ebenfalls, wiederholt seinen Namen. Es ist eine ruehrende Szene, zu sehen, wie sie vorsichtig aus ihrer Welt zu uns kommt und eine kurze Weile dableibt. Ein bißchen bange ich um meinen Kater, weil sie ihn konsequent festhaelt, ihn tragen will und ueberhaupt nicht auf seine Beduerfnisse Ruecksicht nehmen kann. Es gefaellt ihm sichtlich nicht sehr, aber er scheint zu verstehen und bleibt. Mag seltsam klingen, aber es sieht so aus, als ob er die Zaehne zusammenbeißen und sich einfach zur Verfuegung stellen wuerde, weil es fuer das kranke Maedchen gerade wichtig ist. Einbildung einer begeisterten Katzenfreundin, die ich nun mal bin? Mag sein.

Ab diesem Tag verlangt Erika bei jeder Sitzung nach Morli, und ueber viele Stunden hinweg lernt sie, ueber den Koerperkontakt mit ihm immer laenger in „dieser Welt" zu bleiben und auch mit mir und ihrer Mutter Verbindung aufzunehmen. Die Katze und der große Gong, mit dem wir ebenfalls arbeiten, scheinen ihre Transportmittel zu uns zurueck zu sein.

Heute, ein gutes Jahr nach Ausbruch der Krankheit, kann sie sich an nichts mehr erinnern, was in der Zeit der akuten Psychose geschehen ist. Das Einzige, was sie sicher sagen kann: „Die Leute sagen, ich war sehr krank, und da war eine Katze."

Tante Grete

Meine Tante Grete (siehe Fotos), inzwischen gegen 80, liegt im Altenheim in der Pflegeabteilung. Sie ist hilflos und kann nicht mehr sprechen - ihr Sprachzentrum ist nach wiederholten kleinen Schlaganfaellen fast zerstoert, der Koerper funktioniert nicht mehr, sie ist auf Pflege rund um die Uhr angewiesen. Geistig ist sie allerdings ganz da, sie weiß genau, was es am Abend im Fernsehen geben wird - es ist ihr nur nicht mehr moeglich, sich verstaendlich zu machen.

Als es nach einem ihrer schweren Stuerze fuer uns alle recht kritisch aussah und wir erwarteten, daß sie bald sterben wuerde, wollte ich sie so gut wie moeglich in das Sterben hineinbegleiten und ihr helfen, sich zu entspannen und friedlich zu gehen. Ich lieh mir von meiner Tieraerztin eine ihrer vielen Katzen. (Wir tun dasinzwischen oefter, denn ich will meine eigenen Katzen nicht so oft dem Streß einer Autofahrt aussetzen - und es gibt Tiere, die fuer sowas prima geeignet sind, weil es ihnen selber Spaß macht.) Großes Erstaunen in den Augen der alten Frau, als ich mit dem Katzenkaefig ins Zimmer trete - dann ein Lachen von ganz Innen (auch hier war Lachen schon lange nicht mehr passiert). Schließlich haelt sie das Tier mit ihren steifen Fingern fest und beginnt voellig frei zu sprechen. Einfach so.

Es ist eine fast unheimliche Situation - wissen wir doch alle, daß Tante Grete rein medizinisch gesehen nicht mehr reden koennen KANN. Das Personal ist beruehrt, und die Schwestern und Pfleger reden darueber, wie schoen es waere, wenn es sowas wie Therapie mit Tieren auch fuer die anderen Patienten gaebe. Ich verspreche, mich zu erkundigen, ob es irgendwo eine derartige Institution bereits gibt.

Kurz, die vermeintliche Sterbehilfe fuer meine Tante erweist sich als das Gegenteil. Sie beschließt nicht zu sterben, und es geht ihr von Woche zu Woche besser. Heute fahre ich regelmaeßig mit Katze zu ihr auf Besuch. Zwischen unseren Besuchen unterhaelt sie sich mit den Katzenbildern, die ich an der Wand neben ihrem Bett befestigen mußte. Wenn sie sich einsam fuehlt oder Angst hat, streichelt sie „ihren" Morli an der Wand, und wenn sich auch nur ein Eck eines Fotos ein wenig von der Mauer loest, registriert sie es, und ich muß sofort um Klebeband laufen, um es wieder festzumachen.

Speziell wenn ich mit Katzenbabies auf Besuch komme, lebt die alte Frau auf. Man kann es richtig sehen, wie in der Beruehrung mit den geschmeidigen, warmen Koerpern ihre steifen Finger weich, vorsichtig und behutsam werden. Und sie schafft ein kleines Kunststueck ganz ohne Muehe: mit der rechten Hand streichelt sie sanft die kleine Katze, die in ihren Armen schlaeft, mit der linken lockt sie die zweite, recht stuermische und spielt mit ihr, und gleichzeitig redet sie mit beiden. In ihrem gesundheitlichen Zustand eine Meisterleistung. Ich glaube, sie hat in ihrem Leben noch nie so viel erlebt wie jetzt. Kein Wunder, daß sie bleiben mag! Auf meine Frage, was ihr an den Katzen so gut tut: „Die sind so zaertlich zu mir und schauen mir in die Augen." Darueber koennte man nachdenken.

Als ich eines Tages wieder einmal mit dem Katzenkaefig aus dem Zimmer meiner Tante komme, umringen mich die alten Frauen am Gang und sind voller Aufregung, als sie die beiden kleinen Kaetzchen sehen.

Jede reagiert anders: eine beginnt ununterbrochen aus ihrer Vergangenheit zu reden, eine andere weint vor Freude, als sie ein Kaetzchen im Arm haelt. Zwei Damen, die vorher mit stumpfem Blick giftig nebeneinander auf der Bank gesessen hatten, singen ein kleines Liedchen, das sie beide von frueher kennen. Ihr vorangegangener Streit ist vergessen. Irgendwie ist es ploetzlich in diesem dunklen, sterilen Gang des Altenheimes waermer geworden.

Edith

Aus der Psychotherapie einer magersuechtigen 26-jaehrigen Frau: Bei den Sitzungen kratzte es regelmaeßig draußen an der Tuer, und Morli blieb jedesmal die ganze Stunde und schien alles genau zu verfolgen. Wir arbeiteten damals viel mit Zeichnen und Malen - Edith konnte ihre Situation so am besten zum Ausdruck bringen. Allerdings haßte sie alles, was da aus ihrer Feder floß. Sie fand jedes ihrer Werke ganz furchtbar - so wie sie sich selber sah: absolut nicht liebenswert und eigentlich nicht wert, auf dieser Welt zu sein. Meine vielen Versicherungen, wie gut mir ihre Bilder gefielen, verpufften in der Luft und erreichten eher das Gegenteil. Morli, der Geniale, schaffte es ganz ohne gescheite Worte, indem er sich einfach immer wieder in voller Laenge direkt auf ihr jeweiliges Werk legte und dort selig schnurrend einschlief. In Edith veraenderte sich etwas. Und irgendwann einmal seufzte sie: „Also, wenn sich diese sueße Katze auf meinen Bildern wohlfuehlt, haben sie wenigstens irgendeinen Sinn. Und warum ist der denn immer da, wenn ich da bin?" Ich verkniff mir ein „Weil er dich eben mag!". Darauf sollte sie selber kommen. Edith ist noch nicht gesund - aber es bewegt sich was, und in seltenen Augenblicken findet sie etwas an sich, wozu sie JA sagen kann. Morli ist noch immer jedesmal voll dabei.

Herr S.

...52 Jahre, in Therapie nach einer schwierigen und beiderseits sehr verletzenden Scheidung, hat er seine Gefuehle fest im Griff. Er redet ueber seine Situation, als ob er von einem Fremden sprechen wuerde, erlaubt sich keine Traene, wirkt starr und kalt. Als Mann hat man mit solchen Kleinigkeiten fertigzuwerden - „das Leben geht weiter". Er sieht nicht den Zusammenhang mit seinem akut gewordenen Magengeschwuer. Sein jahrelanges Sich-Zusammenreißen und Keine-Hilfe-Annehmen hat ihm bereits massive koerperliche Probleme beschert. Aber die Tatsache, daß sein Magen manchmal bereits blutet und ihm schon fast ununterbrochen heftige Schmerzattacken bereitet und daß sein Herz zeitweise voellig aus dem Takt geraet kann er noch nicht damit in Verbindung bringen, wie er Gefuehle und Beduerfnisse konsequent unterdrueckt.

In meinem Haus begegnet er immer wieder meinen drei Katzen. Normalerweise verkriechen sich alle drei beim Klang der Haustuerglocke. Bei ihm nicht. Herr S. aeußert sich ein wenig veraechtlich ueber diese „Viecher", die doch nur stinken und ihre Haare ueberall in der Wohnung verstreuen.

Als Morli waehrend der Arbeit lautstark Einlaß fordert, will der Patient erst nicht gestoert werden. „Ich teile doch nicht so eine teure Stunde mit einem Katzenviech!" Morli bleibt aber hartnaeckig, und zu meinem Erstaunen springt er Herrn S. auf den Schoß und reibt den Kopf an seiner Wange. Der Mann ist sichtlich irritiert und verunsichert, wehrt sich erst ein wenig, wird aber schnell weicher. Und ploetzlich rinnen ihm einfach die Traenen aus den Augen. Seine Fassade schmilzt dahin, und ich bin Zeuge einer bewegenden Szene, in der die beiden eine Viertelstunde lang schweigend, schnurrend und weinend miteinander schmusen. Herr S. kann zum ersten Mal seinem Schmerz ueber die Trennung von seiner Lebensgefaehrtin Ausdruck geben. Mehr noch: seine Traenen klingen wie uraltes, lange im Zaum gehaltenes Leid, das endlich einen Weg nach Draußen finden darf. Ich sitze mit feuchten Augen dabei und freue mich.

Am Ende dieser Stunde geht Herr S. mit recht wackligen Beinen weg. Er entschuldigt sich noch ein paarmal fuer diesen „Ausrutscher" und daß er sich "so gehen lassen" hat. Sein letzter Satz: „Jetzt geh ich mir Taschentuecher kaufen." Ich gebe ihm welche mit auf den Weg - und er muß sie nicht zurueckweisen.

Diese Erfahrung bringt in unserer weiteren Arbeit eine Menge in Bewegung. Wir beginnen, die Dinge auch vom Herzen her zu behandeln. Und es tauchen viele alte, verdraengte Verletzungen auf, die zu heilen beginnen, indem sie ans Licht kommen duerfen. Die Medikamente fuer den Magen kann Herr S. innerhalb kurzer Zeit absetzen, heute hat er keinerlei Schwierigkeiten mehr, auch nicht nach einem Schweinsbraten, seinem erklaerten Lieblingsgericht. Er kann eine neue Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau eingehen und plant mit ihr und deren behindertem Kind eine gemeinsame Zukunft.

Auch mir selbst

...haben meine drei Katzen schon eine Menge Geld fuer Psychotherapie erspart. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich selbst all die tiefen Krisen erlebte, die ich vorher nur von meinen Patienten kannte. aengste, massive koerperliche Probleme, Hilflosigkeit trotz meines reichen Repertoires an therapeutischen Maßnahmen und Methoden. Meine Katzen haben mich zusammen mit guten Freunden langsam aber sicher druebergerettet. Ich konnte in der akutesten Phase kaum wo alleine sitzen ohne in Panik zu geraten - mein Kater kam und legte sich zu mir. Als ob er wueßte, daß es nicht so gut war, in diesem Zustand noch tiefer zu gruebeln und sich in die Depression fallen zu lassen. Der Koerperkontakt mit ihm hat mich immer wieder sanft aber bestimmt zurueckgeholt. Jede Nacht (besonders nachts hatte ich große Probleme mit dem Herzen) lag er auf meiner Brust und schnurrte mich in den Schlaf.

Und Apollo, der Jaeger der Familie, uebernahm die Versorgung der beiden anderen, als ich eine Zeitlang so sehr mit mir selbst beschaeftigt war, daß ich einfach vergaß, meine Tiere zu fuettern: er brachte Maeuse ueber Maeuse, ueber`s Dach, durch drei Katzenklappen hindurch. Manchmal noch lebendig, manchmal schon totgebissen. Dann speisten sie zusammen, bis nichts mehr uebrigblieb außer ein paar Innereien. Wenn ich es nicht selbst erlebt haette - ich wuerde die Geschichte fuer ein wenig uebertrieben halten. Wir sind in der Zwischenzeit fuereinander Freunde und Partner, aerzte und Heilpraktiker geworden. Meine Hochachtung ist sehr gewachsen, auch meine Dankbarkeit, und ich tue mit Freuden was mir moeglich ist, um ihnen unser Zusammenleben schoen zu machen.

Wie gesagt - diese Arbeit mit den Katzen hatte ich urspruenglich nicht geplant. Sie ist gewachsen in den 16 Jahren meiner therapeutischen Praxis, eigentlich ganz ohne mein Zutun. Ich habe kein Allheilmittel gefunden, und nicht jeder Mensch kann die Hilfe der Tiere annehmen. Fuer mich ist es nicht leicht zu akzeptieren, wenn ich z. B. genau weiß, wie gut der Kontakt mit einer Katze meiner Mutter tun wuerde - aber sie will nicht, daß es ihr besser geht. An solchen Punkten heißt es loslassen.

Die Aerztin meiner Tiere ist mir in der Zwischenzeit eine liebe Freundin geworden, mit der ich gerne Erfahrungen austausche. Viele Menschen bringen Tiere in ihre Praxis, die eingeschlaefert werden sollen, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Sie toetet kein Tier, das gesund ist, und auch wenn es in ihrer Praxis manchmal vor Katzen nur so wimmelt (derzeit springen 16 Stueck ueberall umher und eine ist schon wieder hochschwanger), so findet sich interessanterweise doch fuer jedes der Tiere ein guter Platz. Sie unterstuetzt mich in meiner Arbeit mit den Katzen, und ich kann mir jederzeit eine oder mehrere fuer die Arbeit geeignete ausborgen, um mit ihnen ins Altenheim zu fahren. Es gibt inzwischen viele beruehrende Erlebnisse, und wir sammeln kostbare Erfahrung in diesem Bereich.

In der Zwischenzeit habe ich eine Vision:

Ein Altenheim, ein Kindergarten und ein Tierheim in einer großen gemeinsamen Anlage, wo jeder was fuer jeden tut. Wo ist ein mutiger Unternehmer? Fachleute aus den noetigen Spezialgebieten sind bereits vorhanden. Vielleicht wird es bald mehr darueber zu lesen und zu hoeren geben.