|
|
Moeglicherweise gehoere ich auch schon
zu jenen seltsamen Mitmenschen, die in diesen Tieren
irgendeinen Ersatz finden und vor lauter Liebe" nicht
mehr objektiv wahrnehmen koennen. Aber: warum um Himmels
willen denn auch nicht? Wenn`s hilft?
Sie heißen Morli (14), Apollo
(7) und Siau Hoa (8). Urspruenglich hatte ich in meiner
Psychotherapeutischen Praxis nie vor, methodisch mit ihnen
zu arbeiten. Ich wollte meinen geliebten Tieren nicht auch
noch den Streß und die Probleme anderer Leute antun.
Eher dachte ich, sie haetten genug damit zu tun, mir selbst
immer wieder mal das Leben zu retten oder mir aus einer
Patsche zu helfen - und das tun sie perfekt. Alle drei,
jede(r) auf seine Art. Aber davon ein bißchen
spaeter.
Derzeit jedenfalls kratzt es
regelmaessig draußen an der dick gepolsterten Tuer
meines Therapieraumes. Und trotz Schallschutztueren schaffen
es meine Katzen-Co-Therapeuten immer irgendwie, sich
deutlich bemerkbar zu machen. Und dann... Die Geschichten
(Namen der Patienten sind geaendert) erzaehlen eigentlich
alles - viel Theorie ist da nicht mehr noetig. Fuer
Interessierte gibt es sie an anderer Stelle.
Erika
Erika - sie wirkt nicht wie 17,
sondern eher wie eine 12-Jaehrige - wird direkt aus der
geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses
zu mir geschickt. Diagnose: akute jugendliche Schizophrenie.
Die Aerzte wissen nicht recht, was sie tun sollen. Ihre
Eltern bringen sie in die Therapie. Erika ist abgetaucht in
eine eigene innere Welt, die fuer uns unverstaendlich ist.
Sie redet ununterbrochen vor sich hin, spricht teilweise nur
mehr englisch, fuehlt sich verfolgt von Stimmen, die
schlimme Sachen" zu ihr sagen, laeuft immer wieder
davon und ist nicht faehig, irgendeinen Kontakt mit uns
aufzunehmen. Sie wirkt gehetzt und voller Angst, ist aber
nicht erreichbar. Ihr war es nicht mehr moeglich gewesen,
dem Leistungsdruck, dem sie in Schule und Elternhaus
ausgesetzt war, auf eine andere Weise zu begegnen als durch
Ausklinken aus der Realitaet. Als sie zu mir kommt, steht
sie unter starker Medikation, zeigt schwer zwanghaftes
Verhalten, und ich bin nicht sicher, ob ich etwas fuer sie
tun kann.
In einer Therapiestunde hole ich
instinktiv und ehrlich gesagt, weil mir nichts anderes
einfaellt, Morli, meinen alten Tierheimkater, setze mich zu
Erika auf den Boden und beginne, ihn zu streicheln und mit
ihm zu sprechen. Nach kurzer Zeit nimmt sie ihn wahr und
greift tolpatschig nach ihm, laechelt (seit langem das erste
Mal) und streichelt ihn ebenfalls, wiederholt seinen Namen.
Es ist eine ruehrende Szene, zu sehen, wie sie vorsichtig
aus ihrer Welt zu uns kommt und eine kurze Weile dableibt.
Ein bißchen bange ich um meinen Kater, weil sie ihn
konsequent festhaelt, ihn tragen will und ueberhaupt nicht
auf seine Beduerfnisse Ruecksicht nehmen kann. Es gefaellt
ihm sichtlich nicht sehr, aber er scheint zu verstehen und
bleibt. Mag seltsam klingen, aber es sieht so aus, als ob er
die Zaehne zusammenbeißen und sich einfach zur
Verfuegung stellen wuerde, weil es fuer das kranke Maedchen
gerade wichtig ist. Einbildung einer begeisterten
Katzenfreundin, die ich nun mal bin? Mag sein.
Ab diesem Tag verlangt Erika bei jeder
Sitzung nach Morli, und ueber viele Stunden hinweg lernt
sie, ueber den Koerperkontakt mit ihm immer laenger in
dieser Welt" zu bleiben und auch mit mir und ihrer
Mutter Verbindung aufzunehmen. Die Katze und der große
Gong, mit dem wir ebenfalls arbeiten, scheinen ihre
Transportmittel zu uns zurueck zu sein.
Heute, ein gutes Jahr nach Ausbruch
der Krankheit, kann sie sich an nichts mehr erinnern, was in
der Zeit der akuten Psychose geschehen ist. Das Einzige, was
sie sicher sagen kann: Die Leute sagen, ich war sehr
krank, und da war eine Katze."
Tante
Grete
Meine Tante Grete (siehe Fotos),
inzwischen gegen 80, liegt im Altenheim in der
Pflegeabteilung. Sie ist hilflos und kann nicht mehr
sprechen - ihr Sprachzentrum ist nach wiederholten kleinen
Schlaganfaellen fast zerstoert, der Koerper funktioniert
nicht mehr, sie ist auf Pflege rund um die Uhr angewiesen.
Geistig ist sie allerdings ganz da, sie weiß genau,
was es am Abend im Fernsehen geben wird - es ist ihr nur
nicht mehr moeglich, sich verstaendlich zu
machen.
Als es nach einem ihrer schweren
Stuerze fuer uns alle recht kritisch aussah und wir
erwarteten, daß sie bald sterben wuerde, wollte ich
sie so gut wie moeglich in das Sterben hineinbegleiten und
ihr helfen, sich zu entspannen und friedlich zu gehen. Ich
lieh mir von meiner Tieraerztin eine ihrer vielen Katzen.
(Wir tun dasinzwischen oefter, denn ich will meine eigenen
Katzen nicht so oft dem Streß einer Autofahrt
aussetzen - und es gibt Tiere, die fuer sowas prima geeignet
sind, weil es ihnen selber Spaß macht.) Großes
Erstaunen in den Augen der alten Frau, als ich mit dem
Katzenkaefig ins Zimmer trete - dann ein Lachen von ganz
Innen (auch hier war Lachen schon lange nicht mehr
passiert). Schließlich haelt sie das Tier mit ihren
steifen Fingern fest und beginnt voellig frei zu sprechen.
Einfach so.
Es ist eine fast unheimliche Situation
- wissen wir doch alle, daß Tante Grete rein
medizinisch gesehen nicht mehr reden koennen KANN. Das
Personal ist beruehrt, und die Schwestern und Pfleger reden
darueber, wie schoen es waere, wenn es sowas wie Therapie
mit Tieren auch fuer die anderen Patienten gaebe. Ich
verspreche, mich zu erkundigen, ob es irgendwo eine
derartige Institution bereits gibt.
Kurz, die vermeintliche Sterbehilfe
fuer meine Tante erweist sich als das Gegenteil. Sie
beschließt nicht zu sterben, und es geht ihr von Woche
zu Woche besser. Heute fahre ich regelmaeßig mit Katze
zu ihr auf Besuch. Zwischen
unseren Besuchen unterhaelt sie sich mit den Katzenbildern,
die ich an der Wand neben ihrem Bett befestigen mußte.
Wenn sie sich einsam fuehlt oder Angst hat, streichelt sie
ihren" Morli an der Wand, und wenn sich auch nur ein
Eck eines Fotos ein wenig von der Mauer loest, registriert
sie es, und ich muß sofort um Klebeband laufen, um es
wieder festzumachen.
Speziell wenn ich mit Katzenbabies auf
Besuch komme, lebt die alte Frau auf. Man kann es richtig
sehen, wie in der Beruehrung mit den geschmeidigen, warmen
Koerpern ihre steifen Finger weich, vorsichtig und behutsam
werden. Und sie schafft ein kleines Kunststueck ganz ohne
Muehe: mit der rechten Hand streichelt sie sanft die kleine
Katze, die in ihren Armen schlaeft, mit der linken lockt sie
die zweite, recht stuermische und spielt mit ihr, und
gleichzeitig redet sie mit beiden. In ihrem gesundheitlichen
Zustand eine Meisterleistung. Ich glaube, sie hat in ihrem
Leben noch nie so viel erlebt wie jetzt. Kein Wunder,
daß sie bleiben mag! Auf meine Frage, was ihr an den
Katzen so gut tut: Die sind so zaertlich zu mir und
schauen mir in die Augen." Darueber koennte man
nachdenken.
Als ich eines Tages wieder einmal mit
dem Katzenkaefig aus dem Zimmer meiner Tante komme, umringen
mich die alten Frauen am Gang und sind voller Aufregung, als
sie die beiden kleinen Kaetzchen sehen.
Jede reagiert anders: eine beginnt
ununterbrochen aus ihrer Vergangenheit zu reden, eine andere
weint vor Freude, als sie ein Kaetzchen im Arm haelt. Zwei
Damen, die vorher mit stumpfem Blick giftig nebeneinander
auf der Bank gesessen hatten, singen ein kleines Liedchen,
das sie beide von frueher kennen. Ihr vorangegangener Streit
ist vergessen. Irgendwie ist es ploetzlich in diesem
dunklen, sterilen Gang des Altenheimes waermer
geworden.
Edith
Aus der Psychotherapie einer
magersuechtigen 26-jaehrigen Frau: Bei den Sitzungen kratzte
es regelmaeßig draußen an der Tuer, und Morli
blieb jedesmal die ganze Stunde und schien alles genau zu
verfolgen. Wir arbeiteten damals viel mit Zeichnen und Malen
- Edith konnte ihre Situation so am besten zum Ausdruck
bringen. Allerdings haßte sie alles, was da aus ihrer
Feder floß. Sie fand jedes ihrer Werke ganz furchtbar
- so wie sie sich selber sah: absolut nicht liebenswert und
eigentlich nicht wert, auf dieser Welt zu sein. Meine vielen
Versicherungen, wie gut mir ihre Bilder gefielen, verpufften
in der Luft und erreichten eher das Gegenteil. Morli, der
Geniale, schaffte es ganz ohne gescheite Worte, indem er
sich einfach immer wieder in voller Laenge direkt auf ihr
jeweiliges Werk legte und dort selig schnurrend einschlief.
In Edith veraenderte sich etwas. Und irgendwann einmal
seufzte sie: Also, wenn sich diese sueße Katze
auf meinen Bildern wohlfuehlt, haben sie wenigstens
irgendeinen Sinn. Und warum ist der denn immer da, wenn ich
da bin?" Ich verkniff mir ein Weil er dich eben mag!".
Darauf sollte sie selber kommen. Edith ist noch nicht gesund
- aber es bewegt sich was, und in seltenen Augenblicken
findet sie etwas an sich, wozu sie JA sagen kann. Morli ist
noch immer jedesmal voll dabei.
Herr
S.
...52 Jahre, in Therapie nach einer
schwierigen und beiderseits sehr verletzenden Scheidung, hat
er seine Gefuehle fest im Griff. Er redet ueber seine
Situation, als ob er von einem Fremden sprechen wuerde,
erlaubt sich keine Traene, wirkt starr und kalt. Als Mann
hat man mit solchen Kleinigkeiten fertigzuwerden - das
Leben geht weiter". Er sieht nicht den Zusammenhang mit
seinem akut gewordenen Magengeschwuer. Sein jahrelanges
Sich-Zusammenreißen und Keine-Hilfe-Annehmen hat ihm
bereits massive koerperliche Probleme beschert. Aber die
Tatsache, daß sein Magen manchmal bereits blutet und
ihm schon fast ununterbrochen heftige Schmerzattacken
bereitet und daß sein Herz zeitweise voellig aus dem
Takt geraet kann er noch nicht damit in Verbindung bringen,
wie er Gefuehle und Beduerfnisse konsequent
unterdrueckt.
In meinem Haus begegnet er immer
wieder meinen drei Katzen. Normalerweise verkriechen sich
alle drei beim Klang der Haustuerglocke. Bei ihm nicht. Herr
S. aeußert sich ein wenig veraechtlich ueber diese
Viecher", die doch nur stinken und ihre Haare ueberall
in der Wohnung verstreuen.
Als Morli waehrend der Arbeit
lautstark Einlaß fordert, will der Patient erst nicht
gestoert werden. Ich teile doch nicht so eine teure
Stunde mit einem Katzenviech!" Morli bleibt aber
hartnaeckig, und zu meinem Erstaunen springt er Herrn S. auf
den Schoß und reibt den Kopf an seiner Wange. Der Mann
ist sichtlich irritiert und verunsichert, wehrt sich erst
ein wenig, wird aber schnell weicher. Und ploetzlich rinnen
ihm einfach die Traenen aus den Augen. Seine Fassade
schmilzt dahin, und ich bin Zeuge einer bewegenden Szene, in
der die beiden eine Viertelstunde lang schweigend,
schnurrend und weinend miteinander schmusen. Herr S. kann
zum ersten Mal seinem Schmerz ueber die Trennung von seiner
Lebensgefaehrtin Ausdruck geben. Mehr noch: seine Traenen
klingen wie uraltes, lange im Zaum gehaltenes Leid, das
endlich einen Weg nach Draußen finden darf. Ich sitze
mit feuchten Augen dabei und freue mich.
Am Ende dieser Stunde geht Herr S. mit
recht wackligen Beinen weg. Er entschuldigt sich noch ein
paarmal fuer diesen Ausrutscher" und daß er sich
"so gehen lassen" hat. Sein letzter Satz: Jetzt geh
ich mir Taschentuecher kaufen." Ich gebe ihm welche mit auf
den Weg - und er muß sie nicht
zurueckweisen.
Diese Erfahrung bringt in unserer
weiteren Arbeit eine Menge in Bewegung. Wir beginnen, die
Dinge auch vom Herzen her zu behandeln. Und es tauchen viele
alte, verdraengte Verletzungen auf, die zu heilen beginnen,
indem sie ans Licht kommen duerfen. Die Medikamente fuer den
Magen kann Herr S. innerhalb kurzer Zeit absetzen, heute hat
er keinerlei Schwierigkeiten mehr, auch nicht nach einem
Schweinsbraten, seinem erklaerten Lieblingsgericht. Er kann
eine neue Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau eingehen
und plant mit ihr und deren behindertem Kind eine gemeinsame
Zukunft.
Auch mir
selbst
...haben meine drei Katzen schon eine
Menge Geld fuer Psychotherapie erspart. Es hat eine Zeit
gegeben, in der ich selbst all die tiefen Krisen erlebte,
die ich vorher nur von meinen Patienten kannte. aengste,
massive koerperliche Probleme, Hilflosigkeit trotz meines
reichen Repertoires an therapeutischen Maßnahmen und
Methoden. Meine Katzen haben mich zusammen mit guten
Freunden langsam aber sicher druebergerettet. Ich konnte in
der akutesten Phase kaum wo alleine sitzen ohne in Panik zu
geraten - mein Kater kam und legte sich zu mir. Als ob er
wueßte, daß es nicht so gut war, in diesem
Zustand noch tiefer zu gruebeln und sich in die Depression
fallen zu lassen. Der Koerperkontakt mit ihm hat mich immer
wieder sanft aber bestimmt zurueckgeholt. Jede Nacht
(besonders nachts hatte ich große Probleme mit dem
Herzen) lag er auf meiner Brust und schnurrte mich in den
Schlaf.
Und Apollo, der Jaeger der Familie,
uebernahm die Versorgung der beiden anderen, als ich eine
Zeitlang so sehr mit mir selbst beschaeftigt war, daß
ich einfach vergaß, meine Tiere zu fuettern: er
brachte Maeuse ueber Maeuse, ueber`s Dach, durch drei
Katzenklappen hindurch. Manchmal noch lebendig, manchmal
schon totgebissen. Dann speisten sie zusammen, bis nichts
mehr uebrigblieb außer ein paar Innereien. Wenn ich es
nicht selbst erlebt haette - ich wuerde die Geschichte fuer
ein wenig uebertrieben halten. Wir sind in der Zwischenzeit
fuereinander Freunde und Partner, aerzte und Heilpraktiker
geworden. Meine Hochachtung ist sehr gewachsen, auch meine
Dankbarkeit, und ich tue mit Freuden was mir moeglich ist,
um ihnen unser Zusammenleben schoen zu machen.
Wie gesagt - diese Arbeit mit den
Katzen hatte ich urspruenglich nicht geplant. Sie ist
gewachsen in den 16 Jahren meiner therapeutischen Praxis,
eigentlich ganz ohne mein Zutun. Ich habe kein Allheilmittel
gefunden, und nicht jeder Mensch kann die Hilfe der Tiere
annehmen. Fuer mich ist es nicht leicht zu akzeptieren, wenn
ich z. B. genau weiß, wie gut der Kontakt mit einer
Katze meiner Mutter tun wuerde - aber sie will nicht,
daß es ihr besser geht. An solchen Punkten heißt
es loslassen.
Die Aerztin meiner Tiere ist mir in
der Zwischenzeit eine liebe Freundin geworden, mit der ich
gerne Erfahrungen austausche. Viele Menschen bringen Tiere
in ihre Praxis, die eingeschlaefert werden sollen, weil sie
nicht mehr gebraucht werden. Sie toetet kein Tier, das
gesund ist, und auch wenn es in ihrer Praxis manchmal vor
Katzen nur so wimmelt (derzeit springen 16 Stueck ueberall
umher und eine ist schon wieder hochschwanger), so findet
sich interessanterweise doch fuer jedes der Tiere ein guter
Platz. Sie unterstuetzt mich in meiner Arbeit mit den
Katzen, und ich kann mir jederzeit eine oder mehrere fuer
die Arbeit geeignete ausborgen, um mit ihnen ins Altenheim
zu fahren. Es gibt inzwischen viele beruehrende Erlebnisse,
und wir sammeln kostbare Erfahrung in diesem Bereich.
In der Zwischenzeit habe ich eine
Vision:
Ein Altenheim, ein Kindergarten und
ein Tierheim in einer großen gemeinsamen Anlage, wo
jeder was fuer jeden tut. Wo ist ein mutiger Unternehmer?
Fachleute aus den noetigen Spezialgebieten sind bereits
vorhanden. Vielleicht wird es bald mehr darueber zu lesen
und zu hoeren geben.
|