Nicht
mehr jung und noch nicht alt
Das Dilemma der 40-Jährigen
...
von Roland
Rottenfußer

Gestern
saß ich mit Ananda zusammen. Er hat letzte Woche seinen 40. Geburtstag
gefeiert, jetzt beschwert er sich: „Ich bin einfach für
alles zu spät dran gewesen!“… Ananda wirkt freakig
und unkonventionell. Sogar an seinem Arbeitsplatz läuft er mit
nacktem Oberkörper und selbst gebastelter Halskette herum, und
gelegentlich baut er sich auch einen Joint. Gemessen an seiner Wesensart
ist der Typ biologisch schlicht zu jung: Er kam zu spät, um den
politischen Aufbruch der 68er-Bewegung noch mitzubekommen, zu spät,
um „Poona 1“ und seinen Meister Osho noch persönlich
kennengelernt zu haben… Zu spät für eine große
Karriere ist es für Ananda natürlich auch. In vielen Jobs
wird er „in dem Alter“ nicht mehr genommen. Aber das macht
ihm nichts aus - er wollte in diesem System sowieso nie Karriere machen.
Sagt er. Eigentlich
kenne ich viele „Anandas“ - Männer und Frauen zwischen
40 und 50, die jene nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit ausstrahlen,
die sie selbst nie miterlebt haben. Den Funken der 68er-Revolte würden
sie gern weiter tragen, aber sie fühlen sich dabei nicht mehr vom
Spirit einer ganzen Generation getragen. Ihr revolutionärer Impuls
ist schon angekränkelt von der Melancholie des Scheiterns, von
der postmodernen Kunst des Ironisierens und Relativierens. Politik ist
für sie nur mehr eines von vielen Themen. Und angesichts der überwältigenden
Vielfalt an Möglichkeiten verzetteln sie sich gern, sodass sie
am Ende nichts richtig und nichts mit ganzer Kraft machen. Das einzige
Thema, um das ein heute 40-Jähriger beständig kreist, ist
er selbst. Halbzeit Weh
mir! Wohin? Rebellions-Hemmung Heldentum? Paradise
out No
Chance? Lust
auf Zukunft
Wir, die Babyboom-Generation der Sechzigerjahre, waren für Vieles
zu spät dran, und für Anderes kamen wir wiederum zu früh.
Die heute 60-Jährigen konnten den Anforderungen der Computertechnologie
noch rechtzeitig in die Frührente entfliehen, die 20-Jährigen
bekamen ihre Computerkenntnisse schon im Kindergarten vermittelt - bei
uns setzt man diese Kenntnisse als selbstverständlich voraus, ohne
dass wir sie je fundiert erlernen konnten. Wir sind zu alt, um uns nicht
doch noch nach den schönen, breitflächigen LP-Covers zurückzusehnen
- und wir sind zu jung, um den Segnungen von iPod und MP3-Player entrinnen
zu können.
Dazu fällt mir der amerikanische Philosoph Ken Wilber ein und sein
Bestseller-Titel „Halbzeit der Evolution“. Wenn du 40 bist,
erlebst du so etwas wie die Halbzeit deiner persönlichen Evolution,
die Halbzeit des Vergreisungsprozesses. Für deinen Radiosender
beginnt die Musikgeschichte irgendwann in den 80er Jahren, so als ob
es, als du jung warst, keine Musik gegeben hätte. Neumodisches,
steriles Zeug wie Duran Duran oder George Michael geht als „Rock-Klassiker“
durch. Hollywood-Schauspielerinnen, die dir gefallen, könnten deine
Töchter sein, und Mädchen dieser Altersgruppe würden
dich höchstens dann noch anschauen, wenn sie unter einer pathologischen
Vater-Übertragung leiden. Du wirst alt, wenn du beginnst, über
Greisen-Trost-Parolen wie „Für immer jung“ von Ambros
und Heller gerührt zu sein. Du wirst alt, wenn du beginnst, dein
Alter zu ironisieren und dabei verstohlen auf ein Feedback hoffst, das
dir bescheinigt, dass du doch noch recht jung aussiehst - mit Betonung
auf „noch“.
Das bekannteste Gedicht zum Thema „Lebensmitte“ stammt von
Friedrich Hölderlin und läutet die zweite Lebenshälfte
bezeichnenderweise mit den Worten „Weh mir!“ ein: „Weh
mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den
Sonnenschein und Schatten der Erde?“ Klingt so, als ob das schöne,
saftige Leben jenseits dieser Schwelle für immer vorbei wäre.
Nur unverbesserliche Positivdenker suggerieren sich fast krampfhaft,
dass das Glas eh noch „halb voll“ und nicht schon „halb
leer“ sei.
Manchmal, wenn ich Pläne für mein Leben mache, erschrecke
ich bei dem Gedanken, dass das bisschen Restleben eventuell zu kurz
sein könnte für die lange Liste meiner Vorhaben. Der Tod,
diese unbegreifliche, so ferne und so abstrakte Macht, die meine Großeltern
abberufen hat und inzwischen auch meinen Eltern bedrohlich nahe gekommen
ist - dieser Tod soll von mir nun ebenso weit entfernt sein wie meine
Geburt!? (Oder vielleicht sogar näher, es ist ja nicht selbstverständlich,
über 80 zu werden.) Das finde ich gruselig. Ich ertappe mich dabei,
dass ich mich verstärkt mit Reinkarnation beschäftige - die
wohl einzige Chance, die jemand wie ich hat, um jemals wieder jung zu
sein. Sicher, das ist nicht das Ende, nicht einmal der Anfang vom Ende,
aber es ist definitiv das Ende vom Anfang.
Als 40-Jähriger gehört man nirgendwo richtig hin. Es gibt
Selbsterfahrungsgruppen, Interessensverbände und Minderheitenvertretungen
für Frauen, Kinder, Jugendliche und Senioren… für Männer
mittleren Alters gibt es sowas nicht. Von denen wird selbstverständlich
erwartet, dass sie sich selber helfen. Dabei dürfen sie auch nicht
auf Schonung hoffen. Wenn z.B. im Nahen Osten Bomben auf eine Stadt
abgeworfen wurden, heißt es entsetzt, unter den Opfern seien auch
„Frauen, Kinder und ältere Menschen“ gewesen. Von Männern
mittleren Alters ist da nie die Rede - so als sei es um die nicht schade
und ihr Ableben gar nicht der Rede wert.
Dabei sehe ich durchaus ein, dass man von uns etwas verlangen kann und
muss, aber manchmal beschleicht mich die Angst, von den Anforderungen
erdrückt zu werden. Als Hauptleistungsträger einer Gesellschaft
und Stütze der Alterspyramide sind viele der heute 40-Jährigen
eine glatte Fehlbesetzung. Wir sind eben keine Generation der Pioniere,
Trümmerfrauen und In-die-Hände-Spucker. Woher sollten wir
das auch gelernt haben?
Der Geld-Coach und Bestseller-Autor Bodo Schäfer beschreibt recht
treffend die unterschiedlichen Prägungen der Generationen: „Viele
Männer, die das amerikanische Wirtschaftswunder mitbewirkt haben,
hatten in ihrer Jugend die schwere Wirtschaftskrise durchlebt. Danach
waren sie Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Sie hatten gelernt, mit Schwierigkeiten
umzugehen… Die Generation der Baby-Boomer dagegen ist ganz anders
aufgewachsen. Sie haben keine Not erlebt. Ihre Eltern haben alle Schwierigkeiten
von ihnen ferngehalten, denn sie wollten, dass ihre Kinder es besser
haben. Als aber die Baby-Boomer die Firmen leiten sollten, da taten
sie, was sie immer getan haben: Nämlich Problemen und Schwierigkeiten
aus dem Weg zu gehen. Sie waren der Aufgabe nicht gewachsen.“

In Deutschland (wie auch in Österreich) trat der Höhepunkt
des Baby-Booms etwas später ein als in den USA: er betrifft vor
allem die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1960 und 1965. Einige
aus diesen Jahrgängen haben Väter, die noch im Krieg waren
oder Mütter, die als Kinder irgendwohin fliehen mussten. Über
dem „Energiefeld“ dieser Familien lastete noch lange der
Schatten eines oft unaussprechlichen Grauens - Krieg, Unterdrückung,
Hunger, Gefangenschaft, Lebensgefahr… Unsere Eltern, sofern sie
den Krieg noch bewusst erlebt haben, waren im Gegensatz zu den Eltern
der 68er eher Opfer ihrer Zeit als Täter. Die Seelenspuren ihres
frühen Leidens bedrückten auch uns Nachgeborene. Gegen jemanden,
der so Schweres erlebt hatte, durfte man als Kind einer komfortableren
Zeit nicht guten Gewissens rebellieren - vor allem, wenn man seinen
Lebensstandard den Lebensleistungen eben dieser Elterngeneration verdankte.
Manche von uns haben auch das im Unbewussten der Väter und Mütter
tief vergrabene Trauma stellvertretend für sie therapeutisch aufgearbeitet
- und mussten sich dafür den Vorwurf übermäßiger
Empfindsamkeit gefallen lassen. Der Boom der Selbsterfahrungs- und spirituellen
Therapien in den 80er-Jahren war ein notwendiger Pendelausschlag, welcher
die Verhärtungen einer großen Verdränger-Generation
kompensierte.
Rebellion war gegen solche Eltern also nicht angesagt. Wohin dann mit
unserem aggressiven Potenzial? Teilweise wendete es sich autoaggressiv
gegen uns selbst - in Form analytischer Selbstzerstückelung. Von
einer grüblerisch in sich selbst verhedderten Seelenlage zeugten
auch viele Kultlieder unserer Jugend, wie z.B. dieses: „I know,
it sounds absurd, but please tell me who I am!“ (aus „The
Logical Song“, Supertramp). Überhaupt war der Fluchtweg in
unsere Innenwelten mit trostreichem Liedgut gepflastert. Nichts mehr
von Love and Peace, von „Power to the People“ oder „Working
Class Hero“ - die erfolgreichste Band unserer Jugend hieß
ABBA, und die sangen bezeichnenderweise „I have a dream, a fantasy
to help me through reality“.
Unser Heldentum war ein Maul- und Gedankenheldentum. Statt konkreten
politischen Botschaften grölten wir (auf Partys im Hobbykeller
unserer Eltern): „We don’t need no education, we don’t
need no thought-control!“ („The Wall“, Pink Floyd).
Die „Mauer“, die uns umgab, war aber weniger eine von der
Gesellschaft errichtete - es war vielmehr jener Seelenkäfig, in
den wir uns selbst eingeschlossen hatten. Unser Aufbegehren blieb unbestimmt,
eher ein dumpfes Murren, das darauf abzielte, dass man uns mit lästigen
Anforderungen und Einschränkungen doch bitte in Ruhe lassen möge.
So hingen wir denn in unseren Jugendjahren zwischen allen Stühlen:
nicht unzufrieden genug, um aufzubegehren und nicht zufrieden genug,
um die gesellschaftliche Situation, wie sie sich uns bot, klaglos hinzunehmen.
Wir wurden zu einer Generation von Jammerlappen, Klagern und Raunzern.
Unsere Tragik besteht darin, dass wir mit 20, 30 Jahren in eine wirtschaftliche
und stimmungsmäßige Abwärtsbewegung hineingeraten sind.
Sie peinigte unsere zarten Gemüter, weil wir die deutlich „heilere“
Welt der 70er-Jahre, den Höhepunkt des Wachstums- und Demokratie-Optimismus,
noch bewusst erlebt haben. Unser vorherrschendes Gefühl ist, dass
man uns rauben will, was uns von Natur aus zusteht, eben weil wir es
von Kindheit an gewöhnt sind: Wohlstand und ein stabiles Gesellschaftssystem.
In unserer ersten Lebenshälfte erlebten wir also die „Vertreibung
aus dem Paradies“. Zugleich tragen wir schwer an einer unterschwelligen
Scham, nie wirklich etwas erlitten, nie an wirklichen Herausforderungen
gereift zu sein. Viele in meiner Generation wurden sehr weich gebettet.
Und da wir ohne eigenen Verdienst gleich ganz oben hingebettet wurden,
war die „Fallhöhe“ umso größer.
Ungefähr im Alter von 25 oder 30 Jahren mussten wir aufwachen und
registrieren, dass unsere Zeit vorbei war, kaum dass sie richtig begonnen
hatte. Der Arbeitsmarkt spie uns aus und sagte uns ins Gesicht, dass
er die meisten von uns nicht brauchen konnte. Unser Handicap war nicht,
dass wir in den Krieg ziehen mussten oder dass uns strenge Väter
in Armut und Unterdrückung hielten. Unser einziges Handicap bestand
darin, dass wir so verdammt viele waren. Wir teilten uns die Welt mit
Heerscharen von Gleichaltrigen - das heißt nach der vorherrschenden
Marktlogik auch: Heerscharen von Konkurrenten. Mit unserer Generation
begann das Gefühl, überzählig, überflüssig
zu sein.
Als ich 20 war, war es üblich, dass Ältere uns bei fast allen
beruflichen Weichenstellungen entmutigten. Selbst bei ausreichendem
Fleiß und entsprechender Begabung schien die Lage nach optimistischer
Einschätzung schwierig, realistisch betrachtet aussichtslos. Wir
hatten keine Chance, doch man drängte uns, sie zu nutzen. Die Zukunft
erschien wie ein drohendes schwarzes Loch, in das unsere schöne
Jugend mit dem Vergehen der Zeit unwiederbringlich hinein gesogen würde.
Viele von uns lernten auf diese Weise die Zukunft auszublenden und ihre
„Jugend“ über Gebühr zu verlängern, schon
aus Angst vor einer „Härte“ des Schicksals, auf die
uns nichts hatte vorbereiten können.
„Waren andere Zeiten damals. Wir hatten alle noch Ideale. Wir
wollten die Welt verändern“… lamentiert eine Gruppe
von bürgerlich gewordenen Alt-68ern in einem Bühnensketch
von Konstantin Wecker. Dieses karikaturhafte Generationenporträt
hieß sinnigerweise „40-Jährige unter sich“ und
ist mittlerweile gut 20 Jahre alt. Wenn sich heute 40-Jährige treffen,
könnten sie nicht einmal auf eine glorreiche Vergangenheit als
Ex-Idealisten zurück blicken. Viele in der Altersgruppe von Gerhard
Schröder und Joschka Fischer haben ihren hochfliegenden Idealismus
verraten und die von ihnen selbst geweckten Erwartungen bitter enttäuscht.
Unsere Generation hat niemanden enttäuscht - weil von Anfang an
nicht sehr viel von uns zu erwarten war. Die Presse meint, nun seien
die 40-Jährigen dran, das Geschick unseres Planeten an führender
Stelle mitzugestalten. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht
ist. Was eigentlich haben wir dieser Welt zu geben?
In der Tatsache, dass wir keine so schillernde Vergangenheit haben,
kann für mein Gefühl aber auch eine Chance liegen. Dies könnte
ja auch bedeuten, dass bei uns - anders als bei „typischen“
68ern - der Lebensschwerpunkt eben nicht in der ersten, sondern in der
zweiten Hälfte liegt. Die Herausforderungen, die bereits die nahe
Zukunft an uns stellen dürfte - etwa der zu erwartende Zusammenbruch
des Weltwirtschaftssystems oder zunehmend schlimme Klimakatastrophen
- werden härter sein als alles, was wir in unseren persönlichen
Biografien bisher erlebt haben. Wir, die Generation der überversorgten
Grübler und Zauderer, werden im Strudel der Ereignisse über
uns hinaus wachsen müssen - oder wir werden scheitern.
Vielleicht haben wir auch einfach noch einmal Lust auf Zukunft, Lust,
unserem Leben doch noch ein wenig Gewicht zu geben und nicht als „unbedeutendste
Generation der jüngeren Geschichte“ in die Annalen einzugehen.
Wie wär’s mit einer „Generation der Spätberufenen“?
Wir sind doch inzwischen zu alt, um unser Leben zu verträumen,
aber noch viel zu jung, um aufzugeben.
Roland Rottenfußer
Jg. 1963, wurde in München geboren. Nach dem Germanistikstudium
arbeitete er als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage,
von 2001 bis 2005 als Redakteur beim spirituellen Magazin „connection“.
Momentan ist er u.a. für Konstantin Weckers Webmagazin „Hinter
den Schlagzeilen“ tätig.