Innenleben


von Mischa Rainer

...

Quadrinity-Lehrer Michael Rainer im Dialog mit seinen inneren Persoenlichkeiten:

Ich grüße dich. Eigentlich grüßt das Goettliche in mir das Goettliche in dir. Mein Koerper will deinem begegnen. Unsere Intellekte verstehen sich gut. Mein Kind will mit deinem spielen und ist beleidigt, wenn dein innerer Spielverderber es verbietet und damit deinen inneren Helden verhindert. Da erwacht meine innere Mutter und wird zur inneren Kritikerin - aber auch zur Beschuetzerin und...

Ja, so wollte ich den Artikel ueber die diversen Persoenlichkeiten, die wir ja in uns tragen beginnen.

Aber,...

...ich habe Grippe. Das heißt, mein Koerper glueht und rinnt und verlangt nach Aspirin. Am Weg zum Apothekerschraenkchen begegne ich meinem inneren Heiler, und der schuettelt den Kopf. Das Aspirin bleibt im Schrank und ich gehe ins Bett. Ich habe keinen Thermophor, also visualisiere ich mir einen - mein innerer Begleiter bringt ihn mir. Allerdings (Macht der Gewohnheit!) legt er die Waermeflasche nicht auf meinen Bauch, sondern in meinen inneren Seelengarten unter meinen inneren Lebensbaum, und ich muß sie schnell von dort abholen bevor sie abkuehlt. Mein erschoepfter Koerper verhandelt gerade mit meinem gelangweilten inneren Kind, das Fernsehen moechte und meinem Intellekt, der doesen moechte. (Kopfweh!)

Doch meine innere Weisheit, die nun in Form einer Mann-Frau (oder eines Frau-Mannes - denn wir wissen: Weisheit ist immer „sowohl als auch"), macht einen Strich durch die Rechnung: Ich muß herausfinden, was ES (das Grippesyndrom) mir sagen will!

Mein innerer Forscher streift nun durch jeden Millimeter meines armen Koerpers, sammelt Unpaeßlichkeiten und diktiert sie meiner inneren Stenotypistin (immer weiblich, der an sich abgelehnte weibliche Teil in mir):

Kopfweh - zerbreche ich mir den Kopf?

Halsweh - Ausdruck!

Erhoehte Temperatur - ????

Gliederschmerzen - was schmerzt mich wirklich?

Schweißausbrueche - was will unbedingt fließen?

Ploetzlich zwingt mich mein innerer Schweinehund dazu, eine Zigarette zu rauchen, und ich stehe frierend am Balkon, da mein innerer Feuerwehrhauptmann mich scharf daran erinnert, daß Rauchen im Bett („und im Zimmer" fuegt mein innerer Nichtraucher hinzu) gefaehrlich, beziehungsweise „unerwuenscht" ist. Der innere Frager stellt mir natuerlich sofort die Frage, warum ich ueberhaupt rauche. Worauf mein innerer Suechtler antwortet „Weils mir schmeckt" und sich eine zweite Zigarette anzuendet. Es eilt der innere Arzt herbei, will einschreiten. Mein innerer Krieger, der in den letzten Monaten des inneren Friedens schon um Job und Position fuerchten mußte, nimmt die Gelegenheit sofort wahr, greift auf das innere Arsenal zurueck und verjagt den „medicus interior". Bevor nun aber mein innerer Vernuenftiger meinen zitternden Koerper ins Bett legt, holt der innere Saboteur, gut versteckt hinter dem inneren Heimlichtuer, doch noch zwei Aspirin aus dem Bad, uebergibt es meinem inneren Radikalen, der es ohne lange zu zoegern meinem Koerper in den Mund wirft. Als ich erschoepft einschlafe - der innere Dynamiker duerfte gerade anderwaertig beschaeftigt sein - traeume ich von meinem inneren Clown, der sich ueber mich totlacht...

Dieses dramatische Beispiel erweckt sicher den Eindruck, daß ich nach all den Jahren ein Opfer meiner eigenen Arbeit geworden bin...Nun, so schlimm ist es nicht, doch liegt es mir am Herzen festzustellen, daß die Aufteilung in verschiedene Persoenlichkeitsaspekte als Arbeitstechnik und zur Klaerung des inneren und aeußeren Chaos sehr hilfreich ist. Wir sollten jedoch darauf achten, daß wir nicht in unsere eigene Falle gehen und wieder einmal die Verantwortung fuer das eigene Denken, Fuehlen und Handeln abschieben. Nicht mehr an die Anderen um mich, sondern diesmal an die Anderen in mir.

Meines Erachtens ist die Begegnung, in der Zauber, Wandlung und Heilung liegt, die Begegnung mit meinem Wesen, meinem ICH BIN. Und all die anderen Begegnungen, womit und mit wem auch immer, koennen mich dorthin fuehren und begleiten. Im Bewußtsein, daß der Weg immer nur zu mir selbst fuehrt werden die inneren Persoenlichkeiten zu unterstuetzenden Freunden.

Der Weg ist wohl einfach, doch die Schritte sind manchmal ein wenig kompliziert.