Hör auf Dich!
  Wie wir lernen, unserer Intuition zu vertrauen

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„Tipps zum Trainieren der Intuition“



von Christa Spannbauer

Jeder Mensch hat es – doch keiner weiß, woher es kommt. Bauchgefühl oder gefühltes Wissen nennen es die einen – als Geistesblitz oder Inspiration erleben es die anderen. Es ereilt uns meist als plötzliche Eingebung, und oft gerade dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. „Weshalb nur kommen mir die besten Ideen immer unter der Dusche?“, stöhnte schon Albert Einstein. Selbst der geniale Wissenschaftler kannte also dieses Gefühl der Machtlosigkeit, wenn unser Verstand an Grenzen stößt, die er intellektuell nicht überschreiten kann. Hier bleibt uns nur noch eins übrig: Das rationale Wissen einfach mal über Bord zu werfen und sich zu öffnen für die Einfälle der Intuition!

Gibt es einen sechsten Sinn?
Jede/r von uns kennt solche Situationen: Das Telefon klingelt, und du weißt bereits vor dem Abheben, wer am anderen Ende der Leitung ist. Du denkst an jemanden, den du schon lange nicht mehr gesehen hast – und schon kommt er um die nächste Ecke gelaufen. Ist das Zufall?… Oder denken wir an die Berichte von Menschen, die sich plötzlich entschieden, ein Flugzeug nicht zu besteigen, das kurz darauf abgestürzt ist – oder von jenen, die aufgrund dunkler Vorahnungen nicht an Bord der Titanic gegangen sind. Bei solchen Geschichten fragt man sich unweigerlich: Weshalb empfangen manche Menschen diese inneren Alarmsignale und so viele andere gehen ihrem Schicksal ahnungslos entgegen? Verfügen Erstere über einen besseren Zugang zu ihrer Intuition? Hören sie eine Stimme, die andere Menschen nicht vernehmen können? Oder vertrauen sie dieser vielleicht einfach mehr als andere Menschen?
Tatsächlich verfügen wir alle über eine Art „sechsten Sinn“. US-Wissenschaftler haben diese bislang als „übersinnlich“ beargwöhnte Fähigkeit inzwischen im Gehirn nachgewiesen. Wie ein Frühwarnsystem schlägt es bei Gefahren Alarm, die gar nicht bis ins Bewusstsein vordringen, so Joshua Brown von der Washington University. Es ist dieser „sechste Sinn“, dem zum Beispiel auch viele Ureinwohner am Indischen Ozean ihr Leben verdanken, weil sie sich rechtzeitig vor der verheerenden Tsunamiwelle in Sicherheit bringen konnten.
In der westlichen Welt vertrauen wir unserer Intuition weit weniger. Die intuitive Erkenntnis der Welt ohne den Umweg über das Denken galt bis zur Aufklärung zwar noch als höchste Kunst, wurde jedoch mit dem Siegeszug der rationalen Vernunft für minderwertig, zweifelhaft und damit unvernünftig erklärt. Seitdem wird uns von Kindheit an eingetrichtert, unserem Verstand zu folgen. Doch mal ehrlich: Wie oft bist du mit diesem schon an die Wand gefahren und hast danach ausgerufen: „Ich hab’s doch gleich geahnt!“? Frage dich einmal selbst, wie häufig du schon eine deutliche Ahnung verspürt hast und doch (wider besseren Wissens) dem Trampelpfad des rationalen Denkens gefolgt bist. Es ist tatsächlich so: Auch wenn wir oft nicht wissen, warum wir etwas wissen – wir wissen es!

Die Macht des Augenblicks
Unsere intuitiven Entscheidungen sind keinen Deut schlechter als Verstandesentscheidungen – und dabei noch ‘zig Mal schneller. Während unser adaptives Unbewusstes wie eine Art Supercomputer einige Millionen Informationen pro Sekunde verarbeiten kann, bewältigt unser Bewusstsein, so der Gehirnforscher Gerhard Roth, nur einen minimalen Bruchteil dessen. Je komplexer eine Situation oder ein Problem ist, und je schneller wir uns entscheiden müssen, desto klüger scheint es zu sein, auf die eigene Intuition zu hören.
Setze also mutig auf das, was dir als überraschender Einfall oder Idee in den Sinn kommt. Diese Fähigkeit kann man durchaus üben! Zum Training eignen sich am besten eher unwichtige Gelegenheiten, bei denen es egal ist, wenn man mal falsch liegt: Wenn du dich z.B. für ein Essen oder einen Kinofilm entscheidest, einen Platz im Restaurant wählst oder deine Kleidung für den Tag aus dem Schrank holst – höre genau hin, was dir als erster Impuls in den Sinn kommt und folge ihm. „Die Fähigkeit, etwas innerhalb der ersten beiden Sekunden zu erkennen, ist keine magische Gabe einer Hand voll Auserwählter. Es ist eine Fähigkeit, die wir alle erlernen können“, schreibt Malcolm Gladwell in seinem Bestseller „Blink! Die Macht des Augenblicks“.

Kopf und Bauch zusammenbringen
Wir Frauen nehmen diese Fähigkeit gerne für uns in Anspruch und sprechen dann von ‚weiblicher Intuition’. Und mal ganz ehrlich: Wir neigen auch gern dazu, die Intuition ins Feld zu führen, wenn‘s uns in einer brenzligen Situation an überzeugenden Sachargumenten fehlt! Wenn wir dann ein nachsichtiges Lächeln oder ein skeptisches Stirnrunzeln unseres (meist männlichen) Gegenübers ernten, brauchen wir uns nicht zu wundern. Denn gefühltes Wissen ist kein Ersatz für Sachwissen. Wir sollten uns daher sehr wohl vor einer Überhöhung der Intuition auf Kosten der Vernunft hüten. Beide gemeinsam – also Kopf UND Bauch – in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen, scheint das Patentrezept für ein gelingendes Leben zu sein.
Zweifelsohne kann uns nämlich das, was wir für Intuition halten, auch in die Irre führen. Zum Beispiel, wenn wir einen Menschen spontan ablehnen und erst bei genauerem Hinsehen erkennen, dass uns der Unglückselige an jemanden erinnert, den wir schon als Kind nicht ausstehen konnten. Auch in der Partnerwahl können sich frisch Verliebte weit weniger auf ihr Bauchgefühl verlassen, als sie meinen. Was sie für „liebende Intuition“ halten, ist nur allzu häufig eine wilde Mischung aus Projektionen und Wunschfantasien. Wir müssen also sehr wohl lernen, zwischen Intuition und Projektionen zu unterscheiden: Während es sich bei Ersterer um eine unbeeinflusste Eingebung handelt, die uns mit der Wirklichkeit verbindet, sind Projektionen rein subjektive Überzeugungen und Erfahrungen, welche die Wirklichkeit überblenden.
Ein gutes Handwerkszeug für die Unterscheidung gibt uns die Methode der Achtsamkeit an die Hand. Dr. Linda Lehrhaupt vom deutschen „Institut für Achtsamkeit“ rät: „Halten Sie in Ihrem Alltag immer wieder kurz inne. Atmen Sie einige Male bewusst ein und aus und fragen Sie sich: „Was spüre ich? Was nehme ich gerade wahr?“ Je bewusster wir mit all unseren Sinnen im Augenblick leben, desto klarer können wir die innere Stimme der Weisheit hören.

Die innere Stimme hören
Wenn wir mit unserer Intuition in Verbindung sind, führt sie uns wie ein innerer Kompass durch das Leben. Wir spüren, was im richtigen Moment zu tun ist. Die Kunst liegt darin, Zugang zu diesem inneren Wissen zu erhalten und seinen Eingebungen zu vertrauen. Intuition hat nichts mit Wollen oder Machen zu tun, sondern mit Loslassen, mit innerer Ruhe und spielerischem Erspüren. Menschen, die einen freien Zugang zu ihrer Intuition haben, sind offen wie spielende Kinder, die absichtslos und voller Hingabe im Augenblick leben und ganz mit ihrem Tun in Einklang sind. Sie wissen: Sobald ich nichts mehr erreichen will, zeigt sich das Wesentliche von selbst.
Die innere Stimme weist uns den Weg zu unserer eigenen und eigentlichen Bestimmung. Doch wie erhalten wir Zugang zu ihr? Unsere Welt ist so laut geworden, und wir hören so viele Stimmen, dass es zunehmend schwieriger wird, diese leise, innere Stimme zu vernehmen. Am besten wird es uns gelingen, wenn wir den Lärm und die Hektik des Alltags hinter uns lassen und es um und in uns ruhig wird. Hierfür gibt es bewährte Methoden. Meditation ist eine von ihnen: Still sitzen, sich nach innen wenden, bei sich selbst ankommen. Lange Spaziergänge in der Natur, Joggen, Fahrradfahren sind andere. Gerade der regelmäßige Bewegungsablauf führt oft in eine konzentrierte Ruhe, die den Raum öffnet für neue Einfälle. Nimm dir also Zeit für Auszeiten! Und achte auf deine Träume! Denn wenn dein Bewusstsein über Nacht ruht, kann sich dein Unbewusstes besser Gehör verschaffen.

Spüren und fließen lassen
Mit Hilfe der Intuition ist es uns möglich, die Empfindungen, Motive und Absichten anderer Menschen wahrzunehmen. Sie befähigt uns dazu, sich in unser Gegenüber hineinzuversetzen und damit eine Ahnung davon zu erhalten, wie es uns selbst an dessen Stelle ginge. Darin erblickt der Benediktiner Anselm Grün die Grundlage für Mitgefühl, Empathie und Kooperation: „Intuition ist ein Nach-innen-Schauen. Ich nehme Beziehung auf zu mir selbst und zum Anderen, ich blicke in seine Seele, spüre, wer er ist und was er braucht, so dass etwas fließen kann zwischen uns.“
Wenn „es fließt“ zwischen zwei Menschen, dann sind unsere Spiegelneuronen aktiv. Sie sind das Resonanzsystem im Gehirn, das die Gefühle und Stimmungen des Gegenübers beim Empfänger zum Schwingen und Erklingen bringt. Wir empfinden, was andere empfinden, spüren ihren Schmerz, erleben ihre Freude, wir lachen und weinen gemeinsam mit ihnen über die gleichen Dinge.

Mit ALLEM verbunden
Intuition entspringt einem ganzheitlichen Erfassen der Welt. „Mit Hilfe der Intuition greifen wir auf ein größeres Wissen zu, das nichts mit unserem privaten Wissen zu tun hat. Es ist die Sichtweise der größeren Welt“, sagt der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr. Mittels der Intuition überschreiten wir mühelos die Grenzen, die unserem rationalen Verstand gesetzt sind. Sie ist es, die uns mit dem pulsierenden Kraftfeld des Kosmos verbindet. Die zeitgenössische Physik lehrt uns eine Weltsicht, in der alles mit allem verbunden ist. In solch einem Kosmos, in dem wir mit allen Wesen in einem gewaltigen Netzwerk miteinander in Verbindung stehen, scheint nichts mehr unmöglich und alles möglich. So lässt sich verstehen, weshalb wir uns mit geliebten Menschen über Zeit und Raum hinweg verbunden fühlen können – wieso wir im täglichen Miteinander oft das aussprechen, was ein anderer Mensch denkt – oder warum jemand am anderen Ende der Welt den Tod eines nahe stehenden Menschen spüren kann.
Noch erkennen wir unser wahres Potenzial nicht und vertrauen unserem engen Verstand weit mehr als dieser universalen Weisheit. Es ist, so die buddhistische Lehrerin Tenzin Palmo, als ob wir uns mit den Wolken identifizieren und daher den Himmel nicht sehen können. Doch wir stehen bereits am Anfang eines ganz neuen Verständnisses von Mensch und Welt. Und wir ahnen, dass wir viel mehr sind, als wir bislang wussten.


infos & literatur

Mag. Christa Spannbauer
Jg. 1963, studierte Germanistik, Anglistik und Kulturwissenschaft in Würzburg und Dublin, lebt und arbeitet in Berlin als Autorin und freiberufliche Journalistin. In ihren Publikationen und Vorträgen beschäftigt sie sich mit zeitgemäßen Weisheitswegen aus Ost und West und mit neuen Wissenschaftserkenntnissen, die in ein sozial und gesellschaftspolitisch engagiertes Handeln münden. Jahrelange eigene Zen- und Achtsamkeitspraxis.

Kontakt: www.christa-spannbauer.de


Literaturempfehlungen zum Thema:
• Im Fluss mit dem Leben sein – Das Tao der Intuition
  von Dr. Ernestina Mazza (Akademie Bios Verlag, 2010)
• Fühlen ist klüger als denken! Mit Intuition die richtigen Entscheidungen treffen
  von Kurt Zyprian Hörmann (J.Kamphausen, 2011)
• Die Kraft der Intuition – Die geistigen Erfolgsgesetze
  von Kurt Tepperwein & Felix Aeschbacher (Goldmann TB, 2011)
• DVD: Auf den Spuren der Intuition
  von Ulrich Bohnefeld & Thomas Gonschior (Kamphausen / Tao Cinemathek, 2010)