HELLO & Good Bye


Eva Schreuer im WEGE-Interview mit Dr. Gerti Senger

Mein Auto kämpft sich durch Sturmböen und Wassermassen, die vom Himmel auf die Autobahn stürzen. Der Verkehrsfunk meldet eine Straßenüberflutung nach der anderen, Jahrhundert-Überschwemmungen in allen Teilen Österreichs. Wasser-Chaos. „Bei dem Wetter schickt man ja keinen Hund auf die Straße.", waren Romans aufmunternde Worte, als ich mich von zu Hause auf den Weg machte.
Eine Stunde später bin ich am Ziel angelangt: Ein kleines Holzhäuschen, versteckt hinter hohen Buchenhecken, in der Nähe des Attersees, Urlaubsdomizil von Österreichs „Sexpertin der Nation": Gerti Senger. Begleitet vom Prasseln eines Kaminfeuers und mehreren Stromausfällen sitzen wir in der gemütlichen Holzstube und trinken Kräutertee. Eigentlich wäre sie bei dem Sauwetter lieber in Wien geblieben, vertraut sie mir an. Aber dieses Häuschen sei eine große Leidenschaft ihres Mannes. „Ernst hat den alten Troadkasten vor Jahrzehnten mit eigenen Händen aufgebaut und restauriert - sein Herz hängt daran, und er liebt diesen Ort. Das respektiere und achte ich einfach. Und ich hab ohnehin an meinem neuen Buch zu arbeiten. Da kommt mir die Abgelegenheit und Stille hier eher entgegen…".
Zur reinen Fachfrau für Sex-Fragen lässt sich „Die Senger" nicht so gerne reduzieren: „Ich seh' das Sexuelle immer eingebettet in Beziehungsnetze, in das System des ganzen Seins. Es gibt ja auch keine Sexualtherapie im engeren Sinne. Sexuelle Störungen sind immer Ausdruck einer anderen, tiefer liegenden Störung."
Bingo! Genau darum soll es heute gehen. Was folgt, ist ein angenehmes Gespräch unter Frauen über Leidenschaften, Entschlüsse, Abwehrmechanismen, Sinnhaftigkeiten, Beziehungen, …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die aktuellen Scheidungsstatistiken zeichnen ein nicht gerade rosiges Bild der menschlichen Beziehungsfähigkeit. Es scheint, dass bald jede zweite geschlossene Ehe früher oder später wieder geschieden wird. Woran kann das liegen?

G.S.: Einerseits liegt das an dem steigenden Anspruch an die Liebes-Ehe. Andererseits an dem Zusammenbruch der traditionellen gesellschaftlichen Strukturen. Früher gab es ja bestimmte Rollenklischees, wie sich eine Frau/ein Mann in der Ehe und in der Öffentlichkeit zu verhalten hatte. Diese Rahmen waren sehr eng und klar gesteckt (zum Teil sogar durch „Benimm-Bücher") - von Emotion, Romantik oder Leidenschaft war da gar nicht die Rede. Solange zum Beispiel ein Mann seine Frau nicht geschlagen und für die Familie gut gesorgt hat, war schon alles in Ordnung und man/frau war zufrieden.
Heutzutage gibt es einen sehr viel höheren, massiveren Anspruch an die Beziehung: man will die Romantik, die Leidenschaft, die Sexualität, das Abenteuer, die Sicherheit, die Geborgenheit, die Lebendigkeit undundund… einfach alles auf einmal. Das ist natürlich schwierig. An dieser hohen Anspruchshaltung sind auch die Medien nicht unwesentlich beteiligt. Da wird uns immer wieder vorgegaukelt, wie glücklich andere sind und wer nicht aller den Mann oder die Frau des Lebens gefunden hat (was ja überhaupt nicht stimmt, weil das immer nur Momentaufnahmen sind) - und dann fragen sich viele Menschen natürlich, warum es bei ihnen nicht so wunderbar läuft und beenden ihre Beziehung.
Hier passiert eine Überfrachtung der Liebes-Ehe. Die Liebe allein kann aber eine Beziehung nicht tragen. Früher gab es viel mehr Abhängigkeiten - im Alltag (welcher Mann konnte sich schon seine Hemden selber bügeln oder wusste, wo das Salz in der Küche steht) und wirtschaftlich (die meisten Frauen konnten einfach keinen Beruf ausüben, weil sie erstens keinen gelernt hatten und zweitens sich um die Kinder kümmern mussten). All diese gegenseitigen Abhängigkeiten fallen heutzutage weg. Dazu kommt heute noch der Anspruch der Selbstverwirklichung - ein Schlagwort, das erst in den letzten Jahrzehnten immer mehr Bedeutung erlangt.
Ich glaub' also nicht, dass diese Entwicklung einen „sittlichen Verfall" darstellt. Ich glaube es liegt viel mehr an dieser enormen Anspruchshaltung, die schon fast neurotisch anmutet - wie ein Kind wollen die meisten Menschen „alles haben". Sie wollen auch noch nach 25 Jahren auf einen Menschen sexuell total abfahren und bei jeder Begegnung die Sternderl sehen - und wenn ich sie nicht sehe, kommt sofort Unsicherheit auf, und die ganze Beziehung wird in Frage gestellt. Kompromissbereitschaft, eine „angemessene Resignation", auch Dankbarkeit - all das fehlt uns heutzutage. Jemanden trotz seiner Schwächen, trotz seiner Fehler und unangenehmen Gewohnheiten (die wohl jede(r) im Lauf der Beziehungsjahre entwickelt) zu lieben - das ist nicht einfach eine „gottgegebene Gnade", das ist eine Sache des inneren Entschlusses. Ein derartiger Entschluss bringt mir viel mehr, als wenn ich wie der Sterntaler das Schürzerl aufhalte und warte, bis mir alles „zufällt"…

 

Irgendwie ist diese Sterntaler- Mentalität eine infantile Haltung…

G.S.: Ja, es ist wirklich etwas Infantiles. Lauter 40-Jährige, die sich wie Kinder verhalten. Eine Herausforderung des Erwachsen-Werdens ist ja auch das Erkennen „Ich kann nicht alles haben. Ich muss auch verzichten können, etwas aufschieben, mich arrangieren...". Nur Kinder wollen alles haben und werfen sich schreiend auf den Boden, wenn sie ein Spielzeugauto nicht jetzt sofort, sondern erst zum Geburtstag kriegen.
Aber wir leben in einer Gesellschaft, die dazu ermutigt wird, alles und zwar sofort haben zu wollen und zu dürfen. Man braucht sich nur die Werbung anhören - „Das gönn' ich mir!"… „Das leist' ich mir!" usw. - das ist ja schon fast eine Doktrin, die uns hier vermittelt wird. „Du darfst" (auch das gibt's ja schon als Marke!) alles haben, und zwar ohne Einschränkung. Das ist sicher mit ein Grund, warum die Scheidungsziffern derart steigen.

Heißt das, wir Menschen werden immer beziehungsunfähiger?

G.S.: Ich würd' es eher „Beziehungs-Unwillen" nennen. Denn ich glaube, dass uns die Fähigkeit, Beziehungen zu pflegen, gar nicht verloren ging. Diese Fähigkeit ist vorhanden, wenn ich anstatt Reaktion Intention schaffe. Wenn ich also nicht mehr mit dem „alten" Teil, dem Stammhirn reagiere - durch Flucht (indem ich zu einem anderen Partner renne), Angriff („Du bist ein totales Arschloch! So etwas Trottelhaftes ist mir ja schon ewig nicht mehr untergekommen!" etc.) Unterwerfen oder Totstellen - sondern wenn ich den „neueren" Teil meines Gehirns aktiviere, nachdenke, überlege, plane und bewusst nach Lösungsmöglich- keiten suche. Diese Fähigkeit ist sicherlich in jedem von uns vorhanden (lächelt), wir sind ja nicht lauter Gehirn-amputierte…
Aber - das merke ich auch tagtäglich in meiner Praxis - es macht sich ein gewisser Unwillen breit, diese Potentiale zu mobilisieren und zu aktivieren. Es fällt Vielen immer noch unheimlich schwer, nicht mit Flucht oder Angriff, sondern „überlegt" zu reagieren und handeln. „Bevor ich mich da jetzt anstrenge, renne ich lieber davon, mache ich lieber Schluss oder fange ich irgendwo irgendwie neu an…"

Fallen Ihnen in Ihrer Praxis gewisse „Grundfehler" auf, die sich in Beziehungen oft wiederholen?

G.S.: Ja. Einer davon ist der eben genannte: Reaktion statt Intention. Aber das kann man lernen, wenn die Bereitschaft dazu vorhanden ist - dann kommt auch die Konfliktfähigkeit wieder zum Vorschein, etwas zu lernen, genau hinzuschauen, zu erkennen, zu verzeihen.

Was mir sonst noch auffällt? Ein unglaublicher Hunger nach Leben, das starke Bestreben, eine gewisse innere Leere wieder aufzufüllen. Je mehr innere Leere da ist, desto mehr wird versucht, sie mit neuen Abenteuern, mit neuer Verliebtheit aufzufüllen.

Sehen Sie diese „innere Leere" als Phänomen unserer Zeit?

G.S.: Ja schon. Und ich glaube, das liegt daran, dass es uns einfach „zu gut" geht. Wir haben schon lange keine Kriegs- oder Krisenzeiten mehr durchlebt, keine existenziellen Bedrohungen, und dadurch lange Zeit keine tiefe Konfrontation mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit gehabt. Wir haben unser ICH absolut in den Mittelpunkt gestellt und einfach verlernt, uns auseinanderzusetzen. Wir kriegen gar nicht mehr die Chance, auf uns selbst zurückgeworfen zu sein. Was tun wir denn, wenn wir mal keinen Radio, keinen Fernseher, CD-Player oder Zeitungen zu Verfügung haben? Wir wissen nicht, was wir tun sollen…
Wir werden derart bombardiert von Reizen, von einem Mediensturm - das schafft nicht Fülle, sondern Leere. Dazu fällt mir ein Ausspruch des österreichischen Philosophen Günther Anders ein, der vor ein paar Jahren gestorben ist: „Unsere Welt wird nicht daran kranken, Bedürfnisse nicht stillen zu können, sondern daran, überhaupt Bedürfnisse zu entwickeln."

Was können wir also beitragen, damit unsere Kinder und zukünftige Generationen nicht in dieser Leere, sondern in innerer Fülle leben?

G.S.: Das Wichtigste ist wohl, dass wir unseren Kindern diese innere Auseinandersetzung und damit Fülle vorleben und zeigen, also selbst zuallererst daran arbeiten.
Und dann sollten wir eine echte Beziehungen zu unseren Kindern herstellen (nicht ERziehung sondern BEziehung!) und in ihnen gleichwertige Partner sehen, die lernfähig, aber auch verletzlich sind. Manche Eltern wollen diese Verletzlichkeit gar nicht wahrnehmen und fordern so regelrecht heraus, dass ein Kind trotzig wird und sich weigert, eine Modellwirkung überhaupt anzuerkennen.
Wir sollten uns bemühen, dem Kind etwas vorzuleben, ohne überheblich und damit verletzend zu sein - ich gebe einfach mein Bestes, kann sein, dass ich manchmal scheitere (soll auch so sein, ein fehlerloses Elternpaar sollte um Himmels Willen nicht erstrebenswert sein, das gibt's ja gar nicht, wäre ja schrecklich…) - es genügt das Bemühen.

Trotz aller Vorbildwirkung spüre ich aber bei meinen eigenen Kindern einen permanenten inneren Konflikt zwischen dem, was sie zu Hause mitkriegen und erleben und jener oberflächlichen „Spaßgesellschaft", die ihnen ihr Umfeld vorlebt.

G.S.: Sicherlich, das IST ein großer Konflikt für sie. Denn wenn sie von euch mitkriegen, so oder so könnte man ein Thema am besten bewältigen, es ist halt ein bisserl mühsam und schwierig - und dann kommen Freunde im Außen und behaupten: „Mach's doch so, das ist ja viel einfacher!" - dann tendiert wohl jeder Mensch mal vorerst zur einfacheren Lösung. Dann aber zu erkennen, dass das Schwierigere vielleicht das Richtige ist - das wird auch nicht auf Anhieb klappen. Das ist ein langer Lernprozess…

Und wie steht es um die Beziehungsfähigkeit bei den Jugendlichen?

G.S.: Als Pubertierende Beziehungen einzugehen, ist nicht so einfach. Denn für Burschen bis 18, 19 Jahre ist die Peer-Group, also der gleichaltrige Freundeskreis, in dem er seine Rolle als Mann probiert und lernt viel wichtiger, als eine Beziehung zu einem Mädchen. Im Vergleich dazu sind Mädchen viel früher beziehungsfähig und haben viel früher Lust daran, „die Ehe zu üben", einen Mann zu umsorgen, am Abend mit ihm vorm Fernseher zu sitzen, etc. (lacht). Da entwickeln sich Mädchen und Burschen sehr unterschiedlich, und deshalb braucht's in dieser Zeit auch viele Versuche - das sind die Lehrjahre der Liebe, um die kommt Keine(r) rum. Da helfen auch keine elterlichen Ratschläge, wie „Erspar dir den, der ist nicht so weit wie du..." etc.
Abgesehen davon suchen sich viele Mädchen und Burschen in dieser Zeit instinktiv einen „Lernpartner" und nicht gleich „DEN oder DIE für's Leben" - das ist auch eine Schutzfunktion, um nicht eine zu frühe Bindung einzugehen. So gesehen ist der Falsche dann ohnehin der Richtige. Es geht um's Ausprobieren.

Sehen Sie persönlich noch einen Sinn darin, sich um eine lebenslange „Bis-dass-der-Tod-uns-scheidet-Beziehung" zu bemühen?
Oder gilt für uns „moderne Menschen" eher das Modell mit den „Lebensabschnittspartnern" als erstrebenswert?

G.S.: Also ich halte diese Idee, ein Beziehungsleben von vornherein auf Lebensabschnittspartner auszurichten, für nicht notwendig. Obwohl das zur Zeit meistens ohnehin von selbst passiert, weil die erste Ehe, speziell wenn sie früh geschlossen wird, durch den Reifungs- und Entwicklungsprozess oft scheitert. Das habe ich am eigenen Leib erfahren: Ich hab' mit 22 zum ersten Mal geheiratet, mein Mann war 23. Wir waren also sehr jung und haben uns dann natürlich dementsprechend weiter- und auseinanderentwickelt… Ich glaube aber, wenn man in so einer Situation entsprechend geführt und informiert wird, muss man nicht zwangsläufig den einen Partner gegen einen anderen austauschen, der dann in der Reife passt. Es geht darum, zu begreifen: So wie ich selbst mich weiterentwickle, so entwickelt sich auch die Beziehung. Viele Menschen fürchten sich vor dem Moment, wo sich die Beziehung verändert und meinen dann gleich: „Jetzt ist alles kaputt!". Sie sind nicht flexilbel genug, die Veränderungen einer Beziehung zu akzeptieren und mitzumachen und sagen ganz schnell: „Also so hab ich mir das nicht vorgestellt! Wenn ich das gewusst hätte...!" Und dann wird so schnell wie möglich nach einem anderen Partner gesucht, mit dem es wieder so sein kann, „…wie es war"! Diese Einstellung ist fatal und hemmt Entwicklungsprozesse erheblich.
Außerdem sollten wir uns bewusst machen, dass eine Beziehung auch immer von zwei Kindern gelebt wird. Auch mit der glücklichsten Kindheit und den besten Eltern trägt jeder von uns Verletzungen aus der Kindheit mit sich - und wenn wir verletzt werden, reagieren wir eben wie ein Kind - und immer wenn wir so reagieren, stagniert die Beziehung. Da kann ich zwar dann meinen Lebensabschnittspartner austauschen, es wird aber auch in dieser neuen Partnerschaft zu den selben Verhaltensweisen und Phänomenen kommen, wie in der letzten.
Um so einem „Teufelskreislauf" zu entkommen, wäre angebracht, mal innezuhalten und sich zu fragen: „Was passiert da eigentlich? Warum verletzen wir uns? Warum schreien wir uns an? Warum fehlt es mir an Vertrauen?" Wenn wir unsere eigenen Verletzungen wahrnehmen und uns eingestehen können, dann kann auch eine Beziehung über die Jahre reifen und auch Substanz behalten und leidenschaftlich sein - leidenschaftlich nicht im Sinne von Geilheit, sondern im Sinne von Gefühl.

…das wäre ja eigentlich der Sinn einer Beziehung, dass man selbst daran wächst.

G.S.: Ja, das ist ein tolles Abenteuer und eine große Aufgabe, die sehr verbindet. Wenn man einmal erlebt und gespürt hat, wie man von einem „Licht" ins andere gerät - das ist etwas Wunderbares und Aufregendes… Ich gebe aber zu, dass ich auch relativ alt werden musste, bis ich dazu fähig war.

Wie lange dauerte Ihre erste Ehe?

G.S.: Die dauerte 13 Jahre, unser gemeinsamer Sohn ist jetzt 29, also erwachsen. Und wir sind nach wie vor sehr gut befreundet - dieser Mann wird immer ein „Lebensmensch" von mir bleiben.
Aber sicher hab ich damals die gleichen Fehler gemacht, wie sie die meisten Menschen machen. Als ich merkte, dass etwas schief läuft und sich etwas verändert, habe ich mich zuerst einfach „totgestellt". Und als ich dann spät aber doch versuchte, mich den Problemen zu stellen, war's irgendwie zu spät. Dann meinte mein Mann: „Was hast du denn? Ist ja eh alles in Ordnung…" Männer haben vor tieferen Auseinandersetzungen meist viel mehr Angst als Frauen. Aber natürlich gibt es auch immer wieder Frauen, die sich weigern, was zu verändern.
Wenn nur einer wirklich weitergehen will, dann klappt es nicht, da gehören schon beide dazu. Mit einer Hand kann man nicht klatschen. Beide müssen zum selben Zeitpunkt bereit sein, an der Beziehung zu arbeiten. Und das ist leider recht selten der Fall. Oft sind sie's zu verschiedenen Zeitpunkten - erst will Sie und Er nicht, dann will Er endlich, dann sagt Sie: „Nein, jetzt hab ich's längst aufgegeben…".

Obwohl sich die meisten von uns so sehr eine lebendige Partnerschaft wünschen, machen wir uns die Sache doch so schwer. Woran liegt das?

G.S.: Aufgrund von Verletzungen in der Kindheit und auch im späteren Leben entwickeln wir Abwehrmechanismen, die uns das Zusammenleben unheimlich schwer machen: Projektion, Rationalisierung, Verleugnung, Verdrängung, Umdeutung… da gibt's eine ganze Skala von Verhaltensweisen, von Mechanismen, die wir uns im Laufe unseres Lebens zugelegt haben, um eine Verletzung durch den Anderen nicht zu spüren. Dadurch entstehen viele „blinde Flecken" auf unserer Seele, und dann interpretieren wir bestimmte Situationen ganz anders, als sie tatsächlich sind. Unsere Wahrnehmung verändert sich und entspricht gar nicht mehr der Realität.
Diese Abwehrmechanismen, die Seelenschmerz verhindern sollen, zu erkennen - das ist eine Riesenaufgabe, das schafft man oft allein gar nicht - und auch nicht unbedingt mit dem Partner, weil der ja unmittelbar involviert ist. Da braucht man Freunde, die einem beim Reflektieren helfen, oder einen Therapeuten…

Stimmt, dazu fallen mir einige Paare aus unserem Bekanntenkreis ein, die nach zehn, fünfzehn Beziehungsjahren an dem Punkt angelangt sind: „Darüber können wir nicht reden!"

G.S.: Das liegt daran, dass man sich oft nach vielen Beziehungsjahren nicht mehr wirklich erreicht, sondern nur mehr die Abwehrmechanismen miteinander kommunizieren. Man hat so viel Angst, wieder vom Anderen verletzt oder missverstanden zu werden, dass man gar nicht mehr hört, was er wirklich sagt. Da läuft es ab, wie in einem Wildwestfilm: Während der Eine schießt (also etwas sagt), ladet der Andere schon durch und denkt schon nach, wie er drauf antwortet - und dann geht's nur mehr Bäng! hin und Bumm! her. Das Gespräch wird zum Schusswechsel und ist weit entfernt von einer tieferen Kommunikation, in der man sich tatsächlich austauscht. Vor solchen Situationen ist kein Paar gefeit - auch mein Mann und ich nicht... (lacht)
Situationen, in denen wir uns „hirnlos befetzen" sind geprägt von Schutzmaßnahmen - man will sich schützen vor weiteren Verletzungen oder Missverständnissen. Aber eigentlich sind diese Schutzmechanismen hier völlig fehl am Platz, weil ja genau dadurch alles nur ärger wird. Selbst die therapieerfahrenen Paare, die ich kenne, durchleben solche Phasen, in denen Unterstützung von außen gut und angebracht ist.

Wie wichtig finden Sie ein maßvolles Ausleben von Aggressionen in einer Partnerschaft?

G.S.: Aggressionsgehemmt zu sein, ist für eine Beziehung sicherlich kein Vorteil. Aber Aggressionen eins zu eins auszuleben, halte ich für wahnwitzig. In früheren Therapiemethoden ermunterte man die Menschen oft: „Zeig deine Wut! Schrei es raus! Nimm den Polster und schlag drauf ein!..." Ich finde solche Methoden bedenklich. Denn erst wenn solch starke Emotionen auf eine gewisse Art gesteuert werden können, kriegen sie einen kreativen Impuls.
Natürlich sind Aggressionen auch ein wichtiger Überlebensmotor, sie signalisieren uns, dass wir etwas anders, besser haben wollen oder stärken unseren Standpunkt. Aber das heißt nicht, dass ich wirklich etwas erreiche, wenn ich zuschlage oder jemanden sinnlos anbrülle. Das Erkennen „…das macht mich jetzt aggressiv" sollte die Frage bedingen „Warum?" und „Was will ich da verändern?" - dann ist Aggression ein wichtiger Impulsgeber.
Schreiend, tobend, Häferl schmeißend und Ohrfeigen knallend durchs Leben zu wandern ist, glaube ich, nicht der richtige Stil, um letztendlich weiter zu kommen.

Und die große Liebe des Lebens? Die Vorstellung vom einzig richtigen Seelen-Partner, den man nur zu finden hat, dann ist alles okay.
Gibt es das in der Realität?

G.S.: Natürlich gibt es die Liebe. Aber ich glaube nicht, dass man sich auf die Liebe als Himmelsmacht uneingeschränkt verlassen kann.

Es gibt ja so viele Arten von Liebe: die Liebe zum Kind, das Verliebtsein, die reife Liebe, die Altersliebe… das ist so ein komplexes Thema, das man in seiner ganzen Vielschichtigkeit annehmen sollte und sich nicht nach irgendeinem Klischee ausrichten. Dieses Klischee der totalen Harmonie, des absoluten Gleichklanges - das muss Liebe nicht unbedingt sein. Liebe kann auch bedeuten, dass man einmal mehr Rückzug haben will, und dass der Andere auch bereit ist, diesen Rückzug zu gewähren.
Also, glauben tu ich an die Liebe schon, aber gleichzeitig auch an ihre Wandelbarkeit und an ihre vielen Gesichter…

Diese Liebe - das große JA an der Basis einer Beziehung - fällt uns die zu? Oder kann man sie sich auch „erarbeiten"?

G.S.: Ich glaube, Verliebtsein fällt einem zu - denn ich kann ja nicht einfach hergehen und beschließen: „So, jetzt verliebe ich mich." Auch bei der reiferen Liebe ist es nicht immer rational zu erklären, warum etwa die Art, wie mein Partner aufsteht oder sein Kaffeehäferl hebt oder in bestimmten Momenten dreinschaut mein Herz erwärmt, und das auch noch nach 40 Jahren. Andererseits ist jede(r) von uns hier auch mitverantwortlich. Große Bereiche der Liebe lassen sich mit Einlassen und daran Arbeiten bewusst vertiefen und festigen.
Wir werden heutzutage ja auch viel älter, als noch vor 40 Jahren. Seit Anfang der 60er Jahre hat sich unsere Lebenserwartung um fast 20 Jahre erhöht. Wenn man sich also vorstellt, dass zwei Menschen, die heute mit 60 in die Pension gehen, nun auch noch 20 intensive Beziehungsjahre vor sich haben - dafür gibt es historisch kein Vorbild. Diese Menschen teilen plötzlich den Alltag miteinander, haben sich aber oft mit diesem Miteinander während der vergangenen Beziehungsjahre wenig bis gar nicht auseinandergesetzt, keine Interessen (auch nicht für einander) entwickelt und fragen sich jetzt schlichtweg: „Ja wie machen wir das denn jetzt überhaupt?" Wenn ich dann die Hände in den Schoß lege und warte bis mir „Willkommen Österreich", „Vera" oder der „Musikantenstadl" mein Leben gestalten, ist das eindeutig zu wenig. Das ist dann nur Konsumieren - man lässt leben.
Beziehung leben bedeutet bis ans Ende eine Herausforderung. Ich kenne einige Paare, die sich dieser Herausforderung gestellt haben, an sich und ihrer Beziehung gearbeitet haben - das ist schon schön mitzuerleben, wie die miteinander sein können.

Wichtig ist offenbar, dass etwas etwas in Bewegung bleibt…?

G.S.: Stimmt. Dazu fällt mir die Aussage einer IMAGO-Trainerin ein, die meinte, man müsse im Leben eigentlich nur zwei Dinge üben und beherrschen: „To say HELLO and to say GOOD BYE". Wichtig ist, das Eine loslassen zu können und das Andere willkommen zu heißen. Das kann man auf alles anwenden. Aber wenn man diese Einsicht auf eine Beziehung überträgt und sagt: „Okay, dieser Abschnitt ist jetzt vorüber - aber ich heiße den nächsten Abschnitt willkommen und stell mich darauf ein.", dann kann nicht mehr viel schiefgehen.
Hello und Goodbye - da ist viel dran!

 

Das war mein Stichwort: Ich sag jetzt auch Good Bye und bedanke mich ganz herzlich für das angenehme und offene Gespräch.

 

Dr. Gerti Senger

Jg 1942, Studium der Pädagogik und Psychologie, in 2. Ehe verheiratet, ein leiblicher Sohn und zwei „Beutekinder". Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Verhaltenstherapeutin, zertifizierte IMAGO-Paartherapeutin, Mitbegründerin und Leiterin des Instituts für Angewandte Tiefenpsychologie, Zeitungskolumnistin, TV-Ratgeberin und Autorin von 17 Büchern. Gerti Senger betreibt eine private psychotherapeutische Praxis in Wien und hält Seminare und Workshops gemeinsam mit ihrem Mann Ernst Iwi. Kontakt und weitere Infos:

www.gertisenger.at

 

Aktuelle Bücher von Gerti Senger:

• In Wirklichkeit ist alles anders (Deuticke, 2002)

• Die sexuelle Kraft des Mannes (Cormoran Verlag, 2001)

• Die sexuelle Kraft der Frau (Cormoran, 2000)

• Liebeskummer - Eine Chance (Herbig, 2000)

• Der neue Erotik-Knigge (Herbig, 2001)