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Unsere Gesellschaft scheint süchtig
zu sein nach immer neuen Kicks. Und trotz all der Actionbereitschaft
sind es paradoxerweise die elementaren Vorgänge des Lebens, die
immer mehr ausgeblendet werden. Das Vertrauen in uralte, ganz natürliche
Körper-Funktionen, wie z.B. in die enorme Leistungsfähigkeit
des Frauenkörpers, kommt uns immer mehr abhanden. Die weiblichen
Ideale im 21. Jahrhundert heißen "Schlank,
durchtrainiert, widerstandsfähig! Körperwahrnehmung, Hingabefähigkeit
an natürliche Zyklen und Gebärfähigkeit treten immer
mehr in den Hintergrund - und so kommt es, dass heute Generationen junger
Frauen heranwachsen, die sich gar nicht mehr vorstellen können,
dass ihr Körper im richtigen Moment einfach funktioniert.
Die Großmutter meines Mannes verbrachte ihre letzten Tage in einem kleinen Land-Krankenhaus. Nach einem meiner Besuche nutzte ich, deprimiert von den Eindrücken der Palliativstation, die Gelegenheit und fuhr mit dem Aufzug in ein anderes Stockwerk, um die Geburtenstation zu besichtigen. Die Atmosphäre dort war nicht weniger deprimierend: Am helllichten Nachmittag lagen viele (weinende) Neugeborene im Kinderzimmer. Auf meine Nachfrage hin, meinten die Hebammen, dass die jungen Mütter selbst heute, in Zeiten des Rooming-In, ihre Kinder die meiste Zeit abgeben würden - sie wollen lieber ein paar Tage ausruhen…
Wie wir mit Geburt und Tod umgehen,
ist Spiegel unserer Gesellschaft!
In unserer modernen, westlichen Kultur finden Anfang und Ende des Lebens meist völlig isoliert statt. Geburt und Tod werden delegiert an Fachleute in “Kranken Häusern”. Betrachten wir die Parallelen zwischen dem Geborenwerden und dem Sterben, so erscheint mir das einsame, verlassene Sterben der Alten wie eine späte (wenn auch unbewusste) Rache all jener, die schon unter unwürdigen Bedingungen geboren wurden.
Wenn wir Menschen wollen, die mutige, tapfere Schwellengänger sind (und ich hätte gerne solche um mich an meinem Sterbetag), so müssten wir sie doch an ihrer ersten Schwelle ins Leben, bei ihrer Geburt, entsprechend empfangen und in die Welt begleiten: mit zärtlicher Ehrfurcht für den Weg, den sie gegangen sind - mit liebevollem Respekt vor der Autonomie ihres Geistes - mit freudiger Neugier auf die “kleinen Wundertüten”, die da in unser Leben gekommen sind!
Als ich selbst Ende der 80er-Jahre das erste
Mal schwanger wurde, hatte ich das Gefühl, eine Geburtshilfe
im Aufwind zu erleben. Leboyers Gedanken und Ideen von der “Sanften
Geburt” waren in aller Munde, die Väter stürmten die
Kreißsäle, junge Hebammen entschieden sich wieder für
die freie Praxis und Hausgeburtshilfe, die Erwachsenenbildung entwickelte
Modelle einer ganzheitlichen Geburtsvorbereitung, schwangere Frauen
wurden mehr und mehr ermutigt, ihren Geburtsort bewusst und eigenverantwortlich
zu wählen, in den Kreißsälen der Krankenhäuser
wurde umgebaut und die althergebrachten unbequemen Gebärbetten
durch moderne Einrichtungen in bunten Farben ersetzt.
Trotzdem ist in den letzten Jahren ein beunruhigender Gegentrend in
Gang gekommen. Badewanne, Sprossenwand, Matten und Gebärhocker
gehören heute zwar zur Standardausstattung fast jedes Krankenhauses
- ob und wie oft sie den Gebärenden auch angeboten und bei Geburten
praktisch eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. All diese
Veränderungen scheinen nicht Ausdruck eines tatsächlichen
Umdenkens in der Geburtshilfe zu sein, sondern vielmehr Mittel, um Kunden
(Patienten) anzuziehen. Ein buntes, gemütliches Kreißzimmer
garantiert noch lange nicht, dass sich auch die Hebammen und ÄrztInnen
um jene Intimsphäre bemühen, die eine gebärende Frau
braucht, um ihr Kind möglichst “menschlich” natürlich
zur Welt zu bringen. Die ganze Aufmerksamkeit der Geburtshilfe scheint
sich vielmehr seit Jahren auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren:
Kontrolle!

Das wachsende Bedürfnis nach Kontrolle hat auch die Kinder kriegenden Frauen im Griff. Die neue Generation junger Mütter tendiert immer mehr zum Abgeben von Kompetenzen, zum Verhindern des bislang Unausweichlichen: Wozu bitteschön soll ich solche Anstrengungen und Schmerzen auf mich nehmen, wenn ich mir mein Kind einfach unter Narkose aus dem Bauch herausschneiden lassen kann?
Keep your Lovechannel honeymoonfresh -
make a Ceserean!
(Erhalte deine Vagina flitterwochenfrisch-
mach einen Kaiserschnitt!)
… dieser amerikanische Sloganhat längst
auch uns hier im kleinen Österreich erreicht. Zeitungsberichte
erzählen uns fast täglich von irgendwelchen Stars der Film-
und Musikszene, die endlich ihr süßes Wunschbaby bekommen
haben oder werden - per geplantem Kaiserschnitt natürlich, um ihre
makellosen Körper nicht zu gefährden! Angelina Jolie, Heidi
Klum, Claudia Schiffer, Victoria Beckham und alle anderen führen
selig vom Titelblatt lächelnd das neue Mutterbild vor: Schwanger-Sein
gehört zur neuen Weiblichkeit und ist auch sexy (was man ja durchaus
positiv sehen kann) - die Kinder aus eigener Kraft zu gebären,
das ginge nun aber doch zu weit…!?
Die steigende Zahl von Wunschkaiserschnitten
beschäftigt Ärzte, Hebammen und alle anderen, die mit Geburts-,
Kinder- und Familienthemen arbeiten, zur Zeit intensivst. In der Auseinandersetzung,
wie damit umzugehen sei, haben sich zwei Hauptlager gebildet: Die Einen
sehen darin eine begrüßenswerte Stärkung des Feminismus
- endlich können Frauen frei entscheiden, was sie sich selbst und
ihrem Körper zumuten wollen! Die Anderen machen sich zutiefst Sorgen:
Wohin entwickelt sich die Menschheit, wenn wir beginnen, so evolutionäre
und natürliche Körpervorgänge wie eine Geburt einfach
zu vermeiden? (siehe Kasten ganz unten)
Seit Menschengedenken sind gesunde Mütter und gesunde Babies das
Ziel jeder Gesellschaft. Ich meine, die moderne Geburtsmedizin zahlt
dafür einen viel zu hohen Preis: durchschnittlich 30% - also rund
ein Drittel aller Kinder! - werden in Europa heute per Kaiserschnitt
geboren (In Amerika sind es bereits 50% - also jedes zweite Kind). Laut
einer deutschen Studie fanden 1996, also bereits vor 10 Jahren, nur
noch 6% aller Geburten ohne irgendwelche medizinischen Interventionen
statt. Das einzige Argument FÜR diesen radikalen Paradigmenwechsel
in der Geburtsmedizin wäre wohl, dass dadurch mehr Babies gesund
zur Welt kommen. Tatsache ist aber, dass es in all den Jahren keineswegs
gelungen ist, die Mütter- und Säuglingssterblichkeit weiter
zu senken.

Aus (unbegründeter) Angst vor einem ruinierten,
ausgeleierten Beckenboden
oder/und vor den Geburtsschmerzen entscheiden sich immer mehr junge
Frauen für einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation. Und
in manchen Staaten (wie z.B. Frankreich) findet fast keine vaginale
Geburt mehr ohne PDA (Periduralanästhesie, Kreuzstich zur Betäubung
der Beckengegend) statt - was u.a. dazu führt, dass ein Kind seinen
Geburtsweg ohne die Unterstützung schmerzlindernder Hormone, welche
der Körper während einer natürlichen Geburt produziert,
gehen muss. Ich hörte von einem Fall, wo eine gebärende Mutter
den Anästhesisten, der ihr die PDA setzte fragte, wie lange sie
denn für die eigentliche Geburt offline gehen müsse, um rechtzeitig
wieder ihre Internet-Korrespondenz aufnehmen zu können…
Mit dem Steigen der Kaiserschnittraten, der kontrollierten, künstlich
eingeleiteten und betäubten Geburten steigt aber auch die Zahl
der Schreibabies, der autistischen oder hyperaktiven Kinder - und das
in einem erschreckenden Ausmaß. Wundern wir uns wirklich darüber,
dass Kinder, die so geboren werden und sich in ihrem Lebenskampf von
Beginn an verlassen fühlen, die Brust verweigern, sich von der
Mutter enttäuscht abwenden, unter Aufmerksamkeitsstörungen
oder Depressionen leiden?
Die selbstbestimmte Geburt als Motto
der 80er Jahre, ist zum Bumerang geworden. Aus dem Anspruch, Eigenverantwortung
für natürliche Vorgänge im Frauenkörper zu übernehmen,
wurde Überforderung und Unsicherheit: Soll ich es wirklich wagen,
mein Kind auf natürliche Art und Weise zu kriegen? …oder
gar meine Zwillinge trotz Aufklärung über die Risiken auf
natürliche Weise zu gebären? Soll ich mich darauf einlassen,
meine Steißlagengeburt nicht gleich vorweg per Kaiserschnitt zu
planen?
Die Verantwortlichkeit hat sich verlagert: „Also wenn Sie unbedingt wollen, dann probieren wir halt auf Ihre Verantwortung eine natürliche Geburt… aber ICH habe Ihnen genau gesagt, was dabei eventuell alles geschehen kann… und diesen Revers sollten Sie bitte auch noch gleich unterschreiben…“.
Frauen, die mit über 30 Jahren ihr erstes Kind bekommen - was heutzutage eher Regel- als Sonderfall ist - werden als “Alte Erstgebärende” und somit Risikofälle abgestempelt. Frauen, die nach einem früheren Kaiserschnitt nun vielleicht eine vaginale Geburt versuchen wollen oder deren Baby in Beckenendlage liegt (also mit dem Köpfchen nach oben), müssen heute eine wahre Odyssee auf sich nehmen, um gewillte Geburts-BegleiterInnen zu finden. Denn:
Vorsicht!
Kinder Kriegen ist eine höchst gefährliche Angelegenheit!
Diese Tendenz zur Überaufklärung“ und
Übervorsicht der ÄrztInnen ist ein weiterer Bumerang, diesmal
aber in Richtung des Fachpersonals. Zu lange hat man den Frauen vorgemacht,
die Götter in Weiß würden ihre Kinder im Krankenhaus
so sicher entbinden, dass das Risiko im Vergleich zur bis vor 50 Jahren
üblichen Hausgeburt minimal ist. Heutzutage hat fast jedes schicksalhafte
Geschehen oder menschliche Versagen ein gerichtliches Nachspiel - Verantwortung
wird im Regelfall abgeschoben. Wenn irgendetwas bei meiner Geburt nicht
so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe, dann schleife ich eben
Hebamme und Arzt zum Kadi…!
So ist auch in der Geburtshilfe ein Teufelskreis der Über-Kontrolle
entstanden. Ich verstehe jeden Mediziner, der auf der für ihn sicheren
Seite bleibt und lieber einen Eingriff zu viel macht, als ein gerechtfertigtes
Risiko einzugehen (auch wenn dieses Risiko darin besteht, dass irgendeine
Studie seiner jahrelangen Praxiserfahrung widerspricht). Es geht doch
immer auch um die eigene Haut!
Frauen, die auf ihre Instinkte und ihre Intuition vertrauen,
die sich vorbehaltlos, mutig und offen informieren, um dann eigenverantwortlich
Entscheidungen zu treffen - solche Frauen sind leider nicht der Maßstab
unserer Zeit. Die Verunsicherung ist zu groß. Welche junge Frau
kann sich heute vorstellen, ihr Kind ohne Geburtsmedizin, ohne Arzt,
ohne Schmerzmittel oder gar nur mit
einer Hebamme zu Hause zur Welt zu bringen?
Dass die geburtsmedizinischen Erkenntnisse und Weiterentwicklungen des
20. Jahrhunderts ein Segen für die Sicherheit des Gebärens
sind und höchst hilfreich in Notfällen sind, steht ja gar
nicht zur Debatte. Aber noch immer ist das Kinderkriegen einer der natürlichsten
körperlichen Vorgänge. Noch immer wird Gebärprozess des
weiblichen Körpers wird zur Gänze und sehr verlässlich
hormonell gesteuert. Wenn man eine Gebärende einfach IN RUHE LÄSST,
sie zu nichts zwingt, einfach für sie da ist und ihr einen intimen
Rahmen zum Loslassen ermöglicht - dann geschieht eine Geburt in
den meisten Fällen noch immer ganz von selbst. Andere Säugetiere
zeigen uns das ja auch ständig vor. Aber wenn wir wieder mal in
der Zeitung lesen, dass ein Kind im Rettungswagen geboren wurde, weil
es einfach schnell war - dann sind wir ganz überrascht und erstaunt
ob dieser Sensation…, die eigenlich gar keine ist!

Was also fehlt der heutigen Generation gebärender Frauen?
Warum schafften es unsere Großmütter, Ahninnen (und deren
BetreuerInnen), sich mit viel mehr Hingabe und Urvertrauen den natürlichen
Prozessen des Lebens zu stellen, als unsere Töchter?
Unsere schwangeren Großmütter hatten zum Beispiel Mütter,
auf deren Erfahrungen sie aufbauen konnten. Es gab nur sehr wenige technische
Neuerungen, die das Wissen der weisen Alten so rasch nutzlos werden
ließ, wie es heute zu sein scheint. Außerdem konnten früher
viele junge Frauen noch vor ihrer eigenen andere Geburten selbst miterleben
- die Kinder wurden ja meistens zu Hause geboren, also im eigenen Haus,
in der Nachbarschaft oder im Dorf... Im Gegensatz dazu machen unsere
Töchter ihre erste Geburtserfahrung über Realitysoaps im Fernsehen,
Geburtsfilme als dramatisch geschnittene „Babykrimis“, in
denen man kaum eine natürlich verlaufende Geburt zu sehen bekommt
oder über Werbungssequenzen, in denen man schreiende Frauen mit
rot angelaufenem Gesicht und zusammengepressten Lippen in steriler Operationssaalumgebung
zu sehen kriegt - nicht gerade ermutigend.
Unsere Großmütter vertrauten auch meist einer “höheren
Macht”, die sie durch die Geburt tragen würde (die “Kraft
positiver Gedanken” würde man das heute nennen…).
Sehr viel Glauben und auch Aberglauben wurden aufgewandt, um „sicher“
durch das Abenteuer Geburt zu kommen. Es gab eine Menge christlicher
und heidnischer Rituale rund um die Geburt - essbare Heiligenbildchen
spielten dabei ebenso eine Rolle wie z.B. der „Marienmeter“,
ein Spruchband mit Beschwörungen der Gottesmutter, welches der
Gebärenden um den Leib gelegt wurde, um sie zu beschützen.
Sie hatten auch Urvertrauen, Ergebenheit in ihr Schicksal als Spenderin
neuen Lebens, ein tiefes Wissen um die Notwendigkeit dieses Weges…Für
“aufgeklärte”, moderne und emanzipierte Frauenohren
klingt das im ersten Moment vielleicht nicht gerade erstrebenswert.
Doch liegt in dieser Bereitschaft zur Hingabe nicht auch eine gewisse
Sicherheit, Orientierung und Konzentration auf das, was geschehen soll,
geschehen MUSS, um den Fortbestand der Familie zu sichern? Hingabe entspricht
zwar nicht dem Zeitgeist - sie hilft aber sehr dabei, anzunehmen was
IST.
Die weibliche Unsicherheit und Angst vor den Anstrengungen und Schmerzen der Geburt gibt es wahrscheinlich seit Menschengedenken. Dieser Angst ins Auge zu blicken, ist heutzutage megaout. Lieber beruhigt frau sich mit der trügerischen Sicherheit, durch den Einsatz von Narkose- und Schmerzmitteln oder einen vorweg geplanten Kaiserschnitt um diese Grenzerfahrung herumzukommen. (Nebenbei erwähnt: der Wundschmerz einer Kaiserschnitt-Bauchnarbe ist auch nicht ohne …).
Im Bereich des (Leistungs-)Sports werden die neuesten Erkenntnisse über die euphorisierende Wirkung von Hormonen (Joggen mach süchtig, Sportler sind im Endorphin-High…) hochgejubelt und auch bewusst eingesetzt. Die selben Menschen bewerten den Geburtsschmerz aber als masochistische und überflüssige Zusatzübung. Dabei erzeugt der weibliche Körper während einer normal verlaufenden Geburt einen wahren “Wundercocktail” an Hormonen: Da gibt es natürliche Schmerzhemmer, es gibt Hormone, welche die Frau in gewisse Trancezustände versetzen, Endorphine (“Glückshormone”)… und allen voran eine Höchtsdosis des “Liebeshormons” Oxytocin, das nicht nur die Wehen und den Milchfluss, sondern auch die menschliche Bindungs- und Liebesfähigkeit anregt und steuert.
Der Sinn hinter all der Anstrengung und dem
Schmerz liegt aber noch in einem viel tiefer liegenden, psychischen
Bereich: Ein Kind zu gebären, bedeutet auch “Rollenwechsel”,
den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Geburt ist das stärkste Initiationserlebnis
im Leben einer Frau!
Gebären ist ein unkontrollierbares, ganzkörperliches und -seelisches Ereignis. Viele Stunden oder gar Tage lang Wehen durchzustehen und letztendlich ein Kind zu gebären kann so anstrengend sein, als würde man den Mount Everest besteigen - und es ist oft mit großen Schmerzen und Erschöpfung verbunden. Solches geleistet zu haben, erfüllt mit Stolz, Selbstachtung und weiblicher Kraft. Der Geburtsschmerz ist nicht (wie es uns die Kirche seit Jahrtausenden einzureden versucht) eine Strafe für Evas Verführungskünste und weibliche Sünden - er ist Basis einer sehr sinnlichen und unglaublich befriedigenden Anstrengung.
Nicht umsonst ist die Geburt von Natur aus als „Feuerwerk“ konzipiert - geht es doch um den Abschied von der Tochter-Rolle und den Eintritt in die Mutterschaft. Und Mutter-Sein verlangt von einer Frau oft mehr, als sie im Vorhinein ahnt oder glaubt, ertragen zu können. Immerhin ist sie nun (zumindest für einige Jahre) prägende Bezugsperson im Leben eines wachsenden Menschen. Sie muss da sein für diesen Menschen, die eigenen Bedürfnisse manchmal hintanstellen, und sie muss lernen, Grenzen zu setzen, für sich und für das Kind. Viele junge Müttern schaffen es nicht mehr, der Grenzensuche ihrer Kinder im Erziehungsalltag standzuhalten - manche PsychologInnen meinen, dass selbst dies mit der steigenden Zahl von Kaiserschnitten zu tun haben könnte… Weil immer mehr jungen Frauen die eigene Grenzerfahrung der Geburt fehlt - es fehlt ihnen der Selbstwert und die Überzeugung: “Ich habe dich mit meiner allerletzten Kraft geboren - so stark wie ich bin, kann ich dir jetzt auch Halt und Grenze geben“.
Wie wir mit Geburt umgehen, betrifft also beileibe nicht nur diejenigen, die im Moment schwanger sind und unmittelbar betroffen. Es ist ein politisches Thema. Es ist ein entscheidender Baustein dafür, wie Mütter in Zukunft mit ihren Kindern umgehen - und beeinflusst somit die gesamte Weiterentwicklung des Menschseins.
Was aber können wir tun, egal ob Frau oder Mann, um diesem rauen gesellschaftlichen “Geburtsklima” entgegen zu wirken?
Frauen, stärkt eure Töchter, Schwestern und Freundinnen!
Männer, stärkt eure Frauen!
Zugegeben - ich bin eine unverbesserliche Sozialromantikerin und glaube noch immer an eine Art postfeministische Revolution, an eine “Wiedererstarkung des natürlich Weiblichen”. Wir Frauen müssen uns untereinander stärken. Das heißt, wir müssen auch die Hebammen als Fachfrauen für die natürlich verlaufende Geburt stärken. Und auch die wieder erstandene Berufsgruppe der Doulas ist eine Antwort darauf! Doulas sind Frauen, die selbst Kinder geboren haben und als Begleiterinnen vor, bei und nach der Geburt ausgebildet werden. Ich selbst leite seit einigen Jahren solche Ausbildungen für Mütter, die sich in dieser sensiblen Lebensphase gegenseitig ermutigen, bestärken, begleiten wollen. Es ist wunderschön zu sehen, wie viel Gutes hier zwischen den Frauen entstehen kann!
Wir sollten auch unsere Töchter von klein auf lehren, ihren Körper kennenzulernen, seine Botschaften zu empfangen und zu verstehen - damit sie sich nicht schon im Mädchenalter wie Hormonzombies mit hormonellen Verhütungsmitteln von ihrem Zyklusgeschehen abkoppeln. Ich wünsche den jungen Mädchen, dass sie schon in der Schule erfahren, wie sie mit ein wenig bewusster Atmung, Entspannung und Bewegung mit den monatlichen Veränderungen ihres Körpers gut zurecht kommen.
Im Schulunterricht sollten beide Geschlechter lernen, dass eine Geburt ganz natürlichen, wunderbaren Gesetzmäßigkeiten folgt und dass keine Frau dabei „kaputt geht“, weder in der Vagina noch am Beckenboden. Welcher Mann käme auf die Idee, dass sein Geschlechtsteil bei planmäßigem Gebrauch beschädigt werden könnte?! Die Funktionsweisen und Gesetze der Schließmuskeln (und wie sie trainiert werden können) sollten in der Schule gelehrt werden, wie das Gesetz der Schwerkraft.
Zu wissen, wie unser Körper auf äußere oder innere Vorgänge und Beeinflussungen reagiert, kann für das ganze Leben, und eben besonders für die Geburt hilfreich sein. Weitere Anlässe, diese Geheimnisse des Körpers zu entdecken und sich vertraut zu machen, könnten auch (regelmäßige) Mondfeste zur Feier der Menarche oder der Menstruation sein. Oder Frauenkreise, egal, in welchem Rahmen sie stattfinden.
Wenn eine Frau tatsächlich
schwanger ist, hat sie nur mehr ein paar Monate Zeit, um
sich mit so vielen neuen Fragen und Themen auseinanderzusetzen. Wie
hilfreich ist da eine gewachsene Basis an Wissen und Erfahrung, auf
der sie aufbauen kann. Der liebevolle und vertraute Kontakt zum eigenen
Körper sollte schon von klein auf gefördert werden. Hebammen
sollten mehr Gelegenheit bekommen, normal verlaufende Geburten allein
zu betreuen, z. B. in eigenen Hebammenkreißsälen. Jede Frau
sollte die Möglichkeit haben, auch zu einer Krankenhaus-Geburt
eine selbst gewählte Hebamme mitnehmen zu können…!
Jede Frau sollte erfahren, dass es schon längst möglich ist,
gegen Krankenschein auch in der Zeit nach der Geburt von einer Hebamme
beraten und betreut zu werden.
All diese Ideen sind nicht utopisch - wenn wir Frauen wieder erkennen, welches Geschenk wir uns selbst vorenthalten oder nehmen lassen, wenn wir das Kinder-Gebären als unser ureigenstes Vorrecht so einfach „abgeben“!
KAISERSCHNITT - Notfall- oder Lifestyle-Maßnahme?
Dr. Wolf Lütje-Heimrath, Chefarzt einer deutschen Frauenklinik, ist einer der prominentesten und lautesten Kritiker des “Wunsch-Kaiserschnitts”. Beim Linzer Symposium “Gebären - Lust und Leid” im April 2006 warnte er eindringlich vor den Folgen des Trends zum Kaiserschnitt als Lifestyle-Maßnahme:
1. Aus rein medizinischer Sicht gibt es etwa nur bei jeder 10. Geburt eine echte Risiko-Indikation für einen operativen Eingriff. Somit ist die derzeitige Rate von 25 oder mehr Prozent weit überhöht, was nicht nur am “Wunsch” der Patientinnen liegt, sondern auch an jenem der Ärzte: Ein Kaiserschnitt lässt sich im Vergleich zu einer normalen Geburt besser organisieren und planen, mindert die unvorhersehbaren Risiken und… ist immer besser honoriert!
2. Durch diese Entwicklung kommt es zu einem erheblichen Verlust an geburtshilflichem Wissen. Es gibt kaum noch junge ÄrztInnen, die wissen, wie man eine Steißlage oder Zwillinge normal entbindet - weil heute in solchen Fällen fast immer ein Kaiserschnitt im Voraus geplant wird.
3. Mit einem Wunschkaiserschnitt bringen sich junge
Mütter um das befriedigende Gefühl, etwas Großartiges
geleistet zu haben - und somit um eine wesentliche Initiationserfahrung
in ihrem Frau- und Muttersein und um den höheren Ausstoß
an dem Liebeshormon Oxytocin, welches ihnen die erste Bindung zu ihrem
Kind wesentlich erleichtert.
4. Kaiserschnittkinder haben erwiesenermaßen mehr Anpassungsstörungen nach der Geburt (z.B. beim Atmen), auch oft mehr Probleme beim Stillen … und psychologische Beobachtungen haben gezeigt, dass sie später oft auch weniger durchsetzungsfähig sind.
5. Jedes biologische System, das nicht wirklich benutzt
wird, führt sich ad absurdum. Frauen sind von der Natur dafür
ausgerüstet, Kinder zu gebären (durch Hormone, Gebärmuttereigenschaften,
Wehentätigkeit, Beckenbau…). Wird diese Ausrüstung
über längere Zeit zu wenig oder nicht mehr benutzt, könnte
das biologische System einen evolutionären Wandel einleiten: die
Gebärmutter könnte schrumpfen, das Becken enger werden und
letztendlich die Gebärfähigkeit verloren gehen.
6. und das größte evolutionsbiologische Risiko:
Durch den geringeren bis fehlenden Oxytocin-Ausstoß bei Kaiserschnittgeburten
könnte ein gewaltiger Verlust der menschlichen Liebes- und Bindungsfähigkeit
passieren!
(Quelle: Interview in OÖ. Nachrichten vom 26. 03. 2006)
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