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Wie fühlst du dich in diesem Augenblick?
Fühlst du dich überhaupt? Wenn du diese Fragen spontan mit
Ja beantworten kannst, bist du eine glücklich Ausnahme - denn die
meisten unserer Zeitgenossen haben es verlernt, auf ihre Gefühle
zu achten und sich auf’s Denken verlegt. Dabei würden viele
Probleme und fast all unser Leid erst gar nicht entstehen, wenn wir
wieder fühlen lernen und unser Herz öffnen, statt uns den
Kopf zu zerbrechen.
Angst vor Gefühlen?
Vor nichts in der Welt haben wir so große Angst wie vor Gefühlen.
Wir meinen zwar, es seien Tatsachen, vor denen wir uns fürchten
- wie etwa im Job gekündigt zu werden, ohne Geld dazustehen, den
Partner zu verlieren, einen Unfall zu haben oder in einem Prozess zu
verlieren… Irrtum! In Wirklichkeit haben wir Angst vor den Gefühlen,
die so eine Situation in uns auslöst - wer will sich schon gern
hilflos, ausgeliefert, lächerlich, elend, im Stich gelassen, gedemütigt
fühlen…!?
Nehmen wir mal an, ein anderer Mensch signalisiert mir durch sein Verhalten
Ablehnung oder spricht es sogar unverblümt aus: „Ich mag
dich nicht!“ Prompt fühle ich mich selbst abgelehnt, halte
Ablehnung für eine meine Person betreffende Tatsache. Deshalb leide
ich und wehre ich mich oder flüchte. Dabei ist das, was mir jetzt
so wehtut, in Wirklichkeit mein eigenes Gefühl, ausgelöst
durch eigene Erinnerungen oder Gedanken. Wäre mir das in diesem
Augenblick bewusst, dann könnte ich es fühlen, anstatt alles
zu tun, um vor diesem schlimmen Gefühl davonzulaufen.

Fühlen tut gut
… paradoxerweise auch und gerade wenn es sich um ein unangenehmes
Gefühl handelt. Den Schmerz der Ablehnung bewusst zu fühlen,
bedeutet, ihn mit Aufmerksamkeit zu berühren, ihn nach Hause zu
holen ins Herz, in unser fühlendes und mitfühlendes Zentrum.
Es bedeutet, das Leid zu beenden. Denn unser Leid entsteht genau dadurch,
dass wir unseren Schmerz nicht fühlen wollen. Lieber verdrängen
wir ihn immer wieder aufs Neue, wehren ihn ab oder flüchten. So
wird unsere Angst vor dem Schmerz immer größer, und wir leiden
darunter, dass wir uns wehren müssen, dass wir Andere verletzen
müssen mit wütenden Handlungen oder Worten oder indem wir
den Kontakt zu ihnen blockieren oder ganz abbrechen. Und all dies geschieht
aus Angst vor einem Gefühl.
Bewusstes Fühlen
… macht uns lebendig. Überall, wo wir nicht fühlen,
ist unsere Lebensenergie und damit unsere Lebensfreude und Lebendigkeit
eingeschränkt. Wie aber fühlt man bewusst?
Angenommen du ärgerst dich gerade sehr, und ich sage zu dir: „Du
musst deinen Ärger einfach FÜHLEN!“ - dann wirst du
mir wahrscheinlich antworten: „Spinnst du? Ich spüre ihn
doch schon die ganze Zeit!“… und du wirst fortfahren, über
die Situation oder die Person zu schimpfen, worüber du dich ärgerst,
und verlangen, dass sie sich ändern sollte. Du richtest deine Aufmerksamkeit
also auf das Objekt im Außen, das deinen Ärger geweckt hat.
Wenn ich mich aber bemühe, meinen Ärger bewusst zu fühlen,
dann richtet sich meine Aufmerksamkeit nach Innen. Dann spüre ich
meinen Atem, meinen Körper, dann erlebe ich bewusst all die Anspannungen
in mir, die dieser Ärger auslöst. Und je aufmerksamer ich
erforsche, wie sich das in mir anfühlt, desto mehr verschiebt sich
meine Identifikation. Bis ich nicht mehr die Person bin, die sich einfach
ärgert, sondern jene, die diese Emotion bewusst erlebt. Erst war
ich vollständig identifiziert mit dem Ärger - nun bin ich
identifiziert mit etwas, das größer ist als der Ärger.
Zuerst war ich „purer Ärger“ - jetzt ist auch der Rest
meiner selbst wieder eingeblendet. Nun kann ich meinen Ärger aus
einer anderen Position heraus betrachten. Mein Herz kann sich diesem
Gefühl öffnen, und plötzlich regen sich vielleicht Verständnis
und Respekt für meinen Ärger… Durch diese innere Öffnung
kann dann der Schmerz auftauchen, der unter dem Ärger lag - das,
was mir so wehgetan hat, dass ich mit Ärger reagiert habe - beispielsweise
das Gefühl von Ungerechtigkeit oder Demütigung oder Ablehnung.
Indem ich diesen Schmerz fühle - ganz bewusst, ganz aufmerksam
und vollständig - heile ich mich selbst: Ich entdecke, dass das,
wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe, ein schmerzhaftes
Gefühl und keine Tatsache ist. Ich berühre diesen Schmerz
mit meinem Atem und meiner Aufmerksamkeit und nehme ihn in mein Herz.
Das ist ein Augenblick der Heilung, der Heimkehr. Die großen Meister
oder Bewusstseinslehrer nennen das „Ganzwerdung“. Die Psychologen
bezeichnen es nüchterner als „Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile“.
Der Schmerz, ein Teil meiner selbst, den ich vorher ausgeblendet hatte,
gehört jetzt wieder zu mir.

Interpretationen
Fühlen ist aber noch mehr, als das Spüren einer Emotion. Fühlen
ist das allererste, unmittelbare innere Erleben unserer gesamten Umwelt.
Bevor wir etwas mit den Sinnesorganen wahrnehmen und dann mit dem Verstand
interpretieren, fühlen wir es bereits. Wir haben jedoch nicht gelernt
(oder verlernt), auf dieses erste Fühlen zu achten. Unsere Aufmerksamkeit
ist nicht dort, wo es stattfindet - nämlich in uns selber - sondern
konstant auf die Außenwelt gerichtet und in Gedanken absorbiert.
Wenn ich einem Menschen zum ersten Mal begegne, entsteht in mir ein
spontaner erster Eindruck - ausgelöst durch Aussehen, Haltung,
Geruch, Stimme oder Sprechweise dieses Menschen. Blitzartig, unbewusst
und automatisch verbinde ich diese Informationen mit vergangenen, in
meiner Psyche gespeicherten Erfahrungen und beginne zu vergleichen und
zu deuten. Das läuft so ähnlich ab, wie bei der Interpretation
eines fremden Wortes, das ich zum ersten Mal sehe - eine Folge von Buchstaben,
die zunächst keinen Sinn ergibt, aber blitzschnell und automatisch
verglichen wird mit ähnlichen Buchstabenfolgen. Zur Veranschaulichung
ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Als Kind kam ich öfter
nach Belgien. Dort gab es Schilder neben der Straße mit der Aufschrift
„voor onze kinderen“ - und ich verstand gleich beim Lesen,
dass hier irgendetwas „für unsere Kinder“ gemeint ist.
Damit lag ich richtig. Auf anderen Schildern stand „schijf verplicht“
- und ich war sicher, dass es sich hier um etwas Schiefes handeln müsse,
das verpflichtend sei. Falsch interpretiert. Denn „schijf“
heißt auf Flämisch „Scheibe“ - es bedeutet also
„Parkscheibe vorgeschrieben“.

Projektionen
Ähnlich ergeht es uns beim ersten Eindruck von einer anderen Person.
Manches interpretieren wir richtig, manches völlig falsch. Weil
diese innere Bewertung aber völlig automatisch und unbewusst abläuft,
kann sich ein falsches Bild über das richtige schieben, ohne dass
wir es überhaupt bemerken. Dann meinen wir, die Person objektiv
wahrzunehmen - dabei sehen wir nur unsere eigene Projektion, auf die
wir dann emotional reagieren: Ich sehe in dir einen Feind, der mir etwas
wegnehmen will, also wappne ich mich und reagiere verschlossen oder
aggressiv. Oder ich sehe in dir eine liebe, mütterliche Person,
und deshalb vertraue ich dir meine Sorgen an. Die Wirklichkeit könnte
aber vielleicht genau umgekehrt sein: der Mensch, gegen den ich mich
schütze oder verteidige, ist eigentlich lieb und mütterlich
und will mir nur Gutes - und die scheinbar liebe und mütterliche
Person ist in Wirklichkeit eifersüchtig auf mich und will mir etwas
wegnehmen. Mein allererstes und unmittelbares Fühlen hätte
mir das zwar mitgeteilt - ich nehme es aber nicht wahr, weil ich meine
Aufmerksamkeit nicht auf das innere Fühlen, sondern auf das Interpretieren
von Sinneseindrücken gerichtet habe.
Die meisten unserer Beziehungen entstehen und gestalten sich auf Grund
solcher falschen oder verzerrten Wahrnehmungen. Anstatt einander zu
spüren, wie wir wirklich SIND, projizieren wir eigene Bilder und
Gedanken auf einander und reagieren darauf. Daraus entstehen unsere
Kriege, unsere Missverständnisse, unsere zwischenmenschlichen Probleme.
Wie aber können wir lernen, einander wirklich wahrzunehmen? Dazu
müssen wir erstmal lernen, überhaupt zu fühlen.
Blitzwahrnehmung
Fühlen ist die einfachste, die direkteste, elementarste Art des
Erlebens und Wahrnehmens zugleich. Würden wir unsere Aufmerksamkeit
mehr auf dieses unmittelbare, spontane Fühlen richten, könnten
wir uns viel Nachdenken, Forschen, Analysieren, Diskutieren und einen
Großteil unserer Probleme und Dramen sparen. Wenn ich z.B. einem
Menschen begegne, liefert mir meine allererste innerste Spontanreaktion
bereits viele Informationen über ihn und die Art unserer Beziehung,
die ich mir denkend, interpretierend und analysierend mühsam und
über Umwege erarbeiten müsste. Wenn ich einen Raum betrete
- etwa eine Wohnung, die ich mieten will - dann kann ich fühlen,
ob sie mir gut tut oder nicht, also ihre Grundatmosphäre und ihre
bioenergetische Qualität wahrnehmen. Ich kann auch fühlen,
ob mich ein Nahrungsmittel beleben oder belasten wird, oder ein Getränk,
oder ein Medikament… und so fort. Das vereinfacht das Leben natürlich
enorm und stellt es auf eine gesündere Basis. Jedoch gibt es zwei
Voraussetzungen, damit wir die auf diesem direkten Weg gewonnenen Informationen
auch nutzen können:
a) wir müssen mit unserer Aufmerksamkeit dort sein, wo Fühlen
stattfindet;
b) wir dürfen das, was wir fühlen, nicht durch ungenaue Interpretation
verfälschen.
3 Schritte zum Fühlen
Wo ist dieser Ort, an dem Fühlen stattfindet? Um den zu erreichen,
muss man die Aufmerksamkeit nach innen richten statt nach außen
- sie sozusagen umkehren.
1. Schritt: Anstatt deine Umwelt durch die Brille deiner
Gedanken und Emotionen zu betrachten, richte die Aufmerksamkeit in deinen
Körper. Das gelingt am schnellsten und mühelosesten, wenn
du dich auf deinen Atem konzentrierst. Du verlagerst deine Wahrnehmung
einfach weg von der Gedankensphäre hin zu deinem Atem - und schon
bist du bei dir selber angekommen, in der Gegenwart, spürst deinen
Körper, nimmst Sinneseindrücke wahr. Gedanken mögen noch
da sein, sie finden aber jetzt auf einer anderen Ebene statt, weil sie
keine Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind im Moment unwichtig. Das ist
der Anfang des Fühlens.
2. Schritt: Aus diesem Zustand der Selbstwahrnehmung
heraus kannst du deine Aufmerksamkeit nun auch auf etwas im Außen
erweitern - zum Beispiel auf den Raum, in dem du dich befindest, oder
auf ein bestimmtes Bild, oder auf eine Landschaft, oder auf eine Musik,
ein Lied, ein Gedicht… oder auf einen bestimmten Menschen, den
du magst… oder einen, mit dem du Probleme hast… oder auf
ein bestimmtes Thema, das dir Kopfzerbrechen oder Ärger bereitet.
Beobachte, was sich dabei in deinem Körper abspielt: Immer wenn
du deine Aufmerksamkeit von einer Sache zur anderen oder von einer Person
zur anderen verlagerst, wirst du mehr oder weniger subtile Veränderungen
sowohl beim Atem als auch im Körper spüren. Wenn du diese
ganz feinen Veränderungen klar und deutlich wahrnehmen kannst,
dann gehe weiter zum…
3. Schritt: Jetzt beginne zu üben, bei dem jeweiligen
Körper- und Atemzustand zu verweilen und ihn kennenzulernen. Wenn
du das aufmerksam und geduldig tust, wirst du in jedem dieser körperlichen
Zustände auch ein Gefühl, eine Emotion entdecken. Mit der
einen Sache fühlst du dich so, mit der anderen anders, mit einer
dritten wieder anders… Fange nicht an zu überlegen, ob dieses
Gefühl etwas über dich selbst, die Sache oder die Person aussagt,
an die du denkst - je mehr du interpretierst, desto mehr verlagerst
du dich wieder ins Denken und entfernst dich vom eigentlichen Fühlen.
Für mich ist die wichtigste Grundübung zum Fühlen, immer
wieder meinen Atem zu spüren. Wo immer ich bin, erinnere ich mich:
Atem spüren! Jeder bewusste Atemzug ist wie eine Heimkehr, bringt
mich zu mir selbst zurück, in die Gegenwart, in meine Körperwohnung,
wo mein Selbst zu Hause ist. Hier ist der Ort, wo Fühlen stattfindet!
Beherrscht vom Gefühl?
Fühlen in diesem Sinne bedeutet ganz etwas Anderes, als von Gefühlen
beherrscht zu sein. Überschießende Emotionen sind sozusagen
Sekundärgefühle, entstanden durch unsere eigenen Gedanken
(anstelle des ursprünglichen Fühlens, was eine Art reiner
Wahrnehmung ist). Zum besseren Verständnis ein letztes Beispiel:
Ich bin grantig auf dich, weil du mein Verhalten kritisiert hast. Mein
Ärger beherrscht mich - ein äußerst unangenehmer Zustand.
Deshalb sinne ich unentwegt darüber nach, wie ich diesen Zustand
ändern kann: Ich könnte mich rächen und dich auf deine
eigenen Fehler hinweisen, in der Hoffnung, dass ich mich dann wieder
gut fühle - ich könnte es „schönreden“, indem
ich mir sage, du hättest es ja nicht böse gemeint und überhaupt
sei Kritik ja etwas Lehrreiches - ich könnte dich einfach anschreien
oder mich betrinken oder dorthin auswandern, wo mich niemand mehr kritisiert
und mich alle so nehmen, wie ich bin… Was immer ich auch denke
oder tue, während ich mich ärgere - es geschieht aus einer
Art Besessenheit heraus. Ich bin besessen von meinem Ärger.
Der Ärger bezieht sich in Wirklichkeit aber gar nicht auf dich,
sondern auf mein eigenes Gefühl. ICH fühle mich nämlich
schlecht, schuldig oder minderwertig, wenn jemand mich kritisiert. Und
dieses Gefühl kann und will ich nicht fühlen, weil ich es
unbewusst für eine Tatsache halte. Das heißt, dein Verhalten
aktiviert einen meiner negativen Glaubenssätze über mich selbst,
den ich irgendwann in ferner Vergangenheit (meist Kindheit) geprägt
habe. „Ich bin schlecht.“ „Ich bin nichts wert.“
… oder Ähnliches. Das kann und will ich gar nicht fühlen,
denn es ist eine existenzielle Katastrophe, wertlos zu sein.
Fühlen heilt
Wenn ich mir aber bewusst mache, dass ich nicht wertlos BIN, sondern
mich wertlos FÜHLE, kann ich mein Herz für dieses Gefühl
öffnen. Sobald ich es fühle, berührt es mein Innerstes,
und mein Herz wird reagieren - mit einer Regung von Mitgefühl,
Erbarmen, Respekt, Verständnis oder was immer dieses Gefühl
vom Herzen braucht. Jedesmal, wenn so etwas geschieht, vollzieht sich
eine große innere Wandlung. Von jemandem, der unbewusst davon
überzeugt war, wertlos zu sein, verwandle ich mich in jemanden,
der sich wertlos fühlt und dafür Erbarmen und Verständnis
hat. Was für ein Unterschied! Man muss ihn erlebt haben, um zu
verstehen, dass dies der alles entscheidende Unterschied ist in unserer
Beziehung zu uns selbst, unseren Mitmenschen und unserem Schicksal.
Nun, da mein Herz offen ist für mein eigenes Gefühl, ist es
auch offen für andere. Jetzt kann ich auch den Menschen wahrnehmen,
der den Ärger in mir ausgelöst hat; ich kann fühlen,
wie er sich fühlt, ohne eine eigene emotionale Reaktion davor zu
schieben. Vielleicht war auch der Andere, als er mich kritisierte, von
irgendeinem Ärger beherrscht. Vielleicht empfand er mein Verhalten
ebenfalls herabwürdigend oder verurteilend. Vielleicht habe auch
ich im Anderen ein Gefühl von Schlechtigkeit oder Minderwertigkeit
ausgelöst. Jetzt kann ich auch der anderen fühlenden Person
mein Herz öffnen, ohne dass es mir wehtut oder mich schädigt
- im Gegenteil, es berührt mich und ist letztlich ein schönes
Erlebnis. Das Erlebnis von Mitgefühl und Liebe.
Fühlen heilt. Bewusstes Fühlen eint uns, bringt unsere verschiedenen
Schichten zusammen und verschafft uns ein Gefühl von Ganzheit und
Lebendigkeit - und zwar unabhängig davon, WAS wir fühlen und
WIE wir uns fühlen.
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