Vollblutfrauen
dieser Erde
...
von Surabhi
Notburga Schaubmair

Es ist das
Blut unserer Ahnen, das in unseren Adern fließt, - und
die Formen vergehn - aber die Zyklen des Lebens bleiben
bestehn!" Diane Sea Dancer Battung und Debbie
Crystal Dream Woman Mast, zwei Frauen vom Deer Tribe, kommen
gerade aus den USA von einem Treffen, wo indianisches
traditionelles Wissen rund ums Thema Frauen und Blut"
freigegeben wurde, um es an uns Frauen weiterzugeben. Obwohl
ich mich schon sehr lange auf tantrischen Pfaden befinde,
und mich darin auch viel mit meinen weiblichen Wurzeln
beschaeftigt habe, begleitet mich durch diese Tage eine
staunende Frage: Wie habe ich
dieses archaische weibliche Wissen nur so lange vergessen
koennen?" Die Art des Teachings und der
Vermittlung machen Diane und Debby im Vertrauen, daß
jede Frau dieses Urwissen in ihren Koerperzellen gespeichert
hat - und wir es nur wiederzuerinnern brauchen, was in einem
Kollektiv von Frauen leichter ist, als alleine. Ein
aufrechtes, rueckenstaerkendes Gefuehl durchstroemt mich,
als wir uns gegenseitig vorstellen, eingebunden in die
weibliche Ahnenreihe. Ich bin Surabhi Notburga,
Tochter von Anna, Enkelin von Rosa und Maria" - allein das
Bild, daß meine Mutter und meine beiden
Großmuetter hinter mir stehen, gibt mir eine
Verbindung zu dem Wissen und der Weisheit ihrer
langjaehrigen Lebenserfahrung als Frauen der Generationen
vor mir. Uns allen gemeinsam ist unser monatliches Blut -
und doch hatten wir keinen fruchtbaren Austausch darueber.
Die einzige Erinnerung ist die tragische Geschichte von Oma
Rosas Schwester, welche in jungen Jahren starb, weil sie
waehrend ihrer Tage" bei eisigen Temperaturen
draußen im Hof arbeiten mußte und dabei ihren
Unterleib erfror". Als Maedchen von acht Jahren wagte
ich damals nicht genauer nachzufragen - und doch blieb der
Nachgeschmack von etwas Bedrohlichem im monatlichen
Blut. In der indianischen Tradition wird das
Blut als Symbol der Lebenskraft gesehen, das alle wichtigen
Informationen ueber uns Menschen beinhaltet. Die Tage der
Menstruation sind eine besondere Zeit der Kraft und
Intuition. Sie beinhalten die Faehigkeit, Geburt zu
schenken, aus Geist Substanz zu erschaffen und Leben in all
seinen Formen hervorzubringen. Waeren wir sensibel genug,
koennten wir einfach spueren, welche Frau im Kreis gerade
menstruiert - in ihrer Kraft ist. Wir bilden zu Beginn ein
Mandala der weiblichen Lebenszyklen in Orientierung nach
unserem Blut: Im Zentrum stehen die Frauen, welche gerade
jetzt bluten. Hinter ihnen ist der Platz der Jungmaedchen in
ihrer weißen Zeit" bevor sie bluten. In unserer
Gruppe bleibt dieser Ring leer. Als naechstes kommen die
Frauen in ihrer roten Zeit", welche noch keine
physischen Kinder geboren haben. Um sie herum alle, die
schon Kindern das Leben geschenkt haben. Im naechsten Ring
stehen die Frauen nach der Menopause, die Zeit des
weisen Blutes" und im aeußeren Ring die
Großmuetter und weisen Frauen. Ich stehe im Ring der roten Zeit mit
den Frauen, die noch nicht geboren haben und empfinde
Achtung und Anerkennung fuer jede Mutter im Kreis hinter
mir. Besonders auch die lebenserfahrenen, weisen Frauen
beruehren mich in ihrer schlichten Praesenz - wie wenig
Respekt und Wertschaetzung schenkt unsere Zivilisation den
aelteren Menschen und ihrer Lebensweisheit. Das Geschenk und
die Heiligkeit der Kraft unseres Menstruationsblutes
erinnert uns monatlich an unser Potential und auch an die
Verantwortung als Frauen auf diesem Planeten. Viele Frauen
leiden jedoch eher an ihrer Menstruation, anstatt sie als
eine kraftvolle Zeit zu nutzen. Auch fehlen in unserer
Kultur Rituale, die den uebergang vom Maedchen zur Frau
festlich begleiten. Wenige wurden in liebevoller Weise
darauf vorbereitet - schon gar nicht war es ein feierlicher
Anlaß, um in den Kreis der Frauen aufgenommen zu
werden. Oft war es" sogar laestig, peinlich, schmutzig
und mit monatlichen Schmerzen verbunden. Außerdem begann damit fuer Viele
die Angst, ungewollt schwanger zu werden. So ist es nicht
verwunderlich, daß wir eher Leidensgeschichten
austauschen. Auch die Werbung und die Gesellschaft tragen
dazu bei, diese Tage moeglichst aus unserem Bewußtsein
zu verdraengen. Schlagartig erinnere ich mich an meine
verzweifelten Versuche, die ersten Tampons einzufuehren, da
mir die Stoffbinden meiner Mutter peinlich waren, und ich
diese eher als Zeichen der Armut gesehen habe. Meine
jungfraeuliche Muschi hat jedoch damals gestreikt, bis ich
resignierte und doch Binden nahm. Es sollte jedoch noch
einige Jahre dauern, bis ich das Fließen des Blutes
und den sueßlichen, intensiven Geruch mit einem
freudigen Ja zum Leben" begrueßen konnte. Eine
aufgeregte, prickelnde Stimmung aus der pubertaeren Zeit des
ersten Fruehlings ist im Raum, als wir uns erlauben, ein
Wunschritual fuer diesen wichtigen uebergang in die
rote Zeit" zu kreieren. Und ueberraschenderweise gibt
es viele Gemeinsamkeiten aus der kollektiven
Wunschkiste. Daraus moechte ich ein paar Ideen
weitergeben, als Anregung fuer ein Feiern des ersten Mondes
im Kreis der Frauen. Fast alle wuenschen sich von der Mutter
eine feierliche Aufmerksamkeit, diesen uebergang
bewußt zu gestalten. Die Maedchenfrau wird von den
Frauen liebevoll vorbereitet und eingefuehrt in das Wissen
um die Kraft des Gebaerens und in die Verantwortung und
Freiheit, eine Frau zu sein. Die Blutzeit ist die direkteste
Verbindung mit dem Wissen der Erde. Daher ist es besonders
fuer uns Frauen wichtig, daß wir Zeit und Ruhe finden,
uns mit dieser inneren Kraftquelle zu verbinden und neu zu
fokussieren, was wir im Leben verwirklichen moechten. Um
eine Vision fuer die kommende Zeit entstehen zu lassen, kann
die Maedchenfrau fuer sich alleine einen ungestoerten Platz
in der Natur aufsuchen und ihr Blut in die Erde
fließen lassen, wie es schon Frauen in den
Generationen vor ihr getan haben. Aufmerksam achtet sie
darauf, wie die Erde mit ihren Mineralien, Pflanzen und
Tieren antwortet. Zurueckgekehrt in den Frauenkreis wird
ein sinnliches Fest in den Farben weiß und rot
gefeiert, wo sogar die Speisen auf dem Festtagstisch in
diesen Farben angeordnet sind. Die Maedchenfrau erhaelt ein
symbolisches Geschenk - zum Beispiel einen roten
Lederbeutel, in den jede anwesende Frau einen kleinen Stein
legt - in Verbindung mit einem Wunsch fuer die kommende rote
Zeit. Auch sie darf ihren persoenlichen Wunsch zu dieser
uebergangszeit an die Frauen richten, den sie ihr nach
Moeglichkeit erfuellen. Der Kreativitaet sind keine Grenzen
gesetzt, um diesen uebergang vom Maedchen zur Frau
individuell zu feiern. Nach den Lehren der Indianer sind wir
Frauen waehrend unserer Bluttage ein Stueck naeher mit dem
Elektromagnetfeld der Erde - dem Traum der Erde" - in
Verbindung. Das Blut von Großmutter Erde besteht aus
Magma (der rote, fluessige Kern der Erde) und Wasser.
Gemeinsam bilden diese beiden Elemente das
elektromagnetische Feld der Erde. Magnetismus verursacht die
Bewegung der Kontinente und beeinflußt das
Instinktverhalten der Tiere (Heiminstinkt, Wissen um
Kraftplaetze). In unseren Blutmolekuelen ist Eisen
enthalten, was uns ermoeglicht, mit dem Magnetfeld der Erde
zu schwingen. Die Tage des Blutens" sind daher
besonders geeignet als Zeit der Reinigung, des Loslassens
und der inneren Rueckverbindung mit unserem Erdwissen. Die
Blutzeit unterstuetzt auch einen direkten Zugang zu unseren
Traeumen. Ein altes Ritual der indianischen Frauen war, sich
in Menstruationshuetten zu treffen und gemeinsam zu bluten.
Diese Orte wurden auch Mondhuetten genannt, da der weibliche
Zyklus in direkter uebereinstimmung mit den Mond- und
Gezeitenzyklen stand, und die Frauen ihre Blutzeit
bewußt darauf einstellen konnten. Als Dank fuer das
Geschenk des Lebens gaben sie in einem gemeinsamen Ritual
ihr Blut der Erde zurueck, mit einem Gebet fuer die Heilung
der Erde. Nach alter Tradition heißt es, daß die
Erde aus diesem Blut der Frauen alle Informationen liest,
wie es um die Menschen und ihre Beziehungen bestellt ist und
sich danach regeneriert, um den groeßeren Kreis mit
den Menschen zu schließen. Ich spuere jetzt noch tiefe
Dankbarkeit an Diane und Debby, die dieses Ritual der
Mondhuette mit uns geteilt haben. Es hat mich so tief
beruehrt, daß ich ein Versprechen an die Erde gegeben
habe, ihr monatlich mein Blut mit einem Gebet fuer die
Heilung der Erde zurueckzugeben. Wo immer ich seither meinen
Fuß auf die Erde setze, gibt es das vertraute Gefuehl
- die Erde kennt mich. Mit Freude nehme ich meinen Platz als
Frau im groeßeren Ganzen ein. Auch die Verantwortung,
welche in der Kraft des Gebaerens liegt, nehme ich gern zu
mir zurueck. Jeden Monat koennen wir Frauen bewußt
entscheiden, ob unser Ei ein physisches Kind oder ein
Spirit Child" - ein geistiges Kind - wird. Alle Formen
werden aus der Freiheit der Absicht geboren. Bis ich diese
ueberzeugung jedoch vollstaendig in meinem Koerper
integriert habe, greife ich nach wie vor zum Diaphragma oder
Kondom, wenn ich nicht schwanger werden will. Ganz besonders fuer die uebergangszeit
der Wechseljahre haben mir diese Tage bereichernde
Aussichten gebracht. Die indianische Lehre spricht vom
weisen Blut", das staendig im Inneren fließt.
Das lebendige Tor zum Traum der Erde ist staendig geoeffnet
- und es ist nicht zuletzt die Aufgabe der Frauen nach der
Menopause, diesen kollektiven Traum fuer die Menschen zu
uebersetzen. Die Mutterschaft ist erfuellt, egal ob es
physische Kinder oder Projekte sind, die in die Welt gesetzt
wurden. Nun ist es Zeit, den Platz im Kollektiv einzunehmen
und der juengeren Generation mit der reichen Lebenserfahrung
und Weisheit zur Verfuegung zu stehen. Leider haben wir im
Westen keine wuerdigen Plaetze fuer alternde Menschen
geschaffen. So ist es nicht verwunderlich, wenn dieser
uebergang mit vielen aengsten verbunden ist. Die Menopause
ist schon fast zu einem Krankheitsbild geworden, wogegen es
alle moeglichen Hormonpraeparate zu schlucken gibt. Alle
schwierigen Symptome - von Hitzewallungen bis zur Depression
- koennen jedoch auch als Botschaft verstanden werden,
daß einiges mehr an Energie stroemt und sich nur ein
geeigneter Rahmen finden muß, diese umzusetzen. Die
Menopause ist wie ein Schmelztiegel, durch den unsere
weibliche Faehigkeit zur Vision beschleunigt und vertieft
wird. Auch fuer diesen uebergang gibt es ein Ritual, das die
Weisheit und Lebenserfahrung dieser Freuen ehrt und
anerkennt. 13 Monate nach dem letzten Blut feiern die
Indianischen Frauen das Kroenungsritual der weisen
Frau". In den folgenden 13 Monaten soll sich jede Frau in
diesem uebergang viel Zeit nehmen, um herauszufinden, was
ihr Platz des Wirkens im groeßeren Ganzen
ist. Wenn wir die Verantwortung fuer
Gesundheit, Hoffnung und Wohlergehen aller Kinder der Erde
zu uebernehmen bereit sind, haben wir die Jahre unserer
heiligen Großmutterschaft erreicht. Damit
schließt sich der Kreis, in dem jede Frau in jeder
Lebensphase ihren wuerdigen Platz einnimmt. In Verbundenheit mit den Muettern,
Großmuettern, Ahninnen und allen Frauen, die je auf
dieser Erde gelebt haben, bin ich dankbar fuer dieses
Geschenk der urweiblichen Kraft unseres Blutes. Moegen viele
Frauen sich wieder an dieses alte Wissen erinnern und es mit
Freude und Verantwortung leben.
Dies ist die sinngemaeße Uebersetzung des Liedes, mit
dem wir den Kreis der Frauen eroeffnen. Fuer mich werden es
Tage der Wiedererinnerung an altes urweibliches Wissen um
die Kraft des Gebaerens, die in unserem Mondzyklus
liegt.
Diane fuehrt uns zurueck in die Zeit, wo wir zum ersten Mal
geblutet haben, und wir tauschen uns darueber
aus.