Sie hat eine
nette Stimme am Telefon. Zum Beispiel mein kleiner Sohn. Heute dreizehn, seit Jahren
ein Computerfan. Schon als Zehnjähriger kam er prustend und atemlos
aus der Schule, schleuderte seine Schultasche in die eine, den Anorak
in die andere Ecke und fragte: Darf ich Computerspielen? Seitdem sind viele Kinderpsychologen, Psychiater und vor allem
zahllose Lehrer und noch mehr Eltern mit einem Phänomen konfrontiert
worden, das sich offensichtlich grassierend ausweitet: Aufmerksamkeitsschwäche,
Konzentrationsmangel, impulsives bis hysterisches Verhalten. In meiner
psychologischen Praxis (wie in anderen auch) wurde dieses Problem vorrangig.
Und wieder stolperte ich über das selbe Phänomen: Ein zehn-
oder ein dreizehnjähriger Junge (es sind zum weitaus größten
Teil Jungen, die betroffen sind), der keine zwei Sekunden still auf
einem Stuhl sitzen bleibt, hin- und herrutscht, die Augen unermüdlich
in Bewegung, seine Aufmerksamkeit auch
Man kann geradezu sehen,
wie der Fokus seiner Wahrnehmung hin und herschwirrt, hierhin, dorthin,
selten zu jener Person, die gerade mit ihm spricht (nie zu dem, der
ihn gerade ermahnt, das nebenbei!). Was passiert da, warum ist das so? Und warum gibt es so viele
Lehrer, Psychologen und sogar Eltern, die diese kaum zu leugnende Tatsache
keineswegs freudig begrüßen und nutzen, sondern besorgt die
Stirn in Falten legen und manchmal die abenteuerlichsten Bedenken vorbringen?
Die Antwort auf die zweite Frage ist einfach: Sie haben Angst. Viele
Lehrer, viele psychologische und pädagogischen Fachleute und viele
Eltern auch. Und trotzdem: Wir dürfen diesen Sorgen (wie den Ängsten
überhaupt) nicht allzu sehr nachgeben. Dann werden sie schädlich. Und dann kommt noch etwas hinzu. Etwas, das in der psychologischen
Literatur zu Computerspielen bisher wenig oder überhaupt nicht
beachtet wurde (weiß der Himmel, warum nicht - vermutlich, weil
Psychologen und Pädagogen mit ästhetischen Phänomenen
so wenig anzufangen wissen
?):
...1

Sie ist Redakteurin im Rundfunk, sagt sie und fragt, ob ich zu einem
Interview bereit sei. Ein kritisches Interview!, ergänzt
sie vorsichtig.
Mir ist es recht. Ich hab nämlich in einem Buch und in einigen
Vorträgen und Diskussionen folgende These aufgestellt: Computer
machen Kinder schlau. Seither bin ich kritische Interviews gewohnt.
Eine waghalsige These
, sagt die nette Redakteurin-Stimme.
So gewagt ist sie gar nicht, sage ich. Eigentlich liegt alles klar auf
der Hand.
Also fangen wir an?, fragt sie. Mir ist schon vor
einigen Jahren aufgefallen, dass Kinder von den digitalen Medien geradezu
magnetisch angezogen werden. Irgendetwas in der kind-lichen Psyche scheint
den Wirkungen, den Bildern und Klängen, Spielen und Interaktionen
im Computer entgegenzukommen.
Was ist so ,kindgerecht am Computer?
Er durfte - aber nur, wenn ich allein zu Hause war. Die pädagogische
Tugend des Nein-Sagens steht mir nur sehr begrenzt zur Verfügung.
War meine Frau anwesend (wie alle Frauen wesentlich autoritärer
als ich), musste er zuerst seine Schularbeiten erledigen. Das tat er
mit dem seufzenden Gehorsam seiner zehn Jahre, fluchte und ächzte
leise vor sich hin, während er Schriftzeichen und Zahlen aufs Papier
malte, korrigierte, rechnete - und schließlich, am Ende der hastig
abgearbeiteten Aufgaben wieder fragte: Darf ich jetzt an den Computer?
Er durfte. Und was tat (und tut auch heute noch) dieser erstaunliche
Knabe, während er breit strahlend vor dem Monitor hockte? Er schrieb,
malte, rechnete
Er tat im Großen und Ganzen just das, was
ihm vorher so viel Mühe bereitet hatte. Und er tat es mit Ausdauer,
Geduld und einer schier unerschöpflichen Freude an Symbolen, symbolischen
Objekten, Rationalität und Logik, kurzum: am Lernen.
Sein Vater, Kinderpsychologe und Buchautor, schaute ihm währenddessen
sinnend zu und fragte sich: Warum ist das so? Was unterscheidet
das Lernen auf dem Papier von den Symbolwelten am, oder besser im Computer?
Das war vor drei, vier Jahren.
Und wieder: Ich setze den Jungen vor den Computer, lege eine ordentliche
Spiele-CD ein (keine Ballerei, keineswegs, ich spreche von Strategie-
oder Adventure-Spielen mit oft kniff-ligen Fragen und komplexen Anforderungen
an das logische und sinnliche Wahrnehmungsvermögen), und der selbe
Junge (man mag es manchmal kaum glauben) bleibt still und konzentriert
auf dem Stuhl sitzen, fokussiert seine Aufmerksamkeit auf den Punkt,
auf den es jeweils ankommt, leistet das, was die Lerntheorie Differenzierung
nennt und als Grundlage allen Lernens angibt, und ist kaum davon wegzubringen.
Was macht ihnen Angst? Auch das ist leicht zu verstehen - und nachzuvollziehen:
Ihnen macht Angst, dass Computer und Internet eine Jahrhunderte alte
Tradition brechen. Immer war es im Verhältnis der Kinder zu Lehrern
und Eltern so, dass die Erwachsenen im Vorteil waren. Sie verfügten
über gesammelte Lebenserfahrungen, die dem Kind natürlicherweise
fehlten. Sie wussten Vieles und beherrschten nützliche Techniken,
die das Kind nicht beherrschte. Sie waren der nachfolgenden Generation
erkennbar und unzweifelbar in Vielem voraus und hatten insofern das
Recht und die Pflicht, ihr Wissen auf ihre Weise weiterzugeben.
Das hat sich nun geändert - und das ist ein Problem. Es geht nämlich
gar nicht nur darum, dass viele Kinder im Internet besser zurecht kommen
als ihre Eltern (als ihre Lehrer sowieso)! Es geht um viel Prinzipielleres.
Die Kinder denken anders, sie lösen Probleme anders, ihre Werte
sind anders (zumindest, solange sie sich im Cyberspace aufhalten), ihre
Tugenden auch. Es geht nicht nur um ein paar Apparate, die zusätzlich
zu Radio und Fernsehen im Wohnzimmer herumstehen. Es geht darum, dass
eine ganz andere Phase unserer abendländischen Geschichte beginnt.
Das macht Angst. Verständliche Angst. Berechtigte Sorgen.
Die Kinder fühlen das Neue. Sie wittern es. Und sie ahnen, dass
das Neue auf ihrer Seite ist. Das ist, so ungenau es klingt, ein wichtiger
Punkt - vielleicht der wichtigste.
Diese flüchtigen Symbolwelten in den Computerspielen und im Übertragungsnetz
sind unabsehbar, sie erscheinen unerschöpflich. Bildwelten tun
sich im Spiel auf, Schatzkammern des Wissens und der Kommunikation im
Internet. Und jedes Mal, wenn ein Bereich betreten wird, tun sich dahinter
und darunter andere, neue Bereiche auf, alles mit einem Klick, anstrengungslos
zu erreichen, und mit einem Klick wieder zum Verschwinden gebracht.
Fernwelten, die so unterschiedlich sind von dem normierten Nahraum der
täglichen Mühsal, des Lernens und Gehorchens, dass es gerade
für die schwierigen Kinder wie eine Befreiung wirkt. Auch die Tatsache,
dass, wie ich schon sagte, ein Klick, eine leichte Handbewegung ausreicht,
um etwas auf dem Bildschirm erscheinen oder verschwinden zu lassen,
auch diese Gleichzeitigkeit von Existieren und Nicht-Existieren übersteigt
den Raum der täglichen Erfahrungen und wirkt wie eine Befreiung.
Hier trauen sie sich wieder, trauen sich allerhand zu, die lernbehinderten,
legasthenischen, aufmerksamkeits-geschwächten und überaktiven
Kinder. Gerade in diesen flüchtigen Räumen fühlen sich
unsere kleinen Speedys seelisch wie zu Hause. Alles ist
leicht, fließend, beherrschbar und trotzdem großartig -
cool würden sie wohl sagen. Sie lieben das, und nicht
nur die gefährdeten, die schwierigen Kinder, sondern alle!
Der Monitor, der Raum im Computer, ist ein Lichtraum! Lichtbilder, Lichtpunkte
in ständiger Bewegung. Das hatte schon das Kino zur Traumfabrik
werden lassen, dieses Geschehen aus fließendem Licht, in dem alles,
auch noch der verwegenste Wunschtraum auf geheimnisvolle Weise als möglich,
zumindest als plausibel erscheint. Licht ist ein Geheimnis. Auch heute
noch. Ich werden den Rest meines Lebens damit zubringen, über
das Geheimnis des Lichts nachzudenken., schrieb Albert Einstein
am Ende seines Lebens. Er hat es nicht gelöst.
Mit diesem Geheimnis, mit der Magie des Lichts spielen unsere Kinder,
befreit in weichen Symbolwelten. Das ist es. Das unterscheidet das Lesen
und Malen, die Schriftzeichen und die Zahlen im Computer von denen,
die auf Papier, in Buchseiten, auf Schiefertafeln oder sonst wo fixiert
sind.
Alle Fragen beantwortet?
Nein, sagt die angenehme Stimme am Telefon,
alle
nicht. Bei weitem nicht. Aber ein paar
Nun gut, damit bin ich dann auch zufrieden.
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Wolfgang
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