Schnitt in die Seele

Weibliche Genitalverstuemmelung
- eine Menschenrechtsfrage


von Eva Schreuer

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Seit Jahrhunderten totgeschwiegen -

1995 zum Menschenrechtsthema erklärt -

das grausame Ritual der weiblichen Genitalbeschneidung.

Hier mein kleiner Beitrag …

 

 

Vor ca. 15 Jahren
- ich war gerade zu meiner ersten Tochter schwanger - hoerte ich das erste Mal davon. Maria (freipraktizierende Hebamme wie ich) erzaehlte mir von ihrer Zeit als Entwicklungshelferin und Hebamme in Kenia und Tansania. „Die meisten schwierigen Geburten gab´s bei den beschnittenen Massai-Frauen…" Wie bitte? Ein Beschneidungsritual war mir bis dahin nur bei Maennern ein Begriff.

 

10 Jahre spaeter
… stiess ich ganz zufaellig beim Zappen im Fernseher auf eine Dokumentation ueber weibliche Genitalverstuemmelung. Eine Gruppe von Frauen afrikanischer Herkunft, die heute in Kananda leben, hatte den Mut gefasst und ist mit dem Thema an die oeffentlichkeit gegangen… Und dann wurde ich Augenzeugin der brutalen Vergewaltigung einer 5-Jaehrigen. Gehalten von mehreren Frauen drueckte man ihre Beine auseinander, dazwischen sass am Erdboden eine alte Frau, die dem Kind (ohne Betaeubung!) mit einer rostigen Rasierklinge Klitoris und Schamlippen entfernte. Der Anblick des verzweifelt schreienden und sich wehrenden Maedchens trieb mir die Traenen in die Augen - schliesslich sass ich hemmungslos schluchzend vor dem ausgeschalteten Fernseher…

 

Vor 3 Wochen
… hab ich in zwei Tagen ein Buch verschlungen. Die Autorin Waris Dirie, heute Top-Model, aufgewachsen als Tochter eines Nomaden in der endlosen Steppe Somalias, erzaehlt in „Wuestenblume" ihre Lebensgeschichte - und berichtet ganz ehrlich, offen und unverbluemt von ihrer Beschneidung als 5-jaehrige:

„Irgendwann war es an der Zeit, dass meine Schwester Aman beschnitten wurde. Sie war schon eine Jugendliche und mein Vater machte sich allmaehlich Sorgen, denn sie hatte das heiratsfaehige Alter erreicht - doch ehe nicht alles bei ihr „geregelt" war, konnte sie keine Ehe eingehen. Als ich hoerte, dass die alte Zigeunerin kommen sollte, um Aman zu beschneiden, bat ich, mich gleich mit an die Reihe zu nehmen. Aber meine Mutter meinte, ich muesse noch ein bisschen warten…"

Waris wusste nicht, dass eine ihrer aelteren Schwestern bereits an den Folgen dieses grausamen Rituals gestorben war. Sie verstand nicht, dass Aman sich davor fuerchtete - erst als sie mit ansah, wie Aman beim ersten Schnitt die Zigeunerin mit dem Fuss wegstiess, blutend davonlief, von den Frauen eingeholt, gehalten und im Sand weitertraktiert wurde, bekam sie doch ein ungutes Gefuehl… Aber mit fuenf Jahren, begann sie wieder ihre Mutter darum zu bitten, endlich vom Dasein des „unreinen" Maedchens erloest zu werden und Frau werden zu duerfen.

„…Ganz frueh am Morgen, es war noch dunkel, stand ploetzlich Mama ueber mir, gab mir ein Zeichen, leise zu sein und nahm meine Hand. Ich nahm meine kleine Decke und stolperte verschlafen hinter ihr her.… Wir gingen in den Busch und warteten, die Nacht wurde schon ein bisschen heller, und ploetzlich hoerte ich das Klatschen von Sandalen… „Setz dich dorthin", sagte die Zigeunerin und wies auf einen flachen Felsen. Es gab kein Gespraech, kein „Guten Tag", kein „Wie geht es euch?", kein „Was heute geschieht, wird dir sehr weh tun, du musst also tapfer sein." Nichts dergleichen. Die Moerderin (wie ich sie noch heute nenne) kam gleich zur Sache. Mama setzte sich hinter mich, zog meinen Kopf an ihre Brust und umschlang meinen Koerper mit den Beinen. Ich wand die Arme um ihre Oberschenkel. Schliesslich steckte sie mir eine Wurzel zwischen die Zaehne. „Du musst draufbeiSSen." Ich war starr vor Angst. „Du weisst, dass ich dich nicht halten kann", fluesterte Mama. „Ich bin hier ganz allein mit dir. Also sei brav, meine Kleine. Sei tapfer, um meinetwillen, dann hast du es bald hinter dir."…
Die Zigeunerin zog aus einem kleinen Stoffbeutel eine zerbrochene Rasierklinge, die sie von allen Seiten musterte. Mir fiel auf, dass auf der schartigen Schneide der Klinge Blut klebte. Die Frau spuckte drauf und wischte sie an ihrem Kleid ab. Noch waehrend sie das tat, verdunkelte sich meine Welt. Meine Mutter hatte mir ein Tuch vor die Augen gebunden. Dann spuerte ich, wie mein Fleisch, meine Geschlechtsteile fortgeschnitten wurden. Ich hoerte den Klang der stumpfen Klinge, die durch meine Haut fuhr. Wenn ich heute daran zurueckdenke, erscheint es mir unfassbar, dass mir dies widerfahren ist, und ich habe das Gefuehl, als wuerde ich von jemand Anderem sprechen. Es gibt keine Worte, die den Schmerz beschreiben koennten. Es ist, als ob dir jemand ein Stueck Fleisch aus dem Oberschenkel reisst oder dir den Arm abschneidet, nur dass es sich dabei um die empfindsamsten Teile deines Koerpers handelt. Ich ruehrte mich jedoch keinen Zentimeter, denn ich dachte an Aman und wusste, dass es kein Entrinnen gab. Und ich wollte, dass Mama stolz auf mich war…"

Waris wurde waehrend dieser Prozedur ohnmaechtig, doch als sie aufwachte, kam erst das Schlimmste: „Meine Augenbinde war verrutscht und ich sah, dass die Moerderin eine Sammlung Dornen des Akazienbaums neben sich angehaeuft hatte. Mit den Dornen stach sie mir Loecher in die Haut, durch die sie einen festen weiSSen Zwirn schob, um mich zuzunaehen. Meine Beine waren mittlerweile voellig taub, doch der Schmerz in meiner Scheide war so furchtbar, dass ich nur noch sterben wollte. Ploetzlich fuehlte ich mich emporgehoben, schwebte ueber dem Boden, liess meine Pein zurueck und sah von oben, wie diese Frau meinen Koerper wieder zusammenflickte, waehrend meine arme Mutter mich umschlungen hielt. In jenem Augenblick verspuerte ich vollkommenen Frieden, hatte weder Sorgen noch Angst…"

Waris erwachte spaeter am Boden liegend, allein, in der prallen Sonne liegend. Ihre Beine waren von den Fersen bis zur Huefte mit Stoffstreifen zusammengebunden, sodass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Ihre Mutter und ihre Schwester bauten fuer sie eine kleine Huette unter einem Baum, in der sie waehrend der naechsten Wochen allein ruhen und sich erholen sollte, bis sie wieder gesund war. Das erste Pinkeln war die absolute Qual, hatte man bei ihr doch nur ein Loch in der Groesse eines Streichholzkopfes frei gelassen. Spaeter entzuendeten sich ihre Genitalien und ihre Harnwege und sie bekam hohes Fieber, weil sie versuchte das schmerzhafte Pinkeln mit zusammengebundenen Beinen so lange wie moeglich zurueckzuhalten…
Als Pubertierende gingen die Qualen weiter - jede Menstruation dauerte mindestens zehn Tage und war begleitet von heftigen Schmerzen, verursacht durch das gestaute Blut. Bis sie sich - schon in London lebend und als Model arbeitend - dazu durchrang, ihre Narbe operativ oeffnen zu lassen. Sie beschreibt ihre unheimliche Erleichterung, nicht mehr 10 Minuten zum Pinkeln zu brauchen und endlich ohne Schmerzen menstruieren zu koennen. Um eine lustvolle Sexualitaet - weiSS sie - ist sie allerdings fuer immer beraubt worden.
Erst im Lauf der Jahre hat Waris Dirie begriffen, dass sie mit ihrem „Problem" nicht alleine ist. Heute ist sie gluecklich verheiratet, Mutter eines kleinen Sohnes und kaempft als UNO-Sonderbotschafterin fuer die Abschaffung der FGM.

 

Vorgestern

… erhielt ich von Amnesty International Unterlagen ueber weibliche Genitalverstuemmelung (Female Genital Mutilation, kurz FGM). Die Zahlen sind erschreckend:

Der Hosken Report, der sich mit der Thematik eindringlich beschaeftigt, spricht von 28 Laendern auf dem afrikanischen Kontinent, wo FGM praktiziert wird. Somalia und Djibouti fuehren die Statistik an, dort fallen 99 Prozent der Frauen FGM zum Opfer. Mittlerweile - hauptsaechlich bedingt durch Zuwanderungen - findet man sie aber auch in allen anderen Kontinenten.

  • Nach Schaetzungen der UNO gibt es derzeit ueber 132 Millionen beschnittene Frauen und Maedchen. ueber zwei Millionen Maedchen werden in Afrika jaehrlich verstuemmelt - das sind 6000 am Tag! Zu den Opfern gehoeren sieben bis acht Tage alte Babys (aethiopien, Nigeria), Maedchen in der Pubertaet bis hin zu 30-jaehrigen Frauen. Viele Babys, Maedchen und Frauen sterben bei oder an den Folgen dieser „Operation". Die ueberlebenden leiden ein Leben lang unter physischen und psychischen Problemen.
  • Die 3 haeufigsten Formen von FGM:
  • Die Klitoridektomie: teilweise oder vollstaendige Entfernung der Klitoris
  • Die Exzision: teilweise oder ganze Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen
  • Die Infibulation oder Pharaonische Zirkumzision: Entfernung der Klitoris, der kleinen und der groSSen Schamlippen, wodurch eine rauhe Oberflaeche entsteht, die dann vernaeht oder zusammengehalten wird. Eine kleine oeffnung bleibt frei, damit Urin oder Menstruationsblut abflieSSen koennen.
  • 85% der FGM im afrikanischen Bereich sind Klitoridektomien und Exzisionen. 15% der Frauen erleiden eine Infibulation, wie Waris Dirie.

 

Warum?

Der Hosken Report listet eine Reihe von Gruenden fuer FGM auf. Diese Mythen haben in der afrikanischen Kultur tiefe Wurzeln geschlagen. Sie finden Nahrung vor allem dort, wo das Analphabetentum am hoechsten und die Unwissenheit und Armut am groessten ist. Eine dieser Mythen lautet, dass FGM die Fruchtbarkeit foerdert und eine nicht genital verstuemmelte Frau keine Kinder bekommen kann. In einigen Laendern wie Sudan, Somalia und beinahe in allen afrikanischen Staedten werden nicht genital verstuemmelte Frauen als schmutzig und unrein angesehen. Moderne Befuerworter von FGM sehen darin eine Erhoehung des gesundheitlichen Schutzes. Zum Beispiel im Sudan, im Mittleren Osten und in moslemischen Staaten haelt man FGM fuer notwendig, weil der Frau nicht zugetraut wird, ihre Sexualitaet zu kontrollieren. Die Wurzel liegt in der Ideologie des Patriachats, die sichergestellt haben will, dass eine Frau keine eigene Persoenlichkeit entwickeln darf. FGM soll die Moral der Frau in der Gesellschaft und die absolute Treue zum Mann sicherstellen. In manchen afrikansichen Gesellschaften ist FGM sogar ein Erfordernis, damit eine Frau verheiratet werden kann. Jede ethnische Gruppe, die FGM praktiziert, hat ihre eigenen Mythen.
Diese Praktiken werden von keiner der grossen Religionen ausdruecklich verlangt. Verlaessliche Quellen der Geschichte von FGM sind kaum vorhanden, da die schriftlichen Aufzeichnung fehlen. Tatsache ist, dass FGM in Afrika bereits vor dem Aufkommen des Islams praktiziert wurde, zum Beispiel von den Kopten in Aegypten und Aethiopien.

FGM ist eng mit der afrikanischen Kultur verwoben, mit ihren Traditionen und Mythen. Die Frauen selbst haben diese unvorstellbare Grausamkeit internalisiert und als traditionelle Notwendigkeit anerkannt. So wurde die Geschichte von FGM eingetaucht in Geheimnisse und umgeben von Tabus.

Waris Dirie meint dazu:
„Ueber 4000 Jahre lang hat man in afrikanischen Kulturen Frauen verstuemmelt. Viele sind der Ansicht, der Koran wuerde das vorschreiben, da dieser Brauch hauptsaechlich in moslemischen Laendern verbreitet ist. Doch weder im Koran noch in der Bibel steht, dass die Beschneidung der Frau ein gottgefaelliges Werk sei. Vielmehr wird diese Praktik schlicht von Maennern unterstuetzt und gefoerdert, von unwissenden, egoistischen Maennern, die sich damit ihr alleiniges Anrecht auf die sexuellen Dienste ihrer Frauen sichern wollen. Deshalb verlangen sie, dass ihre Frauen beschnitten sind. Die Muetter fuegen sich und lassen die eigenen Toechter beschneiden, aus Angst, diese koennten sonst keinen Ehemann finden. Denn eine Frau, die nicht beschnitten wurde, gilt als schmutzig und mannstoll und kann daher nicht verheiratet werden. In einer Nomadenkultur wie jener, in der ich aufgewachsen bin, ist jedoch kein Platz fuer eine unverheiratete Frau. Deshalb betrachten es die Muetter als ihre Pflicht, ihren Toechtern gute Startchancen zu verschaffen, aehnlich wie Muetter in Industrienationen es fuer noetig erachten, dass ihre Toechter eine gute Schule besuchen. Fuer die Verstuemmelung von Millionen von Maedchen jedes Jahr gibt es keinen Grund - auSSer Unwissenheit und Aberglaube. Aber die Schmerzen, das Leid und die Todesfaelle aufgrund von Beschneidungen sind mehr als genug Gruende, schnellstens damit aufzuhoeren."

 

Heute
… sitze ich hier und nuetze meine bescheidenen Moeglichkeiten, etwas zu tun - indem ich dich als WEGE-LeserIn ueber FGM informiere. Vorangegangen ist bei mir oft Ratlosigkeit und die Frage: Haben wir hier in oesterreich ueberhaupt das Recht, derart in andere Kulturen und ihre Braeuche einzugreifen? Noch dazu, wo diese Frauen selbst ueberzeugt sind, dass sie als Beschnittene besser dran sind und ihr Verstuemmelungs-Ritual oft sehr vehement verteidigen!?

Mittlerweile wurde aber auch mir klar, dass es hier um eine grundsaetzliche Menschenrechtsfrage geht. Es geht um die Rechte und den Schutz von Kindern, und um die Rechte der Frauen auf dieser Welt. Als ErdenbuergerIn hat jede(r) von uns die Verpflichtung, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen, zu erkennen und darauf hinzuweisen, wenn Menschen wider die Menschlichkeit handeln. Und weibliche Genitalverstuemmelung ist genauso wie z. B. die Todesstrafe etwas, wo sich gewisse Menschen das Recht nehmen, das Leben anderer zu zerstoeren.

 

Internationale Kampagnen gegen FGM

Bis vor einigen Jahren wurde das Problem ignoriert. Aber die Frauen selbst haben das internationale Stillschweigen gebrochen. Aus diesem Grund haben die Vereinten Nationen wie auch das US Department FGM als schwere Verletzung der Menschenrechte geaechtet und eine internationale Kampagne gestartet. Ziel dieser Kampagne ist es, dass die afrikanischen Regierungen gezwungen werden, die UN-Konvention fuer Frauenrechte anzuerkennen und FGM zu verbieten.

FGM geht uns alle an, nicht nur deshalb, weil FGM auch in Oesterreich praktiziert wird. Im August 1999 wurde vom ehemaligen Frauenministerium eine FGM Studie genehmigt, die in oesterreich und Afrika durchgefuehrt wird. Sie wird unter der Federfuehrung von ExpertInnen der Afrikanischen Frauenorganisation erstellt und beleuchtet politische, gesundheitliche, religioese, ethnische, psychische, kulturelle und soziale Hintergruende.

„Es ist Aufgabe jeder Kultur, ihre ihr innewohnenden Grausamkeiten aufzuspueren, und sie aus ihren Traditionen und Braeuchen zu bannen", erklaerte Etenesh Hadis (Vorsitzende der Afrikanischen Frauenorganisationen in Wien) kuerzlich bei einer Veranstaltung in Linz. „Daher ist es eine gesellschaftspolitische Verpflichtung, FGM als grausame Menschenrechtsverletzung anzuerkennen und sie zu verbieten."

 

 

Unterlagen über FGM kannst du bestellen bei:

amnesty international, e-mail: info@amnesty.at