GUTE AUTORITÄT

von Wolfgang Bergmann

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Die junge Familie hatte es sich gerade im Eiscafe bequem gemacht, da fällt dem Kleinen ein, dass er unbedingt in den Nachbarraum will. Der ist genauso groß, genauso hell, genauso warm wie jener, in dem sie eben Platz gefunden haben - aber das Kind besteht darauf. „Dort… dort!…" wedelt es aufgeregt mit seinen kleinen Armen und Händen - und seufzend packen die Eltern Mantel und Jacke zusammen, etwas verlegen zwar, aber offenkundig stolz auf ihre elterliche Geduld und Nachsicht.
Nett sieht das aus, wenn junge Eltern sich so bereitwillig auf die Wünsche eines Dreijährigen einstellen…!?

Und trotzdem, während ich die kleine Szene beobachte, überkommen mich Zweifel. Mich stört die fast schon routinemäßige Geduld, die selbstverständliche Nachgiebigkeit, mit der den Wünschen des Kindes gefolgt wird… In allen möglichen Ratgebern und Magazinen können wir es nachlesen: Der Wille kleiner Kinder soll gestärkt werden. Auch diese jungen Eltern haben es sicher viele Male gehört - vielleicht folgen sie eben jetzt diesem Rat. Aber Kinder haben gar keinen stabilen „selbst-bewussten" Willen, wie er in solchen Ratgebern ein wenig theorielos unterstellt wird. Kinder haben stattdessen Wünsche. Die sind, wir wissen es, maßlos und ziellos. Sie haben in sich keinen Halt und keine Begrenzung.
Das müssen auch die nachgiebigen Eltern soeben erfahren. Einen Wunsch haben sie erfüllt, gehorsam und bereitwillig, aber das Wünschen findet kein Ende. Das Kind will jetzt „Eis!" - lautstark wird es eingefordert, das schönste und bunteste soll es sein, das größte auch, und so immer weiter… Ich wende meinen Blick ab und hoffe, dass es den Eltern, die inzwischen einen leicht hilflosen und genervten, unterschwellig aggressiven Eindruck machen, endlich gelingt, aus dem maßlosen Wünschen durch Eindeutigkeit und Begrenzung einen Wunsch werden zu lassen. Ein Wunsch kann erfüllt werden und macht froh - das Wünschen an sich könnten die nachgiebigsten Eltern der Welt niemals erfüllen. Ein Wunsch kann ein Kind beglücken, das Wünschen an sich endet immer in Missmut und Tränen…
Was also ist gute Autorität, förderliche Autorität? Wir können diese Frage nicht beantworten, wenn wir uns nicht zumindest grob skizziert auf die Erkenntnisse einer analytischen Pädagogik und Psychologie einlassen. Sie hat uns Einiges zu sagen, was über die rezepthaften Ratgeber, die überall im Umlauf sind, hinaus geht:

Am Anfang steht die Stillung des Neugeborenen und Kleinkindes. Damit beginnt jede Erziehung. An den Quellen des seelischen Lebens finden wir die Intimität zwischen Mutter und Kind. Während das Kind genährt und gestillt wird („still wird"), richtet es seinen Blick unverwandt auf das mütterliche Gesicht, das ihm mit einem Lächeln antwortet, bevor es gesättigt und beruhigt einschläft. Dieses Lächeln ist das erste kommunikative Zeichen, das ein Kind empfängt, es ist gleichbedeutend mit dem Versprechen des Lebens.
Aus den Gewissheiten dieser Anfänge entfaltet sich ein aufmerksamer und verwegener Kindermut. Das Kind stellt sich auf die eigenen Beine, es will über die versorgende Mutter-Bindung hinaus, unruhig streckt es die Ärmchen einer ganz unbekannten Welt entgegen - „da, da…" - auf Knien rutschend, dann auf wackeligen Beinen unternimmt es die ersten Erkundungen der elterlichen Wohnung. Sie steckt voller Gefahren und Zumutungen. Das Kleinkind bewegt sich aus dem Wohnzimmer hinaus, plötzlich nimmt es „wahr", dass der Schrank, der vertraute, nicht mehr „da" ist. Er ist im Zimmer dort hinten geblieben, er ist noch „dort", obwohl das Kind „hier" ist. Der Schrank hat eine eigene, eigen-beständige Existenz, sie ist unabhängig vom Kind. Das ist eine ungeheuere Erkenntnis, eine erschreckende. Denn sie bedeutet, dass die Welt mit ihm, dem Kind, uneins, nicht-einig ist, wie es in der mütterlich umhüllenden Symbiose noch schien. Die Weltdinge teilen sich in Innen und Außen, in Subjekt und Objekte, die schöne ursprüngliche Einheit zerfällt. So erwachsen die ersten Ausprägungen eines nun fortdauernden („fortwährenden") Objektbewusstseins. Die Objekte, die Dinge und die Menschen, sind „an und für sich" da, unser Kind ist nicht umsorgtes Zentrum einer einigen Welt, sondern lediglich ein Objekt unter anderen Objekten. Diese Früherfahrungen sind in unsere tiefsten Ängste ein Leben lang eingeschrieben: Dass die Dinge bleiben, auch wenn wir selber nicht mehr „sind", dass alles weiter existiert, wenn wir selber nicht mehr existieren - das ist (man horche nur für einen Moment in sich hinein) eine unserer grundlegendsten Verstörungen. Wir denken nicht gern darüber nach. Aber sie machen unser Denken empfänglich für das, was unsere Kinder in den ersten Jahren durchleben.

Das Paradies musste verlassen werden, damit der aufrechte Gang möglich wurde. Das ist der Preis dafür, dass sich dieses Kind wie Millionen Kinder vor ihm „auf die eigenen Beine stellt". Es stellt sich der Welt. Das Ich-Ideal, das uns Erwachsene antreibt, das Verlangen nach Perfektion und Omnipotenz, und schließlich der Wunsch, aus der Dingwelt hinauszugleiten in kosmische Einheiten, die vielfachen, oft erotisch verkleideten Todessehnsüchte - sie alle haben hier ihren Anfang. So mächtig sind die Gefühle und Einsichten, die hier mit schwachen Kräften gelebt werden.
Also ist es leicht einzusehen, dass ein Kind jetzt nichts dringlicher benötigt, als einen geordneten Raum, verlässliche Begleitung und schützende Sorge der Eltern. Eltern müssen die (hier nur grob skizzierten) Erfahrungen sichern, auch vor dem kindlichen Wollen selber. Die Dingwelt ist tatsächlich „da", und kein kindliches Wünschen und kein kindlicher Trotz kann und darf ihre Eigenart erschüttern. Denn diese ist Grundlage aller folgenden geistig- seelischen Entwicklungsstufen. Verlässlich und in gewisser Weise unerschütterlich müssen deshalb auch die großen Figuren der frühen Kindheit Vater und Mutter sein, damit sie in diesem seelischen und geistigen Tohuwabohu Dauer und Struktur stiften, und dabei trösten und schützen. Schwache Eltern können das nicht.
Alle kognitiven Entwicklungen benötigen solche vorausgehende Gewissheiten. Auf deren Grundlage entwirft der kindliche Geist nun die ersten Vorstellungsbilder, dann die ersten Sprachlaute, die ihrerseits das Wiedererkennen der Dinge und ebenso der Ding-Vorstellungen ermöglichen. Später folgt daraus die Begabung zum Kritzeln, Malen, schließlich die Fähigkeit, Schriftzeichen zu verstehen und zu reproduzieren. Wenn das Kind sich also aus dem Zimmer bewegt und der Schrank zurückbleibt - „fort" aber gleichwohl „da" ist - dann entwirft es „vergewissernde Vorstellungsbilder", es hält den abwesenden Schrank sozusagen in seiner Vorstellungswelt fest. Erste bewusste Laute unterstützten es dabei: „Rank… Sank…" brabbelt das Kind vor sich hin, während es nunmehr getrost den Flur entlang krabbelt - es wird seinen Schrank am Ende des abenteuerlichen Ausflugs dort wiederfinden, wo es ihn verlassen hatte. Am selben Ort, in der alten beruhigenden Beständigkeit. Nicht nur Papa und Mama, auch die Dinge sind tröstlich, wenn sie verlässlich sind.

Unermüdlich und unnachgiebig müht sich ein Kleinkind an der Eigenart der Dinge ab. Der beständige Schrank ist ja nur ein Teil der Dingwelt, es gibt viele mögliche Konstellationen zwischen den Dingen, daraus lassen sich dann die Funktionen erschließen, und all dies wird immer wieder begleitet von einem komplexer werdenden Sprachvermögen. Das Kind bildet mittlerweile nicht nur die einzelnen Dinge im Wortklang, sondern die Ordnung der Dinge in der grammatischen Form ab. Mängel die sich jetzt einstellen, werden später als Lese- und Schreibschwäche auffällig.
Das Erfassen von Schriftbedeutungen, semantischen und grammatikalischen Strukturen wird jetzt eingeübt - ich kann es hier nur andeuten.
Mama und Papa halten diese Erfahrungsvielfalt zusammen, sie tun es mit einer emotionalen Bindungsintensität, wie es sie im späteren Leben nicht wieder geben wird (sie wird auch nie wieder so Not-wendig sein).
Wird ein Kind in dieser Phase seiner trotzigen Willkür überlassen, werden ihm die Wünsche von Mund und Augen abgelesen, dann geht ihm die Stabilität, ja die Verlässlichkeit der Dingwelt verloren… Dann müht es sich eben nicht um die sprachsymbolische Gestalt des abwesenden Schrankes, sondern brüllt trotzig oder ängstlich los. Und die sorgenvoll herbei eilende Mutter besänftigt seine Angst, lindert den Trotz - eine Süßigkeit hier und ein Küsschen dort! - sie drängt sich und ihre Sorge zwischen die Dinghaftigkeit und die kindliche Erfahrungsdichte. Dabei geht eben jene Objektbeständigkeit und -sicherheit (und die befremdlich-aufregende Eigenart der Dinge) weitgehend verloren. Zuletzt bleiben nur unruhige Wünsche, die an einem Ding nie genug haben, sondern maßlos und ziellos immer mehr wollen, immer nicht das, was da ist, sondern das prinzipiell Andere, das es nicht geben kann. Übrig bleiben die so oft zu beobachtenden Verhaltensweisen verwöhnter Kinder, die jedes Objekt, und auch beinahe jeden Menschen, hastig daraufhin prüfen, ob es/er ein gerade aktuelles Bedürfnis befriedigen kann - andernfalls wird es/er eben fallengelassen.
Kurzum, zum Schluss bleibt ein überversorgtes, übermäßig getröstetes und eben dadurch einsam gewordenes Kind. Es ist buchstäblich von sich selbst und von der Welt verlassen. Solche Kinder - die sich eigentlich nur bei der Überwältigung durch elektronische Bilder wohlfühlen, begleitet vom Griff zur Cola oder zur Chipstüte, die jede Anspannung vermeiden, weil sie die Überforderung fürchten - treffen wir in unseren Schulzimmern und in den kinderpsychologischen Praxen jeden Tag. Sie sind allein gelassen, obwohl Vater und Mutter immer für sie „da" waren.

Dies ist das wesentliche Dilemma jener nachgiebigen, gehorsamen Eltern im Eiscafe. Nicht die eine oder andere Verwöhnung, nicht das eine oder andere geduldige Hinnehmen kindlicher Launen. Das schadet niemandem! Sondern das Verfehlen grundlegender Bedeutungen, die nur Vater und Mutter einlösen können. Deshalb wirkt das auf den ersten Blick so freundliche Bild auf mich so verdunkelt. Verwöhnung ist nicht Liebe, sie kann auch eine Art von Gleichgültigkeit sein. Nein, klar und eindeutig sollen Eltern sein, wenn sie ihr Kind immer erneut, seinen natürlichen Wagemut und seine Erkundungslust stützend, auf die Spur der Eigengesetzlichkeiten der Menschen und der Dinge lenken, und es dabei seiner inneren Gestaltungskraft und -not überlassen. Disziplinieren sollen sie, wenn die kindliche Willkür alle Erfahrung der eigenartigen Welt zusammenbrüllen oder -schlagen will, denn ohne diese Eigenart gibt es keine Beständigkeit, keine Wahrnehmungsordnung, kein Wiedererkennen und keine Unterscheidung… so wie beispielsweise bei den hyperaktiven Kindern (deren Zahl so vehement zunimmt) alle Dinge und Laute unterschiedlos in die Sinne eindringen und nur verwirren. Diese Kinder sehen und hören „alles Mögliche", aber sie be-greifen nichts.
Auch das zweite sich ausbreitende Phänomen moderner Kindheit, die Zunahme der Essstörungen, ist aus dem selben Mangel abzuleiten. Wenn die Welt so fremd und ungreifbar wirkt, dann muss ich sie bezaubern mit meiner inneren und äußeren Perfektion, um in angestrengter Weise „irgendwie" mit ihr eins zu sein - das ist das Motiv der magersüchtigen Kinder. Letztlich soll bei vielen von ihnen das Innen und Außen, soll eine eigenständige Welt und damit das Ich ganz aufhören und verschwimmen in ein großes entgleitendes Nichts (man lese dies in einer der eindringlichen Autobiographien anorektischer Mädchen oder Frauen nach). Autorität, wie ich sie verstehe, schützt vor diesen Verführungen. Sie kommen in tausendundeiner Gestalt, wesentlich über elektronisch-digitale Medien, auf die Kinder zu. Und sie finden oft ein weites, ruheloses, „ungestilltes" seelisches Feld.

Dies ist der Grund, warum „unerzogene" Kinder nicht nur unerträglich sind - sie sind auf mancherlei Weise unglücklich. Sie sind sehr allein. Nicht nur die anderen Kinder wenden sich von ihnen und ihrer Eigensucht ab, auch die Bauklötze und Luftballons und die anderen Dinge, die so vieles versprechen könnten, tun es. Die Ego-Zentrik dieser Kinder lässt ihnen keinen Raum. Sie brauchen Sicherheiten und Schutz, die modernen Kinder - vielleicht mehr als je eine Kindergeneration vor ihnen.
Sie brauchen die Gelassenheit der Eltern und die Erfahrung von Verlässlichkeit. Wer dies seinen Kindern ermöglicht hat, der muss sogar den Aufruhr der Pubertät nicht fürchten.
Gute Autorität hat ein gesichertes Erfassen von Weltzusammenhängen gelehrt, sie hat ein sinnvolles Zeitempfinden und ein kräftiges Durchsetzen eigener Visionen im Verbund mit der Einsicht in die Funktionsweisen der Dinge ermöglicht. Elterliche Gelassenheit ist die Folge.
Und die ist überhaupt das ganze Geheimnis guter Erziehung.

 


Wolfgang Bergmann
…selbst Vater von 3 Kindern, ist einer der profiliertesten Kinder- & Familienpsychologen Deutschlands, mit eigener, auf Lernprobleme spezialisierter Praxis in Hannover. Er hält zahlreiche Vorträge und ist Autor mehrerer Bücher über Neues Lernen, Kinder und Neue Medien. Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung der Überlegungen, die er ausführlicher und mit vielen Beispielen in dem Buch „Gute Autorität -Grundlagen einer zeitgemäßen Erziehung" (s.u.) bespricht.

Bücher von W. Bergmann:

Gute Autorität - Grundsätze einer zeitgemäßen Erziehung (beustverlag, 2003)
Das Drama des modernen Kindes - Hyperaktivität - Magersucht - Selbstverletzung
(Verlag Walter/Patmos, 2003)
• Nur Eltern können wirklich helfen - Über Lernstörungen und Konzentrationsschwächen
(Verlag Walter/Patmos)

Andere Autoren zum Thema:

• Kinder ins Leben begleiten - Vorbeugen statt Therapie
von Max H. Friedrich (Verlag öbv & hpt, 2003)

• Die Erziehungskatastrophe - Kinder brauchen starke Eltern
von Susanne Gaschke (Verlag DVA, 2001)

• Ins Leben begleiten - Schwangerschaft und erste Lebensjahre
vonNicola Fels/Angelika Knabe/Bartholomeus Maris (Verlag Freies Geistesleben, 2003)