von Wolfgang Bergmann
...
GUTE AUTORITÄT

Und trotzdem, während
ich die kleine Szene beobachte, überkommen mich Zweifel. Mich stört
die fast schon routinemäßige Geduld, die selbstverständliche
Nachgiebigkeit, mit der den Wünschen des Kindes gefolgt wird
In allen möglichen Ratgebern und Magazinen können wir es nachlesen:
Der Wille kleiner Kinder soll gestärkt werden. Auch diese jungen
Eltern haben es sicher viele Male gehört - vielleicht folgen sie
eben jetzt diesem Rat. Aber Kinder haben gar keinen stabilen selbst-bewussten"
Willen, wie er in solchen Ratgebern ein wenig theorielos unterstellt
wird. Kinder haben stattdessen Wünsche. Die sind, wir wissen es,
maßlos und ziellos. Sie haben in sich keinen Halt und keine Begrenzung.
Am Anfang steht
die Stillung des Neugeborenen und Kleinkindes. Damit beginnt jede Erziehung.
An den Quellen des seelischen Lebens finden wir die Intimität zwischen
Mutter und Kind. Während das Kind genährt und gestillt wird
(still wird"), richtet es seinen Blick unverwandt auf das mütterliche
Gesicht, das ihm mit einem Lächeln antwortet, bevor es gesättigt
und beruhigt einschläft. Dieses Lächeln ist das erste kommunikative
Zeichen, das ein Kind empfängt, es ist gleichbedeutend mit dem
Versprechen des Lebens. Das Paradies
musste verlassen werden, damit der aufrechte Gang möglich wurde.
Das ist der Preis dafür, dass sich dieses Kind wie Millionen Kinder
vor ihm auf die eigenen Beine stellt". Es stellt sich der Welt.
Das Ich-Ideal, das uns Erwachsene antreibt, das Verlangen nach Perfektion
und Omnipotenz, und schließlich der Wunsch, aus der Dingwelt hinauszugleiten
in kosmische Einheiten, die vielfachen, oft erotisch verkleideten Todessehnsüchte
- sie alle haben hier ihren Anfang. So mächtig sind die Gefühle
und Einsichten, die hier mit schwachen Kräften gelebt werden. Unermüdlich und
unnachgiebig müht sich ein Kleinkind an der Eigenart der Dinge
ab. Der beständige Schrank ist ja nur ein Teil der Dingwelt, es
gibt viele mögliche Konstellationen zwischen den Dingen, daraus
lassen sich dann die Funktionen erschließen, und all dies wird
immer wieder begleitet von einem komplexer werdenden Sprachvermögen.
Das Kind bildet mittlerweile nicht nur die einzelnen Dinge im Wortklang,
sondern die Ordnung der Dinge in der grammatischen Form ab. Mängel
die sich jetzt einstellen, werden später als Lese- und Schreibschwäche
auffällig. Dies ist das wesentliche Dilemma jener
nachgiebigen, gehorsamen Eltern im Eiscafe. Nicht die eine oder andere
Verwöhnung, nicht das eine oder andere geduldige Hinnehmen kindlicher
Launen. Das schadet niemandem! Sondern das Verfehlen grundlegender Bedeutungen,
die nur Vater und Mutter einlösen können. Deshalb wirkt das
auf den ersten Blick so freundliche Bild auf mich so verdunkelt. Verwöhnung
ist nicht Liebe, sie kann auch eine Art von Gleichgültigkeit sein.
Nein, klar und eindeutig sollen Eltern sein, wenn sie ihr Kind immer
erneut, seinen natürlichen Wagemut und seine Erkundungslust stützend,
auf die Spur der Eigengesetzlichkeiten der Menschen und der Dinge lenken,
und es dabei seiner inneren Gestaltungskraft und -not überlassen.
Disziplinieren sollen sie, wenn die kindliche Willkür alle Erfahrung
der eigenartigen Welt zusammenbrüllen oder -schlagen will, denn
ohne diese Eigenart gibt es keine Beständigkeit, keine Wahrnehmungsordnung,
kein Wiedererkennen und keine Unterscheidung
so wie beispielsweise
bei den hyperaktiven Kindern (deren Zahl so vehement zunimmt) alle Dinge
und Laute unterschiedlos in die Sinne eindringen und nur verwirren.
Diese Kinder sehen und hören alles Mögliche", aber sie
be-greifen nichts. Dies ist der Grund,
warum unerzogene" Kinder nicht nur unerträglich sind - sie
sind auf mancherlei Weise unglücklich. Sie sind sehr allein. Nicht
nur die anderen Kinder wenden sich von ihnen und ihrer Eigensucht ab,
auch die Bauklötze und Luftballons und die anderen Dinge, die so
vieles versprechen könnten, tun es. Die Ego-Zentrik dieser Kinder
lässt ihnen keinen Raum. Sie brauchen Sicherheiten und Schutz,
die modernen Kinder - vielleicht mehr als je eine Kindergeneration vor
ihnen.
Wolfgang Bergmann Bücher von W. Bergmann: Gute Autorität - Grundsätze
einer zeitgemäßen Erziehung (beustverlag, 2003) Andere Autoren zum Thema: Kinder ins Leben begleiten
- Vorbeugen statt Therapie Die Erziehungskatastrophe -
Kinder brauchen starke Eltern Ins Leben begleiten - Schwangerschaft
und erste Lebensjahre
Die junge Familie hatte es sich gerade im Eiscafe
bequem gemacht, da fällt dem Kleinen ein, dass er unbedingt in
den Nachbarraum will. Der ist genauso groß, genauso hell, genauso
warm wie jener, in dem sie eben Platz gefunden haben - aber das Kind
besteht darauf. Dort
dort!
" wedelt es aufgeregt mit
seinen kleinen Armen und Händen - und seufzend packen die Eltern
Mantel und Jacke zusammen, etwas verlegen zwar, aber offenkundig stolz
auf ihre elterliche Geduld und Nachsicht.
Nett sieht das aus, wenn junge Eltern sich so bereitwillig auf die Wünsche
eines Dreijährigen einstellen
!?
Das müssen auch die nachgiebigen Eltern soeben erfahren. Einen
Wunsch haben sie erfüllt, gehorsam und bereitwillig, aber das Wünschen
findet kein Ende. Das Kind will jetzt Eis!" - lautstark wird es
eingefordert, das schönste und bunteste soll es sein, das größte
auch, und so immer weiter
Ich wende meinen Blick ab und hoffe,
dass es den Eltern, die inzwischen einen leicht hilflosen und genervten,
unterschwellig aggressiven Eindruck machen, endlich gelingt, aus dem
maßlosen Wünschen durch Eindeutigkeit und Begrenzung einen
Wunsch werden zu lassen. Ein Wunsch kann erfüllt werden und macht
froh - das Wünschen an sich könnten die nachgiebigsten Eltern
der Welt niemals erfüllen. Ein Wunsch kann ein Kind beglücken,
das Wünschen an sich endet immer in Missmut und Tränen
Was also ist gute Autorität, förderliche Autorität? Wir
können diese Frage nicht beantworten, wenn wir uns nicht zumindest
grob skizziert auf die Erkenntnisse einer analytischen Pädagogik
und Psychologie einlassen. Sie hat uns Einiges zu sagen, was über
die rezepthaften Ratgeber, die überall im Umlauf sind, hinaus geht:
Aus den Gewissheiten dieser Anfänge entfaltet sich ein aufmerksamer
und verwegener Kindermut. Das Kind stellt sich auf die eigenen Beine,
es will über die versorgende Mutter-Bindung hinaus, unruhig streckt
es die Ärmchen einer ganz unbekannten Welt entgegen - da,
da
" - auf Knien rutschend, dann auf wackeligen Beinen unternimmt
es die ersten Erkundungen der elterlichen Wohnung. Sie steckt voller
Gefahren und Zumutungen. Das Kleinkind bewegt sich aus dem Wohnzimmer
hinaus, plötzlich nimmt es wahr", dass der Schrank, der vertraute,
nicht mehr da" ist. Er ist im Zimmer dort hinten geblieben, er
ist noch dort", obwohl das Kind hier" ist. Der Schrank hat
eine eigene, eigen-beständige Existenz, sie ist unabhängig
vom Kind. Das ist eine ungeheuere Erkenntnis, eine erschreckende. Denn
sie bedeutet, dass die Welt mit ihm, dem Kind, uneins, nicht-einig ist,
wie es in der mütterlich umhüllenden Symbiose noch schien.
Die Weltdinge teilen sich in Innen und Außen, in Subjekt und Objekte,
die schöne ursprüngliche Einheit zerfällt. So erwachsen
die ersten Ausprägungen eines nun fortdauernden (fortwährenden")
Objektbewusstseins. Die Objekte, die Dinge und die Menschen, sind an
und für sich" da, unser Kind ist nicht umsorgtes Zentrum einer
einigen Welt, sondern lediglich ein Objekt unter anderen Objekten. Diese
Früherfahrungen sind in unsere tiefsten Ängste ein Leben lang
eingeschrieben: Dass die Dinge bleiben, auch wenn wir selber nicht mehr
sind", dass alles weiter existiert, wenn wir selber nicht mehr
existieren - das ist (man horche nur für einen Moment in sich hinein)
eine unserer grundlegendsten Verstörungen. Wir denken nicht gern
darüber nach. Aber sie machen unser Denken empfänglich für
das, was unsere Kinder in den ersten Jahren durchleben.
Also ist es leicht einzusehen, dass ein Kind jetzt nichts dringlicher
benötigt, als einen geordneten Raum, verlässliche Begleitung
und schützende Sorge der Eltern. Eltern müssen die (hier nur
grob skizzierten) Erfahrungen sichern, auch vor dem kindlichen Wollen
selber. Die Dingwelt ist tatsächlich da", und kein kindliches
Wünschen und kein kindlicher Trotz kann und darf ihre Eigenart
erschüttern. Denn diese ist Grundlage aller folgenden geistig-
seelischen Entwicklungsstufen. Verlässlich und in gewisser Weise
unerschütterlich müssen deshalb auch die großen Figuren
der frühen Kindheit Vater und Mutter sein, damit sie in diesem
seelischen und geistigen Tohuwabohu Dauer und Struktur stiften, und
dabei trösten und schützen. Schwache Eltern können das
nicht.
Alle kognitiven Entwicklungen benötigen solche vorausgehende Gewissheiten.
Auf deren Grundlage entwirft der kindliche Geist nun die ersten Vorstellungsbilder,
dann die ersten Sprachlaute, die ihrerseits das Wiedererkennen der Dinge
und ebenso der Ding-Vorstellungen ermöglichen. Später folgt
daraus die Begabung zum Kritzeln, Malen, schließlich die Fähigkeit,
Schriftzeichen zu verstehen und zu reproduzieren. Wenn das Kind sich
also aus dem Zimmer bewegt und der Schrank zurückbleibt - fort"
aber gleichwohl da" ist - dann entwirft es vergewissernde
Vorstellungsbilder", es hält den abwesenden Schrank sozusagen in
seiner Vorstellungswelt fest. Erste bewusste Laute unterstützten
es dabei: Rank
Sank
" brabbelt das Kind vor sich hin,
während es nunmehr getrost den Flur entlang krabbelt - es wird
seinen Schrank am Ende des abenteuerlichen Ausflugs dort wiederfinden,
wo es ihn verlassen hatte. Am selben Ort, in der alten beruhigenden
Beständigkeit. Nicht nur Papa und Mama, auch die Dinge sind tröstlich,
wenn sie verlässlich sind.
Das Erfassen von Schriftbedeutungen, semantischen und grammatikalischen
Strukturen wird jetzt eingeübt - ich kann es hier nur andeuten.
Mama und Papa halten diese Erfahrungsvielfalt zusammen, sie tun es mit
einer emotionalen Bindungsintensität, wie es sie im späteren
Leben nicht wieder geben wird (sie wird auch nie wieder so Not-wendig
sein).
Wird ein Kind in dieser Phase seiner trotzigen Willkür überlassen,
werden ihm die Wünsche von Mund und Augen abgelesen, dann geht
ihm die Stabilität, ja die Verlässlichkeit der Dingwelt verloren
Dann müht es sich eben nicht um die sprachsymbolische Gestalt des
abwesenden Schrankes, sondern brüllt trotzig oder ängstlich
los. Und die sorgenvoll herbei eilende Mutter besänftigt seine
Angst, lindert den Trotz - eine Süßigkeit hier und ein Küsschen
dort! - sie drängt sich und ihre Sorge zwischen die Dinghaftigkeit
und die kindliche Erfahrungsdichte. Dabei geht eben jene Objektbeständigkeit
und -sicherheit (und die befremdlich-aufregende Eigenart der Dinge)
weitgehend verloren. Zuletzt bleiben nur unruhige Wünsche, die
an einem Ding nie genug haben, sondern maßlos und ziellos immer
mehr wollen, immer nicht das, was da ist, sondern das prinzipiell Andere,
das es nicht geben kann. Übrig bleiben die so oft zu beobachtenden
Verhaltensweisen verwöhnter Kinder, die jedes Objekt, und auch
beinahe jeden Menschen, hastig daraufhin prüfen, ob es/er ein gerade
aktuelles Bedürfnis befriedigen kann - andernfalls wird es/er eben
fallengelassen.
Kurzum, zum Schluss bleibt ein überversorgtes, übermäßig
getröstetes und eben dadurch einsam gewordenes Kind. Es ist buchstäblich
von sich selbst und von der Welt verlassen. Solche Kinder - die sich
eigentlich nur bei der Überwältigung durch elektronische Bilder
wohlfühlen, begleitet vom Griff zur Cola oder zur Chipstüte,
die jede Anspannung vermeiden, weil sie die Überforderung fürchten
- treffen wir in unseren Schulzimmern und in den kinderpsychologischen
Praxen jeden Tag. Sie sind allein gelassen, obwohl Vater und Mutter
immer für sie da" waren.
Auch das zweite sich ausbreitende Phänomen moderner Kindheit, die
Zunahme der Essstörungen, ist aus dem selben Mangel abzuleiten.
Wenn die Welt so fremd und ungreifbar wirkt, dann muss ich sie bezaubern
mit meiner inneren und äußeren Perfektion, um in angestrengter
Weise irgendwie" mit ihr eins zu sein - das ist das Motiv der
magersüchtigen Kinder. Letztlich soll bei vielen von ihnen das
Innen und Außen, soll eine eigenständige Welt und damit das
Ich ganz aufhören und verschwimmen in ein großes entgleitendes
Nichts (man lese dies in einer der eindringlichen Autobiographien anorektischer
Mädchen oder Frauen nach). Autorität, wie ich sie verstehe,
schützt vor diesen Verführungen. Sie kommen in tausendundeiner
Gestalt, wesentlich über elektronisch-digitale Medien, auf die
Kinder zu. Und sie finden oft ein weites, ruheloses, ungestilltes"
seelisches Feld.
Sie brauchen die Gelassenheit der Eltern und die Erfahrung von Verlässlichkeit.
Wer dies seinen Kindern ermöglicht hat, der muss sogar den Aufruhr
der Pubertät nicht fürchten.
Gute Autorität hat ein gesichertes Erfassen von Weltzusammenhängen
gelehrt, sie hat ein sinnvolles Zeitempfinden und ein kräftiges
Durchsetzen eigener Visionen im Verbund mit der Einsicht in die Funktionsweisen
der Dinge ermöglicht. Elterliche Gelassenheit ist die Folge.
Und die ist überhaupt das ganze Geheimnis guter Erziehung.

selbst Vater von 3 Kindern, ist einer der profiliertesten
Kinder- & Familienpsychologen Deutschlands, mit eigener, auf Lernprobleme
spezialisierter Praxis in Hannover. Er hält zahlreiche Vorträge
und ist Autor mehrerer Bücher über Neues Lernen, Kinder und
Neue Medien. Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung der Überlegungen,
die er ausführlicher und mit vielen Beispielen in dem Buch Gute
Autorität -Grundlagen einer zeitgemäßen Erziehung" (s.u.)
bespricht.
Das Drama des modernen Kindes - Hyperaktivität -
Magersucht - Selbstverletzung
(Verlag Walter/Patmos, 2003)
Nur Eltern können wirklich helfen - Über Lernstörungen
und Konzentrationsschwächen
(Verlag Walter/Patmos)
von Max H. Friedrich (Verlag öbv & hpt, 2003)
von Susanne Gaschke (Verlag DVA, 2001)
vonNicola Fels/Angelika Knabe/Bartholomeus Maris (Verlag Freies Geistesleben,
2003)