Wozu sind die Alten gut?


von Dr. Michael Brater

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Alte Menschen unterliegen in unserer heutigen wissenschaftlich-technischen Welt einem staendig forschreitenden Verlust an Bedeutung. Im Arbeits- und Wirtschaftsleben, wo Wissen auf dem neuesten Stand, Dynamik, Flexibilitaet, Orientierung an Konkurrenz, Leistung, Erfolg gefragt sind kann auf die typischen Faehigkeiten und Erfahrungen eines Menschen über 50 gut verzichtet werden. Und auch im privaten Lebensbereich, etwa der Familie. Denn der Wandel der familiaeren Sozialformen oder Erziehungsvorstellungen laeßt die aelteren Menschen auch hier hoffnungslos antiquiert erscheinen - man bietet ihnen allenfalls eine Art Reservat, aber keine altersgemaeße Aufgabe.

Selbst die Entdeckung der „Senioren" als Wirtschaftsfaktor, als Konsument, faengt zu broeckeln an, wenn wir genau hinsehen: denn das gesellschaftliche Interesse an alten Menschen als Konsument ist nur insofern moeglich, als die alten Menschen noch gar nicht so alt sind, sondern noch jung, ruestig und aktiv genug, um all die Angebote (wie z.B. Urlaube) in Anspruch nehmen zu koennen.

Das macht deutlich: Mit dem „wirklichen" Alter, dem Lebensabschnitt vor dem Tod, der durch zunehmenden koerperlichen Abbau und viele damit verbundene Einschraenkungen gekennzeichnet ist bis hin zur moeglichen Pflegebeduerftigkeit, kann unsere Gesellschaft - und koennen auch sehr viele aelter werdende Menschen selbst - nichts Richtiges anfangen. Alte Menschen leben in einer Art Sonderwelt, isoliert vom uebrigen gesellschaftlichen Alltag, dem sie nicht gewachsen sind und in dem sie keine Aufgabe, keine Chance, keinen Platz haben.

Koennen wir uns die Alten ueberhaupt leisten?
Wir stehen damit aber vor einer wirklich paradoxen Situation: Alt zu werden, ein langes Leben fuehren zu koennen, ist ja ein alter Menschheitstraum. Die Paradoxie liegt aber nun darin, daß dieselbe Gesellschaft, die durch ihre „diesseitsorientierte" Wissenschaft, Medizin und Technik das Alter als breite Chance moeglich gemacht hat, nun mit dem Ergebnis dieser Bemuehungen, naemlich eben dem hohen Alter, gerade aufgrund der wissenschaftlich-technischen Lebensbedingungen nichts anfangen kann. Der Fortschritt hat hier etwas vollbracht, mit dessen Ergebnis er nichts anzufangen weiß.

In den letzten Jahren ist noch etwas, die Lage dramatisch Verschaerfendes dazugekommen: Man hat die vielen alten Menschen naemlich als Kostenfaktor erkannt und damit nicht nur als gesellschaftlich bedeutungslose, sondern sogar als gesellschaftlich außerordentlich belastende Gruppe! Es kostet heutzutage sehr viel Geld, daß die Menschen so alt werden. Dieses Geld aber scheint nicht da zu sein: die juengere Generation bringt die „Rentenlast" fuer die aeltere kaum mehr auf, die Pflegekosten sind auf die bisherige Weise nicht mehr finanzierbar, und wir erfahren ganz sachlich von den Krankenkassen, daß das letzte Lebensjahr „das teuerste" ist. Damit kommen wir zum moralischen Tiefpunkt der momentanten Debatten ueber das Alter: Zum Thema der „aktiven Euthanasie" (Sterbehilfe). In dem bekannten Buch von Peter Singer mit dem bezeichnenden Titel „Praktische Ethik" (Stuttgart 1984) ist davon die Rede, daß man bestimmte Menschen toeten duerfe, wenn es nuetzlich erscheint - woertlich: „aus denselben Gruenden, aus denen man Schnecken toeten darf". Gemeint sind damit sehr behinderte, schwer pflegebeduerftige Menschen, deren Pflege und Versorgung aus der Sicht von Herrn Singer nicht mehr sinnvoll oder nuetzlich erscheint, sondern nur noch „Aufwand" verursacht (und wirklich laeßt sich ja nachvollziehen, daß die Versorgung dieser Menschen ganz und gar nichts „Praktisches" hat).

Moralische Entruestung genuegt nicht
Natuerlich baeumt sich in uns etwas auf, wenn wir eine solche Argumentation hoeren. Aber wenn wir diese moralische Entruestung naeher betrachten, dann muessen wir bemerken, daß wir solchen Thesen der „aktiven Euthanasie" gegenueber in Argumentationsnotstand geraten - und das ist viel beunruhigender, als jene Thesen selbst. Warum sind wir denn eigentlich entruestet? Was genau ist denn an jenen Gedanken schlimm, was ist daran eigentlich falsch? Wieso hat er denn nicht recht, der Herr Singer?

Wir bemerken, daß wir auf Anhieb gar keine rechten Argumente zur Verfuegung haben, sondern zunaechst einmal nur moralische Gefuehle, denen wir aber gedanklich nicht auf den Grund kommen. Darin liegt das wirklich Bedeutsame der Thesen von Peter Singer: Indem sie provozieren, machen sie unsere Hilflosigkeit klar, offenbaren sie eine eklatante Bewußtseinsluecke. Wir werden wach dafuer, daß wir in dieser Frage ueber nicht viel mehr als Emotionen, moralische Empfindungen, verfuegen. Wenn jene Empoerung wirklich auf keiner anderen Grundlage beruht, dann steht sie natuerlich auf sehr schwachen Fueßen, und sie wird dem Ansturm der vereinigten Nuetzlichkeits- und Kostenargumente nicht lange standhalten. Unser Denken ueber Mensch und Leben scheint ziemlich kraftlos und nicht in der Lage, dieses Phaenomen des Alters adaequat zu fassen. Das wird z.B. auch dort deutlich, wo von durchaus ernstzunehmenden Koepfen gefordert wird, daß jeder Mensch das Recht haette, testamentarisch zu verfuegen, unter welchen Umstaenden und in welchem Zustand ein Arzt ihm die Todesspritze geben solle. Auf die Wuerde des Menschen begruendet, die ab bestimmten koerperlichen Verfallszustaenden nicht mehr gewahrt sei - und da scheint es dann wuerdevoller zu sein, an einer solchen Grenze dem unwuerdig gewordenen, nur noch animalischen, schmerzvollen, bewußtlosen Leben selbst ein Ende zu setzen. Phaenomenen wie Schmerz, Leid, Gebrechlichkeit, Abhaengigkeit gegenueber verfuegen wir einfach ueber keinerlei Sinndeutungsmoeglichkeiten. Unglueck und Leiden sind auf alle Faelle zu vermeiden, sinnlos, abzuwehren. Es wird vielleicht klar, vor welch schwierige Grenzfragen wir im Zusammenhang mit der Zunahme alter Menschen gestellt werden. Es wird wohl kaum moeglich sein, die Frage nach der Bedeutung alter Menschen fuer die Gesellschaft hier mal eben auf wenigen Seiten zu beantworten. Aber vielleicht gelingen erste Annaeherungen.

Wie erleben juengere Menschen die aelteren?
Eine nicht gerade seltene Gelegenheit ist folgende: Man hat es ziemlich eilig und muß noch unbedingt eine bestimmte S-Bahn erreichen. Auf dem Weg oder auf der Treppe zum Bahnsteig entsteht Gedraenge, viele Menschen bewegen sich dort, alle haben es irgendwie eilig. Aber ploetzlich stockt das Ganze, es gibt einen Stau, es geht nicht richtig weiter. Man ist aergerlich, draengelt ein bißchen, schimpft vor sich hin. Unter wachsendem Zeitdruck und zunehmendem aerger arbeitet man sich vor - und entdeckt dann die Ursache des Staus: ein alter Mensch, der sich dort, vielleicht mit Stock, jedenfalls gehbehindert und langsam, die Treppe hocharbeitet und dabei den vielen, die hinter ihm herdraengen, den Weg ein wenig versperrt.

Was behindert dieser alte Mensch? Den schnellen, effizienten, reibungslosen Ablauf, den zielgerichteten Vollzug der vielen wichtigen Vorhaben, denen die juengeren Menschen so nacheilen. Und was bewirkt das? Ein Innehalten, ein Zu-sich-Kommen, ein Warten-Muessen, ein Achten auf den Weg, wo vorher nur der Gedanke an das Ziel regierte. Mit welcher Wirkung? Zunaechst natuerlich entstehen aerger und der Wunsch, das Hindernis aus dem Weg zu raeumen. Aber wenn der alte Mensch seinen muehevollen Weg beharrlich weitergeht, wenn sich das Hindernis also nicht einfach wegraeumen laeßt, dann kann der Juengere auch noch etwas Anderes erleben: Er muß ploetzlich seine wichtigen Ziele ein wenig loslassen, er empfindet, daß sich nicht alles ohne weiteres seinen Plaenen und Absichten fuegt, daß es weit mehr zu beachten gibt, als das, was er im Griff hat, und das kann merkwuerdigerweise sehr entspannend wirken. Ganz leise kann sich das eigene Vorhaben, Zeitdruck, die Bedeutung reibungsloser Puenktlichkeit ein wenig relativieren, man gewinnt Distanz dazu. Vielleicht taucht die Frage nach Sinn und Bedeutung jenes eiligen Vorhabens auf, und es kann geschehen, daß man die Welt und die Menschen um einen herum fuer einige Augenblicke ganz anders ansieht, eine Spur beschaulich, mit einem Hauch innerer Ruhe.

Vielleicht betrachtet man diesen alten Menschen einmal einen Moment lang genauer, dieses muehsame Gehen. Dabei kann einem bewußt werden, daß er mit einem Koerper umgehen muß, der nicht mehr so gut funktioniert, der seinen Intentionen nicht mehr so gehorcht, wie in juengeren Jahren.

Und dann wird klar, daß das, was da kaempft, nicht dasselbe ist wie der gebrechlich gewordene Koerper, mit dem gekaempft wird. Das Gehen kommt nicht aus lauter Begeisterung und Lust an der Bewegung. Es erweckt eher den Eindruck, daß sich da ein von außen auf den Koerper einwirkender Wille gegen dessen Schwere, Steifheit, vielleicht sogar Schmerzen durchsetzt.

Das heißt aber doch: am alten Menschen kann man sehen, daß jener Mensch noch etwas Anderes ist, als sein sinnlich sichtbarer Koerper. Im Grunde fuehrt uns also jeder alte Mensch ein leibhaftes Bild vor Augen, daß im Menschen ein Stofflich-Materielles und ein Nicht-Stoffliches, d.h. Geistiges zusammenwirken.

So gesehen, ist eigentlich jeder alte Mensch (und zwar besonders der gebrechliche, leidende alte Mensch, der nicht vor dem Leiden kapituliert oder sich in Trauer ueber die verlorene Jugend verzehrt) ein lebendiges Manifest der Kraft und Staerke eines geistigen Prinzips, des Ich's, ueber das Stofflich-Materielle, des Koerpers mit seinen Verhaertungstendenzen.

Die Wuerde des alten Menschen
Die Befuerworter der aktiven Sterbehilfe sehen die Wuerde des Menschen gefaehrdet, wenn er voellig hilflos geworden ist, wenn er vielleicht gewindelt werden muß, nur noch lallen kann oder vor Schmerzen besinnungslos wird. Aber das ist doch eine sehr aeußerliche Sichtweise. Koennte es nicht sein, daß die wirkliche Wuerde des Menschen gerade dort liegt, wo er sich gegen den zerfallenden Koerper behauptet, sich gegen ihn aufrichtet - wo er diesem eigentlich funktionsunfaehigen Koerper immer noch einen Funken Leben abringt? In diesem Sinne haben alte Menschen, und zwar gerade die gebrechlichen, nicht das Mitleid der juengeren verdient - sondern ihren Respekt! Haengt denn die Wuerde des Menschen nur daran, daß er seinen Koerper oder seine Gehirnfunktionen problemlos beherrschen kann? Oder hat sie nicht vielmehr mit der Haltung zu tun, in der er all die Schmerzen, Abhaengigkeiten, Hilflosigkeiten, die das hohe Alter mit sich bringt, ertraegt und durchsteht?

Das Alter als Aufgabe des Umlernens
Umlernen gilt aber nicht nur fuer diejenigen, welche aeltere Menschen betrachten, sondern auch fuer die aelter werdenden Menschen selbst. Man spricht in der Entwicklungspsychologie gern davon, daß der Mensch in seinem ganzen Leben nicht so viel lernt, wie in den ersten drei Lebensjahren. Ich habe den Eindruck, daß man diese Aussage relativieren muß, denn der Umfang dessen, was alt werdende Menschen lernen muessen, steht dem Lernumfang des Kindes in nichts nach. Nur daß vielleicht noch mehr als drei Jahre dafuer zur Verfuegung stehen, und daß es nicht nur ein Neu-, sondern vor allem ein Umlernen ist. In der Regel steckten aeltere Menschen, als sie juenger waren, selbst tief in den ziel-, konkurrenz- und effizienzgepraegten Leistungs- und Denkprozessen unserer Gesellschaft. Mit dem Alter ist der Mensch aber in diese Alltagsablaeufe, Arbeitsablaeufe nicht mehr integriert. Man kann nicht mehr leistungsorientiert bestimmten Zwecken und Zielen nachgehen, nicht einmal mehr einen ganzen Tag im Voraus planen, weil man gar nicht weiß, wie es einem in wenigen Stunden gehen wird. Die Welt der Zwecke, des Funktionierens, des Leistens zu verlassen, ist ungeheuer schwierig. Jeder aelter werdende Mensch betritt hier gesellschaftliches Neuland, ein unerforschtes Gebiet: Was liegt denn hinter der Welt der Zwecke, gibt es da noch etwas, oder ist dort alles leer?

Gibt es einen Sinn hinter den Zwecken?
Das heißt: Der alte Mensch muß hier einen Entwicklungsschritt machen, hin zu einer neuen Lebensauffassung, zu Haltungen die dem Alter angemessen sind. Wenn dies zum ersten Mal ins Bewußtsein tritt, gibt es den sogenannten „Pensionierungsschock". Es taucht dann eben auch leicht die Frage auf, ob ich mich selbst, da ich zu nichts mehr nuetze bin, anderen Menschen noch zumuten kann usw., Fragen also, die zum Thema der aktiven Sterbehilfe fuehren. Muß man verzweifeln - oder gelingt es einem, etwas jenseits dieser Welt der Zwecke, des praktischen Nutzens zu finden? Das aber verlangt einen inneren Wandlungs- und Forschungsprozeß, der nicht nur schwierig ist, sondern auch einsam macht. Es ist ein gesellschaftlich wenig beachteter Weg nach Innen. Ich moechte hier die Worte einer schwer krebskranken Frau wiedergeben, die W.E. Barkhoff zitiert: „Nachdem ich weiß, daß mein Leben ohne Zweck ist, daß es zwecklos geworden ist, erfahre ich seinen Sinn. Wenn das Leben sinnvoll ist, dann ist seine Dauer ohne Interesse."

Fuer den alten Menschen ist die Frage nach der Zweckorientiertheit keine philosophische, sondern eine ganz hautnahe. Bejaht er sie, muß er sich folgerichtig selbst aufgeben, verliert er seine Wuerde. Kann er sie verneinen, muß er es aber geschafft haben, in ein neues inneres Land vorzudringen, eine Art Gegenwelt zum bestehenden gesellschaftlichen Alltag zu entdecken. Ein Beispiel: Alte Menschen klagen mitunter darueber, daß sie kaum fuer den naechsten Tag planen koennen, weil sie nicht wissen, wie es dann mit ihnen sein wird. Was heißt das aber positiv? Dieser alte Mensch kann den Augenblick erleben, den Moment ergreifen, er gewinnt Gegenwart! Das Jetzt kann man erst ergreifen, wenn man nicht mehr plant. In der Welt der Zwecke lebt man gar nicht jetzt, sondern uebermorgen, wo man seinen Zweck erreicht haben will. Das Alter ist also mit der Chance verbunden, wirklich im Augenblick zu leben - ein solches „Carpe diem" bringt Intensitaet, Gegenwert, Fuelle, wirkliches Leben, auch Dankbarkeit, Friede, Hingabe u.ae.

Oder ein anderes Beispiel: Als erwachsener, moderner Mensch ist man in der Regel stolz darauf, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. (Wir wissen, daß das eine große Illusion ist.). Alte Menschen muessen demgegenueber lernen, Hilfe entgegenzunehmen, ohne dabei die eigene Wuerde zu verlieren. Sie entwickeln damit eine gesellschaftlich ganz ungewohnte soziale Tugend, und darauffolgend auch noch Tugenden, wie Dankbarkeit, Toleranz, Akzeptieren-koennen u.ae. Das aber hat Wirkung fuer die Umwelt, fuer die Gesellschaft.

Was bewirken die aelteren bei den Juengeren?
Welche Verhaltensweisen werden bei den Juengeren erweckt, provoziert der aeltere Mensch, lockt er hervor?

Gehen wir nochmals zum Beispiel mit der S-Bahn-Treppe zurueck: Bleibt der alte Mensch jetzt stur - und Gott sei Dank sind alte Menschen ja oefters mal ein bißchen stur -, kann der juengere bemerken, daß seine Ungeduld, sein aerger keinen Zweck haben, weil sie doch nichts an der Situation aendern. Damit aber hat er eine ganz bedeutende Chance: Er kann naemlich - eventuell nur fuer einen Augenblick - Geduld entwickeln - eine Tugend, die in der Alltagsgesellschaft ziemlich abhanden gekommen ist. Der alte Mensch in seinem So-Sein provoziert also gesellschaftlich Geduld. Das kann er z.B. auch viel besser als Kinder, denn Kindern gegenueber glaubt ja so mancher, noch das Recht zu haben, sie herumzukommandieren: „Geh aus dem Weg...". Bei alten Menschen waere das ganz wirkungslos, oder zumindest gibt es da noch gewisse Hemmschwellen. Akzeptanz, Abwarten, sich zuruecknehmen koennen - lauter Haltungen und Handlungsorientierungen, die nicht sehr populaer sind. Im Umgang mit alten Menschen muessen sie aber ganz real entwickelt werden.

Der Hinweis auf die Geduld ist natuerlich nur in Beispiel. Es gibt viel mehr. Gerade in ihrer Hilflosigkeit - die manchen alten Menschen zu akzeptieren so schwer faellt - sorgen die Alten dafuer, wie andere behinderte Menschen auch, daß es in der Gesellschaft die Tugend der selbstlosen Hilfe ueberhaupt noch geben kann!

Gerade weil sie in vielen Bereichen Nehmende sind, ermoeglichen sie es anderen, zu geben; indem sie Nachsicht brauchen, bewirken sie, daß andere sich Nachsicht erarbeiten muessen. Sie helfen, daß die Juengeren lernen, sich Zeit zu nehmen, innerlich ruhig zu werden, loszulassen, sich auf den Augenblick einzulassen.

Die alten Menschen repraesentieren also aufgrund ihres Alters eine Art „Gegenkultur" zur herrschenden Kultur, sie sind ein Hort all dessen, was die moderne Industriegesellschaft an Haltungen und Werten verdraengt oder verhindert oder diffamiert - und deshalb passen sie ja auch so schlecht in diese Gesellschaft. Sie bilden gewissermaßen ein Schutzgebiet fuer all diese nicht-zweckbezogenen, nicht-materiellen, nicht-rationalen Haltungen und Orientierungen, ohne die unser gesellschaftliches Leben sehr viel aermer waere.

Es gibt genuegend Belege dafuer, daß die Absolutheit und Ausschließlichkeit, mit der wir alles Zweckrationale, Leistungs- und Erfolgsorientierte behaupten und durchsetzen, nicht gerade zum Heil der Menschen ist, sondern einen hohen Preis fordert: nicht nur, was die Gesundheit der Menschen betrifft, sondern vielleicht mehr noch, was die Kaelte der sozialen Beziehungen und die Verhaertungen in den Seelen der Menschen angeht. Gerade in dieser historischen Situation ist aber nun diese neue Lebensphase des hohen Alters als relativ breites gesellschaftliches Phaenomen entstanden. Folglich draengt sich der Gedanke auf, daß die Bedeutung der alten Menschen fuer die Gesellschaft darin liegt, daß ihre Zunahme mit allen ihren altersgemaeßen Eigenschaften zu den Selbstheilungskraeften dieser Gesellschaft gehoert. Hier kann man einen inneren Zusammenhang, ein inneres Bedingungsgefuege vermuten, das darauf hinauslaeuft, daß unsere Gesellschaft aus ihren Veraeußerlichungs- und Vereinseitigungstendenzen heraus auch zugleich die Heilmittel, die Gegenkraefte hervorbringt, die helfen koennen auch wieder zu relativieren, ein Stueck weit zu daempfen, etwas entgegenzusetzen. Das ist vielleicht keine sehr strahlende Vision fuer die alten Menschen, aber wohl zweifellos eine außerordentlich bedeutungsvolle Mission, von der unsere Zukunft entscheidend abhaengen kann.

Allerdings muß man gleich hinzufuegen: diese Mission koennen die alten Menschen nur dadurch erfuellen, daß sie wirklich und in altersgemaeßer Weise alt werden, daß sie also gerade nicht versuchen, so zu sein wie die Jungen, sondern daß sie die Chancen, die ihre Lebensphase ihnen bietet, wirklich ergreifen. Die juengeren Menschen moechten von den alten zweifellos nicht nur das gespiegelt bekommen, was sie selbst denken und wollen, sondern sie moechten sehen, ob und wie dieser alte Mensch es schafft, richtig alt zu werden, denn nur dann wird er seiner Aufgabe fuer sie gerecht.

Eine zweite Konsequenz ergibt sich aus diesen ueberlegungen fuer die Begegnung von Jung und Alt: Die alten Menschen koenen ihre Mission nur wahrnehmen, wenn sie nicht irgendwo am Rande der Gesellschaft isoliert und abgeschoben werden, sondern wenn moeglichst viele Begegnungen mit juengeren Menschen moeglich sind. Das laeuft natuerlich den offiziellen gesellschaftlichen Tendenzen entgegen, aber ich koennte mir durchaus denken, daß Alten- und Pflegeheime nicht ein Ghetto fuer alte Menschen sein muessen, sondern Begegnungsstaetten von Alt und Jung werden koennen, „Kulturinseln". In diesem Sinne ist jedes Altenheim im Grunde auch zugleich - ein Jugendseminar.