Die Zukunft der Arbeit
Der Philosoph Frithjof Bergmann über sein „New Work“-Konzept
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Nicht immer ist Arbeit eine gute Sache. Auch das Herstellen von Waffen und Überwachungskameras ist Arbeit, die Mitwirkung an unserer Antrags- und Schnüffelbürokratie, die Herstellung verdummender und verrohender Filme und Computerspiele, die Beteiligung an tierquälerischer Massenhaltung, die Produktion von Genussgiften usw. Wo unzählige Arbeitsstunden in unnötige und schädliche Tätigkeiten investiert werden, ist mehr Arbeitslosigkeit zunächst mal keine Gefahr, sondern eher eine Hoffung. Eine Hoffnung ist sie auch für diejenigen, für die Arbeit keineswegs Erfüllung, sondern vielmehr quälende, zermürbende, oft auch gesundheitsschädigende Pflicht ist. Hier kommt noch ein Faktor ins Spiel: Im alten Wirtschaftssystem müssen wir arbeiten, um zu leben. Arbeit ist unsere einzige anerkannte Quelle von Existenz sicherndem Einkommen. Darauf beruht ihre „Fetisch-Funktion“ und ihr Erpressungspotenzial. Denn selbst der Hersteller von Landminen kann - drastisch gesprochen - jede Kritik an seinem Gewerbe mit dem Hinweis auf die von ihm geschaffenen Arbeitsplätze abwehren. Seit es Menschen gibt wandelt sich auch das Bild der Arbeit. Und bis vor ca. 200 Jahren bestand „Arbeit“ hauptsächlich aus der Produktion von Lebensmitteln und Gütern für den eigenen Bedarf oder für kleine Gemeinschaften, wie zum Beispiel das eigene Dorf. Mit der Industrialisierung wurde die Arbeit auf verschiedene Arbeitsplätze, auf Jobs aufgeteilt. Seither arbeiten die meisten Menschen für einen Arbeitgeber oder selbständig, um Lohn zu erhalten - erst mit diesem Geld können sie sich die Dinge kaufen, die sie zum Leben brauchen. Bergmanns Konzept der „Neuen Arbeit“ soll uns den Aufstieg in die post-industrielle Kultur ermöglichen. Es basiert einerseits auf dem „Bedürfnis orientierten Wirtschaften“ - das heißt, dass die künstliche Erzeugung von (ursprünglich gar nicht vorhandenen) Bedürfnissen aus Gründen des Profits eingedämmt werden muss. Ziel wäre somit nicht mehr die Vollbeschäftigung, sondern die Vollversorgung aller Bürger mit allen wirklich wichtigen Dienstleistungen und Gütern. In der post-industriellen Wirtschaft sollen Kühlschrank oder Waschmaschine, Kleidung, Schuhe oder Möbel, Fernseher, Handys oder sogar Autos nicht mehr in zentralen Fabriken hergestellt werden, sondern in kleinen, flexiblen, dezentralisierten, hoch technisierten, aber weitaus sparsameren und effizienteren Werkstätten. Tun, was wir wirklich wollen! Zwei Drittel aller Arbeit kann nämlich dann solche Arbeit sein, die uns stärker macht, die auf uns selbst abgestimmt ist, die uns weiterbringt und der Selbstverwirklichung dient. Was also in der Vergangenheit nur den kleinen privilegierten Eliten (Künstler, Intellektuelle oder Erfinder) vorbehalten war, kann nun jeder Mensch genießen: jene Arbeit zu tun, die er ernsthaft und aus tiefstem Herzen WILL. Denn es ist eine grundlegende, unumstößliche Tatsache, dass Menschen miserabel arbeiten, wenn sie unter Zwang stehen - und dass die Qualität der Arbeit unvergleichlich besser wird, wenn sie etwas tun, das sie begeistert, an das sie glauben, und wonach sie sich sehnen. Klingt alles höchst verlockend, traumhaft, aber auch utopisch. Wie stehen die derzeitigen Chancen, die „Neue Arbeit“ konkret umzusetzen? WEGE-Eva: Frithjof, deine Visionen zur Zukunft der Arbeit finde ich faszinierend - andererseits fällt es schon schwer, sich eine Gesellschaft fast ohne Lohnarbeit vorzustellen… Dann würden wir ja nur mehr ein Drittel unserer Zeit mit Geldverdienen verbringen…!? Um WAS mit der gewonnenen Zeit anzufangen… etwa Urlaub machen? Also doch wieder arbeiten…? Was also wären für die Gesellschaft die nächsten logischen Schritte in die Veränderung? Wie bitte kann man denn von 10 Stunden Lohnarbeit leben? Ah, jetzt kommst du sicher auf diese mysteriösen „Fabrikatoren“ zu sprechen. Das klingt für mich auch recht utopisch… Okay, die Zukunft beginnt also JETZT. Aber eine andere Frage: Ist es den meisten Menschen denn überhaupt klar, was sie wirklich, also von Herzen gern tun wollen? Müssten wir mit dem bewussten Reflektieren über unser Tun nicht bereits in der Erziehung, in der Schule beginnen…? Was haben denn DEINE Eltern dazu beigetragen, dass du ein so lebendiges Leben führst? Herzlichen Dank für das interessante Gespräch. Ich freu mich, dass es Menschen, Vordenker wie dich gibt - und darauf, dass das Arbeitsleben unserer Kinder und Kindeskinder vielleicht schon ganz anders aussehen wird. Infos + Literatur: Prof. Frithjof Bergmann Bücher von Frithjof Bergmann: Weitere Infos zur Neuen Arbeit im Internet: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Arbeit ist notwendig. Arbeit zu haben, ist gut. Vollbeschäftigung ist wünschenswert - weil Arbeit auch persönliche Erfüllung bedeutet… Wirklich?
Der Philosoph Frithjof Bergmann weist mit seinem New Work-Konzept den Weg ins postindustrielle Zeitalter - zu Neuer Arbeit, die Freude und Sinn macht.
Arbeit frisst einen Großteil der Lebenszeit und Lebensenergie auf, erpresst Menschen zu ungeliebten Tätigkeiten und hält sie davon ab, ihrer wahren Lebensbestimmung nachzugehen. Dies gilt nicht für alle Menschen (engagierte Journalisten in ihren warmen Büros können sich den Luxus leisten, die Arbeit als Selbstausdruck zu preisen) - es gilt aber für viele.
Wenn also viele Menschen subjektiv zu viel arbeiten, es gleichzeitig aber zu viele unnötige und schädliche Arbeit gibt, wäre die Sache doch eigentlich klar, oder?
Außerdem können die sinnvollen und nützlichen Arbeiten aufgrund neuer Technologien von immer weniger Menschen in immer weniger Arbeitsstunden ausgeführt werden. Wenn wir dennoch am Dogma der Vollbeschäftigung festhalten, bedeutet das, dass wir zunehmend schädliche und unnütze Arbeit kreieren müssen, damit alle (egal was) arbeiten können. Genau so schaut unsere Welt heute aus.
Jetzt, zu Beginn des 3. Jahrtausends, scheint aber auch das Industriezeitalter seinem Ende entgegen zu gehen. Die zentralisierten Fabrik-Kolosse mit ihren bahnhofsähnlichen Hallen, wo Tausende von Arbeitern unsere Verbrauchsgüter herstellen, erweisen sich als überholt und nicht mehr konkurrenzfähig. Immer mehr Massenproduktionsstätten müssen zusperren und hinterlassen immer mehr Arbeitslose. Für sie muss „die Arbeit“ auf eine völlig neuartige Weise organisiert werden, die sich vom alten Job-System genauso stark unterscheidet, wie sich dieses von der vorangegangenen bäuerlichen Arbeit unterschied.
Wir leben also in einer Zeit, in der unsere althergebrachten Modelle sterben - und hier liegt unsere große Chance, die Arbeit grundlegend neu zu begreifen und zu definieren. Jetzt können wir ein von Grund auf „Neues Arbeitssystem“ entwickeln, welches den neuen Technologien und unserer neuen Zeit entspricht. Einer, der sich diesem Thema seit vielen Jahren und mit Begeisterung widmet ist der Philosoph Frithjof Bergmann. Für ihn ist das post-industrielle Zeitalter längst Realität und die neue, nächste Organisationsform von Arbeit angesagt:
Dies würde unsere Situation grundlegend verändern, denn dann wäre es für eine Wohngegend oder ein Dorf möglich, bis zu 80 Prozent aller benötigten Verbrauchsgüter in „Gemeinschaftsversorgender Arbeit” zu produzieren - und zwar alles, was für ein angenehmes, fröhliches und befriedigendes modernes Leben nötig ist. Und weil dadurch unglaublich viele Arbeitskapazitäten frei werden, lautet für Bergmann der nächste logische Schritt:
Bergmann ist überzeugt, dass dieses aus zwei Drittel Selbstkultivierungsarbeit bestehende System der „Neuen Arbeit“ dem alten Lohnarbeitssystem auch ökonomisch um Längen überlegen sein wird, denn es kann billiger, schneller, effizienter und mit weitaus weniger Abfall produzieren.
Seine Vision geht aber noch weiter: die Struktur der „Neuen Arbeit“ wird die Menschheit auch geistig transformieren. Denn wenn die Menschen nicht mehr verzweifelt um sich schlagend in der „Armut der Begierde” versinken, wenn sie ihre Wünsche erkennen und ihnen in ihrer Arbeit Ausdruck verleihen können, dann gewinnen sie eine neue Vitalität und Stärke, und letztendlich ein neues Bewusstsein, eine neue Sicht auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.
Im vergangenen Mai war Frithjof Bergmann auf Vortragstour in Österreich - Eva Schreuer von der WEGE-Redaktion hat die Gelegenheit genutzt, den sympathischen und charismatischen Mann selbst zu befragen: 
Frithjof Bergmann: Wir sollten aber schleunigst damit beginnen, „Arbeit“ nicht mehr automatisch mit „Lohnarbeit“ gleichzusetzen. Gerade die aktuelle Wirtschaftskrise könnte ein guter Anstoß zum Umdenken sein, weil sie viele Betriebe zur Einführung der Kurzarbeit zwingt. Aber der Begriff „Kurzarbeit“ ist noch immer sehr negativ besetzt. „Leider sind wir gerade wirtschaftlich nicht so großartig dran und deshalb gezwungen, eure Arbeitszeit zu kürzen.“ …das klingt eher wie eine Strafe, eine Beschneidung, ein Wenigerkriegen, ein Abstieg.
Dabei kann gerade diese erzwungene Kürzung der Arbeitszeit eine Weiche sein in ein völlig neues Bewusstsein - nicht ein Abstieg sondern ein Aufstieg. Dazu müsste man die Kurzarbeit allerdings anders strukturieren. Denn wer jede Woche 4 Tage arbeitet, dem reichen die 3 freien Tage nicht, um damit was Sinnvolles anzufangen. Mit 4 Monaten Lohnarbeit und 2 Monaten Pause sähe die Situation schon ganz anders aus...
Wir müssen uns sowieso drauf einstellen, dass unser „altes“ Arbeitssystem am Absterben ist. Durch den industriellen und technologischen Fortschritt ist ja jetzt schon zu wenig Arbeit für alle da. Die neuen Technologien können wir aber dazu nutzen, um jene Arbeit, die den Menschen erschöpft und entmutigt - wie z.B. in Fabriken am Fließband, also Arbeit, die man ganz ohne Bildung machen kann, wo man einfach etwas kräftigere Muskeln braucht, um das jetzt rauf- oder runter zu heben oder anzuschrauben usw. - dass man diese Arbeiten immer mehr von Maschinen erledigen lässt.
Und dann könnten wir schrittweise umsteigen in ein neues, intelligenteres, aber auch ökologischeres Arbeitssystem, das trotzdem wettbewerbsfähig ist - und das die Menschen endlich aus dem Hamsterrad aussteigen lässt und ihnen mehr Zeit schenkt.
Urlaub im jetzigen Sinne wird dann überflüssig. Heute haben wir ja nur deshalb Urlaub nötig, weil wir die oft ungeliebte Lohnarbeit wie eine „milde Krankheit“, wie eine Erkältung betrachten, von der wir uns von Zeit zu Zeit auch mal erholen müssen.
Nein, in der gewonnen Zeit können wir uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen. Wir können uns aus- und weiterbilden. Wir können die frei gewordene Zeit zur Bewusstseinsbildung nutzen. Wir können uns überlegen, was wir wirklich, wirklich wollen. Wir können uns coachen lassen, um herauszufinden, welche Begabungen wir haben, oder welche neuen Technologien gerade erfunden werden wollen, oder wie man vielleicht auch ein neues kleines Unternehmen aufbauen kann, das effizienter ist als die Industriegiganten, die gerade langsam zerbröckeln.
Kurz: Wir können die frei gewordene Zeit mit Tätigkeiten verbringen, die uns Freude machen und unserem Leben Sinn geben.
Sicherlich - aber das Entscheidende dabei ist ja, wie wir „Arbeit“ definieren. Die meisten von uns denken beim Begriff „Arbeit“ sofort an etwas Unangenehmes, Mühsames, an etwas, das schwer fällt und wozu es Überwindung braucht - Arbeit muss hart sein, sonst ist es keine „richtige Arbeit“.
Das ist ein ausgemachter Unsinn. Denn alles auf unserer Welt ist buchstäblich eine Einladung zur Arbeit: Jeder Sessel, jeder Garten, jedes Bekleidungsstück usw., alles lädt uns dazu ein, sich etwas Neues auszudenken! Jeder Mensch, dem wir begegnen, ist eine Einladung, das Menschsein auf neue Art und Weise weiter zu entwickeln, dazu zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und so weiter.
Das ständige Jammern darüber, dass uns die Arbeit ausgeht, finde ich schlichtweg blöd. Es wird immer genug für alle da sein. Die Arbeit ist unendlich! Und - (lächelt) - die Bauern und die Frauen haben das schon immer gewusst…
Erstens könnten die Politiker endlich mal damit aufhören, Vollbeschäftigung zu versprechen - als gehöre es zu den menschlichen Grundrechten, dass man 45 Jahre lang einen 40-Stunden Arbeitsplatz hat, egal wie sinnlos, geisttötend oder schlecht bezahlt die Beschäftigung ist. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Man jammert über die „große Krise“ und gaukelt den Menschen vor, es könne wieder so werden, wie es immer war. Dabei ist diese „Krise“ bloß das Ende einer Episode, es ist das Ende eines Zeitalters und eine Riesenchance zum Umdenken, dass Menschen sich ihre eigene Arbeit entwickeln, ihre eigene Arbeit erfinden, die es bislang vielleicht sogar noch gar nicht gegeben hat - und sie auch gemeinsam mit Anderen umsetzen.
Und zweitens sollten sich die Wirtschaft und die Unternehmer darauf einstellen, die Menschen in Zukunft mehr darin zu unterstützen - also in der Aus- und Weiterbildung und generell darin, herauszufinden, welche Begabungen und Talente sie besitzen. In Detroit (wo ja gerade eine riesige Autoindustrie zusammenbricht und Tausende Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren) arbeiten wir bereits an so einem Modell: wöchentlich 10 Stunden Lohnarbeit - 10 Stunden Grundwirtschaftsarbeit in kleinen Selbstversorgerunternehmen - und 20 Stunden Arbeit, die man ganz einfach gerne machen will.
Wenn die Grundversorgung durch die Arbeit in einem Selbstversorgerzentrum (z.B. in Gemeinschaftsgärten etc.) gesichert ist, dann reicht dieser Lohn sehr wohl zum Leben. Es wird ausreichen, weil wir zukünftig bis zu 80 Prozent der benötigten Alltagsdinge selbst oder in kleinen Produktionsunternehmen herstellen…
Dabei wurden sie schon längst erfunden und gebaut. Prof. Andreas Gebhardt von der Uni in Aachen hat sogar schon ein erfolgreiches Unternehmen rund um den Fabrikator aufgebaut. Das „Wunderding“ kostet derzeit rund 40.000 Euro - wenn es noch weiter entwickelt wird, könnte so ein Fabrikator als Miniaturfabrik der Zukunft so gut wie alles erzeugen. Er funktioniert wie ein Computer, der verschiedenartige, fein geriebene Staubsorten in haarscharf vorgegebenen Schichten aufträgt und dreidimensional ausdruckt. Dazu wird er natürlich vorprogrammiert - dann kann er einen Motorblock oder einen Vergaser, aber auch Brillen, Handys, Schuhe und alle möglichen Gebrauchsgegenstände erzeugen. In Detroit wollen wir mit Fabrikatoren demnächst elektrische Autos bauen, die mit Induktion angetrieben werden…
Leider nein - weil darauf bisher auch kein Fokus gerichtet wurde. Die meisten antworten auf diese Frage spontan „genug Geld verdienen, ein schönes Haus, Urlaub in der Karibik“ und solche Sachen. Wenn man dann aber nachfragt „Ist es wirklich das, was du am allerliebsten willst in deinem Leben?“, dann werden sie stutzig... Das kleine Wörtchen „wirklich“ scheint einen tieferen Kontakt zu schaffen, es scheint die Menschen in ihrem Innersten zu berühren… „Denk mal wirklich nach, was du vom Leben willst, wozu bist du auf dieser Erde, was ist es im Ernst, das du wirklich willst, was dich wirklich glücklich und zufrieden machen, was dich nicht nur irgendwie oberflächlich sättigen würde?“… Wenn man also genauer nachfragt, dann kommt sehr schnell was ganz anderes: „Es muss etwas sein, das mich erregt und begeistert, es muss mich schon mehr befriedigen, als einfach nur Geld verdienen. Es muss Sinn haben…“.
Und auf die nächste Frage, was denn eine wirklich sinnvolle Tätigkeit wäre, haben fast alle Antworten die gleiche Essenz: „Etwas tun, was auch für andere Bedeutung hat. Also nicht im Büro Dokumente hin und her schieben, sondern etwas mit Menschen, mit der Natur, mit Tieren… zu tun haben. Mit ihnen feiern, tanzen, beten, essen, fröhlich sein… usw.“
Andere Kulturen (z.B. in Afrika) leben uns das ja durchaus vor - sie leben uns auch vor, dass sich Menschen sehr wohl und glücklich fühlen können, wenn sie nur 2 Stunden am Tag arbeiten...
Unbedingt! Da müsste sich aber auch Grundlegendes im Schulsystem ändern! Letzte Woche bei einer Veranstaltung in Linz habe ich mich auch viel mit Lehrern unterhalten. Die haben mir bestätigt, dass immer mehr junge Menschen die Schule nur mehr als verschwendete Zeit erleben (so wie die Erwachsenen ihren Arbeitsplatz) - und oft sind es die Begabtesten, die dann aussteigen und die Schule abbrechen, weil sie diese Eintönigkeit nicht mehr aushalten… regelrecht abgetötet. Unser Schulsystem sieht es offenbar als seine wichtigste Aufgabe, junge Menschen an die Langeweile zu gewöhnen, damit sie später auch die langweiligen, monotonen Arbeiten aushalten. Die kindliche Neugierde, ihr Geist, die Fröhlichkeit wird ihnen scheibchenweise weg geschnitten - bis nichts mehr übrig ist, als jemand, der sich duckt und tut, was ihm von oben aufgetragen wird.
Das muss sich grundlegend ändern: Wir brauchen in Zukunft Menschen, die von Anfang an - schon im Kindergarten - ermutigt werden herauszufinden, was sie wirklich wollen, wie sie im Leben glücklich und erfüllt sein können. Eine Schule sollte sich zum Ziel setzen, Menschen auf ein spannendes, intensives, lebendiges Leben vorzubereiten - lebendig im Körper, im Kopf, im Geist, in der Seele. Junge Menschen streben natürlicherweise danach - aber die Gesellschaft betet ihnen vor: Man MUSS arbeiten, um zu leben - und die Arbeit muss hart sein, sonst reicht sie nicht zum Überleben...
Dass jeder Mensch tun sollte, was ihm Freude macht, was ihn stärkt, inspiriert, begeistert… all das ist in der Erziehung und Schule oft gar kein Thema. Was tun wir unseren Kindern bloß damit an!?
Ich hatte großes Glück mit meinen Eltern - denn sie haben mich von Anfang an für eher minderbegabt gehalten. (grinst) Als ich Fußballspieler werden wollte, hat meine Mutter zwar kurz geweint - und mein Vater meinte später, ich solle doch Pfarrer werden, denn dafür würde es trotz meiner mangelnden Fähigkeiten reichen... Im Großen und Ganzen waren da keine großen Erwartungshaltungen - und somit die viel Freiheit für meine Entscheidungen. Letztendlich habe ich immer tun können, was ich will: Ich habe nicht das Fußballspielen, sondern das Boxen zu meinem Beruf gemacht - Jahre später in Princeton unterrichtet („Jetzt hat er’s gschafft!“), wo ich versuchte, den verwöhntesten Fratzen der USA Sartre und Kafka nahe zu bringen. Nach einem Jahr war mir klar, dass das sinnlos ist, habe gekündigt und zwei Jahre allein in einer Hütte im Wald gelebt... Ich bin also im Grunde genommen mein Leben lang dem Prinzip der Neuen Arbeit nachgegangen und habe immer getan, was ich wirklich wollte.
Aber die geringe Erwartungshaltung meiner Eltern hat mir auch noch etwas Anderes ermöglicht: Immer schon empfinde ich mein Leben äußerst spannend, weil ich nichts als selbstverständlich sehe. Noch heute ist es jedes Mal eine große Überraschung und Freude für mich, wenn mir etwas gelingt, wenn ich etwas erreiche habe. Ich erwarte absolut nicht, dass immer alles funktionieren muss und kann auch gut damit leben, zu scheitern. Dass ich jetzt sogar von Regierungen eingeladen werde und sie mir sogar zuhören, macht mich froh und stolz, und ich nehme die Sache auch ganz ernst - aber andererseits finde ich es auch zum Lachen, komisch, unerwartet und ergötzlich, und es überrascht mich, dass das alles mir passiert…
Das alles trägt sehr zu meinem eigenen Glück und meiner Zufriedenheit bei.
…ist 1944 geboren und in Hallstatt/OÖ. aufgewachsen. Als 19-Jähriger gewann er mit einem Aufsatz zum Thema „Die Welt, in der wir leben wollen” von der österr. US-Botschaft ein Studienjahr in Oregon und blieb in Amerika. Dort hat er sich zunächst als Tellerwäscher, Preisboxer, Fließband- und Hafenarbeiter durchgeschlagen und schrieb Theaterstücke. Nach einem Philosophiestudium in Princeton wurde er mit 25 Jahren Universitätsprofessor, zog sich aber schon nach einem Jahr als Aussteiger und Selbstversorger in eine Waldhütte zurück.
Seit 1978 unterrichtet er Philosophie an der University of Michigan, 1984 gründet er das erste „Zentrum für Neue Arbeit“ in Michigan. Seitdem sind einige solcher Zentren in verschiedenen Ländern (auch Deutschland) entstanden. New Work wurde zur Lebensaufgabe von Frithjof Bergmann. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen über ökonomische, politische und kulturelle Themen und berät neben Regierungen, Firmen, Gewerkschaften und Kommunen auch Jugendliche und Obdachlose in Fragen der Zukunft der Arbeit und der Innovationsfreudigkeit.
Seine Ansätze vertritt er in den USA und Europa, aber auch in den Ländern der Dritten Welt (z.B. berät er die südafrikanische Regierung und will in enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie New Work dort umsetzen.)
Zum Zeitpunkt des Interviews setzt er sich am intensivsten mit dem Auftrag und Ideen auseinander, einen derzeit „toten“ Stadtteil von Detroit wieder neu zu beleben.
• Neue Arbeit, neue Kultur
• Neue Arbeit kompakt - Vision einer selbstbestimmten Gesellschaft
• Die Freiheit Leben
(alle erschienen im Arbor-Verlag)
• www.neuearbeit-neuekultur.de
• http://fbergmann.blogspot.com (Frithjofs persönlicher Blog mit aktuellen Infos)
•http://www.servus.at/tschneid/frithjof/ (90 min. Videofragmente von einem Vortrag 2008 in Graz)