Schau mir auf den Teller, Kleines!
Im Frühjahr 2008 ging eine Studie des AMA Lebensmittelinstituts durch alle Medien. Wissenschaftler testeten 385 österreichische Schulkinder (10-13 Jahre alt) auf ihr Geschmacks- und Geruchsempfinden. Die Kinder sollten zwischen den vier Grundgeschmäckern Süß, Sauer, Salzig, Bitter unterscheiden und außerdem elf verschiedene Gerüche identifizieren. Die Ergebnisse sind alarmierend - offenbar bewegt sich die Menschheit ins Geschmacklose Zeitalter. Fühlt man der Problematik nur ein wenig genauer auf den Zahn, landet man unweigerlich bei den kindlichen Prägungen. Und die beginnen interessanterweise schon sehr früh: Jeder von uns hatte bereits ab dem 3. Schwangerschaftsmonat eine fertig ausgebildete, geschmacksfähige Zunge. Je nach Entwicklungsstadium trinken Embryos täglich zwischen 200 und 760ml Fruchtwasser, das keineswegs geschmacklos ist - diverse Aromastoffe aus dem Essen der Mutter gehen nämlich auch ins Fruchtwasser über. Mehrere aktuelle Studien beweisen eindeutig, dass die Ernährung der Mutter bereits vor der Geburt zur Geschmacksprägung eines Menschen beiträgt. Ein wenig Hirn und Lebenserfahrung genügen, um sich den weiteren Geschmacks-Weg jedes Menschen auszumalen. Und wer in seiner eigenen Kindheit danach forscht, wird eine Menge Aha’s erleben: Ob und was in einer Herkunftsfamilie gekocht wurde - ob und in welchem Rahmen das gemeinsame Familienessen stattfindet - den Teller immer leer essen müssen - „mit dem Essen spielt man nicht“ - „Spinat ist doch so gesund“… all das prägt unser späteres Essverhalten. Es ist ein Jammer. Die zivilisierte Welt bietet uns ein sensationelles, bisher nie da gewesenes Angebot an Ernährungsvielfalt - und wir reduzieren unsere Geschmacksknospen auf das Erlebnis „Nudeln“ und „Zucker“. Dabei weiß doch jeder vernünftige Mensch, dass ein Großteil dessen, was wir in uns hineinstopfen, den Körper auch nähren sollte. Wenn wir also vermeiden wollen, dass wir selbst und unsere Kinder immer kränker und kränker werden, dann müssen wir uns schleunigst was überlegen. Vielleicht wieder öfter selber kochen wäre eine Idee - oder beim gemeinsamen Abendessen den Fernseher ausschalten… Oder sich selbst bei der Nase nehmen und generell den eigenen Umgang mit Lebens-Mitteln, Essen und Genuss überdenken… Erst dann nämlich können wir unsere Kinder und Jugendlichen glaubwürdig für Ernährungs-Werte und Geschmacksvielfalt begeistern.
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von Eva Schreuer


Nur einige Zahlen aus der Studie: Bloß ein Viertel der getesteten Kinder konnte alle vier Geschmacksrichtungen definieren, ein knappes Viertel nur eine (am häufigsten Süß, nicht mal die Hälfte erkannte Bitteres und Saures). 8% konnten keinen einzigen Geschmack benennen, und nur jedes neunte Kind konnte alle elf Gerüche identifizieren. Interessant auch der Vergleich zwischen Stadt- und Landkindern - letztere schnitten im Test nämlich auffallend besser ab. Und - jene Kinder mit höherem Obst- und Gemüsekonsum taten sich wesentlich leichter mit den Gerüchen.
Lassen wir uns diese Fakten auf der Zunge zergehen: Bereits die nächsten Generationen werden den geschmacklichen Unterschied zwischen Zimt und Gewürznelke, Zitrone und Grapefruit, Roggen- und Weizenbrot gar nicht mehr erschmecken können! Bei all den Bemühungen und Diskussionen um „richtige“ Ernährung geht’s also längst nicht mehr allein um gesund oder ungesund, über- oder untergewichtig, Ess-, Brech- oder Magersucht… Statistiken wie diese weisen auf einen frappanten Verlust menschlicher Sinneswahrnehmung hin. Wo finden sich Lösungen?
Weiter geht’s mit der Muttermilch. Sie schmeckt vorwiegend Süß und Umami (diese fünfte Geschmacksrichtung wurde erst vor wenigen Jahren wissenschaftlich definiert und beschreibt den Geschmack, der durch Glutamat - ähnlich Geschmacksverstärkern, z.B. im Suppenpulver - entsteht; Umami-Geschmack deutet meist auf einen hohen Eiweißgehalt hin). Aber auch die Muttermilch kitzelt den Gaumen täglich anders und immer neu, je nachdem, was die Mama heute gegessen hat. Sofern sie sich nicht vorwiegend mit Pommes und Cola ernährt, bekommen Babys im Busenrestaurant also eine Geschmacksvielfalt serviert, von der Flaschenkinder nur träumen können - ein weiteres Argument FÜR das Stillen!

Als letzte Zutat nehme man die kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der letzten Jahrzehnte - und heraus kommt, was heute bei Max und Maria Mustermann (und bei ihren Kindern!) am Teller liegt: Pommes, Hamburger, Pizza, Schnitzel, Spaghetti, süße Limos, Bier… das kenn ich, das ess ich!
WEGE-Interview mit Sasha Walleczek WEGE: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Hauptursachen für die zunehmend ungesunden Ernährungsgewohnheiten unserer Gesellschaft? Aktuelle Studien haben auch gezeigt, dass manche Kinder nur mehr zwei Gemüsesorten kennen… Aber es gibt ja auch Eltern, die sich sehr wohl um einen ausgewogenen, gesunden Speiseplan bemühen… Und wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus? Viele Frauen entschuldigen ihre Fast-Food-Küche damit, dass sie berufstätig sind und nach der Arbeit nicht so lang in der Küche stehen können… Welche Themen würden Sie bei so einer „Ernährungsnachhilfe“ noch zur Sprache bringen? … und so wenig wie möglich aus der Mikrowelle? Kann man hier nicht auch in den Schulen unterstützend ansetzen? Was halten Sie von Kochen als verpflichtendem Unterrichtsfach?
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