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Die Spatzen pfeifen es von den
Dächern und die Medien von den Titelseiten: Uns gehen die Kinder
aus! Das geht uns alle an. Es ist ein gesellschaftspolitisches Thema
ersten Ranges. Beinahe der ganze mitteleuropäische Raum jammert
über die niedrigsten Geburtenzahlen seit dem 2. Weltkrieg, kämpft
mit dem akuten Problem der „Veralterung“ und bangt um zukünftige
Pensionsgelder... Was machen wir falsch? Wo sind die Lücken im
Sozialsystem, die Frauen und Männern die Fortpflanzung vermiesen?
Und welche Lösungen bieten sich an, um auch in Zukunft ein Gleichgewicht
der Generationen zu garantieren?
Das Thema ist so brisant geworden, dass sich mittlerweile eine Menge
kluger Köpfe aus verschiedensten Lagern damit auseinandersetzen.
Darunter auch einer der wichtigsten Meinungsmacher Deutschlands, Frank
Schirrmacher, Herausgeber der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
In seinem im März 06 erschienenen Buch „Minimum“ prognostiziert
er uns den gesellschaftlichen Zusammenbruch durch Kinderlosigkeit…
und entfachte damit heftigste Debatten. In einem Profil-Interview (Ausgabe
13. März 06) meint Schirrmacher: „Das Ideal begegnet uns
eben nur mehr in Form der Karikatur…“. Damit spielt er auf
die Comic-Familie „Simpsons“ an: „Die haben zwar blaue
Haare und einen sehr rüden Umgangston - aber immerhin auch die
erforderlichen drei Kinder…“. Demografen haben nämlich
errechnet, dass drei Kinder pro Paar für den Erhalt unserer Gesellschaft
notwendig wären. Wer aber bei uns in Österreich oder Deutschland
drei oder mehr Kinder hat (und genau damit den gesellschaftlichen Fortbestand
sichert), bekommt dafür von ebendieser Gesellschaft einen kräftigen
Tritt in den A...., der ihn mitsamt seinen Kindern über die Armutsschwelle
katapultiert. Denn ab dem dritten Kind steigt das Armuts-Risiko enorm
- egal ob die Eltern in Partnerschaft leben oder allein erziehend sind.
Wen wundert’s also, dass sich heutzutage jeder vernünftige
Mensch lieber dreimal überlegt, ob überhaupt und wenn ja,
wie viele Kinder er in die Welt setzen will?

Einsame Einzelkinder
Die in China erzwungene Einzelkind-Gesellschaft - welche wir aus der
Ferne skeptisch beäugen und kritisieren - haben wir also sozusagen
längst selber vor der Nase. Was bedeutet das für die Zukunft
jener vielen Einzelkinder? Schirrmacher reagiert auf diese Frage besorgt:
„Sie müssen schon heute die Last der Verbindlichkeiten von
zwei Erwachsenen tragen. So ein Kind hat auch keine Geschwister und
kaum gleichaltrige Verwandte - es erlebt also selbst gar nicht mehr,
was Familie im klassischen Sinn bedeutet. Familienstrukturen sind aber
auch Urgewalten an Solidarität… und: Familien sind die verlässlichsten
Sozialisationsmaschinen. Durch ihr Verschwinden fehlt auch das Bewusstsein
für das, was man „moralische Ökonomie“ nennt:
etwas für andere zu tun, ohne dafür bezahlt zu werden. Genau
das lernt die Generation, die 2030 in den Arbeitsmarkt einsteigen wird,
nicht mehr… Und dann sag ich schon jetzt Gute Nacht…“.
Es gibt also immer weniger Kinder, und die werden in stetig wachsender
Isolation aufgezogen. Nur noch in ca. einem Drittel der österreichischen
Haushalte findet man die Konstellation „Paar mit Kindern“
(Quelle: Statistik Austria, 2004). Bereits 34 % sind Ein-Personen-Haushalte,
und - meines Erachtens die schlimmste Zahl - in nur mehr 3,3 % aller
Haushalte leben mehrere Generationen oder mehrere, nicht verwandten
und auch nicht liierte Personen mit und ohne Kinder. Dabei wäre
Letzteres die mit Abstand sozialste und gesündeste Lebensform für
ALLE Beteiligten, nicht nur für die Kinder… darauf komme
ich aber später noch genauer zu sprechen.
Mütter ohne Netz
Die zunehmende Isolation von Müttern ist ein weiteres Zeichen unserer
Zeit. Mütter mit Kleinkindern vollbringen oft wahre Balanceakte,
um die täglichen Anforderungen von Beruf, Familie, Kindern zu meistern.
Und viele von ihnen müssen dies weitgehend ohne Sicherheitsnetz
bewältigen. Ein Netz zu haben bedeutet, die vielen alltäglichen
Anforderungen nicht gänzlich alleine bewältigen zu müssen.
Es bedeutet auch, in Krisensituationen nicht völlig aus dem Gleichgewicht
zu kommen und aufgefangen zu werden. Es bedeutet, Kontakte zu anderen
Menschen zu haben, sich gegenseitig zu unterstützen, wie es früher
eben üblich war - da halfen Großmütter, Nachbarinnen,
Schwestern, Cousinen… Die offizielle Jugendwohlfahrt ist dafür
natürlich nicht die richtige Anlaufstelle. Es kann nicht alles
eine Aufgabe der öffentlichen Verwaltung sein, meine ich. Außerdem
fällt es lange keinem auf, wenn eine Mutter nicht in die Mutterberatung
kommt! Hausbesuche von Hebammen oder Sozialarbeiterinnen gibt es kaum
mehr. So merkt es niemand, wenn eine junge Mutter lange Zeit keinerlei
Kontakt zur Außenwelt hat.
Jeder von uns kennt die Geschichten von alten Leuten, die in ihrer Wohnung
einsam gestorben sind, ohne dass sie irgend jemandem fehlen oder abgehen.
Genau so können Mütter (egal ob in Partnerschaft oder allein
lebend) heute in Not und Kummer, Überforderung, Einsamkeit und
sogar mit Vorwürfen aus dem Umfeld konfrontiert, wochen- ja sogar
jahrelang völlig isoliert leben, ohne Hilfe von außen. Der
Unterschied zu den einsamen alten Menschen ist nur jener, dass in dieser
mütterlichen Einsamkeit Kinder aufwachsen müssen. Was wir
diesen Müttern und Kindern durch die erlebte Isolation zumuten,
erfahren wir meistens erst dann, wenn irgendwas Schlimmes passiert oder
jemand ernsthaft dabei erkrankt, z.B. an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
oder an einer schweren Depression.
Existenzängste
Warum ich die ganze Zeit nur von den „Müttern“ spreche,
hat einen einfachen Grund - denn Tatsache ist, dass die Erziehungsarbeit
der ersten Lebensjahre noch immer hauptsächlich an den Frauen hängt.
Wer an dieser Stelle gleich empört aufschreit, übersieht hier
etwas ganz Elementares: Bei allem Bemühen um Gleichberechtigung
und Emanzipation der Frauen - es geht uns doch um Gleich-BERECHTIGUNG
und nicht um Gleich-MACHUNG der Geschlechter. Viele Mütter, die
ich kenne, haben mir schon gestanden, dass sie nach neun Monaten Schwangerschaft
und Geburt sehr wohl den „instinktiven“ Wunsch hatten, nicht
gleich wieder in die Erwerbstätigkeit zu springen, sondern zumindest
für ein paar Monate oder ein, zwei Jahre mit ihrem Kind zu Hause
zu bleiben. Und das am liebsten geborgen, getragen, geschützt und
unterstützt vom Partner, von der Familie, Freunden, von der ganzen
Gesellschaft…
Die Realität sieht anders aus. Seit Jahren beten uns PolitikerInnen
eine einzige Patentlösung wider die Familienfeindlichkeit vor:
Wir müssen möglichst viele Kinderbetreuungsplätze schaffen,
in denen junge Mütter ihre Kinder möglichst bald nach der
Geburt abgeben können, damit sie möglichst rasch wieder zu
vollwertig funktionierenden Rädchen am Arbeitsmarkt werden können.
Die Botschaft lautet: Bekomme dein Kind, wenn du willst - aber dann
marsch, wieder an den Arbeitsplatz, und sorge dafür, dass dein
Kind und du (über-)leben können! Wenn eine Frau also gern
länger als für die paar Wochen Karenzzeit bei ihren Kindern
bleiben möchte, bleibt ihr nur eine Möglichkeit…
Heiraten!
Die Ehe ist nach wie vor die einzige Existenzsicherung für Mütter.
Rechtsanspruch auf einen gesicherten Lebensunterhalt haben nur verheiratete
Frauen, denn ihr Mann hat per Unterschrift auf dem Standesamt besiegelt,
für ihren Unterhalt zu sorgen, während sie ihn und die gemeinsamen
Kinder versorgt. Natürlich könnte das auch umgekehrt stattfinden,
wird aber erst von 10 % der Paare so gelebt.
Wird eine Frau also nicht geheiratet, oder verzichtet sie nach der Scheidung
aus Konfliktvermeidung auf ihren Unterhaltsanspruch, dann ist niemand
da, der sie „erhält“ während sie damit beschäftigt
ist, ihre Kinder aufzuziehen. Die finanzielle Not, in der sich besonders
viele AlleinerzieherInnen befinden (immerhin 1/3 unter der Armutsgrenze!),
ist himmelschreiende Realität. Nur leider „schreien“
Mütter in solchen Notlagen nicht. Sie fühlen sich meist völlig
hilflos. Und manchmal spüren sie auch noch die Verachtung ihrer
Umgebung, die meint, irgend jemand wäre wohl schon zuständig
dafür…? Am besten der Kindesvater, aber auch der Staat natürlich,
der Anonymus per se, den keiner wirklich kennt, den aber trotzdem viele
„Vater“ nennen.
Wen wundert’s also, wenn Frauen, die nicht in Abhängigkeit
leben möchten, keine Kinder mehr bekommen wollen? (Und wen wundert’s,
wenn auch Männer davor zurückschrecken - immerhin haben die
pro Kind 18-21% ihres Nettoeinkommens an Alimentationszahlungen zu leisten,
sobald fest steht, dass sie ein Kind gezeugt haben!?) Die Abhängigkeit
einer Mutter von der finanziellen Versorgung durch einen Ehemann ist
nach wie vor österreichisches Recht und leider auch in der öffentlichen
Meinung noch immer verwurzelt.
Illusionen!
Aber es gibt sie doch, die bestens organisierten Frauen, die berufliche
Karriere, Haushalt und Kinderschar locker-flockig unter einen Hut bringen…!?
Falsch! Es gelingt auch sogenannten „Karriere-Frauen“ nicht
wirklich, Beruf und Familie ohne kräftige Hilfe von außen
zu vereinbaren - sie verheimlichen das aber weitgehend. Eine umfangreiche
Studie der Erziehungswissenschafterin Marianne Dierks (Informationsdienst
des österr. Instituts f. Familienforschung 03/06) mit Müttern
in höher gestellten (und besser bezahlten) beruflichen Positionen
hat ergeben: bei allen Befragten werden Kindererziehung und -betreuung,
sowie Haushalts- und Organisationstätigkeiten ausgelagert oder
zugekauft. „Mit schlechtem Gewissen“, wie die Frauen berichten.
Denn in unseren Köpfen lebt ja einerseits das Bild der „Guten
Mutter“ und wie sie zu sein hat (sie soll das gesamte Netzwerk
für ein Kind verkörpern, wie die „Madonna-breit-den-Mantel-aus“!)
- und andererseits das Bild der beruflich erfolgreichen Frau, die die
Versorgung ihrer Kinder mittels ihres guten Einkommens selbst finanziert
(wofür im vergangenen Jahrhundert fast nur die Väter zuständig
waren).
Oft schon habe ich von Managerinnen gehört: „Eigentlich bräuchte
ich Zuhause für die Versorgung der Kinder und auch für meine
Versorgung eine Hausfrau“. Ich frage: Warum nicht? Das wär
doch ein Schritt in Richtung Frauengemeinschaft!? Die Vermutung, die
Ehemänner von Erfolgsfrauen würden diesen durch vermehrten
Einsatz den Rücken frei halten, hat sich ja auch nicht bestätigt.
Stattdessen sind es oft die Großmütter, die unterstützen,
oder andere Frauen im unmittelbaren Umfeld. Auch dazu hat Buchautor
Frank Schirrmacher (s.o.) eine Meinung: „… der Wert
der Töchter erhöht sich nun einmal in einer überalterten
Gesellschaft, für die die Einkindfamilie charakteristisch ist.
Denn die Töchter können beides - Geld verdienen und Kinder
betreuen.“
Aufgabenteilung?
Seit Jahrzehnten versucht man, Männer in die Aufgabenteilung im
Haushalt zu zwingen. Das Vorhaben kann als gescheitert angesehen werden.
Eine breit angelegte Studie des Institutes für Familienforschung
in OÖ. hat aufgezeigt: 44 % der Frauen sind nach wie vor allein
für die Haushaltsführung zuständig - und 72 % geben an,
dass das „Drum und Dran mit der Kinderbetreuung meist an ihnen
hängen bleibt“. Nur bei 20% der befragten Familien findet
eine partnerschaftliche Aufteilung der Haushaltstätigkeiten statt.
Warum haben Männer immer noch keinen Spaß daran, die Wohnung
aufzuräumen, zu putzen und Wäsche zu waschen? Wahrscheinlich
erwiderst du jetzt „Es macht auch den Frauen keinen Spaß,
aber sie müssen es trotzdem machen“. Das stimmt so nicht.
Frauen genießen es sehr, gewisse reproduktive Arbeiten zu verrichten…,
wenn sie dabei mit anderen Frauen zusammenarbeiten können. Immer
öfter kommen Frauen auf die Idee, die Freundinnen zum Fensterputzen
einzuladen. Es geht schneller, macht Spaß und frau ist eingebunden
und in Kontakt.
Wie verschieden Männer und Frauen sein können, hat sich ja
aufgrund der Mars-Venus-Literatur inzwischen herumgesprochen. Wir brauchen
solche Bücher als Dolmetscher, um uns überhaupt gegenseitig
verstehen zu können. Was uns Frauen bisher noch fehlte, war die
Erlaubnis, direkt in unseren Haushalt, also in den Intimbereich des
Familien-Lebens, andere Frauen hinein zu lassen. Mit Frauen verstehen
sich Frauen auch ohne Übersetzungshilfe! In seinem Buch „Der
Weg des Mannes“ versucht David Deida, den Männern klar zu
machen, dass sie die Freundinnen ihrer Frau als wunderbare Ressource
willkommen heißen sollen. Das schafft echte Freiräume für
Männer, ohne ständiges schlechtes Gewissen, mann sollte mehr
in der Wohnung anwesend sein und mithelfen. In Wahrheit fühlen
sich Frauen von anderen Frauen viel besser verstanden und unterstützt
- so zeigen es uns auch indigene Völker.
Was Männer auch noch daran hindert, sich „häuslich“
zu betätigen, ist das nach wie vor geringe Ansehen dieser Aufgaben.
„Hausfrau“ oder „Hausmann“ zu sein, wird bei
uns noch immer nicht als vollwertige, gesellschaftlich notwendige Tätigkeit
gewürdigt. Deshalb sind weder die Männer (Firmenchefs) selbst,
noch die Öffentlichkeit bereit, bessere Arbeitsbedingungen für
„Haushalts- und Kinderbetreuungs-willige“ Väter zu
schaffen. Es werden ja nicht mal für die Mütter ausreichend
gut bezahlte Teilzeitjobs angeboten.
Grundsicherung!
Was uns noch fehlt, ist eine gesetzliche Existenzsicherung für
Mütter und Väter, die ihre Kinder selbst betreuen wollen.
Die Tatsache, dass Familien (und hier besonders AlleinerzieherInnen)
mit jedem zusätzlichen Kind mehr und mehr in die Armut rutschen,
zeigt auf, dass „Vater“ Staat seine Alimente für „seine
Kinder“ nicht zahlt. Jeder erwachsene Mensch hat Anspruch auf
eine Existenzsicherung - egal ob er/sie arbeitsfähig ist oder nicht,
z.B. in Form von Arbeitslosengeld, Pension oder Sozialhilfe….
Ein Kind - das ja offensichtlich nicht arbeitsfähig ist - hat keinen
solchen Anspruch. Es gibt keine staatliche Grundsicherung für Kinder!
Dafür sind ausschließlich die Eltern zuständig - nötigenfalls
auch ein Elternteil allein, wenn der andere ausfällt. In Österreich
lebt jedes sechste Kind von Alleinerziehenden ohne Unterhalt. Meistens
sind es die Väter, die nicht zahlen. Unterhaltsvorschuss gibt es
nur, wenn die Alimente „einbringlich“ erscheinen. Nur 52
% der Sorgeberechtigten bekommen den Unterhalt für das gemeinsame
Kind regelmäßig. 17 % warten vergebens auf das Geld des Expartners
und bekommen auch keinen Unterhaltsvorschuss.
Es kommt aber noch dicker: Wenn beide Eltern ausfallen, und das Kind
bei Pflegeeltern aufwachsen muss, wird dies zwar aus dem Sozialhilfetopf
finanziert - sobald das Kind aber berufstätig wird, hat es das
aufgewendete Geld in Raten zurück zu zahlen! Ein Beispiel: Eine
15-Jährige, die als Pflegekind und ohne Unterhaltszahlungen leiblicher
Eltern aufwachsen musste, muss ab ihrem ersten Lehrlingsgehalt monatlich
etwa 100 Euro an das Land OÖ zurückzahlen! Wir scheuen also
nicht einmal davor zurück, die Verantwortung für seine Existenz
auf das betroffene Kind selbst abzuwälzen! Wo bleibt die gemeinschaftliche
Verantwortung für „unsere“ Kinder? Es wird höchste
Zeit für das „Kinderunterhaltssicherungsgesetz“ als
gesetzliche Grundsicherung für Kinder. Es geht darum, die Armut
zu beenden - bei Müttern und Kindern, aber auch bei unterhaltspflichtigen
Vätern. Das könnte auch die Beziehungen zwischen den Eltern
entlasten.
Lösungen?
Wir wissen, dass eine außerhäusliche Tätigkeit in Bezug
auf die Möglichkeiten soziale Kontakte zu pflegen und Anerkennung
zu bekommen, gesund erhaltende Komponenten hat. Wir wissen auch, dass
viele Mütter einen bezahlten Job schlichtweg brauchen, um ihre
Existenz zu sichern. Wir wissen, dass in Zeiten knapper werdender Arbeitsplätze
der Zugang zu Erwerbsarbeit für Mütter, aufgrund ihrer schlechteren
Verfügbarkeit, extrem erschwert ist. Wir wissen auch, dass die
schlechte Verfügbarkeit oft mit dem Fehlen ganztägiger und
erschwinglicher Kinderbetreuungseinrichtungen (gute Qualität vorausgesetzt!)
zu tun hat. Was also können wir tun?
Nun, man könnte z.B. versuchen, mehr kinderkompatible Jobs anzubieten.
In Zeiten einer immer „freier“ werdenden Wirtschaft, die
zunehmend mehr Flexibilität und Verfügbarkeit von den ArbeitnehmerInnen
fordert, wenig aussichtsreich. Man kann den Zugang der Mütter zur
Arbeitswelt verbessern durch den flächendeckenden Ausbau von Kinderbetreuung
(ganz flexibel und auch daheim oder in den Ferien verfügbar), und
man kann die Kosten gemeinschaftlich, über Steuermittel tragen.
Das ist schon eher vorstellbar.
Wir könnten aber auch die Anerkennung für „Familienarbeit“
erhöhen. Am besten über eine leistungsorientierte Bezahlung
für die Tätigkeiten in Haushalt und Kinderbetreuung, aber
auch über Hinweise an die Öffentlichkeit, dass die Kinder
„anderer Leute“ immer weniger werden, und dadurch die Pensionen
gefährdet sind. „Es gehört das Bewusstsein geschaffen,
dass die Kinder den Reichtum einer Gesellschaft ausmachen - und nicht
die Anhäufung von Kapital.“, meint auch Frank Schirrmacher.
Damit einher muss die Sicherung der Existenz für Kinder gehen.
Gegenseitige Unterstützung
Vor allem aber kann man erziehungsverantwortlichen Müttern und
Vätern zu mehr sozialen Kontakten und persönlicher Unterstützung
in ihrem unmittelbaren Umfeld verhelfen. Das verursacht nur wenig Kosten
bei hohem Wirkungsgrad. Eine super Idee… deren Umsetzung nicht
etwa daran scheitert, dass es zu wenig Menschen gäbe, die Nachbarschaftshilfe
zur Verfügung stellen möchten. Nein, es scheitert viel eher
an der Scham, die Eltern immer noch haben, wenn sie merken, dass sie
Hilfe brauchen. Zu weit fortgeschritten scheint der Prozess der Isolation
und Vereinzelung in unserer Gesellschaft. Wir haben Berührungsängste,
hüben wie drüben.
Es gibt sie aber schon, die konkreten Bemühungen zur Umsetzung
dieser Idee. Zum Beispiel durch den Verein „KIB children care“
(www.kib.or.at), der sich seit 20 Jahren dafür einsetzt, dass Kinder
bei Krankenhausaufenthalten durch die eigenen Eltern betreut werden
können. Dieser Verein hat sein Angebot nun auf die Betreuung kranker
Kinder Zuhause ausgeweitet - und zwar durch Nachbarschaftshilfe. „Es
gibt mehr Menschen die Hilfe anbieten, als solche, die Hilfe annehmen
wollen…“, hört man von dort. In der Folge wurde nun
auch ein „Generationen-Netzwerk“ gegründet, welches
die Möglichkeit bietet, die bereits erhaltene Hilfe im Tausch zurück
zu geben - das kann auch Jahre später sein und muss nicht durch
die selbe Person geschehen. Das funktioniert dann in etwa so: Eine pensionierte
Hauswirtschaftslehrerin kocht für die Kinder ihrer 30-jährigen
Nachbarin täglich ein Mittagessen und betreut sie vielleicht noch,
bis die Mama aus der Arbeit kommt - im Gegenzug dazu kann sie mit Hilfe
rechnen, wenn sie eines Tages vielleicht selbst darauf angewiesen ist.

Unsere Kinder!
Schauen wir uns doch mal um bei jenen Kulturen, die sich als Gemeinschaft
für die Erziehung und Versorgung „ihrer“ Kinder zuständig
fühlen. Meist sind das matriarchale Kulturen, oder zumindest matrilineare
(d.h. die Erbfolge und Familienzugehörigkeit geht über die
Mutterlinie). Ihre Grundhaltung ist: Kinder sind willkommen, egal wer
sie gezeugt hat. Die Männer übernehmen die soziale Vaterschaft
und damit Verantwortung für alle Kinder, ohne Rücksicht auf
die Zeugung… So stelle ich mir eine Welt nach dem patriarchalen
Zeitalter vor. Soziale Väter nehmen ihre gemeinschaftliche und
persönliche Verantwortung wahr und sorgen sowohl gemeinsam für
alle Kinder (über das Steueraufkommen für die Existenzsicherung
von Kindern und deren Mütter), als auch individuell für ganz
bestimmte Kinder - in den gelebten Beziehungen und privaten Netzwerken.
Das würde viele Frauen ermutigen, wieder Kinder zu bekommen. Hier
also mein Appell an alle Männer, damit Kinder sich wieder willkommen
fühlen können: Stellt euch bitte als soziale Väter und
Paten zur Verfügung! Und mein Appell an alle Frauen: Stellt euch
als soziale Großmütter und Patinnen zur Verfügung! Es
wird sich später, wenn aufgrund der geringen Kinderzahlen die Pensionen
unters Existenzminimum sinken werden, nur dieser Mensch um uns kümmern,
um den wir uns zuvor gekümmert haben.
Wir sollten wieder beginnen, den Wunsch nach sozialer Nähe zu spüren
und zu lernen, dass es möglich ist, diese Zugehörigkeit zu
Menschen auch zu leben. Es ist möglich, jenseits von Ehe und Verwandtschaft
eine Vertrautheit zu erleben, die trägt und hält. Die Urform
menschlichen Seins kann wieder entdeckt werden. Gerade wenn wir Kinder
aufziehen brauchen wir mehr als einen oder zwei Menschen. Wir brauchen
„ein ganzes Dorf“, ein soziales Netzwerk aus Freunden, in
das wir zutiefst integriert sind. Erst das Sich-verlassen-Können
auf Menschen, die wirklich zu uns gehören, wird unsere Grundbedürfnisse
nach Sicherheit, Geborgenheit und Zugehörigkeit befriedigen können.

Vorbild Skandinavien
In den nordeuropäischen Ländern hat man bereits auf allen
drei Ebenen gute Lösungen gefunden - dementsprechend gibt’s
dort so gut wie keine Nachwuchsprobleme:
1. Die Existenzsicherung von Eltern, die selbst ihre
Kinder betreuen, ist weitgehend gegeben. Es gibt 80 % des letzten Gehalts
als Karenzgeld für beide Eltern bei flexibel reduzierter Tätigkeit
- egal ob sich beide oder nur ein Elternteil um Kinder und Haushalt
kümmert.
2. Die Wirtschaft bietet flexible Arbeitsmöglichkeiten
für Mütter UND Väter. Teilzeitjobs - auch für Väter
- sind in Schweden z.B. ganz normal. Die Betreuung der Kinder durch
die eigenen Eltern ist gesellschaftlich höherwertiger als die Verfügbarkeit
im Job.
3. Es gibt genügend leistbare Kinderbetreuungseinrichtungen
mit guter Qualität. Tagesmütter und Kindergarten-BetreuerInnen
werden sehr gut bezahlt - ohne dass sich die Eltern dafür ausbluten
müssen.
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