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Pater
Willigis, das althergebrachte Gottesbild vom „Vater im Himmel“
passt doch eigentlich gar nicht mehr in die Weltsicht des 21. Jahrhunderts…
Stimmt, wir brauchen eine zeitgemäße globale Spiritualität
und ein gänzlich neues Verständnis von dem, was wir „Gott“
nennen. Die heutige Quantenphysik sagt uns, dass nichts, was beobachtet
wird, vom Beobachter unbeeinflusst bleibt. Es ist mittlerweile eine
anerkannte Tatsache, dass es unmöglich ist, mit den Mitteln der
menschlichen Intelligenz die kosmische Ordnung objektiv zu erfassen.
Wir selbst erschaffen also die Wirklichkeit. Wir kreieren die Welt.
Wir erschaffen auch die Religion. Und wir müssen sie immer wieder
neu erschaffen.
Ich weiß sehr wohl, dass das eine gewagte Aussage ist. Doch zu
viele finden in der herkömmlichen Gottesvorstellung keine Lebenshilfe
und Lebensdeutung mehr. Und auch Religionen müssen die Möglichkeit
haben, sich entsprechend der Gesamtentwicklung des Menschen zu wandeln.
Wie
könnte die zeitgemäße Vorstellung von „Gott“
aussehen?
Es wird wohl noch eine Zeit dauern, bis sich ein neues Verständnis
von Gott entwickeln wird - aber es wird kommen. Es wird eine Erfahrung
Gottes sein, die über einen „Glauben“ an Gott hinausführt.
Bei dieser Erfahrung geht es eigentlich um etwas sehr Einfaches: nämlich
um die Einsicht, dass wir nicht von Gott getrennt sind und auch nie
getrennt waren. Gott kann nicht von einem Teil getrennt sein. Er ist
immer ganz in jedem Teil, so wie der Ozean immer ganz in jeder Welle
ist. Es geht mir um die Erfahrung der Einheit allen Seins. Dahin zielt
die Mystik des Ostens ebenso wie die Mystik des Westens.
Die Religionen haben uns ein Weltbild gegeben. Die Theologie versucht,
diese „Absolute Wirklichkeit“, die wir Gott nennen, zu beschreiben.
Doch Gott ist hinter allen Bildern und Begriffen. Dieses „Absolute
Bewusstsein“ hat mit unserem rationalen personalen Bewusstsein
nichts zu tun, es gehört einer anderen Größenordnung
an. Wir sollten erkennen, dass diese Welt nicht mit unserer Rationalität
zu erfassen ist.
Bräuchten
also auch die Religionen eine grundlegende Transformation, die sich
nicht mehr so sehr auf das „Glauben“ konzentriert...?
Es gibt offensichtlich ein Wiederaufleben der Religion. Doch es sind
nicht die Konfessionen und kirchlichen Institutionen, die davon profitieren.
Die Religiosität, die wieder entdeckt wird, hat auch nichts mit
einem antimodernen und streng disziplinären Fundamentalismus zu
tun - auch wenn manche Menschen ihren Halt darin suchen und finden.
Das Wiederaufleben manifestiert sich auch nicht in der Häufigkeit
des Gottesdienstbesuches oder des Sakramentenempfangs. Die Menschen
ahnen heute vielmehr, dass es eine religiöse Erfahrung gibt, die
das rationale Begreifen von Gott, das von der Institution immer wieder
eingefordert wird, übersteigt. Sie sind auf der Suche nach ihrer
eigenen Identität in der Transzendenz, nach der mystischen Erfahrung.
Wie
könnte man diese mystische Erfahrung genauer beschreiben?
Der Punkt ist: man KANN es nicht beschreiben. Es gibt offensichtlich
eine Erfahrungsebene, die nicht mehr im ICH beheimatet ist. Ich weiß,
dass dies von manchen, auch von Neurologen, als eine Deregulierung oder
„Ausfallserscheinung“ im Gehirn bezeichnet wird - aber wer
eine solche Erfahrung gemacht hat, weiß, dass es sich um eine
Erkenntnisstufe handelt, die das Rationale weit übersteigt. Die
Schwierigkeit besteht darin, diese Erfahrung in rationale Begriffe zurück
zu übersetzen. Deswegen wurden Mystiker angefeindet und auch von
der Kirche ausgeschlossen; manche wurden sogar verbrannt, weil sie die
Formulierung ihrer Erfahrung nicht zurücknahmen.
Ganz entscheidend ist, dass eine wirklich echte mystische Erfahrung
(es gibt ja verschiedene Ebenen) nicht irgendein „Gehirnausfall“
ist, sondern eine neue, transrationale Ebene der Erkenntnis. Wer wirklich
an diese Grenze der Dualität und des Ich kommt und sie überschreitet,
der erlebt dieses Un-Beschreibliche, das aber absolut erfüllend
ist, weit erfüllender als alles, was ihm sonst im Leben begegnet.
Und dieses Erfülltsein hält auch an, wenn er in sein Ich-Bewusstsein
zurück kommt - das ist das Entscheidende. Er ist sicher: Ich habe
da etwas erlebt, was viel bedeutsamer ist als alles, was ich rational
begreifen kann.
Könnte
das eine Erfahrung dessen sein, dem wir den Namen „Gott“
gegeben haben?
Ja, das meine ich. Wir alle haben eine Ahnung von unserem wahren Ursprung
behalten - eine Erinnerung an die Einheit, aus der wir kommen. Und in
solchen Momenten erkennen wir: Was wir Gott nennen, drückt sich
als das aus, was wir sind. Da ist nicht ein Gott irgendwo da draußen
oder über uns. Gott ist in mir und allen anderen Mensch geworden.
Gott geht als dieser Mensch, als Ich, zu dieser Zeit, an diesem Ort
über diesen Planeten. Wir sind das Instrument, auf dem sich diese
„Urwirklichkeit“ im gesamten Universum selber spielt - aber
wir sind zugleich auch der Spieler. Was wir Gott nennen, vollzieht sich
als das, was wir Evolution nennen. Und den Spieler zu erfahren, der
sich auf diesem Instrument selbst spielt - das ist das Ziel aller Mystik.
Kann
jeder Mensch solche Erfahrungen machen?
Ich glaube, alle Menschen besitzen dieses mystische Urwissen: dass es
unsere eigentliche Lebensaufgabe ist, zu begreifen, wer wir wirklich
sind. Aber wir kommen nicht so ohne Weiteres an dieses „unbekannte
Land unserer Seele“ heran, weil unser Ich-Bewusstsein so stark
ist.
Unser Ich-Bewusstsein ist eine gewaltige Errungenschaft der Evolution
- aber es verwehrt uns die Sicht auf das Eigentliche, auf die Wirklichkeit,
die immer voll und ganz da ist. Der Schleier des Ich hindert uns am
vollen Begreifen unserer wirklichen menschlichen Existenz. Das Ich ist
deswegen nicht schlecht - es macht uns zu Menschen und ist etwas sehr
Wertvolles, denn wir brauchen es für die Organisation unseres Alltags
und all unserer Erfahrungen. Aber wir müssen (wie Meister Eckhard
sagt) unsere Empfänglichkeitsanlage weiten, um Zugang zu diesem
Urwissen, zu dieser Urerfahrung unseres Seins zu bekommen. Wenn ich
einen spirituellen Weg gehe, wird der Schleier des Ich durchlässig
- er wird immer durchsichtiger, bis ich merke, dass es wirklich ein
Schleier ist und dass der Schleier fallen kann - und dann kann ich beides
erfahren: sowohl meine personale Ich-Struktur, als auch diese andere
Ebene der Wirklichkeit.
Ist
das also die Aufgabe einer neuen Spiritualität - die Menschen rund
um die Welt zu sensibilisieren für beide Ebenen des Daseins?
Ich meine, dass das die nächste Stufe in der Evolution unseres
Bewusstseins ist. Wir haben uns in eine fast tragische Egozentrik, in
einen Narzissmus hinein entwickelt, der gegen die Grundstruktur der
Evolution gerichtet ist - denn die Grundstruktur der Evolution ist Kooperation,
ist Gemeinschaft. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft stimmt das,
was Darwin mit „survival of the fittest“ meinte, gar nicht
mehr. Auch das „selfish gene“, dieses egoistische Gen, das
Richard Dawkins 1976 gefunden haben will, gibt es nicht. Die letzten
Erkenntnisse der Physik sagen uns, dass am Beginn der Evolution eine
phänomenale Kooperation stand. Die Evolution setzt Kooperation
voraus. Mit anderen Worten: Das Biotop hat überlebt. Die Liebe
zu allem und jedem ist die Grundstruktur der Evolution. (Dazu fällt
mir die Geschichte des Neurobiologen Joachim Bauer ein - er berichtet,
dass vier Taucher eine ganze Stunde lang versucht haben, einen Buckelwal
aus einem Netz zu befreien. Nachdem es gelungen war, hat sich der Buckelwal
sich bei jedem mit einem Nasenstupser bedankt…).
Auch bei all dem, was wir sonst noch über die Evolution wissen,
scheint die Grundstruktur, der rote Faden wirklich die Kooperation,
die Einheit, oder wie die Religion sagt „Liebe“ zu sein!
Das zeigt sich auch in den Forschungsergebnissen des Physikers und Nobelpreisträgers
Heisenberg: Er stellt fest, dass im Grunde genommen jedes Atom mit jedem
Atom in irgendeiner Form verbunden ist - und dass das Atom zwar ein
Holon, also ein Ganzes für sich ist, dass aber ein Atom allein
sinnlos ist. Jedes Atom hat nur in Verbindung mit anderen Atomen, also
im Molekül einen Sinn. Das Molekül wiederum kann man als Holon,
als Ganzes bezeichnen, aber es hat allein keinen Sinn, nur in der Zelle
- und die Zelle allein hat keinen Sinn, nur im größeren Organismus…
und so geht es eigentlich weiter im ganzen Universum. Jedes Atom, wir
selbst und alles in der Welt hat nur in dieser großen Einheit
und Gemeinschaft einen Sinn.

Die
mystische Praxis führt also auch zu einer sozialen und globalen
Verantwortung…?
Man wirft der Mystik oft vor, sie sei selbstsüchtig, sie sei introvertiert
- dabei ist es das Gegenteil. Wer in eine wirklich mystische Erfahrung
durchbricht, bringt drei tiefe Erkenntnisse mit: Erstens eine große
Demut, als eine fundamentale Selbsterkenntnis, das Gegenteil von Arroganz
oder gar Inflation, wie die Psychologie sagt - zweitens eine ganz große
Verbundenheit, d. h. Einheit und Liebe zu allem und jedem, die auch
den Feind, den Terroristen oder den Mörder nicht ausschließen
kann - und drittens einen Auftrag, allen anderen Wesen zu helfen, also
sich auch sozial zu engagieren und für die Umwelt verantwortlich
zu sein.
Müssen
wir heute im Zeitalter von Computer und Globalisierung nicht anders
von Spiritualität und Gott reden als z.B. Jesus vor 2000 Jahren,
der zu Schafzüchtern und einfachen Fischern und Landmännern
gesprochen hat?
Wir brauchen eine neue Sprache. Die Menschen, vor allem die Jugendlichen,
verstehen die traditionelle religiöse Sprache nicht mehr. Auch
die Religion bedarf einer Transformation. Unser christliches Glaubensbekenntnis
wurde vor 1500 Jahren formuliert, im Jahre 451 im Konzil von Chalkedon.
Seitdem ist nichts Wesentliches dazu gekommen. Wir haben heute eine
ganz andere Weltsicht, eine ganz andere Anthropologie. In unserem Glaubensbekenntnis
haben wir sehr viel Hebräismus, auch sehr viel Paulinismus, Hellenismus
und auch Romanismus, und viel zu wenig - wie ich sagen würde -
Jesuanismus. Es fehlt z. B. das Wort „Reich Gottes“. Dessen
Verkündigung war das Anliegen Jesu. Es fehlt eigenartiger Weise
auch das Wort „Liebe“… Ich würde mir zwanzig
ernsthafte Theologen wünschen (mehr dürfen es nicht sein),
die noch einmal ein Konzil machen und ein Glaubensbekenntnis zu formulieren
versuchen, das der Mensch unserer Tage versteht.
Theologen
können aber auch nur das formulieren, was sie selbst erfahren und
erforscht haben. Wenn ihnen nun die spirituelle, die mystische Erfahrung
fehlt…?
Es gibt drei Ebenen in jeder Religion: erstens eine institutionelle
und oft auch fundamentalistische Ebene, auf der ich einfach das glaube,
was da geschrieben steht. Als zweites gibt es die intellektuelle Ebene
mit Theologie, Metaphysik, Philosophie, die sich Gedanken machen über
eine Urwirklichkeit, über etwas, was hinter allem steht. Das ist
auch die Ebene der Meditation, die einen Inhalt hat und das Gefühl
und die Psyche anspricht. Und die dritte Ebene in der Religion ist die
mystische Ebene, und da geht es um Erfahrung, die jenseits des Rationalen
liegt. Diese transrationale Ebene einem Intellektuellen, der sie nicht
selbst erfahren hat, plausibel zu machen, ist ungeheuer schwer. Darum
spielt die Mystik in den christlichen Kirchen kaum eine Rolle. Während
sie in den östlichen Religionen der Ausgangspunkt für die
Religion ist, wurde sie bei uns im Westen in den Hintergrund geschoben.
Entwächst
der spirituell Praktizierende mit der Zeit seiner Konfession?
Ich muss aus meiner Konfession nicht aussteigen, aber ich werde sie
anders interpretieren. Das ist schwierig, weil alle Worte mit gewohnten
Inhalten besetzt sind; alle Worte wecken im Grunde genommen ganz bestimmte
Assoziationen. Und wenn ich dieses Wort gebrauche, obwohl ich es anders
meine, weckt es im Hörer oder im Leser sofort wieder die Assoziation,
die ihm bekannt ist. Das ist die eigentliche Schwierigkeit.
Und
wie können wir die Person „Jesus Christus“ interpretieren…?
Jesus Christus ist für mich der Typus, an dem ich ablesen kann,
wie ich gemeint bin. Sein Anliegen war für mich eindeutig die Verkündigung
des Reiches Gottes: Das Reich Gottes ist in euch, ist ausgebreitet über
die Erde, aber ihr müsst umkehren, um dahin zu kommen. Er will
uns sagen, dass das Reich Gottes eine inwendige Erfahrung und Erkenntnis
ist, die sich dann im Äußeren ausdrückt. Das Thomas-Evangelium
(das leider aus dem Kanon ausgeschieden worden ist) sagt ganz deutlich:
Als die Jünger ihn fragten: „Wann wird die neue Welt, das
Reich Gottes, anbrechen?“, antwortet er: „Das Reich Gottes
ist schon da, ihr erkennt es nur nicht.“ Dieses Reich Gottes,
diese hintergründige Wirklichkeit, die er „Vater“ genannt
hat, für die Menschen erfahrbar zu machen - das war sein Anliegen.
War
Jesus denn der „Sohn Gottes“…?
Es bedarf auch einer zeitgemäßen Interpretation von „Sohn
Gottes“ oder „Jesus war Gott“. Wir wissen von Jesus
nicht viel - aber das, was von ihm überliefert ist, verweist eindeutig
auf eine tiefe Erfahrung, die er gemacht hat und die er weitergeben
wollte. Jesus war ein tief erleuchteter Mensch. Ob er „Gottes
Sohn“ war, darum wurde in den ersten Jahrhunderten lange gerungen
- Irenäus war es, der diese Auffassung durchsetzte gegen andere
Strömungen, die Jesus zwar auch als Sohn Gottes verstanden haben,
aber nicht in der Form einer ontologischen Andersartigkeit. Wir alle
sind „Söhne und Töchter“ Gottes, wir alle sind
Kinder Gottes! So gesehen war Jesus ein Mensch wie wir alle, aber zutiefst
begabt mit mystischen Erfahrungen und Erkenntnissen. Er war der Typus,
an dem wir messen können, wie wir sein könnten, sein sollten.
Er war - wie wir alle - eine Inkarnation des „Göttlichen
Urgrundes“.
Nach einer von der Identity Foundation durchgeführten Erhebung
glauben nur noch 10 % der Deutschen im traditionellen Sinn (also auch
an diese Geschichte vom „einzigen Sohn Gottes“ als Erlöser).
Aber 15 % suchen nach einer Erfahrung. Und dahin geht nach meiner Ansicht
auch die Zukunft der Religionen…
Dann
wäre es also die hauptsächliche Aufgabe der Kirchen und aller
verschiedenen spirituellen Übungswege, diese Erfahrung zu ermöglichen…
Das wäre die Aufgabe aller Kirchen, und genau das tun die theistischen
Religionen nicht. Ich habe gelesen, dass in Rom ein Lehrstuhl eröffnet
wird für Esoterik. Warum betont man nicht stärker einen Lehrstuhl
für Mystik, aber einen, wo der mystische Weg auch praktisch gelehrt
wird. Das würde ich mir von den theistischen Religionen erwarten
- was die Religionen des Ostens selbstverständlich tun.
Wahrscheinlich ist es so, dass doch Menschen in Nordindien zurück
bis 3000 Jahre vor Christus transpersonale Erfahrungen gemacht haben
und dass diese Erfahrungen auch weiter gegeben wurden in Übungsformen.
Sie kamen über den Himalaja nach China, sind im Zusammenhang mit
dem Taoismus zu Zen geworden, sie gingen weiter nach Korea, nach Japan,
sie gingen nach Süden im Kleinen Fahrzeug des Buddhismus und über
die Seidenstraße nach Westen. Alexandria war damals der Mischpott,
das Begegnungszentrum von östlicher und westlicher Spiritualität.
Es ist gut möglich, dass auch Jesus eine zeitlang in Alexandria
war. Und es ist ziemlich klar, dass diese Wege auch im Sufismus, also
im Islam lebendig geworden sind. Diese mystischen Wege sind älter
als alle Religionen.
Es scheint also, dass es für diese mystische Erfahrungsebene des
Menschen einen zentralen Ursprung gab. Und das macht mich optimistisch.
Es wird weiter gehen und unserer Spezies eine neue Bewusstseinsebene
erschließen.

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